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Full text of "Amerika heute und morgen; reiseerlebnisse"

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AMERIKA 

HEUTE UND MORGEN 
Reiseerlebnisse 



von 



ARTHUR HOLITSCHER 



19 12 
S.FISCHER/VERLAG/BERLIN 



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Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. 
Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin. 



These my songs are for you, 
You who are seared with the brand: 
God knows I have tried to be true; 
Please God, you will understand ! 

Robert Service 



273863 



INHALT 

BREMEN — NEWYORK 

Erster Morgen an Bord 1 1 

Southampton Water 17 

Nebel auf See 21 

Vorsätze 28 

Captain's Dinner 34 

Einfahrt 37 

Hitzwelle 43 

Newyorker 51 

Die Wolkenkratzer von oben und bei Nacht gesehen 57 

Den Hudson hinauf 63 

REISE DURCH DEN STAAT NEWYORK 

Die Kinderrepublik in Freeville 69 

Die donnernden Gewässer am Sonntag .... 82 

Am Montag 86 

Ein gut angewandter Nachmittag 88 

Chautauqua 91 

Das Hotel „Athenäum", Chautauqua loi 

REISE DURCH KANADA 

Ontariofahrt 107 

Toronto, die englische Stadt 112 

Montreal, die französische 121 

Die laufende Straße 128 

Das Tor der Prärie 139 

Der Settier 147 

Von der Heilsarmee und anderen Institutionen . 152 

Bei den Mennoniten in Süd-Manitoba 161 

Esterhazy in Saskatchewan 168 

Die Duchoborzen und Peter Verigin 174 



Städte und Leute des Westens i88 

Begegnungen mit Indianern 204 

Das Felsengebirge 218 

Der Pfeilsee 224 

Wahltag in Sheepcreek 232 

Zauber der Städte Britisch-Kolumbiens .... 240 

STATIONEN ZWISCHEN PAZIFIK UND 
MISSISSIPPI 

Die Stadt der Erdbeben 251 

Der Canyon, der Göttergarten und der Vitagraph 260 

Vision an der Santa-Fe-Bahn 270 

Zwei Freunde der Kinder in Denver 274 

Satyrspiel in Kansas-City und anderswo .... 285 
CHICAGO 

Chicago: eine Impression 293 

Die Katze in der Klavierfabrik 303 

Das Warenhaus über dem Bahnhof 318 

Bemerkungen über Hullhouse und die „Süd- 
lichen Parks" 321 

Ein Tag in den Schulen Chicagos 327 

WESTLICH VON DER FREIHEITS STATUE 

EUis-Eiland 341 

Der Neger 360 

Die amerikanische Unruhe 375 

Von Kirchen und Kult 387 

Americanos untereinander 394 

Notizen über die Literatur, die Zeitung, dasTheater 402 

Kolonialstil und Edison 419 

Auf dem „George Washington" 427 



BREMEN — NEWYORK 




ERSTER MORGEN AN BORD 

Um halb neun strahlt die Sonne vom Himmel auf das 
Paradies Wight herunter. Spithead kommt in Sicht, 
die komischen runden Türme, plump und untersetzt 
wie Puddings, liegen verschlafen im Wasser und beschützen 
den Hafeneingang. Sie sind mit Schachbrettfarben ange- 
strichen, hinter den schwarzen Feldern sieht man Kanonen 
den Mund spitzen, aber es pfeift höchstens punkt Mittag 
eine oder, wenn der König gekrönt wird, mehrere. Da 
kommen die ersten weißen Yachten vom Solent her an 
uns vorbeigejagt, hinaus in den Kanal! Jetzt sehen wir 
Ryde, einen Puppenhafen mit niedlichen Häuschen wie 
aus einer Schachtel. Der Dreadnought auf der Portsmouth- 
Seite ist auch nur ein kompliziertes häßliches Spielzeug aus 
der Ferne und wie aus Holz. 

Wir halten auf Cowes, und aus dem Wald am Ufer 
schiebt sich ein feiner schlanker Turm ans Wasser heran. 
Ein Haus, eine Terrasse gleitet in den Sonnenschein her- 
aus, grüner Rasen davor, blitzende Fenster, Efeu um die 
Fenster und hinauf bis an die Spitze des Turmes, dunkel- 
grün und doch ganz Licht und Fröhlichkeit. Ein paar 
helle Punkte bewegen sich zwischen dem Rasen und der 
Terrassenmauer. 



II 






Ich stehe weit vorn an der Spitze des Promenaden- 
decks, man kann von da aufs Zwischendeck hinunter- 
schauen, und durch mein gutes Fernglas kann ich zu- 
gleich den wundervollen Sommermorgen drüben auf dem 
Herrensitz beobachten. 

Unten auf Zwischendeck ist das Gewimmel schon tüch- 
tig im Gange. Alle bunten Farben der Welt tummeln 
auf Weiberröcken, Kopftüchern, Pantoffeln und Kinder- 
windeln durcheinander. 

Aus dem Schloß drüben kommen zwei Gestalten heraus, 
weiße Kleider, ein" Herr und eine Dame. Etwas Schwin- 
gendes, Rotes, begleitet sie: ein Sonnenschirm, der Herr 
trägt ihn. Sie gehen, hie und da stehen bleibend, lang- 
sam den Rasenplatz hinunter; es sind einige Hundert 
Schritte von der Terrasse bis zum Strand. 

Unten auf Zwischendeck ist jetzt Ordnung in die Menge 
gekommen, Ruhe, ja ich spüre hierher herauf so etwas 
wie Beklommenheit. Die Leute sind zur Seite gewichen, 
und aus einer Tür unter mir, unter dem Promenadendeck, 
auf dem ich stehe, treten Männer, Frauen, Alte und Kin- 
der, einzeln heraus, eine Karte in der Hand, die sie dem 
Schiffsoffizier hinhalten. Sie halten sie nicht so hin, als 
wollten sie sagen: Aber gerne! Lesen Sie doch! sondern 
es ist etwas in ihrer Gebärde, was mich rührt, etwas Zag- 
haftes, um Verzeihung Bittendes, so hält unsereiner keine 
Karte hin, wie diese Menschen da unter mir. 

Drüben auf Wight sehe ich einen kleinen munteren 
Fleck aus dem Efeuschloß die Terrasse hinuntertanzen. 
Ein kleines blondes Mädchen, ein hellhaariger Schäfer- 
hund springt vor ihm einher. Die Dame unten auf dem 
Rasen dreht sich um, die Dame und das Kind laufen 
einander entgegen, dann bückt sich der große weiße Fleck 
zum kleinen weißen Fleck herunter, und aus den beiden 
entsteht ein einziger weißer Fleck für einen Augenblick. 
Dann geht die Dame und das Kind Arm in Arm dem 
Strand zu, wo der Herr auf sie wartet. Der Collie ist 
schon weit unten, fast am Wasser. Auf der Terrasse er- 



scheinen zwei neue Gestalten vor den blitzenden Fen- 
stern; das Frühstück ist vorüber. Die Sonne ist so hell 
über dem Rasen. 

Unten tritt Herr X. Y. aus A. (ich kann die Namen 
auf den Karten hier oben gut lesen) aus dem Kontroll- 
gang heraus. Er und seine Familie, eine alte dürre Frau 
und ein kleines blasses Mädchen, drücken sich fest an- 
einander, sie treten sich auf die Hacken und halten sich bei 
den Händen. Der Mann, er ist ein ältlicher dicker Mann 
in abgetragener Kleidung, hält seine Karte hin — Passiert. 

Das Schloß drüben ist nicht mehr zu sehen. Eine Weile 
noch sehe ich den Turm über den Bäumen, einen hellen 
Streifen vom Rasen, dann sind wir vorüber. 

Unten tritt einer nach dem anderen, seine Kontroll- 
karte in der Hand, aus dem Gang hervor und bleibt dann 
erleichterten Herzens auf dem Deck stehen, wo die Farben 
wieder alle in der Sonne leuchten. — 

Auf Zwischendeck kann sich eine ansteckende Krank- 
heit mit verhängnisvoller Geschwindigkeit verbreiten, die 
Leute des Zwischendecks müssen auf den Schiffen täg- 
lich ihr Examen ablegen. Die hygienischen Einrichtungen 
sind vorzüglich, es liegt wirklich kein Anlaß vor, senti- 
mental zu werden und eine Träne zu zerdrücken. Aber 
ich habe vorgestern in Bremen etwas gesehen, was ich 
so bald nicht vergessen werde. Die Herren vom Nord- 
deutschen Lloyd haben mich in die Bahnhofshalle ihrer 
Auswanderer-Abteilung mitgenommen, und dort habe ich 
das gesehen, was ich hier wiedergeben will. In einem 
großen Zimmer stehen Tag für Tag drei Ärzte in Spitals- 
kitteln vor einer Art Barriere. Sie haben ein Tischchen 
mit Karbolgefäßen neben sich, und sie haben ein Instru- 
ment aus Stahl in der Hand, am besten, ich sage, es sieht 
aus wie eine Nagelfeile, ich finde keinen besseren Vergleich 
dafür. An die Barriere kommen in drei langen Reihen 
Menschen heran, Männer, Frauen mit Kindern auf dem 
Arm. Alle haben den Hemdärmel über dem rechten Arm 
aufgekrämpelt, so kommen sie an den Arzt heran. 

13 



Der Arzt ritzt mit dem spitzen Ende des Stahlinstru- 
mentes den Arm, der ihm hingehalten wird, den zuckenden 
oder tapferen, den blutarmen oder muskulösen Arm, dann 
dreht der Arzt das Instrument um, hebt es zu den Augen 
der Menschen dahier, stülpt erst das linke, dann das rechte 
Lid, wie über einen Löffel, über die ,, Nagelfeile", taucht das 
Instrument in den Napf hinein, dann kommt der Nächste 
in der Reihe dran und so fort. All dies geht rasch vor sich — 
Eins — Zwei — Drei — Vier. — Vier ist die Desinfektion. 

Das ist die Impfung und die Untersuchung auf Tracho- 
ma, der sich jeder Zwischendeckspassagier zu unterwerfen 
hat. Ich weiß nicht, wie viele Menschen in einer Stunde 
auf diese Weise für die große Fahrt tüchtig gemacht 
werden. Ich habe auch nicht gezählt, wie viele an mir 
vorübergekommen sind, in den zwei Minuten, so lang 
habe ich es ausgehalten, dies mit anzuschauen. Ich weiß 
nur, ich hatte einen Knebel in der Kehle sitzen, wie ich 
mich davonmachte, und ich habe was von der Hölle 
Dantes hervorgestottert, wie ich wieder im Freien war. 

Es liegt aber auch hier kein Anlaß vor, von der Hölle 
und dergleichen zu reden und sich aufzuregen. Die großen 
Schiffahrtskompagnien holen hier etwas nach, was von 
Menschheitswegen Sache des Staates, der Gesellschaft 
wäre, und ich sollte mich doch eigentlich freuen, daß hier 
Menschen auf einem Umweg vor Krankheit und Tod 
geschützt werden. Aber dies und das mit der Karte tut 
mir weh. Ich hoffe, ich werde nicht abstumpfen gegen 
Eindrücke dieser Art. 

Übrigens, wirklich, wenn man sich das alltägliche Leben 
dieser nach Hunderttausenden gezählten und behandel- 
ten Menschen ansieht und dann diesen Alltag mit den 
Tagen vergleicht, die sie vor und während ihrer großen 
Reise verleben, so darf man sagen : sie haben alle Ursache, 
sich glücklich zu fühlen in diesen merkwürdigen und ge- 
priesenen Tagen. 

Ich kann jetzt, da ich vom Promenadendeck des ,, Kaiser 
Wilhelm der Große" auf das befreite Gewimmel da unter 



mir hinabschaue, auf dieses Treiben, das sich da unten be- 
fremdHch, putzig und populär abspielt, wie ein Mikro- 
kosmos, wie das Leben in einem Stückchen Käse unter 
dem Mikroskop, ich kann jetzt eine alte verstaubte Vor- 
stellung korrigieren, die irgendwo in meinem Gehirn 
herumgelegen hat seit Jahren. 

Geht man im schlesischen Oderberg nachts durch die 
Bahnhofshallen, da liegen die Auswanderer auf dem Bo- 
den der Wartesäle vierter Klasse unter fahlem Gaslicht 
und schlafen mit offenem Mund und im Dunst ihrer 
schlechtgenährten Leiber und feuchter, nie gewechselter 
Kleider einen kurzen und gestörten Schlaf, und in Berlin, 
auf dem Bahnhof Zoologischer Garten, um halb vier, 
wenn einer der Auswandererzüge langsam vorüberfährt — 
wer beschreibt den Ausdruck der Gesichter, die aus den 
Fenstern uns nachstarren, die wir, wohl angekleidete, 
neugierige Leute, auf dem Perron zurückbleiben und uns 
in unseren Schuhen wiegen! 

Jetzt, vom Promenadendeck gesehen, hat das Ganze 
ein anderes Gesicht. Was für ein Traum geht diesen da 
unten in Erfüllung! Sie haben eine Woche vor sich, in 
der sie für ihres Leibes Notdurft nicht zu arbeiten brau- 
chen, nicht 12 und nicht lo, überhaupt keine Stunde 
lang! Eine Woche kommt da in ihr Leben hinein, in der 
sie sich ausschlafen können in guter Luft und auf sauberen 
Betten, jeder für sich, in der sie das Glück von Duschen 
und Wasserklosetten am eigenen Leibe erfahren, in der sie 
wahrhaftigen Gottes Fleisch an jedem Tag zu essen krie- 
gen, und das Tageslicht von Sonnenaufgang bis Unter- 
gang über ihren Köpfen fühlen dürfen, ohne zu schwitzen 
und ihre Hände unmäßig zu regen. Eine Woche, in der 
sie etwas erleben, das nichts mit der trostlosen Misere 
ihres Lebens rings um diese Woche herum zu tun hat! 
Wo gibts denn sonst noch solch eine Woche der Sorg- 
losigkeit im Leben des Armen? (Im Gefängnis vielleicht.) 
Hier auf Zwischendeck erleben sie eine Woche, in der 
so etwas wie eine Hoffnung, eine Erwartung über ihren 

15 



dumpfen Seelen leuchtet, ein Weltteil wird vor ihren 
Augen aufgehen! 

An der Innenseite der Reling des Promenadendeckes ist 
eine Tafel befestigt, auf der werden wir ersucht, den 
Zwischendeckpassagieren kein Geld, kein Obst, noch ähn- 
liches hinunterzuwerfen. Hallo, ist es denn notwendig, 
euch das Schwarz auf Weiß zu sagen, ihr geehrten Mit- 
reisenden Erster Kajüte? Ich wünschte, es käme einer von 
den Herrschaften da hinter mir mit Geld, Obst und Ähn- 
lichem und würfe es unter die Leute da unten. Gute 
Boxerstöße gegen seine Erste-Kajüte-Nase, bei Gott, auf 
die Gefahr hin, über Bord gefeuert zu werden!! 

Diese Armen da unten, die Leute ,,aus der Tiefe", 
heut und noch fünf Tage lang dürfen sie sich Menschen 
nennen. Sie sind nicht von ihrer Scholle losgerissen, 
denn wer unter ihnen hat denn heut noch seine Scholle? 
Was heißt denn das heute: Scholle? Der kleine Bauer muß 
sich dem Großgrundbesitzer verdingen oder unter die 
Erdarbeiter gehen. Ebenso hat der kleine Gewerbe- 
treibende längst sein vom Urahnen geerbtes Handwerks- 
zeug verkauft und sich dafür eine ,, unzerreißbare" Fabrik- 
arbeiterbluse angeschafft. Und meinetwegen der kleine 
rechnende Mann in seinem schimmeligen Vorstadtladen, 
er hat in sein Schaufenster all das hineingestopft, was er 
gern an die Leute in seiner Gasse verkauft hätte, — jetzt 
ordnet er, nach künstlerischen Prinzipien, das Schau- 
fenster des Warenhauses, in dem er ein Kommis geworden 
ist auf seine alten Tage. Wer von diesem Volk da unten 
ist denn zu beklagen darum, daß er auf einem Schiff 
dahinlebt, losgerissen von seinem Eigenen, von seiner 
Heimat? und wenn diese Heimat auch etwas so Wunder- 
volles ist wie ein oberungarischer Berg oder so was Lum- 
piges und Klägliches wie eine Schusterwerkstatt in einem 
Dreckgäßchen in Czernowitz? 

Übrigens stimmt das mit dem Glücksgefühl unter diesen 
Leuten ja auch nur zur Hälfte. Wie all das andere, was man 
sich so zusammendenkt, wenn man vom Promenadendeck 

i6 



aufs Zwischendeck hinunterschaut. In den Auswanderer- 
hallen sagte man mir: wenn die Leute in den Hallen 
wegen irgendeiner Verspätung der Abfahrt ein paar Tage 
länger warten müssen, werden sie nervös und unruhig und 
unzufrieden. Sie haben ihre sauberen Betten und guten 
Bäder und gute Luft, sie werden auf Kosten der Gesell- 
schaft verpflegt, haben Fleisch und andere gute Dinge 
zu essen alle Tage, und doch sind sie nervös und un- 
zufrieden, wie kommt das ? In diesen armseligen Arbeits- 
gehirnen ist wahrscheinlich nicht viel Raum mehr für 
die Vorstellung der Freiheit. Um so schHmmer! 



SOUTHAMPTON WATER 

Der Tender bringt uns die Passagiere aus England an 
Bord. Ein paar schöne Exemplare der angelsächsi- 
schen Rasse steigen an Bord. Ein junges Mädchen hat 
einen riesigen Strauß der Modeblume sweetpea, der Wicke, 
in ihrer Hand. Ich erkenne alle die Schattierungen, vielen 
feinen Abstufungen zwischen Violett und Lila, Bronce- 
braun und Orange, Indigo und Heliotrop der schönen 
Blume wieder. Da ist die zitronengelbe „Clara Curtis", 
die lavendelfarbige „Lady Hamilton", die wunderbare 
morgenrote „Evelyn Hemus" mit den ins Weiße spielen- 
den Rändern. Sie alle erkenne ich im Bukett, das die 
junge Engländerin an Bord bringt. Heut vor einem 
Jahr habe ich mir in London die Berichte der National 
Sweet Pea Society gekauft, das ist eine königlich privile- 
gierte Gesellschaft, mit Statuten, Kongressen, Ausstel- 
lungen und Preisen. Ich habe die neuesten Erfahrungen 
des berühmten Züchters Harry Thomas gelesen und weiß 
Bescheid über die Art und Weise, wie der Boden beschaf- 
fen sein muß, in dem die Schößlinge Wurzeln fassen 
sollen, ich weiß von den Mitteln, die man gegen die 
Mäuse, diese schrecklichen Gegner der zarten jungen 
Wicke verwendet, ich weiß, wie die erblühte Blume zu 

17 



verpacken und zu versenden ist — ich wäre ein guter 
und liebereicher Züchter der schönen Blume, aber ich 
habe keine Handbreit Garten, ja ich w^üßte nicht einmal, 
wo dieser Garten liegen könnte, bei welcher Stadt, in 
welchem Land, wo? — 

Das Zwichendeck lebt jetzt ganz gehörig unterm 
Sonnenschein. In einer Ecke ist eine Ziehharmonika tätig. 
Wir haben die „Needles" passiert und schwimmen jetzt 
nach Cherbourg hinüber. Die Ziehharmonika spielt das 
„Hail Columbia", einen Walzer aus einer Wiener Ope- 
rette und einen Berliner Gassenhauer, Es ist offenbar ein 
weltkundiger Mann, der sie auseinanderzieht und zu- 
sammenpreßt. Er sieht aus, als sei er schon mal „drüben" 
gewesen. Man merkt das einem von denen dort unten 
überhaupt gleich an, ob er schon „drüben" gewesen ist 
oder nicht. Schon an der Art, wie er zu uns auf dem Pro- 
menadendeck hinaufschaut, merkt man's. Der Zieh- 
harmonikamann hat ein Gesicht, das nicht mehr ganz 
europäisch ist, aber auch noch nicht amerikanisch. Plötz- 
lich fängt ein alter mährischer Bauer zu singen an. Er hat 
ein rundes, stoppeliges Pfaffengesicht, er steht hinter der 
Harmonika, die seinen Gesang begleitet. Er singt ein 
Lied mit dem Refrain: 

,, Juchheirassa ! Vallera!" 

Der Alte mit dem Pfaffengesicht singt eine Strophe nach 
der anderen, mit erstaunlichem Ernst all die endlosen 
Strophen, die mit 

„Juchheirassa! Vallera!" 

aufhören. Zwanzig Stimmen oder so singen mit. Alle 
mit einem Ernst, der nicht mehr zu überbieten ist. Ich 
versteh kein Wort, aber der Refrain genügt mir: es kann 
doch kein Kirchenlied sein, das mit: 

,, Juchheirassa! Vallera!" 

aufhört? Also wozu dieser Ernst? Die Leute alle, die 
„Kaiser Wilhelm der Große" im Zwischendeck mitführt. 



sitzen jetzt oben, zusammengepfercht, und hören an- 
dächtig zu. Nur eine kleine Gruppe hat sich abseits ge- 
setzt und mengt sich nicht unters Volk. Es ist Herr 
Itzig, einfach Herr Itzig, und Famihe. (Seinen Namen 
setze ich nicht her, denn der gehört in ein Witzblatt.) 
Herr Itzig und FamiHe sitzen auf einer Bank und wenden 
den Singenden den Rücken zu. Sie haben genug mit sich 
und ihren Familienangelegenheiten zu tun. Frau Itzig 
kämmt sich coram publico ihren falschen Zopf in der 
Nachmittagssonne, ihr Gatte liest ihr aus einem grün- 
gebundenen Buch eifrig was vor. Hie und da pufft er 
sie in die Rippen und erklärt ihr mit pfiffigem Gesicht 
eine Stelle aus dem Buch, es ist wohl so etwas wie ein 
pfiffiges religiöses Buch, Talmud oder so. Moischele 
und Piffl balgen sich unter der Bank um einen Apfel, 
der immer weiter gegen Steuerbord zu rollt. Die 
Mutter schreit und kämmt sich dann weiter. Zu allen 
Tageszeiten steht ein Blechsamowar, mal auf dem 
Boden, mal auf der Bank, bei der Familie; ein Glas 
auch, mit einer ganz hellgelben Flüssigkeit darin, Tee aus 
dem Samowar. Ehe Frau I. das Glas an den Mund 
setzt, holt sie aus der Tasche ihres Gatten ein Stück 
Zucker, beißt die Hälfte ab, steckt die andere in die Tasche 
ihres Gatten zurück und schüttet sich den Tee über das 
halbe Stück Zucker, das sie sich zwischen die Zähne ge- 
klemmt hat, durch die Gurgel hinunter. — Von Zeit zu 
Zeit muß Freund Itzig mit dem leeren Samowar in die 
Küche rennen, dort hält er das Blechgefäß unter den 
Kessel mit heißem Wasser; der armdicke Strahl schießt 
wie eine Kanonenkugel in das Blech hinein, die paar 
armseligen Teeblättchen müssen einen Schreck aushalten! 
Einmal kommt Herr I. mit Geschrei aufs Deck zurück. 
Was ist geschehen? Der feiste Bauer hat ihm von hinten 
einen Stoß gegeben, und er hat sich die Hand verbrüht. 
Jetzt läuft Moischele mit dem Samowar hin und wieder 
und Vater Itzig hat ein paar Tage lang ein schmutziges 
blaues Tuch um die Hand gewickelt. Sie kümmern sich 

2* ig 



nicht im geringsten um die Mitfahrenden, heute und 
morgen und die ganze Reise lang nicht. Sitzen immer auf 
dem gleichen Fleck, wenden allen den Rücken und sind 
mit ihren FamiUenangelegenheiten vollauf beschäftigt. 

Schon in Bremen, im Aus Wandererviertel, habe ich 
es beobachtet: die* Juden halten sich, auch wenn keine 
Böswilligkeit in der Luft um sie ist, abseits und machen 
ihr Ghetto, wo sie können. In der schönen, sommer- 
lichen Stadt Bremen konnte man, im Bürgerpark, an 
der Weser, auf dem herrlichen alten Platz vor dem 
Rathaus und dem Roland die Auswanderer spazieren 
sehen. Auf die Abfahrt ihres Schiffes wartend, guckten 
sie sich, Kinder von hundert Völkern, die Stadt an. 
Kinder und Weiber waren an den großen Broschen mit 
dem Porträt des Agenten des Norddeutschen Lloyd 
Mißler, die sie auf ihren Jacken angeheftet hatten, zu er- 
kennen. Die riesigen Auswandererhallen waren bei dem 
schönen Wetter so gut wie ausgestorben, und es wohnten 
doch zurzeit ein paar Tausend da. Nur im Hotel „Zur 
Stadt Warschau", dem Quartier der jüdischen Zwi- 
schendeckpassagiere, war jedes Fleckchen besetzt. Da 
standen die Kinder des alten Volkes in Scharen bei- 
sammen, auf den Treppen, im Korridor, im Hof, in der 
Kantine, in der „Schul", galizische Köpfe mit Käpp- 
chen oder künstHchem Haar, in bürgerlicher Kleidung, 
mit Kaftans, die Kinder flink und lausig, die Weiber 
schlaff und breit, die Männer pathetisch und mit langen 
Weichselrohrpfeifen, die jungen Damen in hohen Stöckel- 
schuhen und durchbrochenen Strümpfen, modisch und 
mit erstaunlichen Mengen von falschem Schmuck be- 
hängt. Eine, meiner Treu, Finger, Hals und Ohren 
starrend vor Schmutz, aber in einem hellblauen Kleid ä la 
Poiret! Ich nehme mir's vor, in Amerika zuzusehen, 
wie dieses Volk sein Leben fristet. Es kolonisiert nicht. 
Es geht nicht nach dem Westen. Es bleibt in Newyork 
sitzen, hockt Heber in Schmutz und Not beisammen, als 
irgendwo in der frischen Luft zu leben, wo's noch kein 



20 



Ghetto gibt. Ich vermute, sie bleiben Heber im Hotel 
,,Zur Stadt Warschau", weil sie sonst die Brosche mit dem 
Porträt des Agenten anstecken müßten 

Geschrei in einer Ecke. Ein kleiner slowakischer Drei- 
käsehoch unten an der Treppe vor Backbord, ich hab schon 
immer gesehen, wie er an einer Blechschachtel herum- 
gebastelt hat, stößt ein heiseres Geheul aus. In der Schach- 
tel waren kleine farbige Zuckerdrops, die in den polnischen 
und russischen Geschäften im Auswandererviertel in den 
Schaufenstern zu sehen sind. Von der Hitze hat sich das 
Zeug zu einem Klumpen zusammengeballt, und da der 
kleine Mann ihn nicht auseinanderbrechen konnte, hat 
er den ganzen Brocken in den Mund gesteckt. Er schluckt, 
hustet, brüllt sich blau, seine handfeste Mutter stürzt 
herbei, hinter der Harmonika hervor, haut dem Drei- 
käsehoch eins auf den Rücken, und der Zuckerbrocken 
kommt oben wieder heraus. 

Herr Itzig und Frau, Moischele und Piffl blicken einen 
Augenblick, ohne Teilnahme, nach dem Schreihals hin 
und befassen sich dann weiter mit sich. — Der Dreikäse- 
hoch, Moischele und Piffl und die anderen Zwischendecks- 
kinder, wie haben die's doch gut! Sie lernen das große, 
bitterernste, aber doch so verführerische Leben in ihren 
jungen Jahren kennen. Das Leben schaut sie aus den 
Augen des großen, unendlichen Ozeans an. Fragt Ihr 
nur ihre wohlbehüteten Altersgenossen auf dem festen 
Land und in den festen Heimen, wie das Leben aussieht? 
Sie werden wahrscheinlich antworten: „Wie der Herr 
Oberlehrer!" 



NEBEL AUF SEE 

Am Morgen nach der großen Seekrankheit sieht man 
auf Deck getigerte, patinierte, marmorierte Ge- 
sichter. Aber das Meer ist ruhig wie die Spree bei 
Köpenick, und langsam kommt Rot in die Gesichter. Auf 

21 



Zwischendeck ist alles wieder heraus, an der Luft, das ist 
das Barometer des Ozeandampfers. Ein paar arme mensch- 
liche Bündel liegen wohl noch hier und dort platt auf den 
Bohlen herum, ein paar kleine, todblasse Kinder liegen 
wie arme gerupfte Hühner, das Gesicht zur Seite, neben 
den mütterHchen Röcken, die der Wind leise glatt bügelt 
— aber im ganzen ist das Volk guter Dinge. Es wird auch 
wieder Bier und Sliwowitz konsumiert dahier. Das 
Barometer steht auf Gut Wetter! 

Piffl jagt über Tische und Bänke hinweg, Moischele 
rutscht sich das Fell vom Leibe über das Skylight des 
Zwischendeckspeisesaals, sein Vater erklärt seiner Mutter 
wieder mit Stößen in die Seite irgend eine Spitz- 
findigkeit der Megille — da tutet mit einem Male das 
Nebelhorn wie eine brustkranke Kuh aus der Odyssee, 
einen hohlen, mythologischen Laut, klagend in den Nebel 
hinaus, der weiß und dick wie Baumwolle vom Meer 
herein, von allen Seiten auf den ,, Kaiser Wilhelm den 
Großen" eindringt. Er ist dicht und dick und wickelt uns 
wie einen wehen Finger ein oder wie ich eine kleine kost- 
bare Figur in meiner Handtasche unten eingewickelt 
habe! 

Die gute Kuh brüllt in das Meer hinaus. Kein Gefährte 
antwortet. In solchen Stunden, wenn das Meer ruhig ist 
wie ein Fluß bei einer Stadt, da kann es passieren, daß 
Schiffe sich die Flanken aufschneiden, daß ein braver 
Segler verblutet und daß Menschen auf Holzstücken in 
die Runde hinausfliegen, patschend ins Nasse, worauf die 
grausamen Mitbürger aus dem Fischreich schon immer 
gierig lauern. 

In solchen Stunden mag man sich wirklich an die Stirn 
greifen und sagen: wahrhaftigen Gottes, ein kostbarer 
Zustand, ein ungewöhnlicher Zustand, in dem wir uns 
da alle plötzlich beisammen befinden! In der Mitte 
von vielem Wasser, weit weg von allem, auf der flachen 
Hand Gottes, die uns leise schaukelt, in leisem Wellen- 
schlag. 

22 



Aber die Leute dahier, sie gehen hin und her, bleiben 
stehen und schwatzen miteinander, als wäre das: auf einem 
stampfenden Schiff beisammen zu sein, auf einem fluten- 
den Meere, im dichten Nebel, den kein Licht, keine Farbe, 
nur ein hohles Gebrüll durchdringen kann, das Aller- 
natürhchste auf der Welt! Ich setze mich in meinen 
Deckstuhl und sehe den ahnungslosen Passagieren, meinen 
Brüdern und Schwestern in Tod und Leben, zu: wie sie 
sich in langen Schritten an mir vorbei ihren Appetit 
holen, in einem hartnäckigen Spazierlaufschritt, in nur 
etwas mehr wie einer Minute ums ganze Promenadendeck 
herum und so zwanzigmal, dreißigmal, fünfzigmal hinter- 
einander! 

Ich kenne sie jetzt so ziemlich. Neben mir, bei Tisch, 
sitzt eine nette Dame aus Ohio, die versorgt mich mit 
Klatsch, der auf dem Schiff unterirdisch sein Wesen 
treibt. Die kleine, schwarzangekleidete Familie geht 
an meinem Deckstuhl vorüber. Es ist die Mutter, der 
Sohn, die beiden Töchter. Die Kinder strotzen vor 
Gesundheit, die Mutter ist gelb wie eine Qaitte, alle aber 
sind sie gleich ernst, ihre Gesichter wie leer, ausgeschüttet, 
keiner spricht. Als sie vor zwei Wochen herüberfuhren, 
waren sie noch fünf. Der Vater macht auch jetzt den 
Weg mit ihnen zurück in die Heimat, aber unten, im 
untersten Raum des Schiffes, in einem dunklen Sarg. 
Die drei verwitterten Spanier mit Namen aus der Armada- 
Zeit, nach Töchtern desLandesauf dem Auslug. Der kleine 
Clan der Spieler, der Wettenden, der Geräuschvollen schiebt 
sich breitspurig vorbei — diese haben sich am raschesten 
zusammengefunden. Ihnen ist die Ozeanfahrt weiter 
nichts als eine sieben Tage dauernde Möglichkeit, auf die 
zurückgelegte Meilenzahl zu wetten, von früh bis nacht 
in dem „Wiener Cafe" die Karten zu schleifen — diese da 
halten zusammen, ihnen ist das phantastische Leben, diese 
Abgetrenntheit und dies Zusammensein irgendwie durch 
ihre Spielerseele deutlicher als den anderen, leidenschafts- 
losen, ins Bewußtsein geraten — rasch müssen sie ein- 



ander kennen lernen, genau, sieben Tage lang wird das 
Glück ihnen dienen, wenn sie die Eigenschaften, Tugen- 
den und Schwächen des Nächsten genau und scharf 
durchschaut haben, sie lassen sich gar nicht los, sieben 
Tage lang! Schon bilden sich Konstellationen unter 
den Seefahrern. Bhcke; aufgehobene Bücher; verträumtes 
Stehenbleiben am Reling neben Einem oder Einer. 
Und da sind dann auch die, die sich absondern. Da 
ist dieses typische Ehepaar, das man aus den Zeich- 
nungen von Charles Dana Gibson und von den Tables 
d'hote in Florenz, Rom, London, kennt: die verblühende 
Millionenerbin, die sich noch rasch einen Athleten ge- 
kauft hat. (Society-people, sagt meine Nachbarin, sie 
sagt es mit dem sympathischen Tonfall der arbeitenden 
Frau.) Morgens kommt Madame emailliert heraus, Perlen 
bis an den Gürtel, beladen mit Ringen, der Herr mit 
vagem, gelangweiltem Blick, einen langweiligen Roman 
vom William Le Queux unterm Arm. Schon vor dem 
Lunch sitzen sie in ihrer Staatskabine, deren Fenster 
aufs Promenadendeck hinausgeht, und spielen Karten 
miteinander. Am Abend nach dem Dinner tun sie dasselbe. 
Das Licht brennt in ihrer Kajüte: der Herr sitzt im Pyjama 
da, das elektrische Licht spielt auf seiner goldenen Brust — 
Madame hat zwei brennende Zigaretten im Mund, 
lächelt, gibt eine ihrem Partner hinüber, lächelt mit 
vagem Blick in ihren Augen, jetzt am Abend ist sie plötz- 
lich 10 Jahre jünger als ihr Genosse. — Und dann gehen, 
unter so vielen Gleichgültigen, die Leute vorbei, denen 
man ihre Geschichte vom Gesicht herabliest. Da sind 
die Stolzen, die ihren ersten Weg hinüber im Zwischen- 
deck gemacht haben und jetzt mit uns in der besten Klasse 
des Schiffes — vielleicht desselben Schiffes, das kaum 
zehn Jahre alt ist, fahren. Da sind die allzu Beweglichen, 
die wahrscheinlich denselben Weg umgekehrt beschreiben 
werden, jetzt voll Schlauheit und Berechnung alles 
ringsum zusammenhorchen, was sie nur irgendwie von 
fern angeht, und eines Tages vielleicht unten zwischen 

H 



den Decken zurückschleichen werden in das minder grau- 
same Europa, auf das sie jetzt schlecht zu sprechen sind. 
Dann die Blasierten, die sogar hier in ihrer Kaste ein- 
gesperrt sitzen; dann die Farblosen, die nichts gewinnen 
und nichts verlieren; dann die Hyänen des Schiffsflirts und 
jene, die sich gerne zerfleischen lassen, aber wie gern ! Dann 
die und jene, die Galligen, die Zielbewußten, die Verträum- 
ten, und in all dieses Treiben hinein brüllt das Nebelhorn 
alle paar Sekunden lang seinen warnenden Laut hinein. Die 
Brust schmerzt von dem Ton. Man meint, das Plankton unten 
in der See müsse in Schwingung geraten von diesem Ton. 
Ich liebe diesen Ton. Das ist der Akkord, in dem die 
Menschenseele und die Meeresseele beisammen ist. Alle 
die Töne, die das Lied, den Hymnus des Seefahrers bilden, 
sind enthalten in diesem Ton. Darin sind alle Worte, die 
sich die Fahrer auf ihre Flaggen und in ihre Herzen hin- 
eingeschrieben haben, auch diese unermeßlich großen: 
Navigare necesse, vivere non! Da ist der Flaggenschlag 
auf der Back der schweren Kasten Marco Polos, Mage- 
Ihaens, Roald Amundsens, Shackletons, drin in diesem 
Ton, und mehr als ein Geheimnis noch außerdem. Das weiß 
ich, von allen meinen Gefährten, die ihn heute mit mithören, 
diesen Ruf des Nebelhorns, gehen mich ganz sicher jene am 
wenigsten an, die sich die Ohren zuhalten und wünschen : 
der Nebel ginge weg, damit das Brüllen endlich aufhört ! 

Vom Sonnendeck kommt ein Boy herab und bringt mir 
ein Telegramm. Ein freundlicher Herr aus Oklahoma 
bleibt stehen und sieht mir zu, wie ich das Telegramm 
aufmache und lese. 

,,Sad news?' 

Ich schüttle den Kopf, danke ihm für sein Interesse, 
und er geht beruhigt seines Weges. 

Jemand hat an mich gedacht auf dem Festland. Ein 
paar liebe Worte sind vom Festland her durch die Atmo- 
sphäre gezuckt, haben unser gutes, schnell dahinschie- 
ßendes Schiff gesucht und gefunden und sind in den 

25 



Empfänger hineingelaufen, der oben auf dem Sonnendeck 
in der Marconi-Station sein Morse-Getick hören läßt. 

Nein, wahrhaftig, wir sind nicht allein auf der Welt! 
Derselbe Geist, der uns wegzerrt vom Festen ins Unge- 
wisse hinein, derselbe Geist, der unten die Kolben und 
Räder herumschwingt und ineinander fahren und beißen 
heißt, wie hier oben die Sehnsucht, die Blicke und die Leiden- 
schaften der Menschen, dieser selbe Geist liegt immer tätig 
und bewußt um den ganzen Erdball und die Welt gewunden. 
Festland und Wasser, Erdball und Stern, Sonne und Äther 
sind nicht mehr getrennt, Mensch und Mensch gehört zu- 
sammen, AugenbHck für Augenblick. Und ein Schiff im 
Nebel auf hoher See, dreiTage weit vom Festland weg, steht 
nicht einsamer da auf dem Erdball als ein Mensch in seinen 
Kleidern und Schuhen mitten in einem Volksgetümmel. 

Oben auf Sonnendeck, in dieser phantastischen gelben 
Stadt aus Schloten, Windfängern mit offenen Rachen, 
Ventilatoren, schwingenden Böten und surrenden Stricken 
steht das kleine braune Haus, das die Verbindung her- 
stellt zwischen uns Verschollenen und der sicheren Welt. 
Ich wollte, das Schicksal der Genies wäre dies eine Mal 
minder dumm und grausam gewesen, und die Strahlen, 
die hier in das braune Haus herein und aus ihm hinaus- 
fahren, führten den Menschennamen Hertz und nicht den 
nichtssagenden: Marconi. Das wäre recht und billig und 
ein wunderschönes Ding hätte einen guten Namen, der 
sich fast wie ein symbolischer Namen anhört. 

Abends, wenn man unten in den Sälen sitzt oder schon 
in der Kabine im Bett liegt, da hört man plötzHch das 
Huiiii — tak tak — taktak des Telegraphisten oben, 
der über tausend Seemeilen weg mit der „Minnetonka", 
dem ,,Cymric", dem „Kaiser Wilhelm H." spricht, der 
die Schiffe anspricht durch die Nacht und freundliche 
Antwort erhält von den Schiffen. In der Huiiii — tak- 
tak-Kammer da oben pocht das Herz des Erdballs. 

Der Manipulant erklärt mir : man braucht die R i c h t u n g 
nicht zu kennen, in der sich der Angerufene befindet. 

26 



Man sendet seine Botschaft einfach In einen Umkreis von 
so und so vielen Seemeilen, denen eine Stromkraft von 
so und so viel Volt entspricht, hinaus — es wird der Richtige 
sich schon melden und antworten. Ich lasse den eifrigen 
jungen Mann sprechen. So oft er: „Marconi" sagt, kor- 
rigiere ich es in mir und sage: „Hertz". 

Und Ich denke plötzlich auch daran, während Ich vom 
Sonnendeck aufs Promenadendeck hinuntergehe, daß ich 
ja selber wie dieses Schiff, nicht mehr so allein und roman- 
tisch durch die Welt segle wie In all diesen früheren Jah- 
ren. Sondern meine Reise gehört all den anderen, die 
es lesen werden, was ich mir erreise und woran ich 
vorüberreisen werde. Nicht mehr den sausenden Winden 
allein preisgegeben, sondern auch Menschenaugen, guten 
und harten zu gleicher Zeit. Menschen aus meinem 
Umkreis und aus weiteren . . . 

Dieser Zustand ist mir so neu, wie's etwa dem „Kaiser 
Wilhelm der Große" neu und vielleicht unbehaglich vor- 
kam, als man ihm das braune Häuschen auf den Rücken 
hinaufgebaut hat. Aber ich fühle, trotz allem, deutlich 
die überschwengliche, edle und unersättliche Lust: zu 
reisen, zu reisen, und es überkommt mich, auf der letzten 
Stufe, auf einmal die bizarre Vorstellung: Daß wir Men- 
schen zur See allein gelten. Daß wir allein leben und sind, 
wirklich da sind und leben, wir, die wir zu zählen sind, 
und nicht die Ungezählten auf dem Festland! 

Jetzt zieht ein Gewitter durch den Nebel hindurch. 
Aluminiumfarbige Blitze fahren durch die milchweiße 
Mauer, spalten sie in zahllose weiße Schichten, Schleier, 
Vorhänge, die [hintereinander vom Himmel bis zum 
Wasser herunterhängen. Dann zieht der Nebel plötz- 
lich dem Gewitter nach. Das Nebelhorn verstummt. 
Ich stehe mit dem Papier in der Hand vor der Reling 
und lese die Worte nochmal durch, die durch die Atmo- 
sphäre bis zu mir gekommen sind. Jetzt ist das Meer 
wieder hell und ganz ruhig. 

Wir fahren wieder mit voller Kraft. 



27 



VORSÄTZE 

Hier auf Deck sitze ich neben einem vornehmen Ame- 
rikaner, mit dem ich über seinen und meinen 
Kontinent spreche, zuweilen gibt er mir auch Rat- 
schläge. Er ist ein feiner, gebildeter Mann. Er kommt 
aus Kiel, hat mit seiner Yacht einen ersten und einen 
zweiten Preis gewonnen und hat mit dem Kaiser ge- 
sprochen. (Der Kaiser hat ihn gefragt, wie sich die gute 
Gesellschaft Amerikas gegen die reichen Juden verhält, 
und mein Nachbar hat dem Kaiser Antwort gegeben.) 

Wie gesagt, er erteilt mir zuweilen Ratschläge. Ich 
sage ihm: ich will drüben mir ansehen, wie Amerika mit 
den armen Leuten umgeht, das interessiert mich sehr. 
Darauf erwidert er: ich dürfe es nicht versäumen, nach 
Newport zu fahren, wo die Reichen beisammensitzen. 
Ich sage, eigentlich mache ich diese weite Reise nicht so 
sehr um der Milliardäre willen, von ihrem Anblick habe 
ich gewissermaßen schon in Europa genug gehabt. Der 
Herr sagt: niemals werde ich ein abgerundetes Bild 
Amerikas gewinnen und mir notieren können, wenn ich 
nicht auch in Newport die smarten Leute habe tanzen 
sehen. Ich sage: ich bilde mir nicht ein, in ein paar Mo- 
naten und etlichen Kreuz- und Querfahrten durch den 
unbedeutenden Erdteil Amerika ein rundes Bild zu- 
sammenzukriegen. Ein Schriftsteller ist nicht so gut 
dran wie ein Maler, sagen wir, wie Whistler, der auf 
seinem Bild: „Die Reede von Valparaiso" mit zwölf 
oder fünfzehn Aquarellstrichelchen auf silbergrauem 
Grund die Atmosphäre eines Erdteils festhält, und fertig! 

Gewiß, ich werde um die Straßenecken sicher nicht 
Theorien nachjagen, sondern lebendigen Dingen, und ich 
werde mit dem neuen Kontinent hauptsächlich mein Ge- 
fühl für die Welt und die Menschen nähren. Dieses Gefühl 
ist zur Zeit ziemlich stark in mir und braucht eine kräf- 
tige, gesunde Kost. Ich will's weder an den Tafeln der 
Reichen füttern, noch durch die Abfälle der Gosse hinter 

28 



mir herschleifen. Ich will, wenn's mir grad paßt, ein- 
schichtig und, wenn's mir paßt, gesellig, mit meinem Ge- 
fühl durch den Kontinent spazieren gehen und gut zu- 
schauen, was für ein Gesicht mein Gefühl zu den Dingen 
macht, die uns begegnen. 

Gleich in der ersten Stunde, wie ich an Bord des 
„Kaiser Wilhelm der Große" gekommen bin, habe ich 
mir vom Decksteward einen Stuhl an Steuerbord auf- 
klappen lassen, obzwar ich gut wußte, daß man an Back- 
bord geschützter sitzt. Ich habe mir vorgenommen, die 
erste Nacht oben auf Deck so lange auszuhalten, bis ich von 
meinem Stuhl aus die Feuer Englands werde leuchten 
sehen; so lange wie möglich den Blick nach dem Westen 
haben. Und gäb's auch weiter nichts zu sehen, als ein 
armseliges Feuerschiff draußen vor einer der gefährlichen 
Sandbänke an der Ostküste des alten Englands. 

Die friesischen Inseln waren schon am Vormittag ver- 
schwunden, nun ging's durch den Kanal. Links die Nieder- 
lande, Belgien, Frankreich, rechts die Inseln von Groß- 
britannien: das war der Weg durch die Länder, den die 
Gründer der Reiche drüben in der neuen Welt ein- 
geschlagen hatten, als sie ausgezogen waren in ihren 
harten Kästen. Unser braves Schiff, unser vierschlotiges 
Monstrum, unser tüchtiger Karrengaul pflügte seine 
Furche durch historisches Wasser, wenn man sich so 
ausdrücken darf. 

Wenn ich schon die Dinge drüben wie ein Bauer 
ansehen will, wie ein Auswanderer, dem die ersten zwanzig 
Tage nach seiner Ankunft am Pier in Hoboken bei Gott 
wichtiger sind als die zwanzig und mehr Jahrhunderte 
vorher — und wenn mir auch die lustige Seebrise, die 
mir gleich in der ersten halben Stunde den Hut von der 
Schnur riß, all das Geschichtliche aus dem Hirn heraus- 
gekämmt hat — kein Mensch konnte mich daran hindern, 
mit Rührung zwischen den Küsten hindurchzutahren, 
von denen all die kühnen und wagemutigen und auf Gott 
vertrauenden Nußschalen abgestoßen und hinausgeschau- 

29 



kelt sind den gleichen Weg lang, den die Schraube da 
unten unsern „Kaiser Wilhelm der Große" entlang 
wirbelt. 

Niemand konnte mich daran hindern, daß ich mit inten- 
siverer Rührung als an die Reichsgründer auf der Back- 
bordseite, die holländischen Landgrapscher und die fran- 
zösischen Eisenfäuste pour le Roy, an die Leute rechts 
von mir, die Leute Englands denke, und an den Spruch 
Emersons : der Amerikaner sei im Grunde nur die Fort- 
setzung des englischen Geistes (English Genius) unter 
neuen und veränderten Bedingungen. 

Für englischen Geist brauchte ich nur: Freiheit des 
Individuums und Respekt vor dieser Freiheit des In- 
dividuums zu setzen und für veränderte Bedingungen: 
Abwesenheit von Tradition, Vorurteilen, Historie — und 
da hatte ich einen guten Grund, weiß Gott, nach Amerika 
zu den Amerikanern zu reisen. 

Aber da war noch eine Vorstellung aus der Kindheit, 
aus einem alten Buch daheim: es handelte von den 
sympathischen blassen Puritanern, die auf der ,,May- 
flower" ausgezogen waren, um im gefährlichen Weltteil 
so etwas wie das Reich Gottes zu gründen. Das Reich 
Gottes, das nicht viel anders ist, als eine höhere Form 
von freiem Beisammenhausen von Menschen, die sich 
von innen heraus regieren. Einige Splitter, zerstreute 
Stückchen vom Reich Gottes drüben zu finden, das war 
im Kanal und ist auf hoher See meine Hoffnung, sagte ich 
meinem Nachbarn. 

Die Nachkommen der Puritaner drüben in dem demo- 
kratischen Erdteil sollen ja jetzt einen Klub, eine Art 
aristokratischen Vereins gegründet haben, höre ich. Und 
der Ausdruck: „Deine Vorfahren sind auch nicht mit der 
Mayflower hieher gekommen!" soll für den Angeredeten 
eine ähnliche schimpfliche Bedeutung haben, wie drüben 
in Europa etwa dieser Ausspruch: ,, Deine Vorfahren 
sind auch mal mit alten Hosen auf dem Rücken durch die 
Dörfer gezogen!" Aber, hol's der Teufel, wenn schon was 

30 



Aristokratisches da sein muß, so soll's doch lieber von den 
Rittern des reinen Gotteswortes herkommen als von den 
erlauchten Wegelagerern und Schnapphähnen jenes alten 
Europas ! 

Ha! höre ich einen sagen: das ist mir ein netter Beweis 
für unhistorisches Denken. Zudem sind ja die Puritaner 
arge Inquisitoren und Auf dem Erworbenen-Sitzer ge- 
wesen. 

Aber ich bin von der wunderschönen Meerluft um 
mich herum schon ins Schwärmen geraten, stehe an der 
Reling und phantasiere drauf los. Die Mayflower, 
etwas sehr Schönes, Reines, Fanatisches, etwas das mir 
mit Umgehung der historischen Notwendigkeit eine 
reiche, lebendige Freude an dem Erdteil einflößt, dem 
wir entgegentreiben — ein altes Buch aus der Kindheit, 
wie gesagt! 

Jemand klopft mich auf die Schulter und fragt mich 
höhnisch: ,,ob ich auch wisse, wie ein Puritaner aus- 
gesehen habe?" Ich antworte: nun, ich denke, wie die 
Puritaner auf den schönen Stichen in Washington Irvings : 
„Didrik Knickerbocker's History of New York!" Darauf 
sagt mir der Mann: „Ja, wohl! Viel mehr aber haben sie 
noch ausgesehen, wie ein Londoner Sonntag-Nachmittag!" 
Darauf drehe ich mich lebhaft um und sage dem Mann 
ins Gesicht: „Gut, daß Sie mich daran erinnern!" 

Denn grad einer dieser berüchtigten und merkwürdi- 
gen Londoner Sonntagnachmittage, vor dem der phan- 
tasielose Kontinentale mit Siebenmeilenstiefeln Reißaus 
nimmt, verursachte es, daß ich jetzt auf diesem Schiff 
sitze, an der ungeschützten Steuerbordseite, von der ich 
Englands Feuer gesehen habe und seither, seit vier 
Tagen, nichts mehr als das Wasser und den Himmel und 
die untergehende Sonne jeden Gottesabend noch dazu! 
Ich habe es nicht vor, auf die Jagd in die Vernunft- 
gründe zu gehen, wenn es sich um etwas so Herr- 
liches wie eine Reise über See, durch gewaltige Städte, 
unendliche Prärien und Seen so groß wie Meere han- 

31 



delt. Sondern ich will lieber dem kleinen tickenden 
Schlag nachforschen, der einmal vom Herzen hinauf ins 
Hirn geklungen ist, und der elektrische Funke war da 
und die Lust entfacht, und es mußte nur noch" die Zeit 
abgerollt sein, die auf diesen irdischen Wegen den Wunsch 
von der Erfüllung trennt. Und dieses kleine Ticken, diese 
kleine Explosion des Motors hier drinnen habe ich an 
eben solch einem stillen und lautverlassenen Sonntag- 
nachmittag gehört, vor einem Jahr etwa, in London, wie 
gesagt. — 

Das war der Sonntagnachmittag, an dem ich den 
kleinen Narren im Hydepark hab predigen hören und den 
Kolonisten mit Weib und Kind in der Shaftesbury- 
Avenue hab mit dem Policeman stehen sehen und aus dem 
Anblick dieser beiden und aus der plötzlichen Erinnerung 
an das alte Kindheitsbuch von den Puritanern und der 
,,Mayflower" hat sich der Kontakt: Amerika ergeben 
und ist dagewesen und geblieben ein Jahr lang. 

Die Leute, die in den Vernunftsgründen beheimatet 
sind und Liegenschaften besitzen, sie wissen nichts von 
den Wegen der Seele und dem Dickicht, darin die Vögel 
singen und zwitschern. — 

Der kleine Narr im Hydepark war ein kleiner Narr, 
und ich müßte noch heute lächeln über ihn, glaubte ich 
nicht, daß dieZinzendorfs und die Menno Simon und Aba- 
die und Fourier und die Leute von Oneida wohl ähnHche 
Narreteien an sich gehabt haben, und alle die großen Un- 
zufriedenen und ins Irre laufenden Vorläufer jener, die 
heute unzufrieden sind, aber die Straße endlich gefunden 
haben. 

Er hatte ein große Tasche mit sich in den Park ge- 
bracht, wo an den Sonntagnachmittagen jeder reden und 
predigen und schwätzen darf, was ihm behebt, für Gott 
und gegen die Kirche, für den Menschen und gegen den 
Staat, keiner wird ihm das Wort verbieten hier in der 
freien Luft des alten Englands. Weder die Luft noch 
England wird um ein Atom schlechter dadurch. Ich 

32 



wurde auf den Narren aufmerksam, als er anfing, seine 
Tasche auszupacken, er hatte sein Podium mitgebracht 
in ihr. Vier dicke Ziegelsteine, drei davon waren aus 
Holz, und der vierte war die Bibel. Die drei Holzstücke 
legte er so auf die Erde, zwei nebeneinander, das dritte 
auf das rechts liegende, denn sein rechtes Bein war kürzer 
als das linke. Es war ein hinkender Narr, dieser Narr 
am Sonntagnachmittag. Er bestieg sein Podium, schlug 
auf seine Bibel und begann zu sprechen. Seine Sprache 
war die des wenig gebildeten Londoner Vorstadt-Cockneys, 
ich hatte Mühe, ihm zu folgen, aber sein Gesicht war 
schön und sein Feuer rein, nur wenige unter den Hörern 
lachten ihn aus. 

Was er redete, war eine große, in der Woche einstudierte 
Rede gegen die presbyterianische Kirche, die mit dem 
Gotteswort Geschäfte macht, gegen die Mächtigen, die 
die Bibel gefälscht haben, denn die Bibel strotzt vor 
Widersprüchen, und die Reichen fahren gut dabei, gegen 
das Parlament, das eine Lüge ist, und den König, der eine 
Lüge ist, und für Jesus, der arm und wahr war und dessen 
Worte klar durchstrahlen durch alle die Fälschungen 
hier in diesem Buch da usw. Ich werde mich hüten, zu 
erzählen und zu berichten, was er zusammenredete (ich 
könnte es, denn ich habe mir Notizen gemacht), er war ein 
ziemlich naiver Narr, dieser kleine, windschiefe Sonntag- 
nachmittagsparkredner. Aber ich glaube, um des Tonfalles 
willen, in dem er von dem wahren Jesus sprach, hätten 
ihn die Pilgerväter auf der ,, Maiblume" mitgenommen, 
und im Klub drüben säßen heut einige Aristokraten mehr. 

Der andere aber war der Kolonist. Seine junge Frau 
stand neben ihm, und er hatte sein kleines schlafendes 
Kind auf dem Arm. Das Kind hatte eine kleine blaue 
gehäkelte Mütze auf dem Köpfchen. Der Mann stand in 
einem alten abgetragenen, an den Schultern ganz grün 
gebleichten Militärmantel da, er hatte sehr schlechtes 
Schuhzeug an den Füßen. Er stand mit seiner Familie an 
der Ecke der Shaftesbury-Avenue im Sommerregen da und 

^ 33 



erzählte einem Schutzmann, den er um Auskunft über die 
Straße gebeten hatte, in der sein Lodging war, daß er 
morgen in aller Früh nach Liverpool fahren wollte, von wo 
er mit der „Empress of Ireland" weiter hinausfahren werde. 

Ich hörte den Namen des Schiffes, als ich an den vier 
Menschen vorüberging und ich sah das Kind auf dem 
Arm des noch jungen Mannes, und ich sah der Frau in 
ihr gramvolles Gesicht, ich glaubte, dies schon einmal ge- 
sehen zu haben: in dem wundervollen Bild von Ford 
Madox Brown: ,,TheLastof England", das ich zu Hause in 
einer Mappe mit anderen Reproduktionen der englischen 
präraffaelitischen Schule liegen habe. 

In meinem Boardinghouse erkundigte ich mich dann 
beim Abendessen, wohin die ,, Empress" fahre, und man 
sagte mir, daß sie nach Kanada fahre. Und dann, während 
ich nachts aus meinem Fenster auf die alten Bäume 
des kleinen Bedford Square hinaussah, da wußte ich es 
in mir drin, etwas war geschehen, ich werde bald in die 
Welt hinausfahren, und ich wußte sogar schon die Rich- 
tung mir anzugeben. 



CAPTAINS DINNER . 

Letzter Abend an Bord. Die Leute der ersten Kajüte 
kommen in großer Toilette zum Essen hinunter. Der 
Speisesaal ist hübsch dekoriert, bunte Crackers und Blu- 
men sind überall auf den Tischen, und kleinwinzige 
japanische Papierschirmchen, die die Frauen sich ins Haar 
stecken. Sie sehen, aufgespannt, wie große tropische Blu- 
men zwischen den Frauenhaaren aus. Viel Champagner 
kommt auf die Tische. Heute abend entscheidet es sich, 
ob die Freundschaften, die man zur See geschlossen hat, 
auf dem Festland von Dauer sein sollen oder nicht. Wir 
Schöngekleideten alle lehnen uns in unseren Stühlen 
zurück und schauen nach den anderen Tischen hinüber, von 
wo uns lächelnde oder gleichgültige Mienen Bescheid tun. 

34 



Oben auf dem Promenadendeck hat man einen Tanz- 
platz mit bunten Signalfahnen abgesteckt. Vom Dach, 
das heißt dem Sonnendeck, hängen bunte Glühlichter 
herab. Die Paare lüften den Vorhang, die deutsche und 
die amerikanische Flagge, ehe sie zum Tanz antreten. 
Die braven Stewarde spielen amerikanische Tänze auf, 
dazwischen einen biederen Ländler oder einen frisch in 
Wien fabrizierten Walzer. Das Publikum zeigt sich rasch 
vor Torschluß in einer neuen Funktion. Die w^ährend der 
Fahrt hin und her gelaufen sind oder bleich und gelang- 
weilt unter Decken gelegen haben, tanzen jetzt. Manche 
haben einen ganz befremdlichen Rhythmus, den ihnen 
keiner zugetraut hätte. Eine kleine bläßliche Dame, die 
sechs Tage lang in ein und demselben wässerigen Roman 
herumgeplätschert ist, hat plötzlich den Teufel im Leibe. 
Der Schwerenöter und Kartenschärfer vom Tisch nebenan 
tanzt mit seinem Flirt: der Flirt hält seinen Lockenkopf 
an das Plastron glattgepreßt, es ist, als tanzten zwei Rücken 
herum. Die männliche Hälfte aber tanzt wie ein junges 
Mädchen. 

Die Matrosen haben's nicht leicht diese Nacht. Einer 
versichert mich: heute wird nicht geschlafen. An Back- 
bord liegen schon die Postsäcke aufgeschichtet; morgen 
früh kommt der Postdampfer und nimmt sie auf. Eine 
Stunde, ehe wir in Hoboken einlaufen, sind die Säcke an die 
Bahnen verteilt. Ich steige über den Strick und sehe mir 
die Labels auf den Säcken an. Port au Prince, Yukon 
Pacific, Nicaragua — ich höre die Reiselust förmlich 
wiehern in mir. 

Auf dem Deck der zweiten Kajüte starrt ein riesiges 
Loch im Boden. Der Kran zwingt aus der fünfstock- 
tiefen Untiefe das Gepäck herauf, die Koffer, Kisten, die 
Fracht des Schiffes. LInaufhörlich kommt und geht die 
Riesenkette. Ich gehe um das ganze Deck herum und ge- 
nieße den letzten Abend auf dem schönen, mir lieb ge- 
wordenen Schiff. 

Vom Tanzboden her kommt ein Twostep geweht. Es 

3* 35 



tanzen die Amerikaner, die Deutschen, die Spanier, Der 
ganze Tanzboden ist voll von Tanzenden. Ei was: May 
und Marjorie, die beiden Töchter des toten Mannes, 
tanzen mit. Recht der Jugend! Sie haben weiße Seiden- 
blusen an, und die eine hat eine kleine schwarze Masche 
mit einer Diamantenagraffe an ihrer Brust befestigt. Sie 
tanzen sehr gut, ebenso der Bruder, ein wenig ausgelassen, 
— ausgehungert. Tanzt doch, ihr Lebenden. Ihr dürft 
es und könnt es, darüber besteht ja kein Zweifel. 

Im Drawing-room sitzt der alte Kommodore mit seiner 
alten Frau. Er hat das Puzzle vor sich, es ist immer noch 
nicht weiter als bis zur Hälfte gelöst. Man kann es schon 
erkennen: es wird ein Gainsborough- Knabe mit einem 
Reifen sein. Das alte Paar arbeitet seit Bremen an dieser 
Aufgabe. Hie und da nickt der alte weißhaarige Herr ein 
bißchen ein, seine Frau läßt ihn ruhig ein, zwei kleine 
Schnarchtöne ausstoßen und lächelt ihm dann zu, wenn 
er aufwacht und wieder nach den Holzplättchen greift. 

Die Frau des toten Mannes sitzt in einer Ecke und legt 
Patience. Ich lasse es mich eine Viertelstunde kosten und 
sehe von weitem, die Augen über dem Buchrand, zu, ob 
die Patience aufgeht. Nach einer Weile wirft die Witwe 
den Talon mit den aufgelegten Karten zusammen und 
beginnt eine neue Patience. Auch diese mißglückt. Dann 
eine dritte. In dem Gesicht der Witwe ist kein Zug, der 
Hoffnungslosigkeit ausdrückte. Sie ist nicht mehr jugend- 
Hch, ihr Gesicht ist fahl und gelb, aber ich fühle, sie legt 
die Patience nicht nur, um sich die Zeit zu vertreiben. 

Draußen ist die Nacht voll von Sternen. Die Zu- 
schauer vor den Flaggen sind rar geworden. Die Stewarde 
spielen ihren letzten Twostep, ein paar unentwegte Paare 
tanzen noch unter den Glühbirnen dahin, May und Mar- 
jorie tanzen. Der Bruder steht mit der Lockendame an 
einer dunklen Stelle des Decks. Wie ich vorübergehe, sehe 
ich: er versucht mit der glühenden Spitze seiner Zigarette 
ihre Hand zu berühren. Er ist noch ein halbes Kind, dieser 
kindische Bursche. 

36 



Auf dem Deck der zweiten Kajüte, drei Schritte weit 
vom Tanzplatz kommt und geht die große Kette. Aus 
der Untiefe hebt sie die Fracht des Schiffes, die Koffer 
und die Kisten herauf. Ehe ich schlafen gehe, sehe ich 
zu, ob nicht eine Kiste heraufkommt, die die Form eines 
Sarges hat ? Und wirklich, da kommt eine herauf, die sieht 
aus wie ein Sarg. 



EINFAHRT 



wir nun 



Elfter Juli früh. Den sechsten Tag haben 
kein Schiff gesehen! 

Die Schiffszeitung erzählt Schauermären von einer 
Hitzwelle, die über Amerika hinübergestrichen ist. Hier 
draußen schon fühlen wir sie zwischen Haut und Hemd 
hindurchstreichen, diese Hitzwelle. Von Massachusetts, 
sagt man, haben wir sie her bekommen. Mir ist's egal, 
woher, sie ist infam. Jemand macht auf einen leisen Ge- 
stank in der Luft aufmerksam: das sei schon der Ge- 
ruch von Newyork. Nun, das kann gut werden. Die 
Matrosen haben eine schlaflose Nacht hinter sich. Diese 
sympathischen, angestrengten Männer in zu weiten Hosen 
und mit Kinderkragen auf ihren kindlichen Blusen gehen 
geschäftig zwischen uns Passagieren hin und wieder. 
Das Hinterdeck ist mit Gepäck vollgestopft. Die Post- 
säcke liegen bis zur Decke aufgetürmt. 

Auf Zwischendeck ist alles sehr munter und steckt in 
Sonntagskleidern. Auf einmal haben alle Kragen um die 
Hälse, sogar Itzig und seine Söhne. Nur Frau Itzig hat 
ihre Alltagstracht bewahrt, hellgrauer Rock, weiße Bluse, 
das heißt . . . 

Jetzt rennt alles an die Reling. Dünne graue Striche 
sind am Horizont zu sehen, sie steigen, es ist das Land. 
Ein paar Schiffe kommen von Amerika her, Schiffe end- 
lich! Eine kleine Rauchwolke nähert sich uns, rasch. 
Das ist der Pilot, heißt es. Da ist also die Neue Welt. — 

37 



Es dauert nicht lang, und der Pilot ist ganz in unserer 
Nähe. Ein Boot stößt von seinem Schiff ab. Die Strick- 
leiter mit Holzsprossen kollert an unserer Schiffswand 
hinunter, der Pilot kommt an Bord des ,, Kaiser Wilhelm 
der Große". 

Drei fette alte Burschen, in Stadttracht und mit Zahn- 
stochern im Mund, pusten sich die Leiter herauf — das 
ist der Pilot. Ich kann nicht sagen, daß diese ersten drei 
authentischen Amerikaner mich mit Enthusiasmus er- 
füllen. Sie sehen aus, als sollten sie uns im nächsten 
Augenblick mit den drei elementaren amerikanischen 
Unarten bekannt machen, Gummikauen, Spucken, Hemd- 
ärmeln. Sie tun aber nichts dergleichen, und unser 
Interesse wird bald durch andere Dinge von ihnen ab- 
gelenkt. 

Man sieht jetzt mehr Schiffe und graue Streifen am 
Horizont. Berge, Farben, Inseln. Es ist ganz klar zu 
ersehen, was die Macht dieser Stadt dort im Hitzenebel 
begründet hat. Zwischen New Jersey und Long Island 
klafft ein Loch, und das ist die natürliche Pforte des 
Hafens. Dieser Hafen ist mit einer Unzahl von kleinen, 
unansehnlichen, schief im Wasser steckenden Pflöcken, 
winzigen roten Klingelboyen und Zeichen aller Art be- 
spickt, der Pilot ist nicht überflüssig, weiß Gott. 

Häuser werden sichtbar, Bungalows, Wald; ein sil- 
berner Strich unterm Grün, das ist Long Islands Strand; 
ein riesiges Rad, ich höre, es steht auf Coney Island. 

Und nun steigt auch schon, weit hinten hinter Long 
Islands Hügeln ein fester, durchsichtiger Rauch in die 
Höhe, eine Nebelfestung mit Türmen und Zinnen, schmal 
und fest zur Seite von Staten Islands Berg, der jetzt 
hervorkommt, weil wir uns drehen : das ist die Südspitze 
von Manhattan, die Stadt der Wolkenkratzer. 

Der „Moltke" der Hamburg- Amerika-Linie fährt an 
uns vorbei, hinaus, die italienische Flagge vorn gehißt, 
nach Genua — adieu! Eine kleine Insel gleitet näher, 
von Staten Island her, auf uns zu ; sie ist wie eine kleine, 

38 



kapriziös ausgezackte grüne Decke, aufs Meer flach drauf- 
gelegt. Eine menschliche Gestalt von ungeheuren Pro- 
portionen, Sonne in den grünen Falten ihres Gewandes, 
hat Fuß gefaßt auf ihr — dies ist Liberty Island, die 
Statue der Freiheit, die an der Pforte der Neuen Welt 
liegt: Freiheit, von Herzen Hurra, Hail Columbia! 
Hurra!! 

Gleich dahinter, allerdings, die breiten niederen roten 
Häuser, halb Lazarett, halb Gefängnis, mein Freund er- 
klärt mir, das sei Ellis Island, die Einwanderer-Insel, die 
schreckliche. (Von ihr später, viel später.) 

Allerhand kleine Schiffe haben sich jetzt an unseren 
Flanken festgelegt; wir stehen still, wie ein Pferd, von 
Mücken belagert. Da ist das weiße Postschiff, das Sani- 
tätsschiff, ich weiß nicht, was für w^elche noch. Die Yacht 
des New York Herald bringt die ersten wirklichen Zei- 
tungen an Bord, Börsenkurse summen um uns her, aber 
auch andere Zahlen: heute 103 Grad Fahrenheit, acht- 
zehn Tote bis Mittag. Bis herauf zum Sonnendeck, wo ich 
stehe, schwirren all die Zahlen her. Ich fahre jetzt, wir 
fahren auf die Riesenstadt zu, das Erste, was man von 
Amerika zu sehen kriegt und das Ungeheuerlichste zu- 
gleich. Es wächst, wächst am Horizont, höher, schaut 
jetzt aus wie eine Hand, die sich schmal und langsam 
in die Höhe streckt, man weiß nicht zum Willkomm 
oder wie eine Drohung. 

Wie eine Hand, wahrhaftig, kommt Manhattan aus dem 
Meer in die Höhe gestiegen, jeder Finger ist dreißig 
Stockwerk hoch und darüber. 

Wir fahren jetzt langsam, langsam. Die Seeluft ist 
weg, vergessen, es ist schon sehr heiß, obzwar's noch 
seine guten Wege hat mit Hoboken. 

Bei einer Wendung des Schiffes sehe ich die Hand dort 
vorne sich spalten. Die mittleren Finger gehen aus- 
einander, zwischen ihnen sieht man einen Strich, der mit 
Luft gefüllt ist — das ist Broadway, die große Straße der 
Stadt. Absonderlich, wie das dort ausschaut. Garnicht 

39 




wie Wirklichkeit, sondern wie eine dünne Kulisse mit 
nichts dahinter, wahrhaftig. 

Viel deutlicher ist schon die Reklameinschrift rechts 
unten, in Brooklyn zu sehen. So etwas wie ein wagerechter 
Wolkenkratzer, knapp über der Hafenlinie, etliche Kilo- 
meter lang — ein Bitterwasser wird angepriesen ! 

Die Pyramiden Ägyptens versetzen einem einen ähn- 
lichen Schlag ins Genick, wie die Wolkenkratzerstadt 
Manhattan von der Bai aus zum erstenmal gesehen, 
sagte mir der Vornehme. Nun, ich mach mich auf den 
Schlag bereit. Ich wünschte, man würde die Bitterwasser- 
Reklame dort wegkratzen, auch sie hat etwas Monumen- 
tales, ich warte und bereite mich auf den Schlag vor. Ich 
habe die Pyramiden nicht gesehen, aber hier, was ich 
jetzt im Drauflosfahren auf die Insel Manhattan-Newyork 
empfinde, ist ein bizarres, gemischtes Empfinden von 
Unbehagen, Widerstreben, Staunen, ohne Befreiung des 
Gefühls vom Denken, alles eher als ein großes, unbe- 
dingtes, aufatmendes: Ah! 

Und die Manhattan-Spitze dreht sich weiter. Broad- 
way ist weg und die Häuser sind jetzt gut zu sehen, große 
viereckige Ziegelsteine mit Poren, nein, besser gesagt, 



40 




:' *^,^Ä^Or<f*1^ '*--; 




große aufrecht hingestellte holländische Waffeln, nein, 
riesige Siebe mit Löchern drin, das ist's : Siebe, mit un- 
geheuer vielen Löchern. Da stehen sie beieinander. Man 
kann sich nicht denken, daß da drinnen Menschen leben 
sollen, daß hinter jenen Löchern dort menschliche Wesen 
mit Augen, Nasen und Haaren auf dem Kopf ihr Leben ver- 
bringen. Oben sind an die Siebe winzige weiße wehende 
Rauchfähnchen angebunden, dieWinzigkeit dieser Fähnchen 
macht den Anblick dieser Mordskasten vor uns nochunbehag- 
licher, jawohl. Ich drehe mich anders herum, lasse die Stadt 
dort hinten sich ruhig um ihre Achse drehen und besehe mir 
die Stadt der Schiffe hier unten, statt der Stadt des Steins, 

Wirklich, diese Stadt der Schiffe, die Manhattan ein- 
säumt, ist einzig, überwältigend. 

Schlote und Mäste, ungeheure Hallen, auf den Piers 
hinaus ins Wasser geschoben; aus ihnen lösen sich zu- 
weilen schwere braune Inseln los und gleiten in den 
Strom, den Hudson, in den wir jetzt einfahren. Es 
sind die Fähren. Sie tragen Eisenbahnzüge, Wagen, Auto- 
mobile, Vieh und Menschen auf ihren Rücken. Ein 
dumpfes, klagendes Gebrüll und die Insel ist vorbei ge- 
schwommen. Alte Schiffe, mit Pendeln auf dem Rücken, 



4^ 



lenken an uns vorbei. Ein Abfallschiff stinkt penetrant 
seines Weges daher, hinaus auf eine Insel bei Rockaway; 
es trägt den Duft „Newyorks" hinaus, den wir schon von 
weitem gewittert haben. Jetzt zeigt man sich die weißen, 
fünf Stockwerke hohen Schiffe der Hudson-Linie; schon 
denke ich daran, daß ich auf einem dieser Paläste bald 
hinauffahren werde ins Land und fort von Newyork. 
Und die Stadt der Riesensiebe verschiebt, verschiebt sich. 
Die Wolkenkratzer sind grau, gelb, bräunHch, zumeist 
aber monoton graugelb. Plötzlich sehe ich etwas wahr- 
haft Schönes in der Ferne über dem Gewimmel der löche- 
rigen Häuser auftauchen. Eine riesige rote Spinne, die auf 
ihrem Rücken eine rote stachelige Blume trägt, kriecht mit 
langen Spinnenbeinen über die Dächer weg — es ist das 
Eisengerüst des neuen Municipal-Building, eine Kon- 
struktion, die eines der höchsten Häuser Newyorks krönen 
wird. Dieser rote Fleck ist schön; ich habe etwas gemerkt 
und schreibe es mir auf. Das Gerüst ist schön und das 
Fertige ist häßlich. Das heißt die Energie, die hinter 
diesen Ungetümen steckt, geht mich näher an, als die 
Resultate, die sie hervorgebracht hat. Wir sind in New^- 
york, und der Choc ist ausgeblieben. Ich wäre ein Lügner, 
wollte ich behaupten, ich hätte eins im Nacken gespürt. 

Aber unter diesem Allzugroßen, nicht Überwältigenden 
lebt die Stadt. Manhattan, das spitzige Tier, sticht wie 
ein Tausendfüßler mit seinen unzähligen Piers wie mit 
giftigen Stacheln nach uns. „Kaiser Wilhelm der Große" 
gleitet ruhig an ihnen vorbei, zwischen Manhattans und 
Hobokens Stachelspalier hindurch, den Piers des Nord- 
deutschen Lloyd entgegen. 

An Bord kümmert sich keiner mehr um den anderen. 
Alle Augen sind auf ein weißes viereckiges Loch gerichtet, 
das, nicht mehr weit von uns, in einem schwarzen breiten 
niederen Haus auf der Hoboken-Seite flimmert. Dort 
warten Menschen in hellen Kleidern auf unser Schiff, 
schwenken Tücher, sind aufgeregt und flimmern in der 
wahnwitzigen Hitze. 

42 



Neben mir zieht einer seinen Rock aus und entfaltet 
eine kleine weiße Fahne mit rotem Viereck darin — eine 
ähnliche antwortet ihm aus dem weißen flimmernden Loch. 

Die großen Lettern North German Lloyd, die in der 
Nacht über dem Hudson aufglühen und verschwinden, 
sind jetzt auf den drei Piers vor uns zu lesen. Wir drehen 
uns langsam und laufen den südlichen der drei Piers an. 
Unten vor dem offenen Tor des schwarzen breiten Hauses 
steht ein kurzer, unnatürlich dicker Kerl breitspurig da 
und blickt unter seinem Sombrero patzig zu uns hinauf. 
Die Menschen aus dem flimmernden Loch sind jetzt alle 
auf die Ankunftsseite hinüber gelaufen und brechen in 
ein delirierendes Erkennungsgebrüll aus. Von unserm 
Schiff antwortet man. ,, Kaiser Wilhelm der Große" 
knarrt mit einem Ton, der sich norddeutsch anhört wie: 
„Uff!" an den Pier an. Ich nehme meinen Paletot und meine 
Handtasche und gehe übers Brett hinunter nach Amerika. 



HITZWELLE 

Im Hotelzimmer lasse ich gleich den Ventilator surren, 
das Badewasser laufen und führe mir die Eisstücke, 
die der Kellner im Porzellankrug hereingebracht hat, 
über den Leib spazieren. Aber all dies ist eitler Dunst vor 
dieser Höllenhitze dort draußen und da drin. 

Aus meinem Fenster habe ich den Blick tief hinunter 
auf einen kleinen Park. Ich sehe im Baedeker nach: es 
ist Bryant Park. Ein paar Dutzend Leute liegen wie tote 
Fliegen, mit Hemd, Hose und Schuhen bekleidet, dort 
unten auf den Bänken herum. Rings um den heißen 
Rasenfleck stehen Häuser, lange und schmale, wie Spargel, 
ganz winzige mit geteerten Dächern daneben, und dann, 
nah und fern, wieder diese ungeheuren durchlöcherten 
Kasten, diese viereckigen aufrecht hingestellten Siebe, 
grau und stupid, mit fünfstockhohen Reklameschildern 
und Anpreisungen von allem Möglichen auf dem Deckel. 

43 



Wirklich, ich kann momentan den Anblick dieser Stadt 
nicht vertragen. 

Ich setze mich, so wie ich bin, mit dem Rücken gegen 
das Fenster, gleich habe ich den Rücken voll Fliegen. Wie 
ein armer zuckender Gaul trachte ich, mir die lästigen 
Tiere durch kleine Stöße vom Leibe zu halten. Ich sitze 
zwischen dem Ventilator und dem Fenster, krame in 
meiner Handtasche herum und lese in der Zeitung, die 
der Kellner mit dem Eiswasser hereingebracht hat. Diese 
Welle liegt nun schon den achten Tag über Newyork. 

Ein paar Leute sind luftschnappend aus Wolkenkratzern 
in die Atmosphäre hinuntergefallen. Frauen im Osten 
der Stadt haben Eisläden geplündert. Ein Riese in der Vor- 
stadt Bronx ist plötzlich irrsinnig geworden, fing an, Amok 
zu laufen, und hat drei Schutzleute in Schaufenster und 
Rinnsteine geschleudert. Long Island ist eine einzige Bade- 
stube der ganzen Länge nach, viele Meilen weit. Die gelbe 
Presse irrt sich um eine Null bei der Addition der Todes- 
fälle, aber auch so ist es ein hübscher Empfang bei Gott. 
Und der Höhepunkt von allem : ein Geistlicher in Newark 
hat das Wort : ,,damn" von der Kanzelherab ausgesprochen ! 
„Damn the Ice-Trust!" Das sind die historischen Worte, 
die der brave Reverend Shreve Osborne von der Kanzel 
der Trinity Episcopal Church herunter in die erschreckt 
auffahrende Menge seiner Schafe geschleudert hat. Meine 
Absolution hat er — denn das Eisstück, mit dem ich mich 
eingeseift habe, ist bis auf Nichts zusammengeschmolzen, 
schon schwemmt mir die infame Welle das letzte Atom 
von kühlem Wasser wie einen Rauch vom Leib her- 
unter und der Schweiß stürzt ihm aus allen Poren nach. 

Soll ich in dieser Stimmung aufschreiben, was für ein 
Gesicht Newyork mir gemacht hat vom Pier in Hoboken 
über Broadway hierher bis zur Ecke der 42. Straße? 

Broadway ist das Absurdeste, was ich je gesehen habe. 
Eine Stadt, arme Viertel, reiche Viertel, große Häuser, 
kleine Häuser, ist durcheinander geraten; sagen wir, ein 
barbarischer, Amok laufender Riese hat ihr von der Seite 

44 



her einen Tritt gegeben, und als alles kunterbunt dalag 
und durcheinander, da hat das drei Monat alte Riesen- 
kind in dem Haufen herumgewühlt und die Häuser wieder 
aufgestellt, neben- und übereinander. Ärmliches Haus, 
Palast, vier Häuser übereinander, kein Haus, kein Haus, 
zwölf Häuser übereinander, winziges Haus, tiefes Loch, 
kleines Vorstadthäuschen, Palast, siebenunddreißig Häuser 
übereinander — das ist Broadway. Es wird einem schlecht, 
wenn man da durchfährt. Ich stecke den Kopf aus 
meinem Fenster — es ist nicht zu beschreiben, wie diese 
Stadt aussieht. Das bayrische Viertel in Berlin, in dem 
man stundenlang zwischen den hochherrschaftlichen 
Häusern herumlaufen kann, bis man eines trifft, das nach 
einem Haus aussieht, das bayrische Viertel ist ein schlichtes 
inniges Volksliedchen gegen diese Papua-Musik gehalten. 
Ich ziehe den Kopf wieder zum Fenster herein, nehme mir 
vor, europäische Schönheitsbegriffe zu meiden, und stecke 
dann meinen Kopf mit kosmopolitisch objektiven Aug- 
äpfeln wieder zum Fenster hinaus. 

Daß diese Stadt schön ist, das wird mir keiner einreden, 
auch nicht der vorzügliche Radierer, Lithograph und 
Whistlerschüler Penneil, der als Erster mit großer Kunst 
die „down town", die Wolkenkratzer Newyorks, verwertet 
hat und der ein Piranesi des heutigen Newyork genannt 
werden darf. 

Ich habe jetzt Newyork ein paar Tage lang kreuz und 
quer durchstreift und muß sagen, es ist eine häßliche, 
abnorm und trostlos häßliche Stadt und dabei nicht ein- 
mal zweckmäßig aufgebaut ! Dieses Gestrüpp von Häusern 
von grotesk ungleichem Kaliber scheint mit einer Ge- 
schwindigkeit von 100 Kilometern in der Stunde zu- 
sammengehext zu sein, damit die Leute in ihr nur ja rasch 
ihre Geschäfte unter Dach und Fach herunterwirtschaften 
können. Ein Automobil, eine Bahnhofshalle sind bei 
Gott nicht schön, das ist so eine heutige Zumutung, und 
wer einmal ein altes Schinkelhaus oder einen friderizia- 



45 



nischen Schlitten gesehen hat, der kann gleich konstatieren, 
wo die Grenzen von Schön und Zweckmäßig gezogen 
sind. 

Newyork hat einige Teile, von denen man sagen kann, 
sie sind schön, die aber sind nicht Newyork, sondern Nach- 
ahmungen von Paris und London. Riverside Drive am 
Hudson ist die Avenue du Bois, Gramercy Park und die 
fünfte Avenue um Washington Square herum eine genaue 
Kopie von Bloomsbury, die fünfte Avenue in der fashio- 
nablen Gegend ein Abklatsch von Piccadilly und Bond 
Street, und die Bankgegend der unteren Stadt sieht, wenn 
ich meine Hutkrempe niederbiege und die Häuser dadurch 
plötzlich nicht höher sind als drei Stock hoch, genau aus 
wie London um die Börse herum. Auch andere Stadtteile, 
die Bowery, die erste, dritte Avenue gleichen auf ein Haar 
den entsprechenden Londoner Gegenden, Houndsditch, 
der Tottenham Straße. Der berühmte und berüchtigte 
Broadway aber ist ein Kauderwelsch, ein Sammelsurium 
von allen möglichen Unarten, als Straße absolut un- 
charakteristisch. Wer von einem Stil Newyorks spricht, 
muß sich also wohl oder übel mit den fatalen W. (ich 
meine die hohen Häuser, das Wort ist scheußlich und 
zu lang!) beschäftigen, denn die repräsentieren Newyork 
und das heutige Leben des Mittelpunktes von Amerika. 

Am siebenten Tag warte ich noch darauf, daß mir der 
W. „aufgehe". Wenn der W. mir „aufgegangen" sein 
wird, fahre ich ab. Ich will bald hinauf nach Kanada, 
mein Hotel ist viel zu teuer, und dann bin ich ja diesen 
Winter wieder hier. Mit dem W. muß ich aber jetzt gleich, 
diesmal, fertig werden, denn er ist nicht nur das Problem 
von Newyork und Amerika, sondern ein Problem dieser 
heutigen Zeit überhaupt. Man kann vom W. nicht reden 
wie von einem Automobil oder einer Bahnhofshalle, denn 
er hat seine Fasson nicht von der Zweckmäßigkeit erhalten. 
Daß 3000 Bureaus in einem Haus beisammen sind, ist keine 
Notwendigkeit, eher vielleicht, daß sie so nahe zur Börse 
oder Bank sind, wie irgend möglich. Nur kann ich mir 

46 




Zehn Stockwerke 



fünfzig hundert: 



II 



nicht denken, daß um elf Uhr aus jedem dieser Bureaus 
ein Mensch die Lifts hinunterschießt und mit zehn Schrit- 
ten an der Börse ist. Aber ich will, ahnungslos wie ich 
schon bin, annehmen, daß dies der Fall ist und daß die 
Notwendigkeit, es so bequem zu haben, die Preise der 
Grundstücke hier unten auf der Südspitze von Manhattan 
so wahnwitzig in die Höhe getrieben hat. Auf alle Fälle 
mußten die Stockwerke diesen Grundpreisen in ihre schwin- 
delnde Höhe nachklettern, und das ist also die ästhetische 
Grundidee des W. Vor den Pyramiden hoffe ich einst 
den Choc zu erhalten, von dem man mir auf dem Schiff 
berichtet hat und den uns Heutigen die Macht und 
Selbstherrlichkeit in Jahrtausende weiter Entfernung noch 
immer versetzen. Wenn ich mir aber jetzt an der Ecke 
von Wall Street den Hals verrenke, so denke ich mir 
doch nur — der Kerl, der dort eine Orangenschale 
wegwirft, bedeckt mit ihr eine Viertelmillion Mark oder 



47 



so, und bin nicht im geringsten erscküttert. Es ist mir 
auch gleichgültig, daß sie jetzt ein Haus mit loo 
Stockwerken bauen wollen. Bitte. Meinetwegen mit 
siebzehntausend. Das zu hindern, ist so unmöglich, wie 
einen Ventilator mit dem Finger zum Stillstand zu 
bringen. 

Vor drei Tagen blieb ich noch vor den Grundgrabungen 
des Woolworth-Building stehen und probierte, ob ich 
mir Respekt abringen könnte angesichts der Tatsache, 
daß dieses Haus 56 Stockwerke hoch sein wird. (Wool- 
worth ist der Mann der fünf und zehn Cents-Bazare im 
ganzen Land; für das Grundstück — etwa dreißig 
Schritte im Geviert — hat er vier und eine halbe 
Million Dollar bezahlt; die acht Millionen, die zum 
Bau einstweilen benötigt werden, hat ein Berliner Mann 
in Frankreich aufgebracht, ein W. ist also keine so spezi- 
fisch nationalamerikanische Tatsache oder Sünde oder 
wie man's nennen will.) Heute las ich, daß man eben dabei 
ist, ein Loch in den Boden zu graben, auf dem sich ein 
Haus mit 100 Stockwerken erheben soll. Der interessante 
ungeborene Woolworth ist somit schon im Mutterleibe 
ein bedeutungsloses Zwerglein geworden. Rekords. 

Der Mutterleib — der gute Mutterleib der Insel 
Manhattan ist Felsen, solider Felsen, und jedes 100000 
Dollar-Bröckelchen Terrains muß mit Schießpulver und 
Dynamit herausgeknallt werden. Was ich bei der Ein- 
fahrt, beim Erblicken der roten Spinne gefühlt habe, 
das fühle ich, wenn ich in das Loch unter Woolworth 
hinunterschaue, wieder: unbegrenzten Respekt vor der 
Arbeit, die hier getan werden muß und wird, um solch 
eine turmhohe Absurdität nachher als Resultat zu er- 
zielen. 

Ich möchte mich gern gegenüber Woolworth ein- 
quartieren und ein bißchen zusehen, wie die harten Jungen 
mit dem Felsen und dem Eisen und all den schweren Wi- 
derständen fertig werden, aber ich habe keine Zeit. Ich 
bleibe nur eine Stunde lang auf dem Holzsteig stehen, 

48 




Broadway im Geschäftsviertel 

lasse mich von der Menge, die über den Broadway schiebt, 
puffen und blau stoßen und sehe und höre zu, wie die 
Jungen 130 Fuß tief in die Caissons niederfahren und blut- 
rot wieder heraufkommen an die sengende Sonne. Wie die 



49 



Karren donnernd hin und her rollen. Wie die Eisen- 
traversen, von den Derricks gefaßt, langsam in die Höhe 
pendeln. Wie der Schachtbohrer zischt und wettert und 
der ihn bedient, zittert und hin und her gew^orfen wird 
auf dem Eisenrand. Wie die Signalpfeife schrillt und 
warnt. Wie Mut und Kraft am Werke sind in der Hitze 
dahier, in und über diesem ausgehöhlten Viereck, bei 
dessen Anblick ich nicht mehr an Dollar und Millionen 
von Dollar denke, sondern an Leben und Tod, die hier 
am Werke sind. 

Wie ich dann den Broadway lang zu meinem Hotel 
zurückgehe, zum erstenmal ein bißchen betäubt von 
Newyork und begeistert von Newyork, und den himmel- 
hohen Wolkenkratzer erblicke, das sogenannte „Bügeleisen" 
an der scharfen Ecke der 5. Avenue undMadison-Square — 
da konstatiere ich etwas und schreibe es mir ins Gedächtnis 
auf. Nicht das ungeheure Bauwerk ist es, das mich mit 
Staunen und Ehrerbietung erfüllen kann je und je — 
sondern jawohl der kleine brüllende Zeitungsjunge, der 
unten auf der Straße vor dem spitz zulaufenden Bug des 
,, Bügeleisens" steht und dem die bedruckten: „Peipers", 
d. h. Papiere, aus der Hand heraus und die Cents in die 
Hand hinein fliegen. 



NEWYORKER 

Nach 7 Tagen in Newyork, bei einer Durchschnitts- 
temperatur, die einen Heiligen unwirsch machen 
könnte, finde ich nichts, was mich mit Haß oder Ver- 
achtung gegen die viel verleumdeten Newyorker erfüllen 
könnte. Kauen tun sie wohl, aber, Herrgott, laßt sie 
doch kauen! Ihr Klima absorbiert viel Feuchtigkeit, 
darum müssen sie viel Wässeriges in sich hineinpumpen, 
davon werden ihre Magenwände unwillig, und der Spei- 
chel muß nachhelfen. Auch sind ihre Zähne schlecht 
und brauchen Betätigung. Sie werden wohl das Kauen 

50 




Das 



Times- Building 



nötig haben. Solange sie mir ihren ausgelutschten Kaut- 
schukbrocken nicht auf die Stuhllehne schmieren, kann's 
mir gleichgültig sein. 

Und was die Hemdärmel anbetrifft: ich habe selber 



51 



von 
I 



am zweiten Tag nach meiner Ankunft mutig den Rock 
über den Arm gelegt und hab mich mit meinem reinen 
Hemd unter den andern Reinhemdigen ganz wohl gefühlt. 

In diesen mit flüchtigem Herumstreifen angefüllten 
ersten Tagen war einer meiner besten Eindrücke 
Newyork: man sieht keine Uniformen auf der Straße 

Ich komme aus Berlin und weiß diese Wohltat zu 
schätzen. Aus Berlin, wo sogar die Nachtwächter als 
nachgemachte Leutnants herumlaufen, und der grim- 
mige Funktionär, der mir den Strahl von seinem 
Wasserwagen auf die Hose dirigiert hat, mich hoch von 
seinem würdigen Bock herunter anschnauzen darf, weil 
er eine staatlich sanktionierte Uniform am Leibe trägt. 
Die Uniform wie der Lakaienfrack ist doch das Zeichen 
dafür, daß einer dient, nicht daß er befiehlt, es mögen 
von ihr so viele Orden herunterbaumeln, wie nur irgend 
drauf Platz haben. Die Vorstellung, daß einer, der auf 
seinen Knöpfen Zahlen oder Reliefs hat, mir, der ich mit 
simplen Hornknöpfen herumlaufe. Befehle erteilen darf, 
ist eine europäische Vorstellung, das seh ich schon. In 
Amerika, an dessen Pforte die Freiheit ihre Fackel hoch- 
hält, ist die Uniform aufs Minimum reduziert. Der 
Mann, dem ich in der Tram meinen Nickel zu bezahlen 
habe, trägt eine Mütze, die mich darauf auf merksam macht, 
daß Er der Mann ist, dem ich meinen Nickel zu bezahlen 
habe, sonst aber sein graues oder blaues, fertig gekauftes 
Gewand. Ein Preuße, dieser Dinge nicht gewohnt, 
mag an der nächsten Haltestelle entrüstet aufspringen 
und dagegen Einspruch einlegen: daß soeben vorn ein 
ältlicher, hemdärmeliger Herr mit einer Zigarre im Mund 
auf den Tramwagen aufgesprungen ist und die Kontakt- 
kurbel zu drehen anfängt, ohne die Zigarre aus dem Mund 
zu tun. Es ist ein staatlich sanktionierter geprüfter Mann, 
obzwar er kein Abzeichen seiner Würde auf sich genäht 
hat, beruhige dich, Mitteleuropäer! Er wird ohne Auf- 
hebens: ,, Hallo, my boy" rufen, wenn an der nächsten 
Straßenecke Mr. Taft ihm ein Zeichen macht, daß er 



52 



aufzusteigen gedenke. Er verdient seinen Unterhalt wie 
dieser, er ist „in his Job" und Taft ist in seinem, genau 
so der eine wie der andere. 

Ich sitze in der Halle meines Hotels unten, plötzlich ist 
Militärmusik zu hören. Alles stürzt hinaus, das Militär zu 
sehen, ich stürze mit. Ein Regiment marschiert vorüber, 
in bequemem, zweckgemäßem Khaki, es ist heiß, Röcke 
offen, Hosengurt locker, Hemd über dem Hals frei, Ge- 
wehr so herüber und so herüber, eine Schar von Gentle- 
men, Offiziere und Mannschaften tragen ihr Gewand 
im Bewußtsein, daß es das für ihre Zwecke entsprechendste 

sei, das es gibt ich habe in meinem ganzen Leben 

noch nie Soldaten und Offiziere von so intelligentem Aus- 
sehen gesehen, wahrhaftig. Es ist kaum einer unter ihnen, 
den man sich nicht in Harvard, Yale oder Cornell vor- 
stellen könnte, auf einer Universitätsbank sitzend. Das 
Publikum meines Hotels macht liebevolle Augen, die 
Gentlemen aber schiert das wenig, sie gehen, rauchen, 
kauen, reden mit ihrem Vordermann oder Nebenmann, 
putzen sich die Nase, wischen sich die angelaufenen Kneifer 
sauber, es gibt keine Wehrpflicht, sie verdienen sich 
ihr Brot, „they are in their Job". — Hier herüben wird 
keiner von den jungen Staatsbürgern, wenn man ihn nach 
dem Mittagessen in seinem Elternhause aus Höflichkeit 
zwischen die Knie nimmt und fragt, nun Kurtchen, was 
willst du einmal werden : neben dem Beruf des Aviatikers 
und Chauffeurs auch den des Leutnants angeben, weil 
der so schön angekleidet ist; hier herüben gewiß nicht. 

Das einzige (unauffällig) kostümierte Wesen, das mir 
hier in Newyork bisher begegnet ist, ist der Schutzmann, 
der Bobby. In Preußen geht er bekanntlich herum, damit 
keiner von den Zivilisten auch nur einen Augenblick 
vergessen soll, daß einer hinter ihm her ist. Hier, glaube 
ich, nach den unsympathischen Gesichtern dieser ir- 
ländischen und schlechtbeleumundeten Individuen zu 
schließen, ist ihre LTniform eine Mahnung an den Pas- 
santen: Hilf dir selbst! 



53 



Ich glaube, wenn ich meinem Kombinationsvermögen 
das Bummeln freigebe, wie meinen Füßen und Augen in 
diesen paar Tagen dahier: ich glaube, diese Abwesenheit 
von Uniformen hängt irgendwie unterirdisch mit der 
Ursache der Klagen meiner Newyorker Bekannten zu- 
sammen, über die Phantasielosigkeit und Nivellierungs- 
sucht des Amerikaners. Jede noch so geringe Auffällig- 
keit in der Tracht und im Privatleben, in den Äuße- 
rungen und in der Betätigung des Einzelnen soll hier 
streng geahndet und verurteilt werden, höre ich viele 
klagen, und ich fange an, das an Kleinigkeiten vor- 
erst ringsum wirklich zu bemerken. Davon später, im 
Herbst. 

Abends, w^enn die hohen Häuser des Geschäftsviertels 
das Mammonfutter der kleinen Leute alle aus ihren 
Toren speien, und die kleinen Leute laufen eilig nach 
den Fähren und heim, nach Brooklyn, Bronx, Hoboken, 
da stehe ich an einer Ecke und sehe zu, wie diese ge- 
sitteten, bleichen, von harter Arbeit erschöpften Menschen 
an mir vorbeilaufen. Nachts streiche ich in den ver- 
rufenen Vierteln der Bowery, von Chinatown, tagüber 
in allen vier Ecken der Stadt, bei den Juden, den Arme- 
niern, Italienern, Franzosen, in den Docks' und Massen- 
quartierstraßen herum. 

Ich erinnere mich an einen kleinen polnischen Schneider- 
gesellen, der letzten Sonntag nachmittag neben mir in 
der Bibliothek sich Mickiewicz in der Ursprache hat geben 
lassen. Ehe er den Lederband in die Hand nahm, hat er 
seine schwitzenden und zerstochenen Finger erst ein paar 
Minuten lang mit seinem Taschentuch gerieben und ge- 
rieben und getrocknet und gesäubert, ich habe ihm zu- 
gesehen, es war sein freier Nachmittag. — 

In der Bowery torkelt ein betrunkener Kroat bei Nacht 
herum, hält einen halben Zehn-Dollar-Schein in der 
Hand, schwitzt und flucht. (,,Porco Dio, ich bin ein 
Italiener!" flucht dieser ungarische Kroat — auf deutsch! 

54 




Brücke nach Brooklyn 

Das ist Österreich!) Er ist eben angekommen, eine 
Menschenmenge ist im Nu um ihn herum, ich mitten 
drin. Alle Sprachen der Welt sind zu hören — Dollar 
ist das einzige Wort, das alle zusammen in der selben 
Sprache aussprechen. Alle wollen wissen, was es mit dem 
zerrissenen Schein auf sich hat. Der Kroat hat noch drei 
ganze in der Hand, fuchtelt mit der Hand, flucht und 
heult. Um ihn her der ,, Abschaum" der fremden Stadt. 
Aber alles hilft; alle suchen; wo ist die verlorene 
Hälfte vom Zehndollarschein geblieben; alle wollen aus 
dem armen Hund herauskriegen, wo er herkommt; 
rennen in alle Butiken, alle Spelunken rings, helfen, suchen, 
fragen — und fangen erst zu lachen an, wie der Porco-Dio- 
Mann auf der Straße niederkniet und anfängt, mit in- 
brünstigen Küssen auf seinen schmutzigen Rosenkranz 
seine Madonna um Beistand gegen diese Schweine hier 
herum anzuflehen! — • 

Ich speise in einem der kleinen ,,quick-lunch"-Restaurants 
in einer Seitengasse des Broadway zu Mittag. An dem 
langen Eßtisch ist nur ein Platz frei, neben mir. Ein 
Mensch kommt zur Tür herein, ich seh ihn kommen da 
sitzt er auch schon neben mir. Er ist abstoßend häßlich, 
sieht gemein und gierig aus. Das ist der Mann vom Broad- 
way, sag ich mir, einer von der übelsten Straße dieses 
Kontinents. Wenn er schon da sitzt neben dir und dir 
den Appetit ruiniert, entschädige dich, indem du ihn 

55 



von der Seite her beobachtest; schau dir das Exemplar 
mal gut an. 

Er bestellt sich eine Schale mit Reis, eine kleine Flasche 
mit Milch, kriegt sein Brot, manscht all das durchein- 
ander und beginnt gierig zu fressen. Er ist arm, das 
Gericht da ist das Billigste auf dem Zettel, er schlingt es 
hinunter, man hört den ganzen Apparat, ich sitze da 
und warte. Bei dem letzten Mundvoll beginnt er das 
Geld aus seinen Taschen centweise zusammenzukratzen, 
er hat wenig Zeit, Gott sei Dank, ich habe ihn nun 
gesehen, er mag abfahren. Er hat das Geld jetzt bei- 
sammen — was ist das ? Er schiebt dem Mädchen 5 Cent 
hin, dazu ist man ja hier garnicht verpfHchtet! Aber, 
5 Cent hin, 5 Cent her, er wird jetzt gehen, Gott sei 
Dank. Ich habe mir in Scheiben geschnittene Pfirsiche 
mit Milch bestellt und warte, bis der neben mir aufsteht, 
um mir mein Essen nicht durch seine unrasierte, klebrige 
Gegenwart zu verekeln. 

Er steht auf, zieht seine Hose mit einem Ruck in die 
Höhe, und ich bohre wie auf Kommando meinen Löffel 
in den Pfirsich auf meinem Teller. 

Nach fünf Schritten kommt der Mann zurück, schiebt 
mir seine noch zur Hälfte volle Flasche Milch hin und 
sagt: Diese Milch schmeckt besser zu Pfirsichen, ich ver- 
sichere Sie, als die, die Sie bekommen haben. Es ist eine 
andere Sorte Milch — „use"! Dann trollt er sich, ohne 
meinen Dank abzuwarten. 

Ich esse Pfirsiche nie mit Milch dazu, diesmal aber 
schütte ich die halbe Flasche des Mannes vom Broadway 
auf meine Pfirsiche und löffle das Ganze langsam hinunter. 

Einer von dem Broadway. Ein häßliches, armseliges, 
übel lebendes Menschenexemplar. Aber weshalb soll ich 
in ihm nicht den typischen Menschen dieser Straße und 
dieser Stadt sehn? Damals, wie er hereinkam, gierig und 
gemein aussehend, damals war er der typische Mann vom 
Breiten Weg — und jetzt, wo er mir Gutes getan hat, 
sollte er es auf einmal nicht mehr sein? 

56 



Poe hat den „Mann der Straße'* in einem unheimlichen 
Bummler durch die nächtige Stadt gesehen, und seither 
ist das der Mann der Straße. 

Jener hier aber kam herein, setzte sich an die Seite 
eines Unbekannten, der gegen ihn nur Übelwollen im 
Herzen empfunden hat, obzwar er nichts wußte, dieser 
in einem teuern Hotel der Stadt Lebende, von ihm, 
dem Kämpfenden, Cents aus allen Taschen Zusammen- 
kratzenden. Der Arme hat dem Reichen sein Übel- 
wollen mit Gutem vergolten. Er hat an seinen 
Nebenmenschen gedacht in seiner Armut, der Mann 
vom Broadway. Und wenn ich auf Broadway, der 
übelsten Straße des Kontinents, an der Ecke dieser 
kleinen Nebengasse hier vorüberkommen werde fortan, 
dann werde ich einen Geschmack von Milch auf den 
Lippen spüren, milde und besser schmeckend als die Milch, 
die man sich kaufen kann für Geld. 



DIE WOLKENKRATZER VON OBEN UND BEI 
NACHT GESEHEN 

Singer-Building, Nähmaschinen-Singers Haus, ist 47 
Stock hoch, an dem teuersten Fleck der teuren Süd- 
spitze von Manhattan gebaut. An einem Tag wie dieser 
heute sieht man von oben über 30 Meilen in die Runde. 
Die Plattform befindet sich auf der 42. Etage. 

Da liegt sie nun, die ganze herrliche Küste, von der an- 
deren, der Stadtseite gesehen diesmal. Die innere Bai 
mit der Dame Freiheit, die auch von hier oben herr- 
lich und majestätisch anzuschauen ist, weil sich ein 
Begriff in ihr verbindet mit einem Gefühl, weil sie 
ein Kunstwerk ist mit einem Wort. All die kleinen, 
kapriziös zugeschnittenen Inseln der inneren Bai; da- 
hinter die Meerenge; und hinten das Große, Breite, 
Weite, Wunderbare, einen Gruß dort hinaus! 

Unwillkürlich schaue ich nach der Hobokener Seite 



57 



hin, es ist Montag, zwischen den Piers des Lloyd muß 
noch „Kaiser Wilhelm der Große" hegen. Da erbhcke ich 
auch seine vier treuen Schlote — gegrüßt ! Morgen fährt 
er den Weg zurück. Solch ein Schiff ist fast wie ein 
menschliches Wesen, ein Freund — ich weiß, es hat ja 
auch seine Schicksale — man ist mit ihm verbunden, auf 
geheime Weise, für alle Zeiten. Mit den Leuten, denen 
solch ein Schiff nichts weiter bedeutet als ein schwimmen- 
des Hotel, ein bequemes Beförderungsmittel, will ich nichts 
zu tun haben. Gute Fahrt, Freund, grüß die Tiefe. — 

Es ist deutlich zu spüren hier oben, wie der Turm, auf 
dem wir stehen, schwingt und schüttert unter uns. Das 
Felseneiland wiegt sich leise, die Erde dreht sich, 
Manhattan atmet. Wie von einem angestrengten Men- 
schen, der unter seiner schweren Arbeit stöhnt, dringt hie 
und da der klagende Laut der Fähren herauf. Leise 
schwimmen die braunen Inseln rechts und links von Pier 
zu Pier, quer durch den Hudson, den Last River, durch die 
innere Bai. Ein heiseres Husten kommt alle Augenblicke 
herauf, das sind die Automobile von dem Broadway her, 
hierzulande kläffen sie wie gereizte Köter. Dann ist ein 
Surren, ein Geschnurr da, wie von einem geschäftigen 
Webstuhl, das sind die Menschen, die dort unten leben. 

Jetzt sehe ich mir die Siebe von oben an. Die kleinen 
weißen Rauchfähnlein sind putzig an den Dächern be- 
festigt und flattern leise hin und her unter mir. Ich sehe 
die himmelhohen Häuser in einer komischen Verkürzung, 
oben breit, unten schmal, wie umgekehrt in die Erde ge- 
steckt, eckige Zuckerhüte. Für diesen Anblick finde 
ich keinen andern Ausdruck als komisch. Mitten unter 
ihnen steht der schlanke Kirchturm der alten Drei- 
faltigkeitskirche. Sie ist klein und liegt mitten unter den 
Riesenbauten wie verloren da. Es ist kein Grund vor- 
handen, sentimental zu werden bei Betrachtung der 
alten Dame. Denn erstens kann sie sich's wahrscheinlich 
leisten, da zu stehen, und zweitens weiß ich, mit welchen 
Mitteln sie diese Leistung zuwege bringt — im Juden- 

58 




viertel, dort wo die Elendsten unter den Elenden in 
Tenements (Massenquartieren) zusammengepfercht ein 
Höllenleben führen, gehören ihr die furchtbarsten Straßen. 
Die anständige Presse der Stadt schreit sich seit Jahr und 
Tag den Hals wund über diese Schmach, die alte Bigotte 
aber stellt sich taub, liegt da im Geschäftsviertel und be- 
sitzt. Ihr bescheidenes Türmchen gehört hierher, mitten 
unter die Menschenfresser-Türme. 

Nein, nichts zu sagen: von hinten und vorn, von oben 
und unten besehen, ich kann mich mit dem W. nicht be- 
freunden. Jetzt, von oben, sieht man ganz genau, wie so 
ein Ding gebaut ist; der Grundriß liegt genau da, und die 
Gründe sind klar. Es sind bebaute Gründe ganz einfach, 
und keine Häuser, die auf Gründen stehen. Bizarr und 
verwinkelt, hinein und hinaus verwinkelt und zugeschnit- 
ten, ohne Rücksicht auf irgendwelche Proportion. Man- 
hattan von oben ist noch häßlicher als Manhattan von 
unten. Die Wolkenkratzer von oben gesehen noch ab- 
surder als von unten betrachtet. Hier sieht man genau: 
was dort unten im griechischen Tempelstil gebaut wurde 
bis zum zehnten Stock, verwandelt sich von da ab in einen 
rechteckigen, unnuancierten, von Quadratfenstern durch- 
brochenen Kasten, der weitere zwanzig Stock hoch auf 



59 




dem griechischen Unterbau sitzt. Oben aber ist diesem 
hybriden Wesen ein fünfstockhohes Renaissancegesims auf- 
gestülpt — als hätte der Architekt, bis er oben angelangt 
ist, vergessen, in welchem Stil er unten angefangen hat! 
Dazu die Fahrt in den Elevatoren, wie die Lifts hier- 
zulandeheißen! Hinauf geht's ja noch — aber hinunter! 
Die Zahlen flitzen an den inneren Türen der Stock- 
werke in absteigender Richtung vorbei. Ungefähr bei 
Nummer 35 schießt einem der Magen mit einem Ruck 
inwendig zur Schädeldecke hinauf, hüpft dort ein bißchen, 
wie ein Kinderluftballon an dem Plafond, und bleibt dann 
stehen. Wie bei Nummer 7 der Elevator anfängt, etwas 
langsamer zu fahren, sinkt der Magen infolge des 
veränderten Tempos sachte, sachte auf seinen vorge- 
schriebenen Platz zurück, man hat selber wahrhaftig ein 
Lift im Leib, und wenn auf der Tür innen Nr. i er- 
scheint, hüpft einem der Magen auf leiser Gummisohle 
drei-, viermal auf den Gedärmen herum, die das nicht ver- 
tragen und sich bäumen, und steht dann still. Es ist un- 



60 




denkbar, daß diese ewige, unerhörte Auf- und Nieder-Fah- 
rerei auf die Dauer die Struktur des menschlichen Körpers, 
des fahrenden Menschen nicht verändern sollte. Das 
Herz, das Gehirn müssen sich verändern, der liebe Gott hat 
diesen Zustand des Hinauf- und Hinabfahrens im Tier- 
reich nicht vorgesehen. Es wird zu den anderen Typen des 
amerikanischen Menschen ein neuer, der Wolkenkratzer- 
typus hinzukommen, das wird der nationale Kretin sein. 

Ja, aber bei Nacht! sagen die unentwegten W.-Enthu- 
siasten. Und wirkHch bei Nacht hätten die W. etwas 
Phantastisches, wenn — 

Times-Square, lo Uhr nachts. Irgendwo aus der Höhe 
leuchtet ein ungekanntes Gestirn auf mich herab. Sieb- 
zehn apart verteilte Blaugas-Sterne leuchten aus einer 
viereckigen, nur undeutlich sichtbaren Himmelswolke her- 
nieder. Es sind beleuchtete Fenster des Times-Building. 
Unter den Sternen dort oben arbeiten Menschen die Nacht 
hindurch. Hoch oben, gegenüber auf dem riesigen Hotel 

6i 



schweben Lichtgirlanden, glühen Lichtblumen in den 
dunklen Himmel hinein, ein unsichtbarer Scheinwerfer 
beleuchtet die flatternde weiße Fahne über der Krone 
des schönen Hauses. Ich möchte gerne jetzt bei Nacht 
alles vergessen und mich an den neuen Sternen ergötzen, 
den Glühbirnen und Azetylen-Sternen, die Newyork dem 
Fremden auf seinem Himmel zeigt — aber ich sage es 
gleich, ich finde mein Entzücken nicht. 

Ringsum glühen neben diesen exquisiten Lichteffekten 
dumme fünf Stockwerke hohe Reklamen in der be- 
leidigten Nacht. Sie begnügen sich nicht damit, da 
zu sein und grell und ordinär zu sein, sie strampeln, 
zappeln, rieseln, kreiseln, all das fünf Stockwerke hoch. 

Pferde schlagen mit Hufen und schütteln die Mähnen. 
Ein Kätzchen wackelt mit dem Schwanz und verwickelt 
sich zusehends in einer roten Zwirnspule. Ein fünf Stock 
hohes Baby bekleckert sich mit Kakao, und wenn es sich 
genügend eingeferkelt hat, verschwindet es von der 
Bildfläche, um gleich darauf, meilenweit sichtbar, das- 
selbe Manöver zu beginnen. Ich fahre auf den be- 
rühmtesten Hotel-Dachgarten Newyorks hinauf, höre die 
Musikkapelle Puccini spielen, es ist wirklich ein bißchen 
kühl da oben, ich sehe den Wolkenhimmel über mir — 
plötzlich ist der Himmel weg, und es beginnt vor meiner 
Nase Jeffries mit Johnson zu boxen, um mich von der 
Haltbarkeit der Unterwäsche Porosknit zu überzeugen. 
Es ist unsagbar. Es ist hoffnungslos. Ich setze mich anders 
herum — plötzlich kaut am Firmament vor mir ein Riesen- 
maul das neueste Kaugummi. Die Reklame tobt bei Tag 
und Nacht. Hinter jenen Sternen sitzt jetzt wahrschein- 
lich der Manager von diesem Unfug und kalkuliert und 
diktiert in eine Maschine hinein Ziffern, Tobsucht, 
Gotteslästerung. Weiß ich's denn noch, ob dieser Stern 
dort oben der Sirius ist oder eine Aktiengesellschaft? 
Ich will lieber schlafen gehen, d. h. wenn man das Schlaf 
heißen kann, was an der Ecke vom Broadway und der 
42. Straße Schlaf genannt wird. 

62 



DEN HUDSON HINAUF 

Dienstag, morgens um 9, an einem Juli-Morgen, den 
Gott in einer feinen Laune geschaffen hat, fahre 
ich fort von Newyork, mit einem paar Tausend anderer 
entzückter und geräuschvoller Erdenmenschen den Hudson 
hinauf, in dem lustigsten Schiff, auf dem ich je ge- 
fahren bin, dem ,, Hendrik Hudson", einem weiß und 
goldenen Palast, der munter seinen Weg vorwärts tutet. 
Auf allen Decken ist Leben und gute Laune. Die Leute, 
die ihren Tagesausflug machen, haben Proviant mit, 
jeder und jede; eine bunte Zeitschrift, eine Schachtel 
mit Candy, einen Sack Obst. Unten im Salon spielt eine 
italienische Musikkapelle ein national-amerikanisches Tanz- 
lied, das von einem polnischen Juden komponiert ist und 
das die Amerikaner lebhaft beklatschen und immer wieder 
zu hören verlangen. Oben auf dem Sonnendeck geht 
die Luft scharf, wie auf dem Meer. 

Ich stehe hinten auf dem obersten Deck und blicke 
zurück auf die enorme Stadt, in die ich erst in drei oder 
vier Monaten zurückkehren werde. Auf Newyork zurück- 
blickend streife ich mit den Blicken noch einmal die Kon- 
turen der hohen Häuser hinauf und hinunter und habe 
nichts Neues mehr dazu zu sagen. Ich besitze einen 
Maßstab, der zeigt mir Menschen und Dingen gegenüber 
an, was gut und schlecht, schön und häßlich ist an ihnen. 
Aber jetzt, wo es gilt, die hohen Häuser zu messen, 
klappe ich meinen Maßstab zusammen und habe keine 
Verwendung für ihn. 

Auf Newyork zurückblickend sage ich mir: die hohen 
Häuser dort hinten sind weiter nichts als der simple, 
kalte, steingewordene Übermut der Bourgeoisie unserer 
Tage. Eine kalte, hundekalte Arroganz, die nicht im 
entferntesten verwandt ist mit dem sympathischen, 
glühenden Wagemut der großen Abenteurer oder auch 
nur der armen Brotgewinner und Lebensriskierer in 
ihren Caissons drunten. Sondern es ist ein gut aus- 

63 



kalkulierter Übermut, der auf Felsen gebaut, sich in den 
Felsen eingekrallt hat und nicht weichen wird, außer es 
kommt einmal ein Erdbeben und putzt die ganze Insel 
weg aus der Bai. 

Der „Hendrik Hudson" gleitet, gleitet, Lärm und Fröh- 
lichkeit auf all seinen fünf Rücken tragend, den breiten 
Strom hinauf, der ebenso wie er, den Namen eines Kühnen 
und Rastlosen der Erde trägt. Die Palissaden erscheinen, 
und unter den Palissaden, die große rote Felsenwände 
sind, ist Wald, vom Felsen bis an den Rand des 
Wassers hinunter. Und am Rand von Wald und Strom, 
ganz unten am Wasser stehen Zelte, Leinwandzelte, 
eine Unmenge von Zelten. Mit freiem Auge kann man 
Menschen sehen, die vor diesen Zelten sitzen, im Sommer- 
morgen, nackt in Kanus vom Ufer abstoßen und mit 
kurzem Indianerruder, manche im Boot stehend, dahin- 
paddeln; andre laufen bis an die Hüften im Wasser herum, 
andre schwimmen ganz und gar. 

Manche von diesen Zelten tragen Fahnen, die lustig 
im Winde flattern. Auf einer und der andren ist ein 
indianischer schön klingender Name zu lesen. Stunden- 
weit, viele Meilen den Hudson hinauf, stehen diese 
Sommerzelte, ,,camps". Manche in Gruppen, besonders 
auf den kleinen Waldlichtungen am Ufer, manche zu 
zweit, zu dritt. Oft kann man in diese Zelte hineinsehen. 
Man sieht Eisenbetten, Stühle, ein Herdfeuer, ein 
Grammophon, einen Koffer, eine Küche mit Gerät. 
Einige von diesen Zelten sind hübsch, mit Ornamenten, 
meist Indianerornamenten, bemalt, und wenn die gut- 
mütigen und fröhHchen Menschen hier auf dem Schiff ein 
hübsches Zelt sehen, dann schreien und winken sie bei- 
fallsfreudig zu den Zeltbewohnern hinüber, die dann mit 
Armschwenken, Handtuch- und Flaggensignalen und 
Indianerrufen antworten vom Ufer. 

Vor einem der Zelte sitzt ein riesiger Kerl, in zottigen 
Hosen, den gebräunten Oberkörper bloß. Der schießt, 
wie wir vorüberfahren, aus seinem Revolver ein Freuden- 

64 



geknatter in die Luft los. Er freut sich, er fühlt sich wohl. 
Er wohnt ganz allein in seinem Zelt, wie ich sehe, sein 
Zelt steht ganz allein da, links und rechts ist Wald, 
Strom, Felsen, weit und breit nichts als Wald, kein 
anderes Zelt, nichts. Da sitzt er am Hudson vor seinem 
Wigwam, raucht seine kurze Pfeife, fischt und brät sich 
seinen Fisch, läßt sich träumen, wenn's ihm so zumute 
ist, schießt aus seinem Revolver in die Luft, wenn das 
große Schiff vorüberfährt, und freut sich, freut sich, wie 
gesagt. 

Ich schaue mir ihn an, diesen Einsiedler am Julivor- 
mittag. Wer ist dieser kühne Lederstrumpf, dieser ge- 
treue Natty Bumpo, dieser scharfe Adlerflügel, dieser ge- 
fährliche Mohikaner? 

Es ist einer von den zehntausend Angestellten im Singer- 
Building, der hier seinen Urlaub verlebt, einer von den 
abgerackerten, übermüdeten, zu Tode gehetzten, ver- 
hasteten und herumgejagten Bewohnern, der Wolken- 
kratzerstadt dort weit hinten, und er fühlt hier für ein 
paar Tage, was es heißt, ein Mensch zu sein. 



65 



REISE DURCH DEN STAAT NEW YORK 



DIE KINDERREPUBLIK IN FREEVILLE 

Ich hatte mir vorgenommen: zu schreiben, was ich 
von ihr wußte, ehe ich hinkam. Dann: was ich ge- 
sehen habe, während ich dort war. Und schließHch, 
was ich von alledem halte, jetzt wo ich fort bin. Nun sind 
es zehn Tage her, daß ich in Freeville gewesen bin, ich 
will alles anders machen, einfach sagen, was ich gesehen 
und gehört habe, und mich, soweit es geht, des Urteils 
enthalten. Nur soviel will ich gleich herschreiben: die 
Reise hat sich gelohnt, denn ich habe einen Menschen ge- 
sehen. Es ist der Gründer der Republik Freeville, die nach 
ihm „The George Junior-Republic" genannt ist, William 
R. George; und wenn es wahr ist, daß die Gerechten rechts 
sitzen werden, wenn's einmal so weit ist, so weiß ich gut, 
wo ich „Daddy" George zu suchen habe und wiedersehen 
werde. — 

Ich war gleich vom Hudson weg nach dem kleinen Ort 
zwischen Auburn und Ithaka im Staat Newyork ge- 
fahren, und wie mich der Omnibus von der Station zum 
schönen kleinen ,,Republic Inn" brachte, sagte ich mir: 
Herrgott, dieses Gasthaus dahier ist viel zu vornehm und 
luxuriös für den Ort, wo sie es hingebaut haben. Denn 
Freeville ist, nennen wir das Kind beim Namen, eine sehr 
milde Korrektionsanstalt für mißratene, schlecht beauf- 
sichtigte, verbrecherisch veranlagte Kinder und junge 
Leute. Neben mir aber, in dem künstlerisch vollendet 
eingerichteten Speisesaal des Gasthauses saßen beim Dinner 
drei Damen in Abendtoilette. Ich schämte mich ganz 
und gar in meinem Reiseanzug. 

Aha, sagte ich mir weiter, die ganze Geschichte wird mit 
dem Gelde der Reichen im Lande gemacht, und dieses 
Gasthaus ist hergebaut worden, damit sie standesgemäß 
aufgehoben sind, wenn sie mal daherkommen und sich die 
Republik anschauen. Schlimme Aussichten! 

Nach dem Abendessen ging ich auf die Landstraße 
hinaus, der Republik zu. Schon aus meinem Fenster hatte 

69 



ich sie gesehen, ein kleines Dörfchen, etwa zwei Meilen 
weit vom Gasthaus, kleine bunte Häuser aus Holz, wie 
ein russisches oder schwedisches Dörfchen anzusehen 
aus der Entfernung. Dorthin ging ich die Landstraße 
entlang. 

Ein paar Knaben fuhren auf einem Leiterwagen an mir 
vorüber, hinaus nach der Republik. Sie waren ärmhch 
angezogen, hatten blaue Overalls an (das heißt: Hosen, 
Weste und Schulterbänder aus einem Stück) und kamen 
mit ihren Spaten von der Feldarbeit. Ein hochgewach- 
sener, breitschultriger Mann kam von der Republik her, 
dem Wagen entgegen. Er und die Knaben begrüßten sich 
mit Händewinken, als sie aneinander vorbeikamen. Ich 
hörte, wie die Knaben „Daddy!" riefen, und der Mann 
rief etwas, das sich wie „Sonny!" anhörte. 

Als er an mir vorüberkam, blieb er stehen und grüßte. 
Ein Fremder in diesem kleinen Ort bedeutet einen Be- 
sucher der Republik, und ein Fremder am Abend, wenn 
keine Züge mehr fortgehen, bedeutet einen, der nicht 
bloß aus flüchtiger Neugierde hergekommen ist, sondern 
bleiben will, sehen will. 

Der Mann war Mr. George selber, der Vater der Re- 
publik, ein Mann mit einem offenen, guten und beseelten 
Gesicht, mit milden blauen Augen, ein Mann in den 
reifen Jahren und doch mit einem sehr jung gebliebenen 
Blick. Einer, der Daddy, das heißt Papa, genannt werden 
durfte von vielen mehr oder weniger unglücklichen Kin- 
dern, für die er mehr getan hat als andere Papas, als ihre 
eigenen, nämlich er hatte sie nicht in die Welt gesetzt, 
sondern er war dabei, etwas Besseres mit ihnen anzu- 
fangen: sie ins Leben hineinzusetzen. Er ging mit mir 
den Weg zurück, den er hergekommen war, wir gingen 
beide in die Junior-Repubhk, wir blieben an diesemTage 
einige, an den nächsten viele Stunden beisammen; und als 
er mich diesen Abend ins Hotel zurückbegleitete, stellte 
er mich den Damen vor, die ich dort gesehen hatte. Ich 
hatte mich nicht geirrt, die jüngste von ihnen war eine 

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der reichsten Frauen Amerikas, die Tochter des „Kupfer- 
königs" aus dem Westen. 

Ich bin drei Tage in Freeville geblieben und habe alles 
gehört und gesehen. Es waren im Juli 191 1 ungefähr 
hundertundfünfzig Kinder da, Knaben und Mädchen, 
weiße und schwarze, die meisten nicht älter als siebenzehn. 
Wenige unter ihnen jünger als fünfzehn Jahre, wenige 
älter als achtzehn, die meisten, wie ich konstatierte, 
zurückgeblieben in der Entwicklung. Kein Wunder, es 
waren ja mißratene, verwahrloste, gedrückte, ,, kriminelle" 
Kinder. So und so viele kamen aus staatlichen Kor- 
rektionsanstalten, „reformatories", hatten allerlei Ver- 
brechen auf ihrem jungen Gewissen, Diebstähle, aber auch 
Ärgeres; es war ein Brandstifter unter ihnen, sogar ein 
Mörder. Welche waren von ihren Eltern hergesandt, 
weil sie daheim nicht gut getan hatten, zum Teil durch 
die Schuld der Eltern selber, es waren Kinder aus 
Säuferfamilien da, aus geschiedenen Ehen, unbeauf- 
sichtigte, sich selber überlassene Kinder. Kinder, die 
zum Teil auf Abwege geraten, zum Teil schon ziemlich 
tief in den Abgrund hinuntergeglitten waren. Wenige 
von ihnen, die in sexuellen Dingen Übles auf dem Kerb- 
holz hatten; doch war kein Onanist unter ihnen. Zum 
größten Teil: Kinder, deren Lebensdrang keine richtige 
Lenkung zuteil geworden war, und etliche, deren Lebens- 
drang schon in der dunkeln Tiefe, noch ehe sie das Licht 
erblickt hatten, in eine Richtung gelenkt war, die die 
Gesellschaft ahndet, bestraft, bis ins vierte Glied. 

Ein Amerikaner ist mit einundzwanzig Jahren reif und 
zur politischen Aktion berechtigt. Ein Amerikaner und 
ein Europäer und ein Botokude begeht die Dummheiten 
seiner Flegeljahre zwischen fünfzehn und achtzehn. Die 
Gesellschaft und der Staat, grausam wie sie schon sind, 
ahnden mit geringen Milderungen diese Verbrechen mit 
der Korrektionsanstalt, die eine Art Gefängnis ist; und 
ein junger Mensch geht mit einem Makel ins Leben hinaus 
und wird, wie soll's anders zugehen, ein Verbitterter, ein 

71 



Empörer, ein Rächer. Mir ist's recht, und ich sehe es 
gern, wenn sich die Gesellschaft ihre Zerstörer durch 
ihr eigenes Gift züchtet, aber wer dürfte nicht weinen 
über einen zerbrochenen Menschen? 

Nun, ehe er zerbricht, nimmt ihn Daddy George in 
seine mitleidigen Hände, und ein Leben ist gerettet. 
(Viele von den Leben, die ihm anvertraut sind, gehen 
gerade und wieder geweiht in die Welt zurück, nicht 
alle!) Ich denke mir auch, daß die Zerstörer der heu- 
tigen absurden Ordnung nicht von den Krummge- 
schlagenen herkommen sollen, sondern aus dem Lager 
der Lachenden, der Ungebrochenen, der Überschwäng- 
lichen, der Unzerbrechlichen, ob sie nun als Proletarier, 
Bourgeois oder in gekrönten Wiegen geboren worden 
sind, und ich lasse George ruhig seine Idee durchführen, 
die eine der schönsten ist, für die heut ein Mensch leben 
darf. 

Die Republik ist aus einer Ferienkolonie entstanden, 
die George vor vielen Jahren, auf eigne Faust, aus armen 
Kindern Newyorks gebildet und in seine Heimat nach 
Freeville mitgenommen hat. Die Kinder trieben aller- 
hand Unfug, und George sagte sich, als der Gute und 
Weise, der er ist: ich will euch nicht bestrafen für den 
Unfug, den ihr treibt — bestraft euch selber! 

Aus dieser Idee ist die Republik entstanden. Die Kinder 
geben sich ihre Gesetze selber und gehorchen ihnen oder 
fühlen ihre Strenge. 

Zwei Sätze habe ich mir gemerkt aus dem, was mir 
George gleich zu Anfang sagte : Es ist gar kein so gewaltiger 
Unterschied zwischen dem schlechten Menschen und 
dem guten Menschen. Und: Es ist gar kein so gewaltiger 
Unterschied zwischen uns Erwachsenen und den Kindern. 
Wer so spricht, wahrhaftig, der ist ein Vater und ein 
Mensch,, und er hat seinen Platz zur Rechten erworben 
im Reich Gottes. 

Zieht man nun eine Diagonale zwischen diesen beiden 
Sätzen, so ist es klar, was es mit Georges Idee auf sich hat. 

72 



Kinder werden in die Lage versetzt, eine Art Regierungs- 
spiel zu spielen, das aber verdammt ernst gemeint ist; 
sie dürfen sich's selbst einbrocken, was sie nachher hin- 
unterzuschlucken haben, aber dies Schlingen wird ihnen 
nicht halb so weh tun, als müßten sie daran würgen, was 
ihnen die Großen gekocht haben. 

Bis zu ihrem einundzwanzigsten Jahr dürfen sie hier, 
wenn sie nicht anders können, alle Dummheiten der Welt 
machen — und werden dafür doch nicht den Makel des 
Sträflings mit ins zweiundzwanzigste hinübernehmen. 

Noch etwas kommt dazu: Ein Junge, der „draußen" 
einen Streich begangen und in Kollision mit den Gesetzen 
geraten ist, vor einem wirkhchen Richter gestanden hat 
und in eine wirkhche Anstalt gesteckt worden ist: so ein 
Junge ist draußen ein Held in seiner Gasse geworden, 
eine mythische PersönHchkeit für alle seine gleich- oder 
geringeraltrigen Genossen und Nick Carter-Schwärmer. 
Hier in Freeville aber, wo ihn seine Altersgenossen am 
Kragen haben, wenn er was angestiftet hat, ist er nichts 
wie ein kläglicher Geselle, der keine Gewalt über sich 
hat, das Gesetz, das er selber gemacht hat, nicht ein- 
halten kann; ein verächtHcher Patron mit einem Wort. 
Das ist, scheint mir, eine vorzügliche Idee. 

Das andere Leitmotiv aber ist die Devise der Republik: 
„Nichts ohne Arbeit." George (er heißt nur zufällig so 
wie der Verfasser von ,, Fortschritt und Armut", weder 
er noch sein Werk hat mit Henry George etwas zu tun), 
George führte mich in den Werkstätten herum, in denen 
gearbeitet wird. Die Knaben und Mädchen arbeiten. 
Es sind Buchdrucker, Bäcker, Feldarbeiter, Bauleute, 
Hühnerhof- und Kuhstallfarmer, Rüben- und Kartoffel- 
züchter, Näherinnen und Wäscherinnen da, kurz, alle 
Gewerbe. Sie werden gut bezahlt. Wenn einer fleißig 
ist, kann er sich zwei Dollar und mehr in einem Tage er- 
arbeiten — im Geld der Republik, einer Aluminiummünze, 
auf der um die Wertziffer herum die Worte: „Nothing 
without Labour" stehen. 



73 



Sie müssen schon! Denn in der Republik ist nichts um- 
sonst zu haben — außer dem Schulunterricht, der, so 
wie in den Staaten ringsum, frei ist und obligatorisch. 
(Er ist vorzügHch in Freeville, die tüchtigsten und ge- 
bildetsten Lehrkräfte sind hier am Werk.) Jawohl, Woh- 
nung, Kost, Kleidung, Wäsche, alles kostet Geld — Geld 
der Republik; und arbeitet einer nicht, so verHert er 
seine Schlafstelle und seinen Platz bei Tisch in seinem 
Boardinghouse, wird ein Obdachloser und — marschiert 
ins Gefängnis. 

Wo es Gesetze gibt, dort gibt's auch Gefängnisse, 
das ist klar; und die Gefängnisse (der Knaben) sind gar 
nicht schön in Freeville. Da alles nach dem Muster des 
„Draußen" zugeschnitten ist, dieses „Draußen", für das 
die Kinder tüchtig gemacht werden sollen, das sie selber 
hier nachmachen und in das sie mit einundzwanzig 
Jahren im Ernst eintreten werden, so sind die Gefängnisse, 
nach dem Muster von Sing Sing, eiserne Käfige mit 
einem allerdings nicht allzu harten Bett drin. Das Bett 
ist gut, denn wer am Tage hart arbeitet, soll bei Nacht 
ruhig schlafen können. Und die Gefangenen, die Vaga- 
bunden, die Faulen, arbeiten tagsüber härter, als täten 
sies für ihre eigene Rechnung und in Freiheit, die härte- 
sten Arbeiten, die es in der Republik zu besorgen gibt — 
um einen geringeren Lohn, als wenn sies für sich täten. 
Denn sie müssen ihr Bett im Käfig und ihre Gefangenen- 
kost bezahlen. 

Mittags führt mich George in das „Hotel", das wohl- 
feilste der Republik, wo die Gefangenen verköstigt wer- 
den. Da sitzen sie an einem langen Tisch und essen, 
kräftig und frugal. Ein junges Mädchen sitzt am Tisch- 
ende und liest den Essenden etwas vor (nichts Religiöses). 
Sie nickt mir zu, wie ich hereinkomme — es ist Kupfer- 
königs Töchterlein, und heute wird sie beim Lunch im 
„Inn" fehlen, denn sie hat einen Teller mit derselben Kost 
vor sich stehen, wie die Jungen. 

Sie ist ganz allein da, ihre Freundin und die andere 

74 



Dame ihrer Gesellschaft, eine feine und liebenswürdige 
alte Dame, sind zu Haus oder fahren in ihrem Automobil 
im Land spazieren. Das gefällt mir, es ist amerikanisch und 
läßt auf Unabhängigkeit und Stärke schließen; aber es 
mißfällt mir auch, denn es sieht nach Snobismus und 
andererseits nach Gewährenlassen der reichen Leute 
aus; — aber ich warte am besten noch mit dem Urteilen, 
bin ja doch auch noch zu kurze Zeit hier herüben. 

Ich schaue mir die Jungen an: was für geweckte, gute 
Köpfe und doch — der dort ist der Brandstifter; einer 
hat eine kurze Kette an den Füßen, das ist ein unver- 
besserlicher Ausreißer, ein kleiner Italiener. Warum 
kommt es mir hier auf einmal nicht unmenschlich und 
barbarisch vor, daß ein Kind Ketten an den Füßen hat? 
Reißt er wieder aus, so muß er sich durchstehlen, 
denn er hat ja im besten Fall nur das Aluminiumgeld der 
Republik in der Tasche! An einem Tisch abseits sitzt 
eine kleine Negerbestie, — also sogar hier ist's nichts mit 
der Freundschaft zwischen Weißen und Schwarzen! 

Wer hat sie ins Kittchen gebracht, diese Jungen? Sie 
selber, ihresgleichen. Ich frage George: „Kommt's nicht 
vor, daß Sie oder andre „Große" in strittigen Fällen und 
Fragen als Schiedsrichter angerufen werden?" 

Darauf gibt er mir eine wunderschöne Antwort. Er 
sagt: „O ja. Aber wir Großen enthalten uns jeder Ein- 
mengung in ihre Angelegenheiten. Ein Wort, ein Wink 
oder gar ein Befehl von einem von uns Großen, und die 
Republik ist beschädigt in ihrem Fundament. Wohl wissen 
wir's, daß durch die Einmengung von erfahrenen, er- 
wachsenen, weltkundigen Männern Irrtümer vermieden, 
der Gang der Angelegenheiten beschleunigt werden 
könnte. Aber lassen Sie sie nur gewähren — geben 
Sie den Jungen nur Zeit: auf einem Umweg, der gar 
nicht so weit zu sein braucht, werden sie mit dem jedem 
Menschen angeborenen Gefühl fürs Rechte ganz von 
selber ihren Irrtum wieder gutmachen, langsam ebnen 
und von selber dorthin gelangen, wohin wir sie gleich 

75 



und ohne Umwege hingelenkt hätten. Es ist kein so großer 
Unterschied zwischen einem Kind und einem Großen, 
wirklich nicht." — 

Es gibt zurzeit sieben Junior-Republiken in den Staaten 
nach Muster von Freeville. Die Philippinen wollen eine 
haben. England hat George aufgefordert, er solle drüben 
eine gründen. Es ist mir gleich, daß reiche Leute (Rocke- 
feller und andere) ihr Geld für diese Sache hergeben, und 
daß das, was George „das Rechte" nennt, mit dem, 
was Staat und Gesellschaft so nennen, ziemlich überein- 
stimmt (die Kirche hat mit Freeville nichts zu schaffen!) : 
ich weiß, ein Mensch hat hier eine Idee durchgeführt, 
und eine schöne dazu. 

Falsches, Schlechtes, Verkehrtes ist ja leider genug um 
den hellen Kern herum, und man sagt mir, daß Freeville 
heute, die Republik besteht seit sechzehn Jahren, noch in 
einer Krise mitten inne steht. Aber ich will mich hüten, 
das Große zu verkennen, das hier getan ist, und die 
Resultate an lebenden Exempeln nicht sehen zu wollen, 
die hier erzielt werden, jahraus jahrein. Warum soll das 
Werk eines Menschen, und wenn's ein Edler und Reiner 
ist, wie William R. George, nicht seine menschlichen 
Schlacken tragen? 

Man flüstert mir überhaupt mancherlei ins Ohr: Die 
Sache soll ihm, nämlich dem, der von den Kindern 
„Daddy" genannt wird und der die Kinder mit „Sonny" 
anruft, über den Kopf gewachsen sein — so ziemlich! 
Er sei nicht der Mann, flüstert man mir zu, solch eine große 
Sache durchzuführen; man hat ihm allerhand praktische 
Leute rechts und links zur Seite hingestellt. So, — denke 
ich mir — aber ein großes Gefühl in seinem Herzen zu 
nähren und es durch die Pforte der Idee in die Wirkhch- 
keit eintreten zu sehen — : dazu war er doch der rechte 
Mann, nicht wahr? Um seines Versagens, seiner Schwäche 
willen gegenüber dem unerbittlichen, anspruchsvollen 
Alltag hebe ich ihn um so ehrhcher, ihn, den die Kinder 
den „Daddy!" anrufen. 

76 




Freeville: Der Präsident und sein Stab (Aus einem früheren Jahre) 

Ich will nun etwas aufschreiben, was mich verstimmt 
hat und was mir meinen Glauben an die Idee der 
Republik trübt, ich muß es sagen. 

Am Freitag ist Gerichtstag in der Junior-Republik; 
und da es das Prinzip Georges und des Gerichtes der 
Staaten ist, daß da jeder kommen und der Verhandlung 
beiwohnen darf, so ist Freeville an solchen Tagen von 
Leuten aus der Umgebung belagert. Aus Auburn, 
Ithaka, Syracuse, Sayre kommen Leute her, um den 
Kindergerichtshof tagen zu sehen. Leute, denen es 
offenbar darum zu tun ist, einen amüsanten Abend zu 
erleben. Obzwar sie sich ruhig und ernst benehmen, kann 
man ihnen das Vergnügen, das sie gesucht und gefunden 
haben, recht vom Gesicht ablesen. Und doch ist das 
Kindergericht kein Spaß, und was ich da bemerkt habe, hat 
mich tief, tiefer vielleicht als nötig, verstimmt. 

Der Richter ist ein junger Mann von zwanzig Jahren, 
der Staatsanwalt ist etwas jünger, beide sind ,, keine 
Heiligen", sonst wären sie ja nicht hier. Allerdings sind 
sie aus dem besten Material, das die Republik hat (besser 
als der Präsident und andere hohe Funktionäre, darüber 
schreibe ich sogleich!). 



77 



Der Gerichtshof tritt ein, wir stehen alle auf, der Saal 
ist voUgeüfropft mit Bürgern der Republik und Zu- 
schauern. Der Richter hat das Gesetzbuch der Republik 
vor sich; die Jury wird aufgerufen, dann ruft der Clerk 
die Angeklagten auf, der Staatsanwalt tritt an den Rich- 
tertisch heran. 

Der Clerk verliest die Anklage, der Richter fragt den 
Angeklagten, ob er sich schuldig bekenne oder nicht? 

Der Angeklagte hat Himbeeren gestohlen (aus Daddys 
Garten noch dazu!). Es ist ein hübscher blonder Lausbub 
mit einem unverschämten Gesicht. Er antwortet: „not 
guilty". 

Der Clerk verliest jetzt die Eidesformel: „Staatsanwalt 
X., versprechen Sie, die Wahrheit zu sagen, die volle 
Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr Ihnen 
Gott helfe?" 

Der Anwalt hebt die Hand zum Schv^oir auf. Es 
kommen Zeugen, Knaben, der hat dies gesehen, jener das 
gehört, einem hat der Angeklagte dies gesagt, dem andern 
das. Der Angeklagte ist schlau und gerissen. Er kennt die 
Schliche, ist kein Grünhorn mehr, weder hier, noch wohl 
auch draußen im Ernst, er schwindelt sich heraus, ob- 
zwar es so gut wie ausgemacht ist, daß er die Beeren ge- 
stohlen hat. 

Andre Angeklagte treten vor. Einen haben sie zweimal 
hintereinander beim Rauchen ertappt. Es ist die dritte 
und vierte Anklage gegen ihn, seit er Bürger der Republik 
ist. Das erstemal wurde er zu einem, das zweitemal zu 
zwei Dollar Strafe verurteilt. Heute erhält er für Nummer 
drei und Nummer vier im ganzen sieben Dollar Strafe 
zudiktiert. Er mag der Sohn reicher Eltern sein (es gibt 
Millionärssöhne unter den Bürgern Freevilles), es nützt 
ihm nichts, er muß im Aluminiumgeld der Republik 
zahlen und die kriegt man nur für getane Arbeit. Für 
zwei Züge an je einer verbotenen Zigarette wird er sieben 
Dollar Arbeit liefern müssen, außerdem muß er sich noch 
verköstigen, Wohnung, Wäsche bezahlen! Ist er ein 

78 




Der Gerichtshof 

schlechter Kerl und träge, so wird er einem Kameraden, 
während der schläft, die Taschen durchsuchen, er wird 
vielleicht in den Käfig marschieren, vielleicht ausreißen 
und im nächsten Ort im Warenhaus stehlen — sieben 
Dollar für Rauchen ist viel. 

Ein hübsches Negermädchen wird verhört. Sie ist 
zum drittenmal durchgebrannt — Gefängnis. (Das Ge- 
fängnis der Mädchen ist die reine Puppenstube im Ver- 
gleich zu dem der Buben.) 

Ein winziger Junge, kaum 15 Jahre alt, hat geraucht, 
dann, wie er erwischt wurde, geflucht, dann ein unan- 
ständiges Wort gegen den geschleudert, der ihn abgefaßt 
hat. Drei Verbrechen: Rauchen, Fluchen, unflätige 
Redensart. (Alle diese Delikte sind im chickenyard ver- 
übt worden, der Kleine ist den Hühnern zugeteilt.) Es 
ist die vierte, fünfte und sechste Strafe des Kleinen. 
Vier und fünf und sechs Dollar; ein bißchen viel. 

Der Kleine schaut den Richter mit offenem Mund an. 
Meine Nachbarin, eine Dame aus der Umgebung, lacht 
in sich hinein, daß es sie schüttelt. Sie vergißt: ein 
Kind, 15 Dollar Arbeit und dazu noch Kost, Quartier, 
Wäsche. Es ist ein armes Kind, es ist in derben Schuhen 

79 



und Overalls vor dem Richter erschienen, es geht diesem 
Kind nicht gut, er steht mit offenem Mund da, der 
kleine Junge, und hat nicht gehört, daß schon der nächste 
Angeklagte aufgerufen ist. Hat er das Geld nicht bei- 
sammen, der kleine Junge, so wird er es im Gefängnis 
langsam abarbeiten müssen. Vielleicht hilft das, und er 
wird nicht mehr rauchen, fluchen, Schweinereien reden, 
vielleicht ! 

(Die Sage geht, die Bürger wollten Daddy George 
selber einmal in den Käfig sperren, weil er in ihrer An- 
wesenheit: ,,Gee!" gesagt hat. Gee bedeutet Jesus! und 
ist ein „Fluch", so etwas wie Jemine! Ein Dollar zum 
erstenmal.) 

Wie kommen diese Anklagen zustande? Ich erkundige 
mich bei allen, die ich treffe, George, den Bürgern, dem 
Richter, der liebenswürdigen alten Dame, bei der Kupfer- 
prinzessin, bei dem jungen feinen Graduierten der Uni- 
versität Cornell aus Ithaka, den ich hier kennen lernte — 
wie kommen diese Anklagen zustande? Herrscht unter den 
Kindern ein System der Angeberei, des Denunzianten- 
tums? Alle sagen mir: nein. Die Kinder fühlen sich glück- 
lich hier, frei und sÄrk in der Gleichheit vor dem Ge- 
setze; Desertion kommt nur selten vor, öfter kommen 
schon entlassene Jungen in die Republik zurück, weil sie's 
da besser haben als draußen. Sie halten gute Freund- 
schaft miteinander, es herrscht nur Achtung über alles 
andere, absoluter Respekt vor dem Gesetz! Das will 
mir nicht in den Kopf hinein. 

Einen Staatsstreich habe ich auch erlebt in Freeville. 
Wir kommen grad aus Georges Haus am Rand der 
Republik heraus, George hat mir sein schönes Haus ge- 
zeigt und die schöne Bibliothek in seiner Vorhalle — ein 
reiches Elternpaar hat sie zum Andenken an sein ver- 
storbenes Kind gestiftet; ein paar Bürger der Republik 
sitzen gerade über einem der juristischen Bücher in der 
Bibliothek — , wir kommen also heraus und gehen nach der 

80 



Republik zurück — es ist drei Uhr Nachmittag, da kom- 
men vom Schulhaus her zwei lachende junge Leute, es 
sind Lehrer, auf uns zu. George schmunzelt, er ahnt schon 
etwas. Aber da er ja keinen Finger rührt in den internen 
Angelegenheiten der Regierung, läßt er sich alles haarklein 
erzählen, schweigt und schmunzelt. 

Jetzt im Sommer gibt's rings im Staat Newyork Zu- 
sammenkünfte, Kongresse und Beratungen von Schülern 
an vielen Orten, und Bürger der Republik haben in großer 
Zahl Urlaub erhalten, um zu diesen Kongressen reisen 
zu können. Die besten Bürger natürlich, solche, denen 
man ihr redlich erworbenes Aluminiumgeld schon für ein 
paar Tage in Staatswährung umtauschen durfte. 

Es ist bis auf den Richter, den Staatsanwalt und ein, 
zwei Dutzend rühmlicher Ausnahmen recht schlechtes 
Bürgerrnaterial in der Republik geblieben. Sehr schlechtes 
sogar, höre ich jetzt. 

Diese Schlechten haben, nach bewährtem Muster, die 
Herrschaft an sich gerissen, den Präsidenten, seinen 
Stellvertreter, die Polizisten und ähnliche Funktionäre 
aus ihrer verrotteten Mitte gewählt, und diese Rotte 
Korah hat unter den Augen Daddys und der ,, guten" 
Jungen eine wahre und rechte Tammany-Hall- Wirtschaft 
geführt. Mit Bestechungsversuchen einerseits und Er- 
pressungen andrerseits, mit falschen Anzeigen, Ver- 
leumdungen, kleinen Diebstählen und Unterschlagungen, 
allerhand im Dunkeln verübten, rasch ausgeführten poli- 
tischen Winkelzügen, wie sie „draußen" wohl in Blüte 
stehen unter den schlechten Jüngern der Politik, in 
Amerika nicht nur; rasch, wie gesagt, denn die guten 
Jungen sollten ja bald zurückkommen. 

Und vor einigen Tagen sind nun auch ein paar gute 
Jungen zurückgekommen. Unter ihnen etliche beurlaubte 
Funktionäre der Republik. Sofort nach ihrer Rückkehr 
sahen sie, daß Bübereien verübt worden waren. Sie 
sammelten Material, kriegten es zusammen, brachten den 
Polizeipräsidenten auf ihre Seite und heute, vor einer 



Stunde, während George mir sein Haus zeigte, ist der Prä- 
sident, der Vizepräsident und ein Schock andrer Missetäter 
einfach verhaftet worden, jetzt sitzen sie alle im Gefängnis. 

Wir gehen an dem Gefängnis vorüber — überfüllt. Wir 
gehen an dem Haus mit dem Turm vorüber, in dem die 
Regierung ihren Sitz hat, zwei Schriftstücke kleben auf der 
schwarzen Tafel : der Präsident erklärt, er sehe sich veranlaßt, 
sein Amt niederzulegen und der Vizepräsident desgleichen. 

Daddy George steht da und reibt sich die Hände. Die 
guten Buben stehen da und lachen. Was kann ich tun, 
ich lache mit. — 

Und am letzten Abend, es ist schon spät, sitzen wir auf 
der Freitreppe des schönen kleinen „Republic 
Inn", die feine alte Dame, Kupferkönigs Töchterchen 
und ihre Freundin, ein junger, hübscher, krausköpfiger 
Bürger der Republik und ich. Auf der Veranda hinter 
uns spielt der junge Cornell-Mann, der junge Graduierte 
vom Sibley-College aus Ithaka, eine Sonate auf seinem 
Cello. Er spielt gut, besser als ein Dilettant; die Nacht 
ist wundervoll klar, aus der Ferne, aus der Republik 
leuchten einige Fenster herüber. 

Der junge Cornell-Mann spielt. Gewiß sind die Töne 
des Cellos weit herum im dunkeln Land zu hören. Gewiß 
hört sie der Präsident und der Vizepräsident, jeder in 
seinem Käfig. Die guten und die bösen Buben setzen 
sich aufrecht in ihren Betten und spitzen die Ohren. 
Und hoffentlich lullen die Töne den Daddy in seinem 
schönen Haus in eine gute Nacht und guten Schlaf nach 
den Mühen und den Verworrenheiten des Tages hinüber. 



DIE DONNERNDEN GEWÄSSER AM SONNTAG 

Hundertsiebzig Sonderzüge aus allen Himmelsgegen- 
den der Vereinigten Staaten und der englischen 
Dominion Kanada haben ihren Inhalt über die beiden 

82 



Ufer der Fälle ausgeschüttet, heute früh spazieren Toff 
und Honey, 'Arry und Sue, selig sich umschlungen hal- 
tend, die donnernden Gewässer entlang, an den beiden 
Ufer des Niagarastroms. 

Es sind auch Gruppen, große Gruppen von Menschen 
Amerikas da, sie haben weite Strecken zurückgelegt, um 
diesen Sommer das Wunder des Erdteils mit eigenen Augen 
zu sehen, — Da sind sie nun, für diesen einen kostbaren 
Sonntag an der Grenze von den Staaten und Kanada, wo 
die Wasser donnern. An der Art, wie sie das für mich 
Europäer so plausible Wort aussprechen, erkennen sie 
gegenseitig, wo sie her sind. Ich will die vielfältige Aus- 
sprache des Wortes, die da in mein Ohr hineingesummt 
ist, übereinanderphotographieren : es kommt so etwas wie 
Neiägroh heraus. So heißen die Gewässer auf ameri- 
kanisch. 

Die Leute aus Waterloo im Staat Jowa sind fröhliche 
Leute, sie haben große weiße Schleifen auf der Brust, mit 
winzigen goldenen Glöckchen, an denen erkennen sie sich 
schon von weitem. Ich höre und sehe die Männer und 
Frauen aus dem nördlichen Staat Montana, diese haben 
große Porzellanbroschen auf ihren Kleidern mit der rot 
aufgedruckten Landkarte ihres Staats und der Auf- 
schrift: „500000 Circulation" drum herum, — ich weiß 
nicht, bezieht sich das auf Waggone, Menschen oder Vieh? 
Und die Leute von Auburn ziehen vorüber, sie haben 
kleine Wimpel an den linken Arm gebunden. Und Leute 
aus Sacramento in Kalifornien. Diese machen mit In- 
dianerklappern einen lustigen Lärm. 

Ich fühle mich wohl unter all diesen Menschen. Ich 
erlebe meine großen Augenblicke zugleich mit ihnen, 
an den Ufern und unter diesen unerhörten Fällen — ich 
stecke diesmal lieber alle meine Epitheta ein und sage: 
diesen Fällen des Niagara. 

Die „Nebeljungfrau" ist ein kleines Schiff; man zieht 
Gummimäntel und Kapuzen an, ehe man an Bord geht, 
dann fährt das Schifflein an dem Gebrause der amerika- 

6* 83 



nischen Fälle vorüber mitten in das offene Hufeisen der 
kanadischen Fälle hinein. Diese stürzenden Wolken- 
kratzer der kanadischen Seite sind, vom Ufer gesehen, 
das Grasgrünste, was ich in meinem Leben geschaut 
habe; im Augenblick aber, in dem die kleine tapfere 
Nebelmaid in das Schaummeer hineinsteuert, in das 
dampfende, brausende, orgelnde Nebelmeer, da sieht es 
aus, als steige das Wasser in ungeheuren kugelrunden 
Wolkenschwaden, weiß wie Alabaster, von unten den 
Abhang hinauf. 

Es kommt der Augenblick, in dem sich 'Arry und Sue 
durch das Loch in ihrer Kapuze überwältigt und atemlos 
ansehen, Augen, Nase und Mund voll von dem Wasser, 
das über das Schifflein und uns Kautschukmenschen hin- 
wegbläst, wie eine weiße donnernde Nacht. Ganz lang- 
sam kreuzt die kleine ,, Nebelmaid" zwischen den beiden 
Fällen hin und her. Man könnte sich vorstellen, auf 
Frithjof Nansens „Fram" zu sein und durch das weiße 
Polarmeer zu treiben, wäre nicht hier und dort ein rie- 
siger brauner Stein in dem Wasser zu sehen, ein schläf- 
riger, sagenhafter, stumpfer und hartnäckiger Riese, an 
dem sich die Gewässer seit Millionen Jahren donnerig ge- 
schlagen haben. Noch eine kurze Jahrmillion und einer 
und der andere fällt auseinander, verschwindet von der 
Bildfläche; dann hat das Wasser recht behalten, und ein 
anderes Bild kommt dem Zuschauer auf seine Retina. 
Und das sollte alles sein? 

Auf die Höhle der Winde geht man in einem kleinen 
runden Regenbogen zu, dessen Mittelpunkt man selbst 
ist — das ist das Amüsante. Amüsant ist auch der Weg 
aus der Ankleidehalle durch das sonntägig geputzte und 
belustigte Publikum hindurch, man legt ihn in einer grauen 
Sträflingstracht und einer Teerjacke darüber zurück. 
Toff und Honey, 'Arry und Sue lächeln mir selig zu. 
(Honey und Sue haben rote Strümpfe und Mützchen 
mit auf die Reise bekommen.) So steigen wir alle den 
Turm hinunter, der bis zu dem Pfad nach dem Abgrund 

84 



unter dem Brautschleierfall hinunterreicht. Dort unten, 
während wir uns gut und treu bei den Händen fest- 
halten (nicht so sehr der Gefahr wegen, sondern der 
Führer ladet seine Verantwortung auf die einzelnen seiner 
Herde ab), dort unten hat man dann wieder seinen Augen- 
blick. Das schreckliche Wasser, das hinter uns hinunter- 
donnert von oben, führt keinen Orgelton mehr mit sich, 
auch das Donnern der größten Maschinen der Welt ist 
dagegen nur wie das Atemholen eines schlafenden Kindes. 
Ich probiere so laut zu brüllen, wie ich nur kann, um zu 
sehen, ob ich inwendig in mir etwas davon höre, aber nur 
die Hände meiner Nachbarin zucken ein wenig, und die 
sind auch von dem Laut der Ewigkeit oder der kreisenden 
Sterne geschüttelt. Unser Leben sitzt uns wie ein Knebel 
hinten im Genick. Auf dem Rückweg dreht sich mein 
Nachbar von rechts nach mir um und fragt: ,,Das ist 
eine gute Prüfung für die Nerven, was?" Und ich denke 
mir: würde ich heute noch mit Herrn X. aus dem Tier- 
gartenviertel zu Mittag essen und sein Geschwätz eine halbe 
Stunde lang über mich ergehen lassen, ohne die primitivsten 
Formen der Höflichkeit zu verletzen, wahrscheinlich hätten 
meine Nerven dann das Abiturium glücklich bestanden. 
Die Sonne sinkt über all diese großen Augenblicke 
nieder und verschwindet hinter den Bergen. Die Glüh- 
birnen an den Ufern und in den Häusern glühen auf, 
so intensiv wie ich noch nie Glühbirnen habe glühen 
sehen. Sie haben rote Backen sozusagen, wie Land- 
kinder, die von den Früchten auf ihres Vaters Felde 
leben; sie werden gut und reichlich gespeist dahier. Es 
ist wunderschön, wie es Nacht wird. Bänke stehen überall 
zwischen Büschen und unter Bäunen am Ufer versteckt, 
dort wo das Glühlicht sie nicht sieht, nur ein kleiner in 
die Höhe schäumender Wassertropfen sie zuweilen benetzt. 
Auf den Aussichtsterrassen stehn die Leute von Jowa, 
Missouri, Montana; auf den dunklen Bänken an den 
Gewässern aber sitzen Toff und Honey, 'Arry und Sue 
und verstehen ihr eigenes Wort nicht. 

85 



AM MONTAG 

Am Montag höre ich den Donner der Gewässer wie- 
der. Diesmal aber ist er eingefangen in dem Power- 
house, der Kraftstation auf der amerikanischen Seite. 
Bis der Führer kommt, läßt man uns allein auf der Platt- 
form der riesigen Halle stehen. Und da steh ich nun. 

Das da vor mir sieht aus wie ein zusammengerücktes 
und in Einen Raum gebrachtes Schiff; Maschinenräume, 
Kommandobrücke, alles in einem riesigen Kasten von 
schwerem grauen Stein und Glas. Hier innen aber ist 
alles schwarz und weiß. Die elf Generatoren stehen in 
einer Reihe und kreisen mit wahnwitziger Geschwindig- 
keit um ihre Achse herum. Es sind schwarze untersetzte 
runde Türme aus Stahl, wie Spirituskocher anzusehn, in 
jeden gingen fünfzig aufrechtstehende Männer hinein, 
aber er hat nur seine 5500 Pferdekräfte im Leibe. Wahn- 
witzig kreisen und kreisen die Spirituskocher; man sieht 
parallele Streifen fliegen, Lichtstreifen wie bei einem 
Ventilator. Die Turbinen tief unten treiben sie im Kreise 
herum, die Turbinen, die unten in der Tiefe in das Wasser 
tauchen, von der lebendigen Kraft des schießenden 
Wassers herumgejagt werden. Wir steigen jetzt hinunter 
zur Quelle der Kraft, hundertvierzig Fuß tief unter den 
Wasserspiegel und hören mit eigenen Ohren das Schüttern 
des gereizten Stromes gegen Felsen und Stahl. 

Eine Turbine ist in Reparatur und mitten in dem 
Abgrund, mitten in dem hohlen Kamin, den hinauf- 
zuschauen schon schauerlich ist, in schwindelnder Höhe 
über unsern Köpfen steht ein schmales Holzgerüst ge- 
baut, auf diesem steht eine Leiter und auf dieser steht 
ein Mann. 

Unter ihm sind siebzig Fuß Finsternis, und unter 
diesen siebzig Fuß brüllt und tobt das Wasser dahin, das 
noch fünfzig Fuß tief ist an dieser Stelle. 

Während meine Gruppe mit dem laut schreienden 
Führer von Turbine zu Turbine weitergeht, bleibe ich 

86 



auf dem Flecke stehen, auf dem schmalen Steinsteg zur 
Seite des Abgrundes und schaue zu dem Mann dort 
oben empor. 

Eine kleine Glühlampe erhellt ungenügend das Holz- 
gerüst, die Holzleiter, die Gestalt des Mannes selbst. 
Nach einer Weile haben meine Augen sich an das Dunkel 
gewöhnt, und ich sehe jetzt deutlicher den dort oben. 
Er steht in einer Haltung da, die schwer zu beschreiben 
ist. Seine Füße sind eng geschlossen auf der Sprosse der 
Leiter. Er hat seine Arme wagerecht ausgestreckt, nach 
rechts und links, seine Hände greifen in Stahl und Stein 
auf beiden Seiten. Seinen Kopf hat er zurückgeworfen, 
er schaut hinauf, sucht etwas in der Höhe. So steht er da 
auf seiner Holzleiter über dem Abgrund. Jetzt kann ich 
auch unterscheiden: er hat ein blaues Hemd an und 
Corduroyhosen. Dort oben steht er über dem Abgrund 
und arbeitet für die Kraft. Er steht ganz allein dort 
oben und arbeitet für die Kraft, die die Maschinen der 
Fabriken im Lande treiben soll. Der Führer ruft, ich 
darf nicht länger zurückbleiben. Noch einmal schaue ich 
dort hinauf und präge mir das Bild des Einsamen, des 
Arbeiters ein, des Mannes, der zwischen den Abgründen 
steht und dessen Leben, gering erhellt, auf einer dünnen 
Leiter schwankt für die Kraft, die die Werke im Lande 
treibt. Ich gehe vorwärts und frage mich, ob das nicht 
eben das Bild des Gekreuzigten war, das ich dort oben 
gesehen hab im Kamin? — 

Im Tageslicht, in der schwarz und weißen Halle steht 
ein junger Bursche, er kann nicht viel älter sein als drei, 
vierundzwanzig, er steht auf der Kommandobrücke 
längs der Generatoren bei den Stahlhebeln der Konduk- 
toren wie ein Weichenwärter auf der Strecke. Es ist ein 
junger blonder Bursche, er hat scharf aufzupassen, und 
sein schwitzendes, intelligentes Gesicht ist geladen mit 
Aufmerksamkeit wie eine Dynamomaschine. Aus einem 
kleinen Glaskasten zur Seite der Konduktoren, über denen 
opalne Lichter brennen, rollt ein dünner Streifen Papier 

87 



heraus — eine rote Zickzacklinie läuft über den Streifen — : 
das ist der Bericht über die Stromentfaltung und den 
Stromverbrauch, die anschauliche Linie, die das Auf und 
Nieder der Kraft anzeigen soll. 

Ich sehe den tätigen Burschen an und dann den Glas- 
kasten, aus dem der Papierstreif sich herausschlängelt. 
Ich komme mir mit meinem klägHchen Notizbuch vor, 
als säße ich selber in dem Glaskasten drin, w^ährend der 
Kontinent da neben mir rüstig und aufmerksam seine harte 
Arbeit verrichtet, und zeichnete an einer roten Zick- 
zacklinie, die noch dazu gar nicht präzis ist; nur der Glas- 
kasten stimmt einstweilen. Ich mache mir lieber keine 
Gedanken über diesen Gegenstand. 



EIN GUT ANGEWANDTER NACHMITTAG 

Daß die Dinge aus der Nähe gesehen anders aus- 
schauen als von Weitem — um das zu erfahren hätte 
ich nicht von Buffalo nach East Aurora fahren müs- 
sen. Ich bin nur für ein paar Stunden hinübergefahren, 
und als ich in der Kolonie der Roycrofters ankam, da sagte 
man mir, Herr Elbert Hubbard, den ich gerne gesehen 
hätte, sei grad heute nicht daheim in East Aurora. 
Schade — sagte ich mir; Glück! — sagte ich eine Stunde 
später. 

Elbert Hubbard ist der Gründer der ,, Roycrofters", 
man kann seinen Namen auf den kleinen hübschen Wild- 
lederbüchlein lesen, die um dieWeihnachtszeit in großen 
Mengen aus Amerika in die guten Buchhandlungen des 
europäischen Kontinents herüberkommen. Die Eng- 
länder und die Amerikaner werden nicht müde, ihre Klas- 
siker immer und immer wieder mit Liebe und Sorgfalt 
neu zu drucken, und die Roycrofters tun dasselbe. Sie 
drucken einzelne kurze Essays von Emerson, Thoreau, 
Ruskin und dann andres, die portugiesischen Sonette der 
Browning-Barrett, die unvermeidliche Rubayat des Omar 

88 



Khajjam, mit sehr geschmackvollen Lettern auf sehr 
schönes Papier, und binden das Ganze dann in winzige 
Lederbändchen ein. Man kann dieses Leder hin und her 
streicheln, es fühlt sich an wie ein Handschuh, der auf 
einer lebendigen Hand sitzt, ein gutes Geschenk für 
Boudoire. Diesen Zweck zu erfüllen, ist, denke ich, 
eine hübsche Aufgabe, und darum darf man auf die 
Roycrofters nicht böse sein, wenn sie in der gleichen 
kostbaren Art auch alles drucken, was Elbert Hubbard 
schreibt und dichtet. Sie drucken seine Aphorismen, Essays 
über Menschen und Lebensdinge, philosophische und 
soziale Maximen usw. in kleine und große Bände, malen, 
schnitzen und treiben sie auf Pergamentblätter, in Holz 
und Metalltafeln, all das tun sie mit großer Kunstfertig- 
keit und erlesenem Geschmack. Ich habe mir ein paar 
von diesen Sprüchen zur Lebensweisheit aufgeschrieben, 
aber ich schreibe sie hier wirklich lieber nicht wieder auf. 
Ich habe sie mir in mein Notizbuch hineingeschrieben 
von den Tafeln und Pergamenten, die alle aus kostbar- 
stem Material waren, und wenn: 

,, Morgenstunde hat Gold im Munde!" 
oder 

„Trautes Heim Glück allein!" 

mit Morrisscher Einfachheit auf solch einer Tafel ge- 
schrieben steht, so glauben es die Stilbedürftigen und 
Schönheitsdurstigen im Lande aufs Wort — sei es 
nun Ruskin oder Mr. Hubbard, der den Spruch ge- 
sprochen hat. 

Ich bin nicht nach East Aurora gefahren, um zu sehen, 
wie die Roycrofters setzen und binden, bosseln und 
punzen, sondern weil die Sage ging, die Roycrofters seien 
Kommunisten, wenn auch mehr mit künstlerischem Ein- 
schlag als aus rein sozialen Gesichtspunkten, sozusagen in 
der Mönchskutte und nicht blaublusig. 

Hubbard selbst nennt sich ja, etwas kokett, Fra Elbertus, 
was man ihm weiter nicht verargen darf, denn Hubbard 



ist kein schöner Name für einen Künstler, zudem fängt 
ein altes englisches Kinderlied auch so an: 

„Old mother Hubbard 

She went in the cupboard etc." 

Er nennt sich Fra wie der aus Fiesole, und das Hotel, das 
er für die zahlungsfähigen Schwärmer neben seine Werk- 
leutskolonie hingebaut hat, sieht einem Kloster ebenso 
ähnlich, wie er dem Angelico. (Ich merke schon, wo in 
Amerika ein Experiment gemacht wird, steht sofort ein 
Hotel daneben.) 

Elbertus trägt sein Haar wallend und verfügt über 
einen Augenaufschlag, der auf zahllosen Abbildungen zu 
sehen ist; der Speisesaal des Hotels aber ist ein Refekto- 
rium. Es gibt einen veritablen Kreuzgang, und da in 
Mont' Oliveto kein Raum für den Fünfuhrtee vorgesehen 
war, so hat der Fra rasch entschlossen einen Pavillon zu 
diesem Zweck hinter die Apsis der Kapelle, die hier 
ein Musiksaal ist, hingebaut. 

Wie mir ein deutscher Werkführer in dem Fabrik- 
haus erzählte, besteht unter den Hauptbeteiligten der 
Roycrofter- Werke wohl eine Art von gemeinsamer Arbeits- 
bestimmung und Teilung des Gewinns. Da sich aber die 
Unternehmung, die geschickt in Szene gesetzt ist und 
mit beträchtlicher Reklame arbeitet, süperb bezahlt, 
haben die ästhetischen Kommunisten eine Schar von be- 
soldeten Arbeitern und Clerks angestellt und bauen jetzt 
Kapelle um Kapelle, in denen ihre Kunstwerke zum 
Verkauf ausgestellt sind. 

Fra Elbertus wehrt es keinem, daß er mit wallendem 
Haar hinter der Schreibmaschine sitze, und ich habe 
augenaufschlagende Novizen die Addiermaschine be- 
dienen sehen. — Der Fra ist ein Idealist und ein Praktikus 
zugleich. Er druckt selber und zwar mit Morrisscher Ein- 
fachheit die Plakate für die Varietes, in denen er, oben 
wie ein Mönch, unten wie ein Montmartrois anzu- 
schauen, Vorträge hält, Propaganda macht für eine Idee, 

90 



die eine künstlerische und asketische zugleich ist, oben 
Angelico, unten Barnum. 

Wie ich aus der Bibliothek des ästhetischen Hotels in 
die Halle hinauskam, da saß eine Corona von den auch bei 
uns ziemlich bekannten Damen mit verwaschenen Farben 
auf dem Leib, Kettchen, Steinchen und Haartrachten, 
im kühlen Schatten auf bequemen Stühlen beisammen; 
in ihrer Mitte saß ein Jüngling, eine gut gemachte Re- 
produktion seines Meisters, und las ihnen, langgelockt 
und in Hemdsärmeln, aus den Werken des Fra vor. Bild- 
nisse von guten und w^eisen Männern sahen, in der Nach- 
barschaft des Briefkastens, auf dieses wohlgepflegte Som- 
meridyll hernieder, und ich dachte, um mit dem erfolg- 
gekrönten Fra rasch fertig zu werden, an den Daddy 
drüben inFreeville, der ebenso wie der Fra, ein Amerikaner 
ist, dem aber sein Werk über den Kopf gewachsen war. — 



CHAUTAUQUA 

Die ersten Eindrücke, die man hier herüben von den 
Dingen gewinnt, sind oft recht schlechte. Nimmt 
man sich aber die Mühe, läßt sich von der Oberfläche 
nicht verwirren und hat überhaupt Sinn und guten Willen 
dafür, so sieht man bald das Gute und Große unter der 
abstoßenden Einhüllung. Auch in Chautauqua mußte 
ich durch eine Schichte von unfreundlichen Eindrücken 
hindurch, ehe ich hineinkam. 

Der Ort hat seinen (Indianer-)Namen vom See, an 
dem er liegt. Dieser anmutige See, der an den Chiemsee 
in seinen östlichen Partien erinnert, liegt ein paar Meilen 
vom Erie entfernt am nordwestlichen Ende des Staats 
Newyork, etliche hundert Fuß höher als der Erie. 

Man kommt mit dem Schiff an dem Pier an und möchte 
nun gerne in den Ort hinein. Das ist aber nicht so ein- 
fach! Man muß durch ein Tourniquet, ein mannshohes, 
mit Barren versehenes Eisengitter, das sich dreht. Es 



dreht sich aber erst, wenn man seinen Obolus bezahlt hat; 
will man das nicht, so kann man mit dem nächsten Schiff 
weiter! Der Obolus ist gar nicht so gering. Ich 
zahle meinen halben Dollar für den Rest des heutigen 
Tages und gehe mit meiner Tasche in den Ort hinein. 

Gleich ein paar Schritte weit vom Pier sehe ich etwas, 
was mich mit Heiterkeit und Spottlust erfüllt. Ein paar 
kleine Hügel und zwei kleine Pfützen sind nahe beim 
Seeufer auf den Boden aufgeschüttet und in den Boden 
eingegraben, — auf einem der Hügel bemerke ich so etwas 
wie ein primitives plastisches Modell einer kleinen Stadt, 
aus weißem Zement. Eine Tafel belehrt mich: das da ist 
eine getreue Nachbildung von Palästina. 

Die Pfütze vor mir ist der See von Galiläa, die Zement- 
stadt auf dem Plügel da ist Bethabara, und der Hügel ist 
der Gadarenische Hügel. Drüben die größere Pfütze ist: 
Das tote Meer. Darüber ist ein größerer Zementhaufen 
zu sehn: Jerusalem. Rundherum kleinere: Bethlehem, 
Gibeon, jenseits des Ölbergs aber, nach dem Chautauqua- 
see zu, liegt Hebron, — denn was da draußen ist, der See, 
über den ich grad mit dem Dampfer gefahren bin, ist 
nicht der Chautauquasee, sondern das Mittelländische 
Meer. 

Alles genau nachgebildet; der Fluß Jordan, eine schmale 
Wasserader zwischen dem See von Galiläa und dem 
Toten Meer, Carmel, Dan und Berseba, Sidon und Tyrus, 
alles. Der ganze Kitsch ist vor langer Zeit der Institution 
Chautauqua von einem alten Herrn gestiftet worden und 
hat Chautauqua in seinen Anfängen in den Staaten be- 
rühmt und populär machen helfen. 

Nachdem ich im „Hotel Athenäum" mich gesäubert 
und mein Abendessen zu mir genommen habe, schlendre 
ich links den Berg hinauf, um mir Chautauqua anzusehn. 
Zehn Schritte weit vom Hotel bleibe ich plötzlich wie 
angewurzelt stehn — ja, wirklich, da habe ich einen Schlag 
ins Genick bekommen, und zwar nicht vom Anblick eines 
Wolkenkratzers, sondern von dem einer gewaltigen Sache, 

92 



der ich mich mit einemmal ganz ohne Vorbereitung 
gegenüber finde. 

Chautauqua ist eine große Sommerschule, hat man mir 
gesagt, eine Art Kurort, in dem man aber kein heilendes 
Wasser trinkt, sondern Vorträge anhört. Berufene Leute 
halten diese Vorträge über Gegenstände der Literatur, 
Geschichte, über alle Fächer der Wissenschaft; man setzt 
sich einfach hin, wo man Lust hat, zu sitzen, und hört zu. 
Was wir in Europa ,,University Extension" nennen, aber 
doch etwas spezifisch Amerikanisches, etwas in Europa 
kaum Denkbares, ein Karlsbad mit dem kastalischen Quell 
statt des Sprudels. Aus allen Teilen, aus den entlegensten 
Winkeln ihres riesigen Kontinentes, ihres bewunderungs- 
würdigen demokratischen Staatenverbandes kommen die 
Americanos daher, für acht Wochen im Sommer, um zu 
lernen; dann zerstreuen sie sich wieder in alle Winde 
und haben etwas mitgenommen, was sie nicht mehr ver- 
lieren werden. Man kann sagen : nicht Menschen werden 
hier unterrichtet, sondern ein Weltteil. Sie bekommen 
eine homogene Kost hier, die Americanos, sie sitzen alle 
an der gleichen Quelle, gesunden, genesen und fühlen 
sich jährlich um einige Grade mehr als Americanos nach 
solch einem Sommer in dem Ort Chautauqua. (Doch wir 
haben etwas — entfernt — Ähnliches in Europa : Bayreuth.) 

Ich habe von Walt Whitmans Lieblingswort, dem Wort 
„en masse", wohl immer einen Schauer empfangen, wie von 
etwas Inkommensurablem. Aber das Wort ist trotzdem 
nicht bis in die innerste Tiefe gedrungen, wo der Kontakt 
erreicht wird. Hier auf einmal fühle ich den Schlag im 
Nacken sitzen. Denn was da plötzlich vor mir liegt, ist 
ein ungeheures, von obenher aus unsichtbaren Licht- 
quellen beleuchtetes Tal von Menschen, ein Krater 
von Menschen, eine Arena, das Dach ruht auf hohen 
Säulen, aber sonst ist der Raum von allen Seiten offen, 
tief in einen Berg eingegraben, und in dieser Arena, 
diesem Amphitheater sitzen Menschen in hellen Sommer- 
kleidern, Tausende und Tausende — mir schien's, Zehn- 



93 



tausende, ohne einen Laut, ohne die geringste Regung, 
stumm, in Andacht. 

Auf dem Podium, das halb in das Amphitheater hinein- 
gebaut ist, sitzen vorne an der Rampe ein paar Männer 
und Frauen in dunkeln Kleidern. Hinter ihnen hängt 
eine große Flagge, das Sternenbanner, von einer Art 
Kulisse herunter, und hinter dieser Kulisse ist die Orgel, 
eine Orgel von Dimensionen, die dem ungeheuren Raum 
entsprechen. Rechts und links auf dem Podium auf- 
steigend, Chöre, Männer und Frauen, hell und weiß, 
nur die paar Menschen vorn auf dem Podium sind schwarz 
angezogen. 

Ich habe letzten Winter Reinhardts Ödipus im Zirkus 
Schumann gesehen, und als das wehschreiende Volk, am 
Anfang, in die Arena hereingestürzt kam, da habe ich 
etwas Ähnliches empfunden wie jetzt, da ich diese schwei- 
gende Menschenmenge erblickte. (Ich hörte später, es 
seien ungefähr achttausend Menschen da gewesen.) 

Aus der kleinen Gruppe vorne auf dem Podium trat 
ein Greis hervor und sprach mit leiser, alter Stimme 
zu den achttausend Menschen des Tales. Jedes Wort war 
deutlich zu hören, jedes Atemholen des alten Mannes, 
und das schreibe ich nicht nur her, um zu erklären, wie 
gut die Akustik des Raumes beschaffen ist, sondern mehr, 
um zu sagen, wie die Akustik inwendig in diesen Menschen 
beschaffen ist. 

Es war „Old First Night", zu der ich zufällig her- 
gekommen war, — die Feier des siebenunddreißigsten 
Jahrestages der Gründung von Chautauqua. Der Greis, 
der da redete, war der eine der Gründer Chautauquas, 
Bischof John C. Vincent von Indiana, und er sprach vom 
andern Mann, der mit ihm Chautauqua gegründet hatte 
und den die Erde deckt, Lewis Miller. 

Ich hörte lange den Reden zu. Männer aus fast allen 
Staaten der Union sprachen nacheinander. Ihre Reden 
waren alle von Enthusiasmus für die Idee, die demo- 

94 



kratische Idee Chautauquas erfüllt; von einem Lokal- 
patriotismus, der zugleich Patriotismus für den Welt- 
teil Amerika war. Von Liebe für die Männer und Frauen, 
die hier am Werke waren, und von Pietät gegen die Männer 
und Frauen, die einst für Chautauqua gearbeitet hatten 
und nicht mehr arbeiten konnten. Hier hatte ich den Ein- 
druck von GeschichtHchem, von Tradition, von Vater- 
landsgefühl, das mich anging, das lebendig war und keine 
Mache, hier hatte ich den Eindruck, daß die Toten leben 
und bei uns Lebendigen sind in diesem Moment. Denn 
was ich sah, war etwas absolut Schönes und lebendigstes 
Leben — und zu dem gehört noch immer etwas mehr, 
als was die Lebenden allein aufbringen können. 

Dann setzte die Orgel ein, auf einmal fiel die^große 
Flagge, das Sternenbanner, von der Kulisse aufs Podium 
herab, und man sah die Kuhsse dastehen, sie war etwa 
sechs Meter hoch, und in der Mitte war die Form eines 
Turms aus der Leinwand ausgeschnitten. 

In diesem Jahr 191 1 haben die Chautauquaer ihrem 
Gründer Lewis Miller einen Gedächtnisturm an dem 
Ufer ihres Sees gebaut, Bischof Vincent hatte das Glocken- 
spiel heute nachmittag eingeweiht, und jetzt, in einer 
Stunde, sollten die Kosten durch freiwilHge Gaben ein- 
gebracht werden, und nicht nur die Kosten für Turm und 
Glocken. Man brauchte noch Geld für arme Leute, 
Schullehrerinnen, die einen Sommer lang in Chautauqua 
leben, gute Luft, gute Nahrung und guten Unterricht 
genießen sollten, soviel in sie hineinging, ohne einen Gro- 
schen von eigenem zuzusetzen, zur höheren Ehre von 
Mütterchen Amerika. 

Es gingen kleine Knaben und erwachsene Männer mit 
Körbchen herum im Menschental, stiegen auf den Berg 
der Arena und kehrten zurück in die Tiefe. In den Körb- 
chen waren Kuverte, und in die Kuverte mochte, wer da 
wollte, Geld, Noten, Schecks hineinstecken. 

Reden wurden gehalten. Der Gouverneur trat vor, 
meldete: ein Kabeltelegramm, die ersten tausend Dollar 

95 



für den Turm, von Mrs. Thomas Aiwa Edison, die gegen- 
wärtig in Frankreich ist. j 

Gleich darauf begann hinter dem Ausschnitt der Ku- 
lissen ein Junge Ziegelsteine aus Pappendeckel aufzu- 
bauen. Zehn Ziegelsteine, von denen jeder hundert 
Dollar vorstellte. Bei Nummer zehn hielt er inne. 
Nicht lange, denn es kamen weitere zehn dazu, und 
noch zehn und noch fünfzehn. Bei jeder neuen Lage 
applaudierten die Achttausend. Rasch wuchs der Turm 
in die Höhe — eine genaue Nachbildung im kleinen des 
Campanile, den ich vor einer Stunde vom Dampfschiff 
aus gesehen hatte. Noch zehn Ziegelsteine, dann fünf, 
dann drei, dann fünf. 

Reden, Gesang. ,,The Old Kentucky Home", dieses 
wundersame alte Negerlied, der Chor sang es, die Orgel 
spielte es, achttausend Menschen summten es leise mit. 
Dann Reden; Senatoren, Richter, Männer von Uni- 
versitäten, Fabrikanten, Farmer aus dem Westen. Alle 
standen auf, nacheinander, und sprachen; von ihrem 
Stand, ihrer Provinz, von Amerika. Dazwischen Musik, 
„Way down upon the Swanee Ribber" . . . Und dann plötz- 
lich das frische, jauchzende: „Dixieland!", die Hymne 
des Südens, die die aus den Südstaaten hier in der Arena 
mit entzücktem Pfeifen, kleinen Schreien, einer Art 
kultivierten Tobsuchtsanfalls, begrüßten und alle, auch die 
vom Norden, mitsangen, Wort für Wort. In weniger als 
einer Stunde war der Turm fertig bis hinauf zum Giebel. 
Ungefähr neuntausend Dollar waren zusammengebracht 
worden in einer Stunde, Baukosten für den Turm, 
Baukosten für Menschen. Dann: ,,The Star Spangled 
Banner", das Tal setzte sich in Bewegung und zer- 
teilte sich über den ganzen Ort, der im Walde drin 
liegt, Haus bei Haus eng beisammen, so eng wie das Land 
weit ist, aus dem diese Menschen hergekommen sind. 
Nächsten Tag war ich mitten drin in allem. Und heute 
möchte ich heulen darüber, daß das Muß mich wegge- 
trieben hat und ich nicht eine Woche, einen Monat noch 

96 



unter diesen Menschen Chautauquas, unter diesen Men- 
schen des großen Amerikas bleiben durfte. — 

Ein junger Student aus meinem Hotel, von dem ich 
noch sprechen werde, erklärte mir die Institution. 
Professor E. J. Flügel von der Cornell-Universität Ithaka, 
der im Sommer über deutsche Sprache und Literatur 
liest und der Gouverneur von Chautauqua, Präsident 
George E. Vincent von der Universität Minnesota, 
nahmen mich herum und zeigten mir alles, erklärten mir 
Chautauqua. 

Ich möchte am liebsten das Programm eines einzigen 
Tages hier aufschreiben, das Programm vom Freitag, 
4. August 191 1. Ich habe 49 Vorträge gezählt, sie stehen 
auf dem Tagesprogramm gedruckt. Einige will ich her- 
zählen. Ein Vortrag über moderne soziale Bewegungen 
in Europa. Über Wald und Vögel. Über den Kinder- 
garten. Über Shakespeare. Über außerchristliche Glau- 
bensbekenntnisse in der Union. Ein Vortrag über die 
Geschichte der Banken Amerikas, vom Präsidenten einer 
der größten Banken Newyorks gehalten. Über die Zu- 
bereitung von Eisspeisen und Creme. Über die Kirche 
und die Arbeiterfrage. Über die Persönlichkeit und Kunst 
von G. K. Chesterton. Über Björnsons „Handschuh" 
und die Frauenfrage. Über Missionstätigkeit in den großen 
Städten. Und am Abend ein Konzert mit Chören und 
Sohsten in der großen Arena: ,, Schön Ellen" von Max 
Bruch und ,,Die Kreuzfahrer" von Niels Gade. 

Ich habe Vorträge gehört, ausgezeichnete, in der Arena, 
in der wundervollen „Hall of Philosophy", einem grie- 
chischen Tempel mitten im Wald, in den Häusern der 
Methodisten, der Presbyterianer, der Nonconformisten. 
(Christian Science ist ausgeschlossen aus Chautauqua!) 
Im Kindergarten habe ich die Lehrerinnen mit den ent- 
zückendsten kleinen Amerikanern und Amerikanerinnen 
spielen sehen und habe Vorträge mit angehört, die diese 
Lehrerinnen im College von den besten Lehrkräften der 

7 97 








Slii»^ 



Jnkunft in Chautauqua 

Universitäten Amerikas in vielen Fächern erhielten. Ich 
habe in den schönen Werkstätten die Lehrerinnen das 
kunstgewerbliche Handwerk erlernen sehen. Ich war auf 
dem Baseball-Feld und habe vom Ufer Schwimm- und 
Ruder-Matche ausführen sehen. Ich war in ,,Piano- 
ville", dem entlegensten Winkel Chautauquas, wo Vir- 
tuosen von großem Namen ihre Klavier- und Geigen- 
farmen haben, Hühnerhöfe für angehende Klavier- und 
Geigenvirtuosen. All die wundervollen Plätze, Häuser 
und Häuschen, in denen gelehrt, gelernt, gelebt und 
geflirtet wird, habe ich, teils von außen und teils von 
innen, mir angesehen. 

Professor Flügel und Gouverneur Vincent, der Sohn 
des Bischofs, haben mir den inneren Mechanismus dieser 
national amerikanischen Bildungsstätte erklärt. Sie ist 
für den gebildeten Bürger und den Lehrer der Mittel- 
klasse berechnet und geschaffen. Der Lehrerstand (der 
in Amerika ein Lehrerinnenstand ist) erhält hier eine 



98 




Das Baseball-Feld 

einheitliche Wissensbasis, und wer so entlegen wohnt, 
daß er sich jahraus jahrein mit Gedrucktem behelfen 
muß, kann hier acht Wochen lang Universitätshörer 
werden, wenn er Lust dazu hat. Das Gitter um Chau- 
tauqua herum ist da, damit der oberflächliche Besucher 
aus den Sommerfrischen rings um den Chautauquasee 
den Wißbegierigen den Platz nicht wegnehme und 
daß, wer da lernen will, mit gutem amerikanischen Geld 
für seinen Unterricht und für den der „scholars", der un^ 
bemittelten Lehrerinnen, bezahle. Im ganzen sind zur- 
zeit etwa fünfzig hier. 

Es gibt fünfundsiebzig Professoren und vortragende 
Damen, die während der acht Wochen wie die Sklaven 
arbeiten dahier. Es sind heute fünfzehntausend Menschen 
in Chautauqua anwesend. Außer den Kursen über Schul- 
fächer für die Lehrerinnen und den Vorträgen aus allen 
Gebieten gibt's alljährlich einen Spezialkurs über einen 
bestimmten Gegenstand. Dies Jahr sind es amerikanische 
Fragen, voriges Jahr waren es Kulturfragen Englands 
und nächstes Jahr werden es Kulturfragen Deutsch- 



99 



lands und Frankreichs sein. Chautauqua gibt alljährlich 
zu diesem Spezialkurs Bücher heraus, die die Sommergäste 
mitnehmen und im Winter sind sie dann daheim in Chau- 
tauqua! Dies Jahr sind es: ,,Der Amerikaner des zwan- 
zigsten Jahrhunderts" von H. P. Robinson, dem Washing- 
toner Korrespondenten der Londoner „Times"; „Der 
Geist der amerikanischen Regierung" von Professor Allen 
Smith, Universität Washington; ,, Material und Methoden 
der Romandichtung" von Clayton Hamilton, und ,, Zwan- 
zig Jahre in Hull-House" von Jane Addams in Chicago, 
der großen Sozialreformerin. 

Ich habe Broschüren und Berichte mitbekommen und 
gelesen, daß Männer und Frauen wie James Garfield, 
Mac Kinley, Roosevelt, Taft, Drummond, John Fiske, 
Julia Ward Howe, Benjamin Ide Wheeler, Frances 
Peabody, Susan Anthony, Lew Wallace (um nur ein 
paar in Europa bekannte Namen zu nennen) Chau- 
tauquaer waren und sind, hier gelebt, gelesen und 
gesprochen haben. Daß man Grade und Ehren einheim- 
sen kann und nach Hause mitnehmen darf, weitn man die 
und die „Prüfung" abgelegt hat, ist vielleicht nicht sehr 
ernst zu nehmen. Ein herzlicher alter Herr aus Kentucky, 
der mich im Hotel ansprach (er hat mich für einen schot- 
tischen Reverend gehalten, war aber nicht mehr als 
schicklich enttäuscht, als ich ihn aufklärte), erzählte mir, 
er sei jetzt achtundsiebzig Jahr alt, komme seit dreißig 
Jahren mit seiner Frau und Tochter nach Chautauqua, 
und die ganze Familie habe vor drei Jahren ,, promoviert". 
Ich habe im ganzen das sympathischste, feinste und liebens- 
würdigste Leben, das die heutige Bourgeoisie an irgend- 
einem Sommerort der Alten oder Neuen Welt zur Schau 
tragen kann, in Chautauqua ein paar Tage lang genossen; 
und wenn ich meinem Nachbarn vom „Kaiser Wilhelm 
der Große" wieder begegne, dann will ich ihm sagen: 
ich habe Amerika an einem Ort beisammen gesehen und 
ein Bild von Amerika in mir empfangen, ohne daß ich 
die smart set in Newport hätte tanzen sehen. 



[QO 



Chautauqua ist ein Ort für den wohlhabenden Bürger, 
und der ,,Mann ohne Niveau" hat hier nichts zu suchen. 
Er wird auch keines bekommen hier, denn das ist nicht 
vorgesehen. Chautauqua ist kein soziales Experiment, 
dazu sitzen auch zu viele hübsche und gelangweilte Frauen 
mit ihren Stickerei-Arbeiten zu Füßen der Professoren. 
Aber ich glaube, sieben Tagereisen w^eit an einen Ort 
herzukommen, um ein paar Wochen lang in einer freien 
intellektuellen Atmosphäre unter gebildeten und bil- 
dungsbegierigen Menschen leben zu können, das ist gar 
kein so schlechter Anfang für ernstes soziales Streben. 
Der Bourgeois ist ebenso, wenn nicht bildungsbedürftiger 
als der Proletarier: und in Chautauqua wird vielleicht, 
wenn man genauer hinschaut, etwas für die Zukunft getan, 
was gar nicht auf dem Programm von Chautauqua steht. 



DAS HOTEL „ATHENÄUM", CHAUTAUQUA 

In Amerika wird überhaupt manches getan. 
Ich habe erwähnt, daß mir in meinem Hotel, dem 
Hotel „Athenäum", ein junger Student die ersten 
Aufklärungen über die schöne Institution und das Problem 
Chautauqua erteilt hat. Dieser Student, ein Graduierter 
der Columbia-Universität in Newyork, wohnte nicht etw^ 
zufällig im Hotel „Athenäum", sondern er war dort 
bedienstet. 

Er war es, der mir mein Zimmer angewiesen hat, er 
war Clerk im Hotel. 

Ich hatte mit meinem Koffer Schwierigkeiten bei der 
Dampferstation. Kaum war ich in meinem Zimmer, 
klingelte ich dreimal; ein junger Mann kam herein und 
sprach: „I am the Porter."' Er sah aus, wie Wilamowitz- 
Moellendorf in jüngeren Jahren ausgesehen haben mag. 
Ich sagte mir: was, du mit deinem Gesicht bist der 
Portier? und erklärte ihm hierauf meine Angelegenheit. 
(Ich hatte von den Dingen im Hotel keine Ahnung.) 

10 1 



* -> i 



'.-«.-.^ « "^ 



Eine Viertelstunde später brachte er mir auf seiner 
Schulter meinen Koffer. Er war ein stämmiger junger 
Mann, dieser Portier. 

Ich hörte später, er sei Kandidat der Medizin. Ich 
hörte auch, daß das Stubenmädchen, das mein Bett 
machte, ein Collegegirl sei, ebenso das Fräulein, das 
an der Table d'hote mit dreißig anderen Collegegirls die 
vierhundert Gäste des Hotels bediente; und der Lift- 
junge war ein Gymnasiast, und alle die Clerks waren 
,,college-people", und jeder und jede arbeitete, und zwar 
ziemlich hart, und verdiente sich einen Teil seines oder 
ihres Unterrichtsgeldes für das nächste Semester. Und 
wenn sie am Abend fertig waren mit ihrer Arbeit, dann 
saß die feine Millionärsgattin aus Cincinnati mit dem 
Mädchen, das bei ihrem Tisch aufwartete, und mein 
guter Herr aus Kentucky saß mit dem Liftjungen bei- 
sammen in der Halle des schönen Hauses, und sie unter- 
hielten sich über mancherlei, über die Verhältnisse ihrer 
eigenen kleinen Heimat in der großen gemeinsamen, der 
alte Herr holte sich Rats beim Liftjungen über etwas 
Lateinisches, w^as er heute im Vortrag des Professors nicht 
recht verstanden hatte, und der Liftjunge mußte sich 
mit der Erklärung beeilen, denn es wurde geklingelt, und 
Nummer so und so viel wünschte Eiswasser aufs Zimmer 
gebracht zu bekommen. 

Ich habe^mit ihnen gesprochen und vom Columbia- 
Mann vieles gelernt und gehört über die Universitäten 
Amerikas, über die Menschen und die Anschauungen der 
Menschen auf diesem merkwürdigen, jungen und bären- 
starken Kontinent. Beneidet habe ich sie alle, vom Clerk 
zum Liftjungen hinunter, alle miteinander. 

Der Anschauungsunterricht im Hotel Athenäum hat 
mir etwas beigebracht, was ich mir aus hundert zer- 
streuten Tatsachen hätte zusammensuchen und -stellen 
müssen. Ich werde nun alles besser verstehen, was ich in 
den Staaten sehen und hören werde, das weiß ich sicher. 

Die Klasse, scheint es, existiert hier herüben nicht. Auf 



02 



alle Fälle: in einer ganz anderen Form als drüben 
in Europa. Stellen Sie sich einmal einen deutschen 
Studenten als Kellner in einem Sommerhotel und eine 
höhere Tochter aus guter Familie in einer niedereren 
Funktion als der einer kunstgewerblichen Pfuscherin vor. 
Ein Korpsstudent, ein Gesicht mit Schmissen, ein Mann 
mit einem Komment im Gehirn. Der Franzose sagt: 
vous voyez ga d'ici. 

Ich meine, wie muß einem amerikanischen Austausch- 
professor zumute sein, wenn er von einem ,, Salamander" 
wieder hinaus auf die Straße kommt und die elektrischen 
Straßenbahnen des zwanzigsten Jahrhunderts sausen an 
ihm vorbei. Die jungen Herren haben andere Sorgen! 

Nein, die Klasse existiert in Amerika gewiß nicht in 
der Form, wie in Europa drüben. Der Unterschied 
zwischen dem einen arbeitenden und dem andern arbei- 
tenden Mann ist sicher ein wesentlich geringerer als in 
Europa, wo zu allen Verbarrikadierungen der Menschen 
gegeneinander noch die Klassifizierung der Arbeit kommt, 
die die Klassen regelt, zerstückelt, in kleine Unterabtei- 
lungen numeriert und wertet. 

Gewiß steht der Mann mit einer Million Dollar jähr- 
lichem Einkommen hier herüben in einer ganz anderen 
Kaste, als der mit ,,nur" tausend. Und ich kann's mir gut 
denken, daß die vielen Klubs und Logen dahier eine Aus- 
wahl treffen, die verdammt nach Kaste und Klasse aus- 
schaut. Aber daß ein Mann aus der Kaste der Gebildeten 
auf einen Sommer oder ein Jahr in einen niederen ,,Job" 
hinuntersteigt, ohne hierdurch seiner Kaste verlustig zu 
werden, das ist Amerika und nicht Europa, daraus spricht 
ein demokratischer Geist, und ich weiß nicht, ob der sehr 
weit oder sehr nah ist vom Ideal des Sozialismus. 

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß sich hier herüben 
der Kampf der Klassen mehr als ein wirtschaftlicher 
Kampf abspielen muß, d. h. reinlicher, nicht mit der Ge- 
hässigkeit und Tücke, zu der uns in Europa das Kasten- 
wesen und die snobistische Ambition der niederen Klassen, 



103 



in die höheren hinaufzuklettern oder sich in die höheren 
hineinzuschwindeln, und all der ähnliche Plunder zwingt. 
Ich weiß auch: in diesem raschen Wechsel der Berufsarten 
des einzelnen; in diesem mit der Waffe der Kraft und 
Veranlagung von Mann zu Mann und nicht aus einer 
Festung in die andere Festung hinübergeführten Kampf; 
in diesem sozusagen mit dem kurzen Römerschwert ge- 
führten Kampf um das materielle Dasein — kann eine 
anständigere Form der Gesamtheit sich entwickeln, als eine 
Nation es im alten Europa ist. Wo einer durch Patente, 
Adelsbriefe, Titelchen und Narrheiten schlimmerer Sorte 
sich hindurchdrängen muß, an denen die Kraft zer- 
splittert und die Energie niederträchtig wird. Ich lerne 
aus diesem simplen Anschauungsunterricht in der Hotel- 
halle dahier, daß in Amerika der Kampf der Arbeit gegen 
das Kapital, der große kommende Weltkrieg, gegen den 
es keine Arbitration und kein Haag gibt, mit einer Blutig- 
keit wird ausgefochten werden müssen, die ihresgleichen 
nicht hat in der Geschichte der Kämpfe der Menschheit. — 

Es ist meine letzte Stunde in Chautauqua. Während 
alles in den Hörsälen, im Amphitheater, in all den schönen 
Häusern im Walde beisammensitzt, um zu lernen, seine 
Kräfte zu vervielfachen, gehe ich mit meiner Reisetasche 
den Weg zum Eisengitter zurück, den ich gekommen 
bin am ersten Tag. Ich muß mein Billett zurückgeben, 
das mich in diesen dreieinhalb Tagen etwa drei Dollar 
gekostet hat, und damit höre ich dann auf, ein Chautau- 
quaer zu sein. 

Es ist ein schöner Sommertag, für lange Zeit mein 
letzter in den Staaten, denn ich fahre heute über den 
Ontario nach Toronto hinauf. 

Die Sonne scheint auf den Chautauquasee herunter, 
auf Häuser, Wald und helle Menschen dazwischen. Wie 
ich an „Palästina" vorüberkomme, hocken drei kleine 
Kinder am Ufer des Sees von Galiläa und treiben kleine 
Papierschiffchen hinüber von Tiberias nach Kapernaum. 



104 



REISE DURCH KANADA 



ONTARIOFAHRT 

Der Ontario ist das kleinste von den fünf Meeren 
im Innern Nordamerikas. Wenn man ihn an seinem 
westlichen Zipfel durchquert, vom Niagara hinauf 
nach Toronto zu, so ist dieser Zipfel noch breit genug, daß 
ein paar Stunden lang die Ufer rings unter den Horizont 
hinuntergehn und Himmel und Wasser um das Schiff sind, 
vielleicht noch ein Fetzen Rauch in der Ferne. 

Ich weiß, ich fahre über einen See, und ich kenne auch , 
die Landkarte Kanadas gut genug, um zu wissen, daß die 
Grenze Kanadas und der Staaten ein gerader Strich ist, 
wie mit dem Lineal quer durch den Weltteil gezogen, und 
doch stellt sich dieses feierliche Gefühl von innerem Er- 
staunen wieder in mir ein, das mich damals beherrschte, 
als ich unterm so und so vielten Breitengrad plötzlich 
wußte — nun bin ich der Neuen Welt näher als der Alten. 

Kanada ist eine neue Welt in der Neuen. Schade, daß 
ich nicht länger mich in den Staaten aufhalten durfte; 
hätte ich's gedurft, sicher war mir der Kontrast stärker 
bewußt geworden. Ich erinnere mich, hörte ich als 
Kind von jemandem sagen: er sei nach der Neuen Welt, 
um ein neues Leben zu beginnen (die meisten, von denen 
man das erzählte, hatten ihre guten Gründe, Welten und 
Leben umzutauschen!), mit einemmal war da alles sonder- 
bar um diesen Menschen herum! Er selbst. Dann dieser 
Begriff: die Neue Welt. Und dann: das Neue Leben! 
Ein erwachsener Mensch beginnt in einer neuen Welt 
ein neues Leben! Es war so etwas wie ein Märchen, und 
der arme Bankrotteur, der gebückt auf dem Stuhl gegen- 
über den strengen Onkeln saß, war ein Märchenprinz, 
nichts weniger. 

Was damals die Neue Welt war, ist inzwischen, der 
Technik und der Konkurrenz und all den übrigen Seg- 
nungen sei Dank, ziemlich alt und schon äußerst selbst- 
verständlich geworden — aber jenes nördliche Land 
über dem graden Strich durch Nordamerika hindurch 

10.7 



ist heute noch so etwas wie ein Märchenland, etwas frisch 
zur Welt Gekommenes, fast Unwahrscheinliches. In 
Wahrheit ist's ein Kontinent, von dem kaum die etwas 
Genaues wissen, die in ihm leben; für mich, da ich über 
dieses Binnenmeer dorthin treibe, etwas absolut Rätsel- 
haftes; meine Augen blinzeln; ich möchte schon Toronto 
sehn! 

In Newyork ist mir auf einem Bahnhof ein kleines 
blaues Heft in die Hände gefallen, der Titel heißt : „Fünf- 
, tausend Tatsachen über Kanada". Jetzt, während es 
Abend wird und Himmel und Wasser und die rauchenden 
Schiffe wie Nebelwände ineinander sich schieben, blättere 
ich im Heft und probiere die Landkarte Kanadas im 
Winde aufzuspreiten. In diesem Abendlicht eines schönen 
Augusttages wird die Statistik und die Landkarte un- 
versehens zu einer einzigen Nebelwand mit Lichtern hier 
und dort, unwahrscheinlich und die Phantasie aufregend, 
so wie der Horizont dort im Norden jetzt geworden ist — 
wie eine ungeheure haardünne Schildkrotplatte, hinter 
der eine Kerze brennt irgendwo. 

Dieses Land Kanada, in dessen Norden sich die Linien 
der Landkarte zag und ungewiß auf dem Papier verlieren, 
hat vor Jahrzehnten noch als ein Land des ewigen Winters 
gegolten, als ein Tummelplatz von Felljägern, Fallen- 
stellern, Indianern und spärlichem Abenteurergesindel 
über unermeßliche Wüsteneien. Jetzt fängt man an, zu 

ahnen, was es ist Kanaan! 

In dieser englischen Dominion leben acht Millionen 
Menschen, und es ist Raum in ihr für hundert. Heute 
schon sind durch die Eisenbahnen, die das Land erschlossen 
haben, 250 Millionen Acres für landwirtschaftliche Zwecke 
aufgemacht worden. In ein paar Jahren werden neue 
Bahnlinien noch einmal so viel Land aufgemacht haben. 
Aber es sind bis heute erst 80 Millionen Acres urbar und 
unter Kultur. Vor zwei Jahren stand Kanada an zehnter 
Stelle unter den weizenbauenden Ländern der Erde, 
heute schon an fünfter Stelle. 

loS 



Unermeßliche Wälder warten auf die Axt. Unermeß- 
liches Prärieland, von der Fäulnis der Faunen und Floren 
von Urzeit her gedüngt und w^ieder gedüngt, wartet auf 
die Pflugschar, die die schwarze Erde zum erstenmal um- 
drehen soll. Erz ist in den Bergen. Die Ströme und Seen 
sind schwarz von Fischen; Wild lebt in den Bergen und 
hat nie seinen Jäger gesehn. Auf rollenden Hügelländern, 
Tage und Tage weit, kann das Vieh im Freien weiden in 
all den vier Jahreszeiten. Und es gibt im Westen, in der 
Nähe des Pazifik, Hügelabhänge, auf denen die Bäume 
zweimal im Jahr Früchte tragen. 

Die ,, fünftausend Tatsachen" sagen dies in einem min- 
der biblischen Stil, als ich es hier tue, aber mir ist das Wort 
Kanaan in den Sinn gekommen; ich schreibe heute, in 
Vancouver, am Stillen Ozean, zehn Wochen nach der 
Ontariofahrt dieses Wort mit gutem Gewissen nieder, 
und in diesen zehn Wochen hab ich das Land gesehen. 

Ich war in den Städten und bin über Land gefahren. 
Ich war in den Bergen, wo das Gold wächst, und war bei 
den Weizenbauern auf der Prärie. In Alberta habe ich mit 
Ranchern gespeist und in Saskatchewan auf Farmen über- 
nachtet. In dem Felsengebirge haben mir Jäger und Berg- 
steiger ihre Abenteuer, und in den Tälern westlich von 
dem Felsengebirge haben mir Siedler ihre Kämpfe in den 
ersten und ihre Erfolge in den nächsten Jahren erzählt. 
In Ottawa, in dem wunderschönen Regierungspalast, und 
in Winnipeg in der nicht minder schönen Einwanderer- 
halle hat man mir Zahlen und Daten geliefert, die ich 
ernsthaft in mein Notizenbuch hineingeschrieben habe. 
Mehr wert, als Zahlen zu hören, war's mir, das Leuchten 
in den Augen der Menschen zu sehen, die vor wenigen 
Jahren noch arm und verstoßen und verzweifelt aus der 
Alten Welt (und auch aus der „Neuen") herüber- 
gekommen waren und heute froh von ,,Our Country!" 
zu mir sprachen. 

Und wie könnte ich je den Nachmittag vergessen, an 
dem mir das tiefste Geheimnis dieses Landes offenbar ge- 

109 



worden ist, im südlichen Alberta, auf der Ranch der 
Familie Mc Gregor, bei Bow Island, inmitten einer 
Wüstenei. Durch den Willen der Menschen ist dort 
eine Oase entstanden, im ödesten grauen Weideland, 
— mitten in meilenweiter Heide ein viereckiges Stück 
Land, auf dem Obstbäume, Nutzholz, Blumen und Kak- 
teen, Getreide und Feldfrüchte von fünfzehn Arten ge- 
züchtet worden waren: eine Experimental-Farm, ein 
Beweis für die Fähigkeit des Bodens, anderes herzugeben 
als bloß Futter für Vieh- und Pferdeherden. 

Ich habe Kanada im Sommer gesehen und weiß nicht, 
wie es im Winter ausschaut. Ich denke mir, die Erde 
schläft hier tief und lange, um sich für die Arbeit zu 
stärken, die sie für die hundert Millionen leisten müssen 
wird. Für die hundert, von denen sie jetzt erst acht die 
Nahrung und Fülle des Lebens gibt. Aber dieses Sommer- 
land Kanada, das ich kenne, sollte ich heute in Vancouver 
es mit Namen nennen, ich wüßte keinen anderen, taug- 
licheren dafür zu finden, als den aus dem Alten Testament. 

Wie gesagt, es hat Raum und Brot und Hoffnung 
für hundert Millionen Menschen. Hier ist augen- 
blickhche Hilfe, Erde übrig für die Hungernden, die 
Arbeitslosen, die Zurückgewiesenen, die Fabriksklaven 
und die Gehirnsklaven der heutigen Gesellschaft. Sieht 
man dem Lauf der Welt zu, wie Irrtümer über Irrtümer 
den notwendigen Gang der Entwicklung aufhalten, und 
wie Generation um Generation todwund und verzweifelt 
die Augen von der Zukunft abkehrt und sich niederlegt, 
um zu sterben; sieht man selbst vor Mitleid mit den 
Liegengebliebenen kaum das Rot am Himmel mehr, das 
langsam aber unaufhaltsam herbeikommt, näher, näher; 
dann wünscht man: es möchte doch ein Gelobtes Land 
da sein, das augenblickliche Hilfe in seinen Grenzen hätte 
für die Menschen, die an der Gegenwart zu stark zu leiden 
haben. 

Die Welt geht wahrscheinlich ihren Gang, auch wenn 
nicht 92 Millionen unterwegs verhungern. Wer kann mich 



denn überzeugen von der Theorie, daß es notwendig sei, 
die Massen total zu verelenden, durch das Nichtmehr- 
weiterkönnen die Massen zur plötzlichen Abschüttelung, 
zum endgültigen Fertigwerden mit der Unerträglichkeit 
ihres Zustandes aufzustacheln? Ich sehe nur: daß das 
Übermaß des Elends aus dem Leidenden keinen 
Revolutionär, sondern einen genügsam-zynischen Bettler 
macht. 

Kanada gehört dem Staat England, dieser aber weiß 
allein damit nichts anzufangen und gibt es daher einem 
jeden hin, der herbeikommt und es haben und bebauen 
will. Ein jeder, woher er komme, kann i6o Acres von der 
Regierung haben (der Acre gleich 0,4 Hektar) und muß 
den Leuten, die in ein paar Jahren von der Regierung 
ausgeschickt werden, um nachzuschauen, was er mit dem 
Land angefangen habe, nur zeigen: ich hab einen Teil des 
Landes beb<iut und seht her, hier ist die Hütte oder das 
Häuschen, in dem ich wohne. Aus den Fabriken, den 
Bureaus, aus den Massenquartieren können die Gestalten, 
die man in Europas großen Städten schon gar nicht mehr 
anschaun kann vor Herzleid und Ingrimm, hierher zur 
Erde kommen und mit dem Himmel über sich leben! 
Sie können hier auf etwas gesündere und reinlichere Art 
zu ihrem Brot und dem Genuß ihres Lebens gelangen, 
als die Proletarier, die ihre Partei durch kleine Versiche- 
rungen und den Herrschenden abgerungene Konzessionen 
und Konzessiönchen in Kleinbürger verwandelt. Ohne 
demütigende Wohltätigkeit und Komiteebeschlüsse kön- 
nen die Legionen der verschämten Armen und der Ärm- 
sten, die ihre Scham schon verlernt haben, von den ek- 
ligen Rinnsteinen der Vorstadt hierher zu den Jahres- 
zeiten der Erde zurückkehren. Sie dürfen sich Engländer 
nennen und den schönen bunten „Union Jack" über ihrem 
Giebel aufpflanzen, — gezwungen werden sie nicht dazu. 
Ich werde sogleich berichten, wie ich bei Leuten war, die 
hier sie selbst bleiben durften und die der Staat England 
nicht gezwungen hat, sich seinen Gesetzen anzupassen. 

ITT 



Von all der Statistik behalte ich mir nur ein, zwei 
Ziffern. Hundert Millionen Menschen brauchen nicht 
mehr zu hungern. Dieses Land hier ist um 1 12000 
Quadratmeilen größer als die Union. Achtzehnmal so 
groß wie Deutschland. 

Ich erinnere mich gut an die Fahrt über den Ontario. 
Die Sonne war untergegangen, und im Norden erschienen 
die Lichter Torontos. Am Ende dieser Lichtkette am 
Ufer stand eine aufrechte Linie von Lichtern, — man sagte 
mir, das sei der Turm des Vergnügungsparks Scarboro 
Beach. All dies sah aus wie eine Zeile, ein geschriebener 
Spruch aus Licht mit einem Licht-Ausrufungszeichen 
am Ende. Ein paar Möwen flogen über unserm Schiff, 
und eine Minute lang noch ein anderer Vogel, ein Süß- 
wasservogel, ein schwarzes, schlankes Tier, ein Kranich. 
Rasch flog er davon über unser Schiff, nordwärts gegen 
Toronto zu. 

Während er grad in die Lichterschrift am Horizont 
vor uns hineinflog, dachte ich mir: dieser Vogel ist ein 
rechter Märchenvogel. Und ich dachte mir auch: schöner 
als das schönste Eswareinmal-Märchen im Grimm ist das 
Märchen, das so anfängt: Es wird einmal sein! 



TORONTO, DIE ENGLISCHE STADT 

Auf den ersten Blick glaubt man, man ist wieder in 
Europa. Kaum eine halbe Tagesreise weit von den 
Staaten, mit einem Wasserzipfel zwischen dem Staat 
Newyork und der Provinz Ontario, glaubt man sich 
nach Europa zurückversetzt, aber in einen seltsamen 
Winkel von Europa, irgendeine Wartehalle mit weither 
zusammengewürfeltem Völkerkunterbunt. 

Um es gleich herauszusagen: es ist ein schauderhaftes 
Kunterbunt, das sich da zusammengerottet hat. Man sagte 
mir später in Ottawa, in Winnipeg, und auch hier in 
Toronto sagten es mir die Leute von der Heilsarmee: 

112 



der Einwanderer, der in den großen Städten des Os- 
tens, in Toronto, Quebec, Montreal bleibt, ist der am 
wenigsten erwünschte Typus des Einwanderers. Er hat's 
auf die leichteren Chancen abgesehen und gibt sich auch 
mit den geringeren Chancen zufrieden. Ihn zieht's nicht 
zur Erde, sondern zum Asphalt. Das Meer hat er um- 
sonst durchquert. Er hat nur einen Rinnstein um einen 
andern eingetauscht. Er hätte daheim bei seinem alten 
Rinnstein bleiben können. Im Westen schießen Städte wie 
Pilze fabelhaft über Nacht in die Höhe, dieser Uner- 
wünschte aber ist alles, nur kein Städtebauer. Statt im 
Westen ein Herr zu sein, ist und bleibt er ein Schmarotzer 
im Osten. Er wird aus diesem kanadischen Osten bald 
denselben unerträglichen, überwimmelnden Fäulnisherd 
gemacht haben, der seine Heimatstadt im alten Kon- 
tinent war. 

An den Straßenecken kleben riesige Plakate mit Auf- 
schriften, die wie Kanonenschüsse, aber auch wie Not- 
signale klingen! 

„50000 Farmarbeiter sofort nach dem Westen!*' 

„30000 Ernteleute für Manitoba verlangt!" 

„Die unerhörteste Ernte, seit Kanada Weizen baut! 

(Ich weiß nicht mehr wieviel) . . . hundert Millionen 

Busheis warten auf den Schnitter!" 

Eine gesunde Prahlerei, die anzeigt, daß das Land 
Menschen braucht. Aber die Menschensorte, von der 
ich grad sprach, zieht es vor, jahraus jahrein in ungesunden 
Fabrikhallen sich krummzuschwitzen bei der Fabrikation 
eines und desselben Maschinenteils und läuft an den grellen 
und verheißungsvollen Plakaten bhnd und taub vor- 
über. 

In dieser relativ kleinen Stadt kommt es einem so vor, 
als dominiere das fremde Element, aber das ist eine Täu- 
schung. Sie wird durch die Liberalität hervorgerufen, mit 
der der Engländer den Fremden in seinem eignen Lande 
schalten und walten läßt nach Herzenslust. Ganze Stra- 
ßen tragen armenische Aufschriften. Das Ghetto ist von 

8 ,13 



beträchtlichem Umfang. Russen und Griechen be- 
wohnen ganze Stadtteile, ebenso Syrer. Im allgemeinen hat 
es den Anschein, als sei die Einwanderung aus dem öst- 
lichen Europa und aus Kleinasien hier stärker als die aus 
dem Westen. Sonntag nachmittag ergehe ich mich in 
dem Vergnügungspark Scarboro Beach — nicht Ein gutes, 
freudiges Menschengesicht. Nicht Einer von den selbst- 
bewußten positiven Köpfen, denen man drüben in den 
Staaten so oft begegnet. Kleine gierige Kleinstadtbürger, 
gelblich bittere Proletariergesichter. Abstoßende Roheit 
in den Vergnügungen. Den stärksten Zulauf hat der 
,,Splasher", — man wirft mit Bällen nach einem armen 
Kerl, der auf einem Brett über einem Bottich sitzt. Trifft 
der Ball ein Brett, so gibt's ein Hallo, der arme nervöse 
Kerl (aus Barmherzigkeit hat man ihm eine Maske um- 
gebunden!) fällt ins Wasser und muß dann naß und müh- 
sam wieder aus dem Bottich auf sein Brett hinauf- 
krabbeln. Daran vergnügen sich diese Leute. 

Kommt man aber in die guten Viertel, wo die einge- 
sessenen Engländer zu Hause sind, so merkt man gleich — 
o ja, das ist Old England. Die Häuser sind aus Ziegeln 
und Stein und nicht aus Holz wie drüben in den Staaten, 
wo sogar in den Villenvierteln ein ,,Frame-House" neben 
dem andern Straßen und Straßen lang zu finden ist. 
Etwas zeigt hier, in Jarvis Street, in Rosedale an, daß 
diese Häuser den Menschen als Heime dienen. Drüben 
in den Staaten wird man das Gefühl nie los, daß die Wohn- 
häuser provisorische Zelte sind, heute aufgerichtet, mor- 
gen abgebrochen. Sogar jetzt im Hochsommer, wo all- 
überall die Vorhänge hinter den Scheiben herunter- 
gezogen sind, sieht man's den hübschen, gepflegten Gärt- 
chen an, daß Sorge und Freude ihrer Eigentümer bei 
ihnen sind, und daß ihre Eigentümer in der Fremde die 
Photographie ihres Hauses auf dem Tisch ihrer Hotel- 
zimmer vor sich stehen haben. 

Etwas anderes, das stark an „the old country" drüben in 
England gemahnt, ist die Anzahl der Kirchen in Toronto. 

IT4 



Ich fahre mit der Straßenbahn über die Ringlinie und traue 
meinen Augen nicht. Ich zähle in 41 Minuten 22 Kirchen, 
— fast an jeder Haltestelle eine. Ich höre dann von einem 
wohlinformierten Herrn, daß Toronto bei einer Ein- 
wohnerzahl von etwa 300000 Seelen 250 Kirchen besitzt. 

Dann gibts aber andere Einzelheiten, die anzeigen, daß 
man allerdings weit weg ist von dem alten Lande. Unter 
rohen, hin- und hergebogenen Baumstämmen, die als 
Telegraphenstangen dienen, stehen ebenso ungeschlachte 
Wildwestburschen, mit einer beträchtlichen Patina über 
ihrem Engländertum, in unbehaglichen Berufen von der 
Pionierart erworben, Kräfte um Kräfte. Der west- 
lüsterne Reisende kann sich unter diesen breiten gelben 
Hüten und. roten Hemden alle die romantischen Berufs- 
arten vorstellen, die in den Wäldern Ontarios, in den 
Goldgräberlagern von Britisch-Kolumbien, an den Strö- 
men im unerforschten Yukon und auf den ungeheuren 
Viehweiden des südlichen Alberta im Flor stehen. 

Merkwürdiger aber und charakteristischer noch für diese 
englischste Stadt der Dominion ist ein Typus von Men- 
schen, dessen Anwesenheit die Atmosphäre Torontos be- 
stimmt; wenn ich mich an Toronto erinnern werde in 
späteren Jahren, wird diese Menschensorte ganz vorn an 
der Rampe der Erinnerung stehen in mir. 

In meinem Hotel wimmelt es von ,,jüngeren Söh- 
nen", und draußen in der Stadt, am Hafen, in den ele- 
ganten Straßen, in den Warenhäusern, in den Bureaus der 
Schiffahrts-, Eisenbahn-, Landgesellschaften, überall sehe 
ich und erkenne ich sie wieder. Überall stehen sie, sitzen 
sie herum, rauchen, gähnen sie herum, sprechen sie Mister 
wie Mistah aus und haben ihren Stempel auf allem, was 
sie tun und lassen: die ,, jüngeren Söhne". 

Sie sehen aus wie Exilierte und wirklich — schon als sie 
geboren wurden, als zweite und dritte Söhne alter eng- 
lischer Adelsfamilien, waren sie ganz und gar exiliert und 
enterbt; nach dem enghschen Gesetz erbt der Erst- 
geborene Titel und Gut, und der jüngere Sohn ist auf die 

8* 115 



Gnade der Eltern und des Erstgeborenen angewiesen. Der 
jüngere Sohn ist der Zukurzgekommene; vom Gesetz hat 
er nichts zu erwarten; er muß sich resigniert oder empört 
durchs Leben schlängeln. Die Tage dieser unglückseligen 
Menschensorte sind gezählt, wenn Gott Lloyd George 
Leben und Gesundheit gibt. In diesem Falle wird eine 
mittelalterlich grausame Anomalie aus den Sittengesetzen 
des ersten Volkes der Erde ausgestrichen sein — die Aus- 
geburt nicht des englischen Geistes, sondern einer tod- 
geweihten und dem Untergang entgegentreibenden Kaste 
der Alten Welt. 

Immerhin haben die unglücklichen Exemplare dieser 
Menschensorte, wenn's beim Militär und in dem Klerus 
keinen Platz mehr für sie gibt, die große.n Kolonien 
Britanniens als Tummelplatz zu ihrer Verfügung. Sie 
finden in diesen Kolonien Raum und Freiheit genug, ihr 
Rößlein zu tummeln, Gold zu graben, in Boden und Er- 
zeugnissen des Bodens ihr Gold zu verspekulieren, Weizen 
und Melonen zu züchten, wenn sie das lieber mögen, — 
auf einmal, siewissen's selber kaum wie, sitzen sie auf einer 
guten, dampfenden Scholle der Mutter Erde, statt in 
einem morosen Klubsessel in St. James bei Piccadillyl 
und was die Hauptsache ist, sie sind der verhaßten Not- 
wendigkeit enthoben, dem ältesten Bruder Viscount oder 
Lord Soundso von Angesicht zu begegnen, dem Herrn, 
der nichts weiter zu seinem Glück zu tun brauchte, 
als zuerst zur Welt zu kommen. 

Genau beschnüffelt sieht der jüngere Sohn in seiner 
physischen Existenz wie ein desparater Klubmann aus, 
der nach einer verlorenen Partie im Straßenkot dasteht, 
mit der Alternative vor sich: Soll ich mich nun im 
Whisky besaufen, soll ich zu den Mädchen gehn, oder soll 
ich mich nicht Heber ein für allemal und definitiv mit 
einer Kugel totschießen? 

Er kann Aviatiker werden oder Sportkorrespondent über 
See. Wenn er klug ist und seine Fäuste taugen was, so 
fährt er mit der ,,Empreß of Ireland" nach der Dominion. 

ii6 



Und da strecken wir auch schon alle beide, er und ich, die 
Füße unter denselben Hoteltisch. Haben beide, aber aus 
ungleichen Gründen, die Taschen voll von Prospekten über 
Farmländer, Viehzucht, Reiserouten, Grundstückspeku- 
lation, — Prospekte und Broschüren, die hierzulande in 
schweren Mengen hergestellt und unter die Leute geworfen 
werden; und die der trägen Phantasie des jüngeren Sohnes 
nachhelfen, Weg und Möglichkeiten zur Existenz zu 
finden. 

Gegenwärtig hat er es leicht, seine Unschlüssigkeit 
hinter langen Gesprächen zu verbergen, die sich sämtlich 
um das garstige Wort „Reziprozität" herumbewegen 
und politische Gespräche sind. 

Ich werde, Gott sei's geklagt, dieses Malefizwort jetzt 
sieben Wochen lang in allen Tonarten hören müssen. 
Am 21. September finden in Kanada die Wahlen statt, 
und die Frage ist: ein 'Reziprozitätsverhältnis oder keines 
mit der Union? Eine liberale Regierung oder eine kon- 
servative? Sir Wilfrid Laurier oder Mr. R. L. Borden? 

In diesem Land der Zukunft, in dem die ungeduldige 
Erde nach Befruchtung schreit, werde ich ein politisches 
Gezeter anhören müssen sieben Wochen lang. Ich be- 
schließe, mich gut und rasch im vorhinein zu anästhesieren, 
und tue das gründlich. 

Ein sympathischer junger Kanadier, Sproß der be- 
rühmten FamiHe, die ganz Kanada mit Erntemaschinen 
versorgt und mit Konzertsälen und Orgeln beschenkt, ist 
mein Cicerone in Toronto. Ihm verdanke ich es, daß ich 
im York-Klub und später im Golf-Klub Gast einiger 
gelehrten und einflußreichen Herren bin, denen ich Dinge 
Deutschlands berichten soll und von denen ich Dinge 
Kanadas erfahren kann. Es ist eine feine Gelegenheit, zu 
reden und zuzuhören, bei Gott! 

Nun, ich merke es gleich und die Herren merken es 
auch gleich — es ist da so was wie ein Sozialist in ein Nest 
von Konservativen geraten. Aber es läuft alles gut ab 
und wir haben alle ,,a good time" miteinander, unten in 

117 




UNCLE SAH : GOL DBBN HIS OLD TBBE. I WBNT THB SflP" 

Onkel Sam zapft den Kanadischen Ahorn an. 

dem schönen Haus in der Stadt und oben auf den Golf- 
hügeln, von denen man den Blick auf den Ontario hat. 

Heute, 27. September, da die liberale Regierung unter 
dem ,, Erdrutsch" (the landslide, wie die Affäre hier 
pittoresk benannt ist) begraben und die Konservativen 
obenauf sind, heute, da alles vorüber ist, weiß ich es: in der 
Gesellschaft befand sich ein älterer, liebenswürdiger Herr, 
dem jetzt, in der neuen Regierung, einer der drei obersten 
Posten in der Dominion angetragen werden soll. Ich hätte 
also die Ohren spitzen und gut aufpassen sollen, um über die 
wichtige Frage Reziprozität oder nicht die definitivsten 
und maßgebendsten Ansichten zu hören und mit mir zu 
nehmen auf meinen Weg durch die sieben Wochen. 

Statt dessen habe ich, in mich hinein, versteht sich, 
ein paar Monologe gehalten, als einer, der in Dingen der 
Politik auf dem einigermaßen primitiven Standpunkt 
eines Sonntagnachmittagspredigers im Hyde-Park steht 
und stehen bleiben wird. Die Amerikaner brauchen die 
Farmprodukte Kanadas, das als Farmland eben mit- 
zuzählen begonnen hat, und die Amerikaner möchten 
ihre Industrieprodukte in Kanada los werden, das eben 

118 




WHEN OUR INTERESTS CLASH WHOSE OX 
IS LIKELY TO GET GORED? 

Der Stier sind die Staaten, Kanada ist das Kalb. 
Agitationsplakate der Konservativen. 

als konsumierendes Land mitzuzählen begonnen hat. Ka- 
nada könnte durch den Freihandel sein Frühstück billiger 
besorgen und in billigeren Kleidern bei seinem Früh- 
stückstisch erscheinen. Der amerikanische Vierteldollar 
ist zudem ebenso gut wie der englische Schilling und näher: 
das ist ein berühmter xA.usspruch Sir Wilfrid Lauriers, des 
liberalen Expremiers. Andererseits aber ist man, sozu- 
sagen, eine englische Dominion, und, wie die Konserva- 
tiven behaupten, ist der Grenzstrich zwischen den Staaten 
und der Dominion ein Trennungsstrich, während der 
Atlantische Ozean ein Meer ist, das die alte Heimat mit 
der neuen verbindet! Der englische Scherenschleifer 
drückt den kanadischen Konsumenten an sein brüderhches 
Herz und schielt über seine Schulter nach dem Land 
unter dem Strich hinüber, ob von dort keine Scheren 
herübergezückt werden, die das Meer auseinander schnei- 
den würden. Was zur Folge hätte, daß die beiden Hälften 
von Nordamerika zusammengepappt werden müssten usw. 
usw. 

Ich frage mich in mich hinein; was bedeutet es schon 



^9 



für die Menschheit, ob Rezipr. oder nicht? Geht sie 
durch, wird's den Interessen der einen, fällt sie, wird's den 
Interessen der anderen politischen Partei dienen. Rückt 
die Welt einen Hahnenschritt vorwärts, wenn die Libe- 
ralen am Ruder bleiben, oder einen zurück, wenn man sie 
fortjagt? Wird es weniger ausgebeutete Menschen, we- 
niger Frauen, die sich prostituieren müssen fürs Brot, 
weniger arbeitende Kinder, weniger Verbrechen, die kein 
Gesetz bestraft, weniger systematische Verdummung 
durch 250 Kirchen an jeder Trambahn-Haltestelle geben? 
Ha, der Wille des Volkes, Urlüge der Weltgeschichte! 

Ich bin ein paarmal über den Strich, ,,the boundary", 
zwischen Kanada und der Union hinüber- und herüber- 
gefahren, und wirklich, die Berge gingen über den Strich, 
und die Saat schwankte so im Winde, daß die Ähren- 
spitzen die Linie hinüber- und herüberbewegten, und die 
Sonnenblume, der Kopf der Sonnenblume wußte nichts 
von Reziprozität auf seiner sehnsüchtigen Wanderung, 
schaute sich weder nach Sir Wilfrid noch nach Mr. Taft 
um. Also wozu diese Narrheiten. 

Ich bemühe mich, zu den Ausführungen meiner Wirte 
das aufmerksamste Gesicht zu schneiden, dessen meine 
Larve fähig ist, und gehe erst aus mir heraus, als man mich 
allen Ernstes fragt (es ist Anfang August und von Marokko 
noch keine Rede): Also bitte, heraus mit der Sprache, 
will Deutschland den Krieg mit England, oder will es ihn 
nicht ? 

,,Ha!" sage ich. „Ha! wer ist denn dieses Deutschland, 
das will oder nicht will? Ich glaube wohl, wenn man 
Deutschland sagt, so ist darunter das deutsche Volk zu 
verstehn? Das deutsche Volk aber will, wie das Volk 
anderer Länder, vorläufig nichts weiter als ein Bankkonto 
und ein Sparkassenbuch und ein Mittagsschläfchen Sonn- 
tag nach Tisch. Den Krieg sicherlich nicht. Der Herr 
Unter-Schlächtergeselle an der Ecke möchte gern Ober- 
Schlächtergeselle werden und denkt nicht im entferntesten 
daran, Herrn Tommy Atkins zu schlachten oder in den 

120 



„Dreadnought" ein Loch zu bohren. Man wolle also 
das deutsche Volk nicht mit den Augenbrauen-in-die- 
Höhe-Ziehern und den Leuten vom gerollten R im 
Worte Krieg verwechseln." Und daran knüpfend halte ich 
einen kurzen Vortrag, den ich hier nicht wiedergeben 
kann. 

„Good" sagen die gelehrten Herren und schmunzeln, 
und der einflußreiche Herr, der jetzt solch hoher Wür- 
denträger werden soll, sagt ,,Good!" und ich freue 
mich dieser Zurufe, die mich an die Rufe erinnern, wo- 
mit man bei Boxer-Matchen die Burschen im „Ring" 
nach einem gelungenen upper-cut oder einem left-swing 
anzufeuern pflegt. 

Zum Glück ist nicht lang von Politik die Rede. Jemand 
fängt an, von der deutschen Literatur zu sprechen. Der 
Geschichtsprofessor der Universität Toronto erzählt mir, 
was ich schon in der Cornell-Universität gehört habe, daß 
auf den hohen Schulen Storms ,, Immensee" das meist- 
gelesene deutsche Buch ist, und nicht nur auf den Schulen, 
in ganz Amerika. Als klassisches Buch erfreut sich Frey- 
tags „Soll und Haben" der größten Popularität. Von den 
heutigen Autoren aber ist es Gustav Frenssen, der am 
meisten gelesen wird. 

Dann kommen wir auf Gerhart Hauptmann zu sprechen. 
Es wird spät, und an diesem Tage ist von Krieg und 
Reziprozität weiter keine Rede mehr. 



MONTREAL, DIE FRANZÖSISCHE 

Fährt man, von Buffalo herkommend, nordwärts nach 
Toronto, so ist's, als führe man aus Amerika nach 
Europa, fährt man aber von Toronto ostwärts nach Mon- 
treal, so ist's, als führe man aus England nach Frank- 
reich. Torontos Villenstadt sieht auf ein Haar Londons 
reizendem Vorort Hampstead gleich, in Montreal aber 
umNotreDame herum (der Schutzmann, den ich nach dem 

121 



Weg frage, spricht das Wort Natterdämm aus) glaubt man 
sich in das Pariser Bondieuserie- Viertel um St. Sulpice, 
Rue Madame, Rue Bonaparte, versetzt. 

Schon auf dem St. Lawrence, wenn man zu Schiff von 
Toronto die zahmen Stromschnellen nach Montreal hin- 
unterfährt, merkt man auf: Frankreich! An den Ufern 
stehen Kirchen in großer Zahl, Kathedralen aus Holz im 
Stil der steinernen der Normandie und der Bretagne. 
Die Klöster am Wasser aber sind aus haltbarerem Material, 
gute steinerne Häuser neuen Ursprungs; von Combes' und 
Clemenceaus Gnaden hierher an den Strom Kanadas ver- 
pflanzte graue, blaue und schwarze Männlein und Nönn- 
lein wandeln die Gartenpfade entlang, spazieren ans Ufer 
hinunter, in wohlgepflegter Beschaulichkeit. 

Die Kirchen und Klöster in Montreal hab ich nicht 
gezählt, weil die Trambahn nicht so bequem an ihnen vor- 
überfährt wie in Toronto, ich kann nur sagen, daß ich 
genug Kirchen und Klöster in Montreal gesehen habe. 
All dies aus dem richtigen Frankreich fortgetriebene 
Volk sitzt an den schönsten Punkten der schönen Stadt 
tüchtig und zäh inmitten alter Gärten und komfortablen 
Neubauten fest und läßt sich's gut gehen im falschen 
Frankreich dahier. 

Der Engländer läßt sie leben, wie er alle Menschen in 
seinen Grenzen leben läßt (im Orient macht er's ja anders). 
Der junge Riese Kanada hat einen guten Magen und wird 
das indigeste Zeug schon verdauen. Immerhin geht ihm 
von den Pfründen auch gewiß nicht wenig Fett in den 
Leib über und somit ist alles gut. 

In Montreal erzählt einem jeder Pflasterstein, daß der 
Osten Kanadas ein französisches Land war, ehe er eine 
englische Dominion wurde, und daß der Habitant früher 
dagewesen ist als der Settier. Maisonneuve, Cartier, 
Champlain, Frontenac sind einige Namen der Geschichte, 
Quebec heißt: welch eine Mündung! und Montreal 
hört sich auf französisch ausgesprochen auch besser an 
als: Mantreohl, wie es die Engländer aussprechen. 

122 



Montreal ist eine französische Stadt, von seinen 450000 
Einwohnern sind rund 350000 französisch sprechende 
Kanadier. Das exotische Element, das sich in Toronto 
so breit bemerkbar macht, ich meine Russen, Juden, 
Syrer usw., tritt hier ganz zurück, obzwar es in der Be- 
völkerung im Verhältnis ebenso zahlreich vertreten ist. 
Der Typus des französischen Kanadiers ist nicht sehr ver- 
schieden vom Typus des Kleinbürgers des alten Frank- 
reichs, den der ausgezeichnete Menschenschilderer Charles 
Huard gesehen, konturiert und auf eine definitive Formel 
gebracht hat. Der verderbhche Einfluß des KathoHzismus 
auf die äußeren Merkmale der Rasse macht sich hier 
unangenehm bemerkbar, ein Duckmäuservolk von kleinen 
Sparmeistern und Beichtstuhl-Habitues läuft an den vor- 
nehmen und rassigen Bekennern der High Church und 
des Methodismus vorüber. 

Ihr Französisch hört sich komisch an. Kanada-franzö- 
sisch ist überhaupt eine merkwürdige Sprache. Franzö- 
sische Kanadier auch der gebildeten Klassen, die ich 
sprach, behandelten ihre Sprache so, wie französische 
Komiker französisch radebrechende Touristen des alten 
Englands karikieren. Andre sprachen den harten Dialekt 
von Rouen oder St. Malo, aber mit Worten und Akzenten 
untermengt, die die jahrhundertelange Abgetrenntheit 
vom Mutterland ins Idiom hineinpraktiziert hat. 

In Ottawa habe ich mir im Parlamentspark die Auf- 
schrift notiert: 

,,Pick no flowers! 
Ne cassez pas ces fleurs!" 
Ich dachte immer, es heiße cueillir ? Und gar der Titel 
der Senatoren auf der Tafel vor dem Verhandlungssaal: 

,,The Honourable Messieurs!" 
Geschäftsschilder, Trambahnschilder, Steininschriften auf 
Regierungsgebäuden und Monumenten in Montreal 
tragen französische Worte zur Schau; Amts-, Unterrichts-, 
Gerichtssprache ist französisch; an vielen Stellen sieht man 
die französische Trikolore friedlich sich mit dem ,, Union 



12; 



Jack" im gleichen Winkel von einem gemeinsamen Halte- 
schaft zur Seite biegen; in den Reden, die in Ottawa 
gehalten werden, kommt es zuweilen vor, daß einer 
oder der andere der Honorable messieurs, bildlich ge- 
sprochen, den Union Jack mit der linken Hand herunter- 
holt und in die Hosentasche steckt, um gleich darauf mit 
der rechten Hand in seine Brusttasche zu greifen und die 
französische Fahne über dem Kopf zu schwingen. 

Das wäre interessant, sagte ich mir, einmal einen 
französischen Kanadier über sein National- und Rassen- 
bewußtsein auszuholen. Und es wäre nicht gar so schwer 
gewesen, Herrn Bourassa oder Herrn Lemieux oder im 
Notfalle einen Redakteur der ,,Patrie" mit diesem An- 
liegen aufzusuchen. 

Als ich grad aus dem Telephonbuch mir die Adresse 
des Herrn Bourassa und der ,,Patrie" herausgeschrieben 
hatte und vor dem Fenster, meinen Hut bürstend, auf 
die Place Viger hinunterblickte, da sah ich unten auf der 
Place Viger einen Mann mit der guten klerikalen ,, Presse" 
in der Hand auf einer Bank sitzen und beschloß, zu diesem 
Mann zu gehen und die Bourassa und Lemieux und alle 
offiziellen Nationalisten Kanadas ungeschoren zu 
lassen. Denn was könnte ich bei denen schon einheimsen 
als ein paar offizielle und für solche Gelegenheiten extra 
hergerichtete Redensarten? 

Ich ging also auf die schöne alte Place Viger hinunter, 
die mit ihren Springbrunnen und alten Häusern, von 
denen schmale Freitreppen zwischen geschwungenen 
Gittern aufs Pflaster niedersteigen, mit ihrem Donjon- 
hotel und mächtigen Platanen wie ein alter Platz in einem 
Provinznest der Touraine aussieht; ,ich ging hinunter und 
setzte mich auf die Bank zum „Presse"-Leser und war 
bald in ein Gespräch mit ihm geraten. 

Er war ein Mann aus dem Volke, ein braver alter 
Menuisier, in Montreal geboren, aus einer Familie, die 
vor Menschengedenken aus Frankreich herübergekommen 
war; und seither hat keiner der Familie das Geld, aber 

124 




Katholische Baukunst in Montreal 



auch nicht den Wunsch 
gehabt, die alte Heimat 
drüben wiederzusehen. 

,,Ganz merkwürdig ist 
es," sagte ich, ,,wie man 
hier sofort j edem Menschen 
ansieht, ob er französischer 
Kanadier sei oder was an- 
deres. In der Union drü- 
ben amerikanisiert sich der 
Deutsche, Russe, Jude in 
wenigen Jahren, und die 
Kinder dieser fremden 
Rassen kommen auf ameri- 
kanischem Boden schon 
mit amerikanischen Schä- 
delformen zur Welt, hab 
ich gehört — hier aber 
hat sich der Typus des 
Franzosen von Anfang her ganz rein konserviert." 

„Wir sind keine Einwanderer. Nous sommes chez 
nous." 

„Nun, so ganz „chez vous" doch nicht, dies ist hier 
eine englische Dominion, nicht wahr?" 

,,Man erinnert uns aber nicht daran. Wir fühlen uns 
wohl unter der englischen Flagge, wir haben absolute 
Freiheit. Im Grunde gibt's gar keine kanadische Na- 
tionalitätsfrage. Diese Wahl im nächsten Monat wird die 
erste sein, bei der die Nationalitätsfrage mitspielen wird — 
Machenschaften der gens de la politique!" Er lächelt 
und ich auch. Merkwürdig, über die Reziprozität haben 
wir auch dieselbe Anschauung, dieser Leser der kleri- 
kalen „Presse" und ich! 

„Aber, unter der Nationalitätenfrage gibt es doch 
die Rassengegensätze, die nicht von der Räson und 
auch von den Interessen nicht wegdisputiert werden 
können?" 



25 



,,A11 dies ist hier gemildert, spielt sich in den mildesten 
Formen ab — außer jetzt natürlich, in der Wahlagitation. 
Nous nesommes pasaigris! Der materielle Aufschwung ist 
großartig, Handel und Industrie blühen und gedeihen, 
das Land ist das reichste der Erde und uns allen geht es 
gut. Wenn's den Leuten gut geht, fragen sie nicht viel 
nach der Rasse." 

„Aber die alten Familien; es muß sich hier doch so 
etwas wie eine iVristokratie gebildet haben?" 

,,Die alten französischen Familien hierzulande denken gar 
nicht daran, sich als Aristokratie zu etablieren. Die Lords, 
die vor Jahrzehnten aus der „oldcountry" (olde quantrie) 
hierher gekommen sind, probieren so etwas, konnten sich 
aber nicht lange halten. Schauen Sie her: jetzt schickt man 
uns den Herzog von Connaught hier herüber, damit da 
so etwas wie ein Hof eingerichtet werde. Das ist ein Miß- 
griff der Regierung. Der Herzog wird sich, passen Sie 
auf, in der kürzesten Zeit bis in die Knochen hinein 
blamiert haben. Dieses Land ist durch und durch 
demokratisch. Hier haben wir zwei Klassen — die der 
Arbeitenden und die der Nichtarbeitenden. Wir haben 
es besser als die in der Union, weil hier, wer arbeitet, 
rascher viel Geld machen kann als drüben in den Staaten. 
Das liegt daran, daß wir jünger sind." 

„Halten die Franzosen nicht irgendwie gegen die Eng- 
länder zusammen? Indem sie zum Beispiel ihre Menui- 
serie lieber von einem französischen als einem englischen 
Tischler anfertigen lassen?" 

,,Das wäre die größte Torheit. Der Handel befindet 
sich zu neun Zehnteln in Händen der englischen Gros- 
sisten. Die Leute kaufen bei dem, der billigere und bessere 
W^are liefert, nicht bei dem, der ihre Sprache spricht. 
Sie hören darauf, was der Artikel, und nicht, was der 
Verkäufer ihnen sagt." 

„Ein französischer Kaufmann stellt aber doch lieber 
einen französischen Clerk in seinem Geschäft an als einen 
englischen?" 

126 




Ottawa — das Parlament 

Das versteht er nicht. Ich wiederhole die Frage in 
einer anderen Form: ,,Was ist einem französischen Kauf- 
mann lieber: ein englischer Clerk, der französisch kann, 
oder ein französischer Clerk, der perfekt englisch spricht 
und schreibt." 

„Der Tüchtigere . . . aber vielleicht doch der Franzose 
von den beiden." 

Darüber lachen wir beide ein bißchen. Dann aber ver- 
schieße ich mein letztes Pulver und zeige mit dem Finger 
auf ,,La Presse". 

„Ihr Klerus aber! Sie werden doch nicht leugnen 
können, daß der französisch-katholische Priester unter 
einer nationalenglischen Regierung national-französisch 
fühlt?" 

,, Jawohl, das tut er, aber einfach darum, weil der katho- 
lische Priester von Natur aus ein Intrigant ist. Der Eng- 
länder läßt den Katholiken und den Mohammedaner und 
den Sonnenanbeter seinen Kult ruhig ausüben. Alles ist 
in Ordnung. Wir schielen auch nicht nach den Staaten 
hinüber, das lügen nur die Konservativen; wir hören genug 



127 



von der politischen Korruption in der Union drüben, 
wozu sollen wir uns dort hinübersehnen? Wir haben 
es besser hier." 

(? ? Jetzt habe ich sieben Wochen lang ihre Morgen- und 
Abendblätter gele^n und weiß wirklich nicht, ob der 
Mann recht gehabt hat.) 

Dann stellt er die stereotype Frage: ob ich zum ersten- 
mal in Kanada bin und wie mir das Land gefällt? Als 
ich ihm erzähle, ich komme aus Toronto, fragt er mich 
nach dem Lacrosse-Match zwischen den Tecumsehs und 
dem National Team letzten Sonnabend zu Hanions Point. 
Ich habe diesem Ereignis zufällig beigewohnt und muß 
nun, so gut ich's kann, erzählen, wie es zugegangen ist 
dabei; und jetzt, da vom Sport die Rede ist, merke ich 
an der aufgeregten Teilnahme dieses ältlichen Mannes 
auf einmal, daß dieser Franzose da schon ein Engländer ist! 



DIE LAUFENDE STRASSE 

In Ottawa stehe ich um drei Uhr nachts auf dem 
Perron und warte auf den Expreßzug Quebec -Van- 
couver, der mich nach Winnipeg mitnehmen soll. 
Die großen Städte des Ostens haben mir wenig gegeben, 
ich habe mich auch mehr aus Pflichtgefühl in ihnen auf- 
gehalten und war dankbar für jeden ungehobelten Tele- 
graphenpfahl mit einem Rothemd und Cowboyhut dar- 
unter, der mich an den Westen gemahnte. Die alte stil- 
volle Stadt Quebec aber habe ich gar nicht aufgesucht. 
Alte stilvolle Städte gibt's in Europa genug, sagte ich 
mir; jetzt nur rasch nach dem Westen, wo der Stil noch, 
nicht angefangen hat und das Leben uferlos, uneingeengt, 
auf keine Formel noch gebracht, über die Stränge schlägt. 
An der Wand des Wartesaales hängt die Karte der 
C. P. R. Jedes Kind in Kanada weiß, was diese mysteriösen 
Buchstaben bedeuten: Canadian Pacific Railway. Eine 
starke, heiße Freude überläuft mich, wie ich die dicken 

128 



Striche betrachte, die auf der Karte quer durch den 
Kontinent vom Atlantischen zum Stillen Ozean gezogen 
sind und die Schienenwege versinnbildlichen, über die 
die Züge dieser Gesellschaft fahren. 

Ich weiß nicht: aus welchem dummen atavistischen 
Trieb eines geborenen Vagabunden und Nomaden soll 
ich mir diese Aufwallung erklären, die mir immer 
wieder den Verstand trübt, wenn ich eine Landkarte 
oder ein Kursbuch, ja auch nur irgendeinen ordinären 
Fahrplan für fünfzehn Pfennige in die Hand nehme? 
Von Konrad Dreher habe ich einmal einen Lustspiel- 
narren dargestellt gesehen, der das Reichskursbuch im 
Kopf hatte; aber wie bei mancher Lustspielfigur lag's 
auch bei dieser nur an dem Gesichtswinkel, aus der sie 
betrachtet wurde, daß sie nicht wie eine echte 
Figur der Tragödie dastand. Bei einer Eisenbahn oder 
großen Dampfschiffsgesellschaft bin ich leichter als 
bei der Betrachtung irgendeines auf kapitalistischer Grund- 
lage basierenden Getriebes dabei, die Zusammenhänge 
und Konsequenzen zu übersehen, die mich schon bei 
einer Dampfkessel- oder Lokomotivenräderfabrik fana- 
tisch machen würden. Ein Eisenbahnzug, ein Dampf- 
schiff sind die großen Werkzeuge der unaustilgbaren 
Sehnsucht des Menschen, und ohne daß dies Instru- 
ment sich seines fernerliegenden Zweckes bewußt würde, 
einfach dadurch, daß es den Drang des Menschen nach 
der Welt und der Weite stillt, dient es dem End- 
ziele jeder Sehnsucht, der Verbrüderung des Alls, all der 
Menschen auf diesem allen gehörenden Erdball, dessen 
Gesetzen wir alle gleich Untertan sind, an allen Punkten 
und in allen Klimaten unseres Planeten. 

Dieser Eisenbahnzug, mit dem ich nach dem Westen 
hinausfahren werde, gilt mir mehr, als wofür mir ein be- 
quemes Vehikel allein gelten würde. Und wenn's eine Bahn 
gibt, so ist es diese mit den mystischen drei Buchstaben, 
die aus unserer heutigen Zeit, aus der Nähe besehen, mehr 
als bloß eine Aktiengesellschaft mit Kapital, Dividende, 

9 129 



Landbesitz und gut und schlecht bezahlten Angestellten 
vorstellt. Ich bin nicht der erste, der sie ein Weltwunder 
nennt, auch nicht der erste, dem sie einen gelinden 
Schauer der Begeisterung den Rücken hinunterjagt. 

Auf einer Farm in Saskatchewan habe ich ein Notenheft 
auf einem Harmonium gefunden, in dem unter allen mög- 
lichen nationalen und geistlichen Gesängen eine Hymne: 
„The C. P. R. Hymn" mit Text und Noten abgedruckt 
stand. Ich hab mir die letzten Zeilen gemerkt, sie lauten: 

„The Railroad cars are going humming 
Through the great North-West, 
We'll sacrifice our hats, we will, 
Four Dollar hats, brand new!'* 

Wenn der gute Farmer seiner Begeisterung einen neuen 
Vier-Dollar-Hut zum Opfer bringt, so darf ich w^ohl das 
gleiche mit einer Druckseite meines Buches anfangen! — 
Man setzt sich in den Imperial Limited am Ufer des 
Atlantic und fährt einen Tag lang durch die Normandie 
und die Bretagne. Man geht in der Bretagne schlafen und 
erwacht in Thüringen. Man geht im Harz schlafen und 
erwacht in Sibirien. Man legt sich in Sibirien zu Bett, 
erwacht in Ungarn und fährt zwei Tage und zwei Nächte 
lang durch die Weizenfelder Ungarns. Man legt sich in 
Vorarlberg in seine Klappe und fährt beim Aufwachen 
durch die Schweiz, die sich Stunde um Stunde mit sich 
selber und mit sich selber so lange multipliziert, bis man 
froh und atemlos die Dämmerung auf diese haarsträubend- 
ste Gebirgslandschaft herunterkommen sieht. Zwischen 
den träumerisch milden Seen und Hügeln des schottischen 
Hochlands wird's wieder Tag. Die Nacht aber und den 
nächsten Morgen fährt man durch ein zerklüftetes, 
donnerndes, unwahrscheinliches Felsengeröll, dessenglei- 
chen man nur aus den Bildern Gustave Dores zum „In- 
ferno" kennt. Zum letztenmal erwacht man zwischen 
Obst- und Blumengärten, in einem tropischen Land der 
turmhohen Zedern, Erlen und Schlingpflanzen, sieht in der 

130 



Ferne das Meer schimmern, sieht an den beiden Seiten 
der Bahn bärtige Hindus, bezopfte Chinesen, mit Speeren 
nach Fischen zielende Indianer stehen und weiß bei 
Gott keinen Vergleich mehr für Britisch-Kolumbien an- 
zuführen, in dem man angekommen ist und der Zug nicht 
mehr weiter kann. 

Wirklich es geht nicht an, von dieser Märchenbahn wie 
vom Orientexpreß zwischen Paris und Konstantinopel 
oder dem Nordsüdzug zwischen Petersburg und Palermo 
zu sprechen, die ja auch durch alle Wunder der Erde im 
Hui hinwegfegen. Denn diese kanadische Bahn verbindet 
nicht große Städte und verschiedenst geartete Zentren 
der Kultur miteinander, sondern sie hat sie geschaffen. 
An dieser Bahn, die sich durch Wald, Wüstenei, Fels und 
Tal ihren Damm gelegt und ihr Geleise festgenagelt hat, 
ist Leben aufgestanden und dagewesen Zoll für Zoll 
zwischen zwei Meeren. Menschen sind ihr gefolgt, Zoll 
für Zoll, und haben aus ihren neuen Heimstätten zu- 
gesehen, wie die Bahn sich langsam gegen Westen zu von 
ihrer Heimstätte entfernt. Zwei andre große Systeme 
gibt's noch in Kanada, die Grand Trunk Pacific und die 
Canadian Northern, und beide leisten der Menschheit 
Pionierdienste. Beide sehen an ihrem Weg durch den 
Norden, durch den Westen Hoffnungen und Erfüllungen 
aufschießen, Zoll für Zoll bei ihrem Vorwärtsdringen. 
Aber Kanada ist durch die C. P. R. erschlossen worden 
und darum darf man in ihr von Ozean zu Ozean mit 
anderen Gefühlen fahren als in einer xbeliebigen Bahn 
über lange Strecken. 

Sie gebietet gegenwärtig einschließlich der zirka tausend 
Meilen, die sich unter Konstruktion befinden, über einen 
Schienenstrang von 11700 Meilen im Innern Kanadas. 
(In den Staaten der Union stehen weitere 4300 Meilen 
unter Kontrolle der Gesellschaft.) Ihre Schiffe fahren 
zwischen Liverpool und Montreal und zwischen Vancouver 
und Yokohama. Von Liverpool über den amerikanischen 
Kontinent bis Yokohama umspannen diese drei Buch- 



Stäben den Weltverkehr. Die Regierung hat die Gesell- 
schaft für die ErschHeßung ihres Landes mit einem Ge- 
schenk, einer Verleihung von fünfundzwanzig Millionen 
Acres belohnt. Um hieran eine Bemerkung zu knüpfen, 
fehlt es mir an Autorität und nationalökonomischen 
Kenntnissen; ich erwähne dies nur, weil ich auf dieses 
Detail später zurückkommen muß. Auch über die Ge- 
fahren für die politische Verwaltung eines Landes, das 
einer privaten Gesellschaft ein solches ungeheures Ter- 
ritorium überlassen hat, über die Gefahren, die dieser 
„grant" für Kanada mit sich bringt, kann ich aus dem er- 
wähnten Grunde nicht urteilen. — 

Um drei Uhr nachts fühle ich in Ottawa auf dem Perron 
eine starke, heiße Freude in mir sieden, wie sich in der Ferne 
der milchweiße Schein des Zuges zeigt, das kalt forschende 
Auge des Scheinwerfers auftaucht, das sich den Weg 
durch Kanada sucht. Hinter Häusern und Bäumen ver- 
schwinden Auge und Schein zuweilen, und dann liegt 
eine gespenstische Wolke allein in der Nacht da. Aber 
plötzlich ertönt das lang gezogene Heulen des Zuges ganz 
in der Nähe, und der Scheinwerfer wirft zwei silberne 
Linien, die parallel bis zu meinen Füßen herlaufen, auf 
den Boden vor sich. Ich gehe den Perron entlang, dem 
Neger nach, der mein Gepäck trägt. 

Plötzlich bleibt der Neger stehen und schaut auf den 
Boden vor sich nieder. „What's the matter?" Und der 
Neger erzählt mir, mit weißbeleuchteten Zähnen in 
seinem Nachtgesicht, daß hier auf diesem Fleck vor drei 
Stunden ein Mensch überfahren worden ist, einem 
Menschen beide Beine abgerissen worden sind vom Zuge. 
Es ist um Mitternacht geschehen; er wird jetzt wohl schon 
tot sein. Er war erst vierzig Jahre alt, hatte Weib und 
Kinder. Er war kein NeuHng und kein Springinsfeld, son- 
dern ein alter, treuer und erfahrener Bediensteter der 
Gesellschaft. 

Während der Neger mit meinem Gepäck auf den 
Schlafwagen am Ende des Zuges losgeht, bleibe ich auf 

132 



dem Fleck stehen. All meine gute Gotteslaune ist ver- 
flogen im Augenblick. Mir ist der Preis eingefallen, 
der für jede Freude jedes Menschen, für jeden Zollbreit 
Lebens auf dieser Erde gezahlt werden muß. Ich denke 
an die Tausende und Tausende, die draußen im lockenden 
Westen ihr Leben lassen mußten, damit die Bahn gebaut 
werden könne; damit sich Menschen an der Bahn nieder- 
lassen können in Heimstätten; damit eine freudige Gottes- 
laune aufflackern könne für einen Augenblick im Herzen 
eines Weithergekommenen. 

Es nicht vergessen! Daran denken, wer das Leben 
der Welt schafft heutigen Tages und um welchen 
Preis. Es nicht vergessen. Es keinen Augenblick lang 
vergessen. 

Hinten, am Ende des Zuges, in den Schlafwagen ist's 
finster, schläft schon alles. Aber hier vorn in den „Ko- 
lonistenwagen" hinter dem Gepäck- und Postwagen ist 
jetzt mitten in der Nacht noch Leben, Lärm und Licht 
hinter den heruntergelassenen Fenstern. 

Indes der Neger mein Gepäck dort hinten hin trägt, 
bleibe ich vor einem dieser Wagen stehen und sehe in der 
Nacht eine Szene, die ich nicht vergessen werde. 

Drin im Wagen steht ein riesiger dürrer Kerl — ich 
kann ihn nur von der Hüfte aufwärts sehn — mit nacktem 
Oberkörper mitten im Gang da und hält zwei nackte 
Beine, die vom oberen Schlafbrett herunterbaumeln, mit 
den Händen fest. Drei gespenstische Gestalten torkeln 
um diese Gruppe herum. 

Der Kerl ist tätowiert vom Adamsapfel bis an den 
Nabel hinunter. Ich sehe eine blaue und rote Schlange 
unter der linken Achselhöhle auf die Brust hervor- 
kommen. Auf den linken Oberarm ist die französische 
Fahne, auf den rechten ein fingerlanger Dolch, der nach 
oben steht mit der Spitze, tätowiert. Auf Brust und Bauch 
und um den Nabel herum das obszöne Bild eines nackten 
Frauenzimmers. Der Mensch hat auf seinem roten 



133 



schrumpfigen Hals den pomadisierten Kopf eines Jahr- 
markt-Ringkämpfers sitzen und redet mit einer schau- 
rigen syphilitischen Stimme auf den Menschen oben auf 
dem Schlafbrett ein, dessen strampelnde Beine er mit 
seinen rohen Fäusten festhält. 

Auch die anderen drei, offenbar betrunken, gestiku- 
lieren und schreien dort hinauf. Einer schwenkt eine 
Flasche in der erhobenen Hand über seiner Mütze, es ist 
nicht zu erkennen, will er sie dem oben anbieten oder 
will er mit ihr auf ihn losschlagen. 

Der Neger kommt, er kann sich nicht erklären, was mit 
mir geschehen ist. 

Nächsten Morgen gehe ich durch den ganzen Zug und 
sehe mir die Leute in jenem Kolonistenwagen an. Die 
ganze Gesellschaft scheint unterwegs ausgestiegen zu 
sein. Es führt da, von North Bay, eine Seitenlinie nach 
Cobalt zu den neu entdeckten Goldminen in Porcupine, 
Nordontario, hinauf. 

Ich erwache spät, in meinem Wagen ist schon alles 
auf. 

Wir fahren durch eine öde Strecke, steinigen Boden, 
Nadelholz, verwildertes Gebüsch um verlassene Seen 
und Teiche. Zuweilen durchqueren wir reißendes Wasser, 
das Holz mit sich führt, systematisch und eckig behauene 
Scheite, die sich an den Biegungen und Buchten stauen 
und zuweilen ganze Seen zudecken. Stundenlang Steine, 
Nadelholz, Wasser, Steine. An den Stationen ein Block- 
haus, aus dem ein paar verwahrloste Menschen, zerlumpte 
Kinder dem Zug nachglotzen. Einmal eine kleine Gruppe 
von Blockhäusern mit einer kleinen Holzkirche dazwischen. 

Ich versuche es, mir vorzustellen, wie es dem Ein- 
wanderer zumute sein mag, der aus der alten Heimat 
in diese neue kommt, denselben Weg nach dem Westen 
fährt wie ich jetzt und aus dem Fenster des Zuges 
schauend, mit Erschaudern sich sagt: in diesem Land 
soll ich mein Leben neu beginnen ? ! Einen Tag und 



zwei Nächte lang wird er durch diese Einöde fahren, 
Hügel, Wasser und Wald sehen. Man müßte ihm die 
Augen verbinden; das Herz muß ihm brechen vor Angst — 
in diesem Land?! 

Aber auch für den, der als Tourist aus dem 
schönen Aussichtswagen am Ende des Zuges das Land 
sich anschaut, gibt es Verstimmendes hinter den Fenstern 
zu sehen, nicht nur zwischen Ottawa und Winnipeg, 
sondern auf der ganzen Strecke, vom Atlantik zum Pazifik. 
Und auf den Landwegen und Bergpfaden, wo nicht die 
Bahn durchfährt, sondern Wagenstraßen führen, auch. 
Ich meine die Art und Weise, wie man in diesem Lande 
Platz und Raum für Bahndämme, Straßen, Dörfer, 
Telegraphenstangen, Pfade und Pfädchen macht. 

Es wird einfach jeder Baum, jeder Baumstamm und 
jede Handvoll Gebüsch, die im Wege steht, nieder- 
gebrannt oder mit Dynamit aus dem Wege gesprengt. Un- 
barmherzig, barbarisch und frevelhaft unsinnig zugleich. 

In diesem reichen Kontinent kommt es, scheint's, auf 
ein paar tausend Quadratmeilen verbrannten Waldes wohl 
nicht an. Und so ist der Weg der Canadian Pacific und 
der Grand Trunk Bahn, über die ich gefahren bin, von 
verkohlten Waldstrecken und zerrissenen Baumrümpfen 
gezeichnet im weitesten Umkreis, den größten Teil des 
Weges lang, der ja, mit der Ausnahme der Strecke durch 
die Prärie, durch Wald und Wald und Wald führt vom 
einen Meer zum anderen. 

In den Bergen des Kootenay, Britisch Kolumbien, nach- 
dem wir vier Stunden lang durch einen vernichteten Ur- 
wald von fünf Mann dicken Zedern, Erlen und Hemlock 
gefahren waren, erklärte mir ein Ingenieur, daß das Weg- 
sprengen der Bäume und Wurzeln auf einer Strecke, 
deren regelrechte Ausgrabung einen Tagelohn von viert- 
halb Dollar erfordern würde, sechzig Cent Dynamit 
kostet. Und auf demselben Wege klebten alle hundert 
Schritte weit die offiziellen Plakate des Ministeriums des 
Innern, Verhaltungsmaßregeln zur Verhütung von Wald- 

135 



branden enthaltend, an den zerrissenen und verkohlten 
Stämmen! 

Stellenweise hat's den Anschein, als hätten die Menschen 
dieses Wüten gegen den Wald von den Stürmen gelernt, 
die mit Blitzschlägen und verheerenden Brünsten ganze 
Bergkuppen meilenweit in eine Einöde von grauen ent- 
laubten und toten Lanzen- und Masten-Forsten ver- 
wandelt haben. 

Dieser schwarze zersprengte Wald hier unten und dann, 
hinter dem Urwald landeinwärts, diese graublauen toten 
Lanzen gegen den Himmel geben ein Bild der trostlosen 
Vernichtung, an das man sich lange erinnert. 

Aber die Natur, die fruchtbare, triumphierende, treibt 
auch in dieser Vergewaltigung ihr Spiel und ihren über- 
legenen Scherz mit dem törichten und anmaßenden 
Menschlein. Von der Glut der brennenden Wälder 
reifen die Samenkapseln der Blumen des Kleinkrauts in 
wenigen Minuten, bersten, und ihr Inhalt fliegt in weitem 
Bogen auf den Boden rings, wo er sich in die Ritzen der 
Erde verkriecht. . . . Die verkohlten Stümpfe ragen aus 
einem tropisch wuchernden Gewirr von buntem Unkraut 
hervor, in dessen undurchdringlicher, üppigster Fülle 
sich die Tiere des Waldes bis an die Schienenstränge hervor- 
wagen! Im Westen sah ich sonderbar geformte Ma- 
schinen vor die Lokomotiven gespannt — „weedburner", 
Unkrautverbrenner, die das bunte Gezeug mit Feuer über- 
gießen und wohl auch die Schwellen ein bißchen mit an- 
zünden dabei. 

Die „Imperial Limited" fährt mit achtzehn Wagen 
von Ozean zu Ozean. Ich gehe einigemal durch den 
ganzen Zug und schaue mir die Menschen an, die in dieser 
laufenden, sausenden Straße mit mir wohnen; unsere 
Wohnung bewegt sich unaufhaltsam dem Westen zu, 
der unser aller Ziel ist. 

Die Lokomotiven, die diese Straße hinter sich her- 
schleifen über die ungeheuren Strecken, die Lokomotiven 

136 



sind Unterseeboote, die auf mannshohen Rädern einher- 
laufen. Ein komisches, kleinwinziges Schlötchen ragt aus 
ihnen vorn in die Höhe, dahinter zwei Buckel, wie kleine 
Observationstürme, und zwischen diesen Buckeln schwingt 
eine Glocke unaufhörlich hin und her — die entsetz- 
liche amerikanische Eisenbahnglocke, die den Unglück- 
lichen, der in der Nähe der Bahn haust, bis in seinen 
Schlaf hinein verfolgt und martert. Auf dem Schlot sitzt 
vorne das Polyphem-Auge, das ich auf dem Perron in 
Ottawa erblickt habe, und das ich dann in die Prärien, 
in Abgründe, Ströme und Felsenrisse und endlich auf 
die Wellen der Meerenge von San Juan de Fuca hab' 
starren sehen, in den Wochen, die kamen und die nun 
dahingegangen sind. Noch ein Instrument sucht der 
Lokomotive den Weg freizumachen und zu sichern durch 
die Weiten, es ist ein riesiges pflugartiges Eisengestell, 
der Kuhfänger, ;,cowcatcher", und dieses hybride Wesen, 
vorn wie ein Pflug, hinten wie ein Unterseeboot anzusehn, 
ist also der Straße vorgespannt, in der die wohnen, die nach 
dem Westen wollen! 

Eine Straße wahrhaftig. Eine lange sonderbare Straße, 
die in einem ärmlichen Arbeitervorort anfängt, durch das 
Viertel führt, wo die bescheidene Wohlhabenheit ihren 
Wohnsitz hat, und hinten in der Villenstadt der Reichen, 
der Muße und des Luxus aufhört. Laufe, wunderbare 
Straße, lauf nach dem Westen! 

Die Kolonistenwagen vorn im Zuge sind wie richtige 
Wohnräume eingerichtet. Ein Gang geht durch die Mitte 
der Wagen. (Aller amerikanischen Wagen, von den PuU- 
mans bis hinab. Abteile kennt man nur in eigens dazu 
gebauten Wagen, die für den Bedarf der oberen Vier- 
hundert eingerichtet und deren Preise auch danach sind.) 
Rechts und links sind Bänke mit je zwei Sitzen. Ein auf- 
klappbarer Tisch ist an der Wand befestigt, über den 
Bänken aber sind Bretter an die Decke geschraubt, die 
man bei Nacht herunterlassen kann, und die sich als 
Schlafbretter an Ketten erweisen. Jeder Wagen der 

T37 



Kolonistenklassen hat eine richtige Küche am Ende; zu 
allen Tageszeiten sitzen da die Mütter, Töchter und 
Frauen und kochen das Essen für die Familie. Drei, vier 
fünf Tage lang wird in diesen Räumen gekocht, gegessen, 
geschlafen, gespielt, gelebt — gehofft. 

Und gesungen! In all den Gegenden, durch die ich 
gefahren bin, in all den rollenden Straßen, durch die ich 
durchgelaufen bin, hat es einen Mann, eine Frau, meist 
aber ganze Familien gegeben, die mit lauter Stimme 
Psalmen gesungen haben. Einmal, an einem Sonntag- 
abend hoch oben im Nordwesten, habe ich einen ganzen 
Kolonistenwagen: 

,,Nearer, my God, to Thee" 
singen gehört. 

Unaufhörlich kommt und geht der Candy-Junge durch 
den Zug, mit monotoner Stimme: ,,Chiclets, Choc'lates, 
Chewing-gum!" Bücher, Zeitschriften' und die Zei- 
tungen aus den Städten auf der Strecke anbietend. Die 
Neger in ihren grauen Uniformen, die armen Neger, 
die für einen Dollar Taglohn dienen und oft drei Nächte 
hintereinander kein Auge zumachen dürfen, lehnen gäh- 
nend in den Übergängen zwischen den Wagen. Der weiße 
Kondukteur setzt sich zwischen die Reisenden, macht 
seine Rechnung oder sein Schläfchen oder einer allein 
reisenden Dame, die sich's gefallen läßt, den Hof. Drei 
Schreibmaschinen klappern von frühmorgen bis spät in 
die Nacht hinein vor armen rastlosen Sklaven, die das 
Wunder des Reisens nie kennen werden. Hinten in dem 
bequemen Aussichtswagen hat alles schon Bekanntschaft 
miteinander geschlossen. Die rotlackierte ,, Person" ist 
in feste Hände geraten. Zwei „jüngere Söhne" haben 
sich gefunden und verraten mir naiv und liebenswürdig 
im Rauchzimmer ihre Pläne, die sie aus Landkarten und 
Farmprospekten sich zusammenspekuliert haben. Die 
kleinen Kinder laufen umher und stiften Freundschaften 
zwischen den Eltern. Meine Tage vergehen mir angenehm 
zwischen den jüngeren Söhnen, einem guten und warm- 

138 



herzigen alten Ehepaar aus Montreal und einem jungen 
Japaner, der nach Nagasaki heimreist. 

In den Kolonistenwagen hab ich weniger Glück. Die 
Leute sind müde, verschlafen und wortkarg. Auch leben 
sie so ziemlich in Dreck und Speck dahin alle diese Tage 
und ziehen mürrische Mienen über ihre Gesichter, wenn 
jemand aus der Pullman-Welt dahinten den Schmutz be- 
sichtigen kommt, der sich um sie angesammelt hat. Genau 
wie die Zwischendecker auf den Schiffen den Besucher 
von „oben" anknurren, wenn er sich in ihre Mitte wagt. 

An den Stationen, den spärlichen Haltestellen der 
Strecke, steigt alles aus, um sich die Beine ein bißchen 
einzurenken auf dem festen Boden nach dem Rütteln 
und Schüttern der endlosen Fahrt. Die ganze Bevölkerung 
der kleinen Orte um die Haltestellen tummelt sich auf dem 
Perron und mengt sich unter die Reisenden, während der 
Zug hält. Die Reisenden blicken neugierig auf diese Men- 
schen, die hier inmitten der Wildnis ihr Leben verleben. 
Dann heult das Signal auf, die Neger erscheinen bei den 
Schemeln, über die man in die Wagen zurücksteigt, und 
die zurückbleibenden Bewohner der kleinen Orte in der 
Wildnis blicken ohne Neid dem davonfahrenden Zug 
nach, dessen letzter Wagen, der Aussichtswagen, über sei- 
ner offenen Veranda in transparenten Lettern die Worte 
trägt: „Imperial-C. P. R.-Limited." 



DAS TOR DER PRÄRIE 

Den dritten Morgen erwacht man am Nordufer des 
Lake Superior, des Meeres der Mitte. 
Die Atmosphäre trägt schon einen Hauch von Steppen- 
dunst mit sich, die Zeit geht um eine Stunde zurück, aus 
der östlichen in die Zentralzeit. 

Port Arthur kommt in Sicht — der ,,Puls Kanadas" — 
und die Merkwürdigkeit Port Arthurs, die riesigen Ele- 
vatoren, Getreidemagazine, sind gut zu sehen aus den 




Getreidespeicher in Fort William und Port Arthur 

Waggonfenstern. Da stehen sie am Fuß des sonderbaren 
Tafelberges, diese riesigen grauen Röhren, vierzehn, fünf- 
zehn nebeneinander wieTuben in der Patronentasche eines 
Gottes. Oben läuft eine graue Brücke über sie weg, links 
und rechts fassen sie hohe, flache Kasten ein, die sie um 
einige Stockwerke überragen. Festungen sind es, alles in 
allem. 

Auf dem Perron zeigt man sich den größten Getreide- 
elevator der Welt, Eigentum der Canadian Northern, 
sechzehn solcher Röhren nebeneinander. Wenn sie voll 
sind, liegen da sieben Millionen Busheis Weizen, das un- 
gemahlene Brot der Welt. 

Das Verfahren, nach dem der Weizen behandelt wird 
dahier, ist rasch erzählt: unten laufen die Waggone aus 
allen Gegenden der Prärie zum Mund des Elevators zu- 
sammen. Dieser Mund saugt gleichzeitig den Inhalt von 
neun bis zwölf Waggonen auf. Der Weizen rinnt durch 
Schleusen von gewaltigem Umfang in einen Raum zu- 
sammen, in dem ein System von automatischen Schau- 
feln die Spreu vom Weizen sondert. Staub, Spreu, Unrat 
wird durch Röhren automatisch von dem Weizen ab- 
geleitet, der gewogen, von Baggermaschinen in die Höhe 

140 




Getreidespeicher in Fort William und Port Arthur 

gehoben und in die großen grauen Türme hineingeschüt- 
tet wird. Dort wartet det Weizen dann geduldig darauf, 
bis die Welt wieder einmal nach Brot schreit. 

Es sind Gebilde wie Wolkenkratzer, diese Elevatoren. 
Sie erinnern mich sogleich an die Generatoren im Kraft- 
haus an den Niagarafällen. In ihnen sammelt sich die 
lebendige Kraft der Erde, die erfüllte Hoffnung der ins 
Land strömenden Menschenmillionen. 

Die Früchte dieser Kraft, das Mark dieser Hoffnung, 
werden durch die Gesetze des Handels, des Zwischen- 
handels, der Börse und der Spekulation in die großen Siebe 
der Wolkenkratzer von Chicago und Newyork geleitet. 
Die automatischen Schaufeln von zehntausend Bureaus 
fressen sodann das Beste dieser Kraft, dieses Fleißes und 
dieser Menschenhoffnungen in sich hinein, schlingen sie 
in sich hinein, behalten sie in sich zurück. Die Welt mag 
sich derweil weiter heiser schreien vor Hunger. 

In Winnipeg rühre ich mich einen ganzen Tag lang 
nicht aus dem Bahnhof heraus. Auf der ganzen Welt 
kenne ich keinen Ort, hab ich an keinem verweilt, der 



H 



mich derart fasziniert hätte, wie der Bahnhof von Winni- 
peg. Er ist ganz voll, zum Überlaufen voll und gesättigt 
von allen Strömen, die durch die Menschenherzen ziehen. 

Hier kommen aus allen Teilen der Welt die Menschen 
an, die die Erde suchen und auf die die Erde wartet. In 
der Wartehalle stehen auf großen Tafeln die Züge ver- 
zeichnet und die Schiffe des Atlantischen Meeres, deren 
Menschenfracht im Laufe des heutigen Tages über 
diese Bahnhofshalle ausgeschüttet werden wird. Und die 
die große Prärie da draußen schon erwartet, seit Erschaf- 
fung der Welt, ungeduldig und bräutlich. 

Die ,,Teutonic", ,,Jonian", die ,,Cassandra" sind vor- 
gestern und vorvorgestern in Montreal und Quebec ein- 
getroffen. Die Züge, die ihre Passagiere mit sich bringen, 
werden um ein Viertel vor Elf da sein. Eine Stunde später 
treffen die ,,Homeseekers-Trains", die Züge der ,, Heimats- 
Sucher" ein. Alle zehn Minuten kommen Kolonistenzüge 
an und entladen ihren Inhalt von starken, ernsten und ge- 
faßten Männern, staunenden, übermüdeten Frauen und 
schlafenden oder weinenden Kindern. Ich gehe zwischen 
der riesigen Wartehalle und dem Perron hin und her, sehe 
auf die Uhr und weiß von jedem Zug: dieser bringt die 
Leute der ,,Cassandra", dieser kommt aus St. Paul, diese 
Leute da sind die dreißigtausend Erntearbeiter, die 
Manitoba braucht, die dort sind die Heimstätten-Sucher, 
die Homeseekers — ich erwarte sie, ergriffen und auf- 
geregt, all die Tausende, von denen ich nicht einen kenne, 
von denen nicht einer mich auch nur im entferntesten 
angeht. 

Hier auf diesem Bahnhof habe ich das Gefühl, wahrhaf- 
tigem Leben, zwingendem Schicksal gegenüber zu stehen. 
Während mich sonst auf Bahnhöfen, angesichts der hin- 
und herschießenden, mit Körben und Taschen und 
Schachteln aufgeregt hantierenden Reisenden oft und oft 
die Vorstellung lachen macht: daß die große Mehrzahl 
all dieser sich Tummelnden ebenso gut daheim bleiben 
und versauern könnte. 



142 



Und meine eigene Wanderlust, wie kommt mir die plötz- 
lich kleinlich und unwahrscheinlich vor und wie in benga- 
lischer Beleuchtung — während da die Heimat-Sucher 
an mir vorüberziehen zu den Ausgängen. 

Sechs kleine Kinder in Schafsfellpelzen mit hochroten 
Mützchen auf ihren schneeweißen Köpfen sitzen auf 
einem Haufen Bettzeug. Um sie herum ist ein Festungs- 
wall von Koffern, Kisten mit Hausgerät, Kinderwagen 
und riesigen Körben mit Wäsche errichtet. Die Eltern 
sind ins Einwandererbureau, zum Billettschalter, zum 
Konsul gelaufen. Wie hätten sie all das Kleinzeug mit- 
schleppen können? Da sitzen nun die Kleinen in ihrer 
Festung, die bewegliche Habe der Familie bewacht sie, 
und sie bewachen die bewegliche Habe der Familie. Neu- 
gierig und gar nicht schüchtern blicken sie auf all die Leute 
heraus, die an der Festung vorüberlaufen und von denen 
keiner ihre Sprache spricht. 

Auf einer Bank gegenüber der Tür, die zum Land- 
bureau führt, sitzt eine junge slowakische Bäuerin. Sie 
hat ein gelbes Kopftuch umgebunden, und wiegt einen 
Säugling, der in ein knallrotes Tuch eingewickelt auf 
ihren Armen schläft. Sie hat einen Messing-Ehering am 
Finger; die junge Engländerin auf der Bank drüben hat 
keinen Ehering an dem Finger. Auch ihr Baby schläft 
auf dem Schoß der Mutter, die hübsch in einen weißen 
Sweater, braunen Rock angezogen ist und einen mo- 
dischen Federhut auf dem Kopf hat, wie die Frauen der 
Mittelklasse überall auf der W^elt. Sie warten auf ihre 
Männer, die Slowakin auf ihren Slowaken, die Eng- 
länderin auf ihren Engländer. Die Slowakin hat ein 
Bündel neben sich liegen, das ist ihr Hab und Gut; die 
Engländerin drüben hat einen richtigen Handkoffer von 
Leder neben sich auf dem Boden stehen. 

Nicht weit von ihnen beginnt auf einmal ein großer 
brauner Bauernlümmel mit über dem Topf geschorenen 
Flachshaar und gesticktem Hemd die Kamarinskaja auf 
seiner Ziehharmonika zu spielen. Ein paar andere Bauern- 

M3 




Das sind die Leute, die der Westen braucht. 

kerle tanzen, auf ihren Säcken sitzend, ohne aufzustehen, 
mit wild strampelnden Beinen die Kamarinskaja mit. Volk 
sammelt sich um die Russen an, lacht, spricht in allen 
Sprachen der Welt durcheinander. 

Das Slowakenkind ist aufgewacht von dem Lärm und 
fängt gottsjämmerlich zu heulen an. Die junge Mutter 
blickt puterrot um sich, ob ihr Mann denn nicht bald 
kommt.? Dann, als sie nicht mehr weiß, wie sich zu helfen, 
knöpft sie ihre Bauernjacke auf und gibt ihrem Kind die 
Brust. Die junge Engländerin drüben hat dieselbe Not mit 
ihrem Baby. Beide Kleinen heulen in derselben Sprache 
dasselbe Lied. Die Mutter des kleinen Engländers errötet 
aber erst, als sie ihren Sweater aufknöpfelt und ihrem Kind 
den Mund auf die gleiche Art stopft, wie die Slowakin auf 
der andern Bank. Die beiden Mütter blicken sich über 
ihren bloßen Brüsten lächelnd und freundlich an. Sie 
sind beide noch ein bißchen rot im Gesicht; sie zeigen 



144 




sich, wie gut ihre Brüste 
sind, ziehen das Hemd 
ganz weg von ihrer Brust; 
und die Röte ist gar nicht 
Schamröte auf ihren Ge- 
sichtern, sondern Stolz. — 

Neben dem Bahnhof, so, 
daß jeder, der ankommt, ob 
er sie braucht oder nicht, 
sie sofort sehen und finden 
muß, sind die Bureaus, die 
Informationshalle und die 
Logierhäuser des staat- 
lichen Einwanderungs- 
amtes gelegen. 

Beamte, an ihren Mützen 
gleich zu erkennen, freund- 
liche und vertrauener- 
weckende Männer, die alle Sprachen der Erde sprechen, 
erwarten die Ankömmlinge und geleiten sie in die 
Halle, die Bureaus und die freien Logierhäuser. Dort 
können sie ihre Papiere vorweisen, ihre Wünsche vor- 
tragen, dann ihre müden Glieder eine Nacht lang auf 
sauberen Betten zur Ruhe legen — und morgen früh 
werden sie dem Land entgegenfahren, das ihnen ge- 
hört von diesem Morgen an! 

Nein, wirklich — ich kann mir beim besten Willen 
so bald nichts dermaßen Einladendes, Mut und Hoff- 
nung Weckendes, Wohlgefälliges vorstellen, wie es die 
Halle ist im Einwanderungsamt zu Winnipeg. Die ge- 
hetzten, von der tagelangen Reise durch Stein und 
Wasser und verbrannte Wälder matt und irr gewor- 
denen Augen der Menschen klären sich, werden hell, 
sicher und froh, wenn die Menschen in diesen schönen, 
lichtdurchfluteten, mit Ährenbündeln, Früchtefestons 
und allen Zeichen der Fruchtbarkeit geschmückten Raum 
eintreten. 



lO 



HS 



Etwas Selbstbewußtes, Forderndes glänzt auf in diesen 
Augen, die daheim sich nur halb aufzutun gewagt 
haben. Der Ärmste, der gew^ohnt war, zu bitten, 
zu betteln, fortgejagt und wahrscheinlich noch verhöhnt 
zu werden obendrein, wenn er Arbeit um Brot ein- 
tauschen wollte in der ,, alten Heimat" — hier, das weiß 
er, ist er der Erwartete, der Willkommene, ein Notwen- 
diger, Nützlicher, wieder ein Mensch gewordenes Ge- 
schöpf Gottes. 

Er wird mit gutem Blick und aufrichtigem Wort emp- 
fangen an der Schwelle dieses Landes, das vor Fruchtbar- 
keit fast bersten will und mit Menschen unterernährt 
ist; das ist es. 

Der Beamte, der seine Heimatssprache spricht, fragt 
ihn nach seiner Beschäftigung im alten und Begehr im 
neuen Land. Eine Landkarte, die in winzige Quadrate 
eingeteilt ist, wird ausgebreitet zwischen dem Einwanderer 
und dem Beamten. Der Bleistift des Beamten zeichnet 
irgendwo ein Viereck in diese Landkarte, der Ankömmling 
erhält ein rotes Papier, er muß jetzt nur seinen Binkel aus 
der Gepäckhalle holen und sein rotes Papier gut in die 
Tasche stecken. In einer Stunde hat er das erreicht, wonach 
sich seine Träume im grausamen alten Land jahrelang 
verzehrt und zerfleischt haben. Er hat Land und Brot 
für sich und sein Weib und sein Kleines erhalten. Er hat 
jetzt nur noch zu arbeiten. 

Wenn ich will, brauche ich mich bloß in die Reihe mit 
den anderen zu stellen, meinen Paß aus der Tasche zu 
ziehen und morgen sitze ich auf meinen i6o Acres und 
bin ein gemachter Mann, statt eines Bücher schreibenden 
und sich aus unsicheren Quellen ernährenden Proletariers. 
Den jeder von diesen Besitzern eines roten Papiers mit 
Mißtrauen und einigermaßen begründeter Verachtung 
von der Seite her anschauen darf — während Er, der Feste 
und Sichere, mit wuchtigen Schritten zur Tür hinaus- 
marschiert ! 



146 



DER SETTLER 

Den Schlüssel zur Prärie hat Herr J. W, Greenway, 
Commissioner of Dominion Lands im Ministerium 
des Innern zu Ottawa, in der Tasche, ein überaus liebens- 
würdiger Mann, dem ich die besten Informationen und 
mehr Empfehlungsschreiben, als mein Koffer faßte, ver- 
danke. An der Pforte der Prärie steht aber als Türhüter 
Herr Bruce Walker, Commissioner of Immigration zu 
Winnipeg, eine Persönlichkeit, die schon über das mensch- 
liche Maß hinaus zu einem Mythus in die Höhe und 
Breite gewachsen ist. Dieser behagliche, rundliche Mann 
stellt unter der Maske eines starkbeschäftigten Amts- 
vorgesetzten das leibhaftige Schicksal von Millionen von 
Menschen vor, und gewiß wird sein gut schottischer Name 
nach Sonnenuntergang all über die weite Prärie in zehn- 
tausend Gebeten gleich nach dem lieben Gott und dem 
guten König Georg genannt! 

In Ottawa und Winnipeg habe ich theoretischen Unter- 
richt in der Kunst, ein Settier zu werden, erhalten, und 
habe dann in den drei großen Weizenländern, den Pro- 
vinzen Manitoba, Saskatchewan und Alberta, die un- 
gefähr drei Viertel des für Agrikulturzwecke geeigneten 
Bodens von Nord-Amerika umfassen, Anschauungsunter- 
richt über alles weitere Wissenswerte empfangen. 

W^enn Sie die Landkarte von Kanada ansehen, werden Sie 
bemerken, daß die erwähnten drei Provinzen auf genau 
dieselbe Weise durch gerade Striche voneinander abge- 
trennt sind, wie die meisten Staaten der Union. 

Die Landkarten, auf denen der Einwanderer zugleich 
mit dem Beamten sich sein Stück Land aussucht, sind ganz 
auf dieselbe Weise durch gerade Hoch- und Querlinien in 
Vierecke eingeteilt. Diese Einteilung beruht auf einer 
Flächenberechnung von sechs engl. Meilen im Geviert. 
Der Name des Gevierts ist: a township, ein Stadt- 
gebiet. Es ist in 36 Vierecke zerschnitten, zu 640 Acres, 
d. h. einer engl. Quadratmeile jedes; jedes dieser Vierecke 



10" 



H7 



in vier gleiche Teile von je i6o Acres. Die Regierung hat 
von diesen 36 Vierecken 16 als freies Heimstättenland zu 
vergeben, 16 gehören, wie früher erwähnt, der C. P. R. 
(ich spreche von den Strecken in den Weizenländern, die 
diese Bahn erschlossen hat), 2 der Hudson-Bay-Company, 
der großen Handelsgesellschaft, der Kanada vor der ,, Ent- 
deckung Kanadas" in Wahrheit als Eigentum gehört hat, 
und die ^restlichen 2 Vierecke sind Schulland. 

Dieses Wort ,, Schulland" ist natürlich nicht so zu ver- 
stehen, daß da auf 1280 Acres in jedem Township eine 
Schule steht und weiter nichts, freies Land um die Schule 
herum. In Kanada ist die Einrichtung getroffen (nach dem 
Muster der Staaten, wie man mir sagte), daß in einem 
bewohnten Umkreis von je 5 Meilen eine Schule errichtet 
ist, in der eine junge Lehrerin den Kindern aus den Far- 
men Lesen, Schreiben, Rechnen und Nationalgefühl bei- 
bringt. Das Land um diese schmucken Schulhäuschen ist 
sehr viel wert und steht höher im Preise noch als die Lände- 
reien der Canadian Pacific und der Hudsonbay, über die 
der Settier, wenn er einmal zu Geld gekommen ist, kraft 
seines Geldbeutels verfügen kann. Der Ertrag aus dem 
Verkauf dieser Schulländer kommt der Schule zugute, die 
die Regierung erhält. 

Der Settier kommt nun in dem fremden, weiten Lande 
an, das auf ihn gewartet hat seit Erschaffung der Welt. 
Es ist jungfräulicher Boden, die Prärie hat nie die Pflug- 
schar in ihren Eingeweiden gespürt. Ich will annehmen, 
dem Settier sind, nachdem er die Überfahrt und die Reise 
ins Innere bezahlt hat, in Winnipeg auf dem Bahnhof 
grad noch fünf Dollar in der Tasche geblieben. Mit denen 
soll er sein neues Leben als Grundbesitzer beginnen. 

Nun, er wird sich natürlich mit seinen 5 Dollar nicht 
gleich auf die 160 Acres setzen, die ihm gehören, und mit 
den Fingern den Boden aufwühlen, der ihm zu seiner 
Existenz verhelfen soll. Sondern er wird am besten als 
eine ,, Farmhand", als Landarbeiter, auf der Farm eines 
beginnen, der ebenso mit 5 Dollar angefangen hat, wie er. 

148 



Auf dem Bahnhof steht zwischen der Einwanderer- 
halle der Regierung und dem Landbureau der Canadian 
Pacific eine Holzhütte, deren Wände mit Plakaten be- 
deckt sind. 

Erntearbeiter gesucht. 

Gilbert Plains 50 

Gladstone 20 

Tessier 100 

Roblin 90 

Humboldt 50 usw. 

Dies Plakat ist mit Dutzenden anderer um 8 Uhr früh 
ausgehängt worden, um 10 sind schon zwei Züge ange- 
kommen und hinter dem Ortsnamen Tessier steht die 
Ziffer 20, alles übrige ist gestrichen. 

Drin in der Stadt gibt's unzählige Arbeitsbureaus, ja 
es gibt um den Bahnhof kleine Straßen, in denen ein Ver- 
mittlungsbureau neben dem andern ist. 

Ich notiere mir einige Löhne. 

Drescher 2^/2 Dollar den Tag; Farmkutscher 2V2 Dollar 
den Tag; Farmarbeiter 45 Dollar monatlich; immer Kost 
und Unterkunft einbegriffen. Diese Löhne beziehen sich 
auf die Arbeit während der Erntezeit. — Mühlenarbeiter 
2^/2 Dollar den Tag; Bautischler 25 Cent die Stunde; 
Bahnarbeiter 2V4 Dollar den Tag, Sägereiarbeiter 4 Dollar 
den Tag; Kohlenbergleute 55 Cent pro Tonne; Holz- 
fäller 21/2 Dollar den Tag; Brückenbau-Leute 2V2 Dollar 
den Tag nebst Verpflegung; Koch 65 Dollar monatlich; 
Vormann auf Farm 75 Dollar monatlich. 

Der Mann mit seinen 5 Dollar kann sich also irgendwo 
als Knecht verdingen. Ein Farmarbeiter, der nicht nur 
während der Erntezeit dient und gebraucht wird, sondern 
das ganze Jahr bleibt, kann auf einer Durchschnittsfarm 
25 bis 35 Dollar den Monat verdienen. Am besten ist er 
dran, wenn er sich auf einer Farm verdingt, auf der er die 
Praxis von der Pike auf erlernt. Arbeitet er und versteht 
sich aufs Zurücklegen, so wird er in zwei Jahren 360 bis 

149 




Aujbruch nach der HnrnstaiTe. SasRatoon. 

400 Dollar sein eigen nennen. Er kann nun die 160 Acres 
von der Regierung aufnehmen. Alles wird ihm helfen bei 
seinem Unternehmen, er mag sein und herkommen, wo 
er und was er mag. Ist er als guter Arbeiter bekannt, wird 
man ihm den Kredit, den er braucht, aufzwingen. Zuerst 
braucht er ein Paar Ochsen, einen Pflug, eine Egge. Dann 
Draht zum Zaun, Werkzeug zum Bau seiner Hütte, eine 
oder zwei Kühe. All das gibt's auf Kredit zu geringen 
Zinsen. Landbanken, staatliche wie private, haben ihre 
Agenturen und Filialen in den verlorensten Nestern der 
Prärie und stehen in direktem Kontakt mit dem Farmer. 
Im ersten Jahr kann er ohne jegliche Hilfe, sofern es nicht 
anders zu bewerkstelligen ist, seine 40 Acres umgebrochen 
haben. Nun braucht er eine Säemaschine, später eine 
Erntemaschine. 

In Saskatchewan habe ich Farmen gesehen und von 
welchen gehört, die in den ersten Jahren 40 Busheis 
(Scheffel) Weizen auf den Acker getragen haben. Das 
Land hat einen Humus, dessen Reichtum seinesgleichen 
sucht auf der Erde. Er hat aus der Pflanzenfäulnis und 
der Verwesung von Tierkadavern seit der Urzeit die Kraft 
herbezogen, die ihn auszeichnet. Es ist besser, wir nehmen 
nur einen Durchschnittsertrag von 25 Busheis pro Acre 



150 




Die neue Heimstätte — und — die alte. 

an, einen Ertrag, den in Manitoba der vernachlässigteste 
Boden nach einer Bearbeitung von 30 bis 40 Jahren noch 
gelegentlich einer Mittelernte liefert. Vierzig Acres 
bringen also dem Neuling tausend Busheis ein; aus ihrem 
Ertrag kann er, nach Abrechnung der Dresch- und der 
Frachtkosten bis zum Elevator an der nächsten Station, 
einen Teil seiner Schulden bei der Bank abzahlen und neue 
machen. Die Qualität des Weizens wird durch Stich- 
proben auf amtlichem Wege durch staatliche Ernte- 
aufseher bestimmt. 

Es ist die Regel, daß ein Farmer nach den zwei oder drei 
ersten Jahren angestrengter Arbeit weitere 160 Acres zu 
einem nicht allzu hohen Preis und mit geringer Anzah- 
lung zu seinem Land hinzukauft. Der als ein Armer und 
Verstoßener ins Land kam, hat sich vor dem Hunger und 
der Verzweiflung in einen Hafen gerettet, in dem er frei 
und mit erhobenem Kopf um sich blicken kann. Steckt 
das Zeug in ihm, so wird er aus dem Wunder der Jahres- 
zeiten, das sich vor seinem Häuschen draußen abspielt 
Morgen für Morgen, die Lehre ziehen und das große All- 
gemeine aus der Wahrheit erkennen, daß die Arbeit alles 
ist und der Besitz nichts. Vielleicht wird sich mit der Zeit 
bedrucktes Papier von besserer Art als das, worauf der 

151 




Die Prärie wird umgebrochen. 

Tagesschnickschnack gedruckt ist, auf dem Tisch in sei- 
nem Häuschen finden. Vielleicht wird in der großen Stille, 
in dem langen Winter Kanadas ein Samen in den vielen 
tausend Seelen aufgehen, die die Alte Welt grausam ver- 
dorren läßt und abtötet in dem ekligen Dunst der Massen- 
quartiere. 

VON DER HEILSARMEE 
UND ANDEREN INSTITUTIONEN 

Dies ist der typische Weg des Einwanderers vom 
Hungertuch zum Brotkorb. 
Natürlich bezieht sich das Gesagte auf einen bestimm- 
ten Stand, aber den, dessen Schicksal, so glaube ich, heute 
die Menschheit am brennendsten beschäftigen und be- 
unruhigen sollte. Erst diese Frage aus der Welt geschafft 
und nachher alles andere. Auch hier, in diesem unerhör- 
ten Land, mahlt darum die Mühle, von der Dehmel in 
seinem wundervollen Gedicht spricht: ,,Es wird kein 
Mensch mehr Hunger schreien . . ." Das Land, das auf 
die 92 Millionen wartet, bevölkert sich nicht rasch. Man 



152 



1*^1%%.. • 'r />:•-' ^"^Adi 








Ernte auf einer Mennonitenjarm, 

kann nichts Besseres tun, als seine Ungeduld der Welt 
mitzuteilen. 

Den Überfluß der Welt an Menschen, den grausigen 
Überfluß an armen und elenden Geschöpfen, den die so- 
genannte Zivilisation der heutigen Ordnung züchtet, über 
dieses wartende Land auszuschütten, die Herrscher der 
Welt könnten nichts Klügeres tun, als dies — einstweilen. 
Statt dessen stoßen sie den Überfluß tiefer und tiefer in 
eine Sackgasse hinein, pumpen diese voll mit Alkohol, 
damit der Überfluß nur ja gründlich ersaufe und — die 
Zivilisation soll leben, hoch! 

In Winnipeg war ich bei einer Versammlung der Sozial- 
demokraten. In diesem Lande, in dem es dem guten Willen 
des einzelnen und nicht der Notwendigkeit anheim- 
gegeben ist, ob er sein Leben gestalten will oder nicht, in 
Kanada ist heute noch kein Platz für den Sozialdemo- 
kraten. Wenn der Fabrikarbeiter hier für seine Klasse 
kämpft, so kann man ihm sagen : was geht dich deine Klasse 
an? Sei ein einzelner und kämpfe für dich. Bekämpft eine 
Klasse die andere, so werden sie im besten Fall die Plätze 
tauschen; aber wie läßt sich's am besten gegen das Erbübel, 
die Klasse, kämpfen? Man kann dem Fabrikarbeiter in 



53 



Winnipeg mit Fug weiter das folgende sagen: Kennst du 
nicht den Weg zu Mr. Bruce Walker ? Ich will ihn dir zeigen. 
Geh aufs Land und werde ein Farmer. Wenn in der Stadt 
Not an Fabrikarbeitern sein wird, wird sich ihr Los von 
selber bessern. Geh aufs Land zum Nutzen deines Standes. 

Aber, wenn ich so zu dem Fabrikarbeiter spreche, so muß 
ich mich auf die Möglichkeit gefaßt machen, daß er mir 
ins Gesicht lacht und antwortet: All das, was du Daher- 
gereister da sagst, ist von A bis Z falsch. Kannst du mir 
vielleicht Genaueres sagen darüber: mit welchen Mitteln 
die Einwanderung speziell nach den Städten, die Industrie- 
zentren sind, betrieben wird? Künstlich betrieben wird? 
Mit welchen Mitteln es die Industrie, die von dem Über- 
schuß des Angebotes über die Nachfrage nach Arbeits- 
kräften lebt, allerorten zuwege bringt, daß das Proletariat 
sich schon in diesen Städten, die mitten im Reichtum 
liegen, breit macht und anschwillt zum Entsetzen? 
Bleibe du gefälligst erst zwei Jahre hier fest sitzen; nach- 
her magst du dann reden, bis dahin aber halte gefälligst den 
Mund! 

Mann auf dem Podium, fahre fort. Ich hör schon zu. 

Wie ich schon sagte, die Länder der Welt bekunden 
geringes Interesse daran, ihre Armen in das reiche Land 
zu schicken (das Proletariat der großen Städte kann bei 
dieser Bemerkung nicht mitzählen). Ein Rundgang durch 
die höllischen Vororte von London, Dublin, Liverpool 
bringt einem an allen Straßenecken den Namen Kanadas 
auf die Lippen. Sonderbar ist es, daß es hier, obzwar 
natürlich nächst der Einwanderung aus den Staaten jene 
von den britischen Inseln die stärkste ist, keine englische 
Einwanderung im eigentlichsten Sinne sondern eine irische 
und schottische gibt. Die O's und die Mac's sind es, die, 
direkt oder schon auf dem Umweg über die Staaten von 
den Weizenländern des Westens in Scharen Besitz er- 
greifen. Wales, Cornwall, der Osten Englands verhält sich 
still. Die Ziffern der reichsdeutschen Einwanderung, die 
man mir im Konsulat in Montreal genannt hat, waren 

154 



ganz lächerlich geringe. Ich kann mir das erklären — die 
gesegneten Kolonien des Deutschen Reiches bieten wahr- 
scheinlich dem deutschen „Überfluß" verlockendere Per- 
spektiven als die englische Dominion . . . Nächst den bri- 
tischen Inseln und den Vereinigten Staaten stellen die 
slawischen Länder Europas das stärkste Kontingent für 
die Einwanderung nach Kanada. 

In den Konsulaten der österreichisch-ungarischen Mon- 
archie habe ich mich mit Interesse nach Daten über die 
Einwanderung aus Ungarn erkundigt und habe da die 
rätselhafte Auskunft erhalten — es gäbe keine. Ich habe 
nun selber in ungarischen Broschüren gelesen und von 
berufenen Leuten in Europa und in den Staaten gehört, 
mit welchen Mitteln die Agenturen gewisser Dampf- 
schifflinien, z. B. der Cunard-Line, deren Schiffe von 
Fiume nach Häfen der Union laufen, die Auswanderung 
der ungarischen Kroaten, Slowaken, Rumänen und 
Magyaren nach den Vereinigten Staaten betreiben. (Sie 
würden gewiß etwas vorsichtiger zu Werke gehen, wenn 
sie bei ihren Manövern nicht durch die ungarische Regie- 
rung gedeckt würden.) Also warum gibt's keine unga- 
rische Einwanderung in Kanada? 

Als ich diese bescheidene und höfliche Frage in den 
Konsulaten verlauten ließ, erhielt ich zwar keine Antwort, 
jedoch es wurden mir die bewußten überlegenen Amts- 
mienen gezeigt, welche einem immer entgegenstarren, 
wenn man eine den Staat gefährdende Indiskretion be- 
gangen hat oder begehen möchte. Erst in Winnipeg löste 
mir ein freundlicher magyarischer Seelsorger dieses Rätsel 
auf die einfachste, plausibelste Weise. 

Die Ungarn, d. h. ungarischen Staatsangehörigen, die 
nach den Gebieten der Union wandern, suchen dort so 
rasch wie möglich zu Geld zu gelangen (oft durch 
eine frevelhafte und auf künstlichem Wege hervor- 
gebrachte Unterbietung der Löhne). Sie packen dann, 
wenn sie notabene noch am Leben sind, ihre blutig er- 
worbenen Dollar in ihr Taschentuch und machen zurück 



55 



in die Heimat, wo's ihnen alles in allem besser behagt. 
In Kanada, im englischen Land aber lauert die Gefahr, 
daß es den Ungarn doch noch besser gehen könnte, als 
in ihrem eigenen gelobten Land daheim; und tatsächlich, 
die Ungarn, die nach Kanada kommen, ziehen es vor, in 
Kanada zu bleiben und ihre Taschentücher der englischen 
Sitte gemäß und nicht als Bankkonto zu gebrauchen. 
Die Regierung untersagt also stillschweigend und mit 
Nachdruck die Auswanderung nach Kanada. Das ist ein 
amüsantes Exempel. 

Im Zensusjahr 1909/10 kamen 208000 Menschen nach 
Kanada. Davon waren 60000 britische Untertanen, 
103000 aus den Staaten, der Rest, 45000 Menschen, 
gehörte 62 Nationalitäten an. 1910/11 sind 325000 Men- 
schen ins Land gekommen. Wie man mir in Ottawa sagte, 
ist die Einwanderung im Frühjahr dieses Jahres 1911 die 
außerordentlichste gewesen, die Kanada je gesehen hat. 

Was die Heilsarmee betrifft, so kann man von ihr den- 
ken, wie man will. Ich werde keinem widersprechen, 
der ihre äußeren Methoden als abstoßend bezeichnet, 
und wenn einer mir vorhält, daß ihre Ausbeutung der 
Arbeitslosigkeit an vielen Orten eine fatale Verschlechte- 
rung der Arbeitslöhne in gewissen Gewerben zur Folge 
hatte, so werde ich ihn nicht gut Lügen strafen können. 
Aber was sie für die Auswanderung bedürftiger Leute 
aus den britischen Inseln nach Kanada geleistet hat und 
leistet — das zwingt Respekt und Bewunderung ab für 
diese Institution und das Genie, dessen Gehirn sie ent- 
sprang, den alten schlauen Apostel Booth. Sie hat auch 
längst die Klippe einer Wohltätigkeitseinrichtung um- 
schifft und segelt, sehr zu ihrem Heile, unter der Flagge 
einer sozialen Macht, die aus unserer heutigen Ordnung 
gar nicht mehr weggedacht werden kann. 

Der Weg, den ich beschrieben habe, den der unbe- 
mittelte Ankömmling von seiner Ankunft bis zur Über- 
nahme seines eigenen Landes zu gehen hat, ist ein ziem- 

is6 



lieh ebener, und die Heilsarmee ebnet ihn noch dem 
Arbeitswilligen, der sich ihrem Schutz und ihrer Vermitt- 
lung anvertraut. Aber nicht nur für diesen bedeutet sie 
eine gute Vorsehung, sondern auch für den Farmer, der 
auf die beschriebene Art immer wieder seinen tüchtigen 
Knecht verliert und sich oft in der Zeit, in der er am 
schwierigsten zu entbehren ist, nach Ersatz umsehen 
muß. Die untere Schichte muß immer wieder nachgefüllt 
werden, und dies besorgt zum großen Teil und mit ihrer 
bewunderungswürdigen Organisation die Heilsarmee. 

Ihr System des Arbeitsnachweises und der Versorgung 
des Farmers mit Arbeitswilligen aus den britischen Inseln 
hat sich in großartiger Weise bewährt. In Toronto sind 
die ,,Headquarters" der Heilsarmee, und dort hat mir 
Brigadier Morris die Logierhäuser und Mädchenheime 
der Armee gezeigt, die Bücher gewiesen, in denen An- 
gebot und Nachfrage in überzeugenden Ziffern ver- 
zeichnet standen, Briefe der Versorgten und alles mögliche 
statistische Material vorgelegt. 

In den letzten 7 Jahren hat die Armee fünfzigtausend 
Menschen herübergebracht. In vielen Fällen hat sie ihnen 
das Überfahrtsgeld vorgestreckt. Speziell nach Dienst- 
mädchen herrscht in allen Teilen Kanadas verzweifelte 
Nachfrage. Es ist ein Männerland, und was fängt ein 
Farmer ohne Frau an auf seiner Farm, auf der doch jemand 
nach dem Kleinvieh und der Wirtschaft sehen muß. Die 
Armee sichert den meisten, die sie herüberbringt, eine 
Quelle festen Erwerbs, für ein Jahr ungefähr, so daß der 
Arbeitswillige die Heimat schon als fertiger Kanadier 
verlassen darf. Zur Frühjahrszeit treffen Schiffsladungen 
voll Menschenmaterials in Kanada ein, von Offizieren 
der Armee persönlich geführte und geleitete Gesellschaf- 
ten, die dann auf die angenehmste und sicherste Weise 
an ihren Bestimmungsort befördert werden. (Im Zeit- 
raum vom I. Juni bis 31. Oktober 191 1 hatte die Armee 
laut der ,, Emigration Gazette" auf 97 Schiffen der 
Canadian Pacific, Allan, White Star und anderen Linien 



157 



Emigrantengruppen unter ihrer Obhut, davon auf 36 
Schiffen persönlich geführte Gesellschaften.) 

Weniger kümmert sich die Heilsarmee um die direkte 
Kolonisation ihrer Leute in Kanada. Sie sind eben von 
den Ärmsten, von den 5-Dollar- oder keinen Dollar- 
Leuten, die als Farmhände beginnen müssen. Immerhin 
hat die Heilsarmee eine H. Klasse von Einwanderern, die 
mich recht sehr interessiert hat und über die ich vom 
Brigadier bereitwillige Auskunft erhalten habe. 

Die große Mehrzahl der Heilsarmee-Schützlinge fährt 
HL Klasse, kommt in Quebec an und wird dort sofort 
nach den Gegenden verladen, wo sie gebraucht wird und 
ihr Leben begründen kann. Klasse H aber kommt in 
Montreal an und sieht dann auf eigene Faust zu, wie sie 
weiterkommt. 

Diese H. Klasse besteht zum großen Teil aus kleinen 
Clerks, kleinen Kaufleuten und Duodez-Kapitalisten, 
Geistlichen und Militärpensionären. Sie enthält aber auch 
zu einem nicht geringen Prozentsatz Leute, die von ihren 
Angehörigen oder Freunden mit etlichem Geld versehen 
und mit dem geheimen Wunsch und Abschiedssegen, der 
Teufel möge sie holen, in die Ferne spediert worden sind. 
Es sind die ,, jüngeren Söhne des Lebens". Brigadier 
Morris versteht nicht recht, was ich damit meine. Ich 
aber weiß es recht gut, was es mit diesen ,, jüngeren 
Söhnen" auf sich hat, und verspreche dem Brigadier, ich 
werde in meinem Buch Propaganda für diese IL Klasse 
machen. Ihm ist die III. Klasse lieber; mir auch. Die 
Leute, die um zu arbeiten nach Kanada gekommen sind 
und von denen die Armee nach 2 bis 3 Monaten nichts 
m^hr hört, weil sie gut und sicher versorgt sind, keine 
Hilfe mehr benötigen und ihre Schuld an die Überfahrts- 
kasse bald abgetragen haben werden. 

Die IL Klasse aber, überhaupt die gesamte ,, zweite 
Klasse" der Einwanderer nach Kanada, sind Men- 
schen, die aus verschiedenen geistigen Berufen herüber 

.58 



zur Erde kommen. Unter der Schar der Bureausklaven 
finden sich Künstler und Gelehrte, Oxford- und Cam- 
bridge-Leute, Schauspieler und die ,, Überflüssigen" der 
intellektuellen Welt. 

Legenden sind im Umlauf von ganzen Kolonien aus 
einem der exklusivsten Colleges von Cambridge, die jetzt 
im westlichen Alberta, in der Gegend von Lloydminster, 
ihren Weizen bauen. Legenden von Ranchern, Polizisten 
und Cowboys, von denen spreche ich später. 

Für diese und ähnliche Arten von Kolonisten hat die 
Canadian Pacific Railway in ihrem System der Ready 
made farms, der vorbereiteten Farmen, gesorgt. 

Es ist dies eine überaus praktische Idee, will mir schei- 
nen, Kanada dankt sie Sir Thomas O'Shaugnessy, dem 
Präsidenten der C. P. R. 

In der Gegend um Irricana, dem gewaltigen künstlich 
bewässerten Territorium zwischen Edmonton und Calgary, 
an einer Seitenlinie der C. P. R., sind diese vorbereiteten 
,, fertigen" Farmen gelegen. Wie viele Tausende kulti- 
vierter, empfindlich geborener oder gewordener Menschen 
lassen eher ihr Leben verderben, als daß sie sich den Stra- 
pazen auszusetzen wagten, die der Beginn eines neuen 
Lebens, in einem fremden, weiten, unbekannten Land 
mit sich bringt? Menschen, denen es an Geld nicht fehlt 
zum Anfangen, nur an Mut. Auf der Ready made farm 
finden sie ein hübsches Haus, das warm und gut gebaut 
auf sie und die Ihren wartet, eine Scheune mit Maschinen, 
einen Stall mit Vieh, und den besten Boden, den keiner 
noch bebaut hat vor ihnen. Eine Märchenfarm, ein Tisch- 
lein-deck-dich für den zivilisationsmüden Städter, der zur 
Erde wiederkehren will. 

Wird von der Heilsarmee gesprochen, so muß man 
auch einige Institutionen geringeren Umfangs, 
aber ähnlicher Tendenz erwähnen. So z. B. die berühmte 
Stiftung des Dr. Barnardo in London, die Heime und 
Schulen für verwahrloste Kinder, die im Fast End 



159 



Londons unendlich viel Gutes getan haben. In all den 
großen Städten Kanadas habe ich Barnardo-Heime ge- 
funden; große Scharen von Kindern werden herüber- 
gebracht, kinderlose Farmer nehmen sich der Ärmsten 
an und manch ein Barnardo- Junge sitzt heute als Herr 
auf dem Gute, das seine Pflegeeltern bewirtschaftet 
haben, als er ihrer Obhut und gutem Willen anvertraut 
wurde vor Jahrzehnten. Die Zentralleitung der Stiftung 
bleibt immer in Verbindung mit diesen Kindern, weiß, 
wo sie sich befinden und wie es ihnen geht. 

Das nach der Philanthropin Annie Macpherson be- 
nannte Heim in Stratford, Ontario, hat sich eine ähnliche 
Aufgabe gestellt und erfüllt sie in geringerem Umfange als 
die Barnardo-Homes. Sie versorgt die Farmer Ontarios 
in einem nicht zu weiten Umkreis um Stratford mit ihren 
Pfleglingen und hat so stets direkte Fühlung mit diesen 
Kindern. 

All diese Institutionen gehören, wie die bekannten 
Studentensiedlungen in den Vierteln des Londoner und 
Newyorker Elends, wesentlich ins Kapitel der Wohl- 
tätigkeitseinrichtungen, einer Erfindung der bürger- 
lichen Klasse, die glaubt, auf solche Weise quitt zu sein für 
die Sünden, die sie an den Unteren begeht. Mit der rech- 
ten Hand die Menschheit knebeln und mit der linken ihr 
den Angstschweiß von der Stirn wischen — ,, Schneeballen 
in den Höllenschlund werfen," damit es denen dort unten 
nicht zu heiß werde! 

Irgendwie fühle ich aber, daß die Wohlfahrtseinrich- 
tungen, deren Tätigkeit nach Kanada, dem Erdeland, dem 
Ackerland hinüberspielt, einen Teil ihres odiösen Beige- 
schmackes verlieren. Auf alle Fälle hat es, wie ich erwähnte, 
die Heilsarmee vorzüglich verstanden, ihre Mission in der 
unverfänglichsten Art, als reines Agenturgeschäft auszu- 
üben. Sie befördert alle ihre Leute herüber, ohne nach 
Name und Art zu fragen, und ich habe von Leuten ge- 
hört, die die Brigadiers und Majore ausdrücklich ver- 
sicherten, daß sie die Anschauungen der Heilsarmee 

i6o 



keineswegs teilten, und somit der Vergünstigungen, die 
die Armee gewährt, vielleicht gar nicht teilhaftig werden 
dürften. Die Soldaten haben darauf, mit dem Heilsarmee- 
Lächeln auf ihren Gesichtern, diese allzu Gewissenhaften 
versichert: das sei gar nicht nötig, sie würden auch so hin- 
übergenommen. 

Ich kann jedem, der mich anhören will, den guten Rat 
geben, es zu machen, wie ich: werde ich zum Mitsingen 
des Liedes: 

,,The old, old story is true , . ." 
oder gar zum Niederknien vor der Bußbank aufgefordert, 
so lehne ich dieses Ansinnen höflich und entschieden ab. 
Kommt aber das Salvation-Lassie mit dem Tamburin 
auf mich zu, so habe ich gar kein Bedenken, ihr meinen 
Silberling auf das Tamburin zu werfen, denn ihr Werk 
verdient es! 



BEI DEN MENNONITEN IN SÜD-MANITOBA 

Wenn der Zug im Dörfchen Altona ankommt, ist 
das Postbureau voll von Menschen. Das Postbureau 
ist zugleich der General-Store, in dem man von Salpeter 
aufwärts bis zu den Nähmaschinen alles kaufen kann, was 
gebraucht wird. Auf einmal bin ich in Deutschland, höre 
viele Dialekte, Platt, Hannoversch, Ostpreußisch und 
das Deutsch, das in den baltischen Provinzen gesprochen 
wird. Deutsch von drüben, der alten Heimat, aber gott- 
lob nicht das verhunzte Amerikanerdeutsch, ein Misch- 
masch aus dem heimatlichen Dialekt und Yankee-Slang. 

Ich bin noch keine fünf Minuten da und habe schon 
Bekanntschaften geschlossen. Ich soll von Deutschland 
erzählen, höre aber lieber denen zu, die mir von Altona 
erzählen, denn meine Berichte sind mehr auf den York- 
klub als das Postamt dieses Dörfchens zugeschnitten. 

Altona liegt im Süden des Weizenlandes Manitoba, 
Manitous Land, wie die Indianer es benannt haben, des 



• 



i6i 



Gotteslandes. Kaum eine halbe Stunde weit vom Staat 
Nord-Dakota, dessen Berge man hinter dem Städtchen 
Gretna blau aufsteigen sieht. 

Ich bin hier im Stadtgebiet Rheinland, und die Dörf- 
chen und Niederlassungen ringsum heißen Eigengrund, 
Blumenthal, Schoenhorst, Bergmann, Winkler, Neuhoff- 
nung. Es ist eine der ältesten Ansiedlungen der Menno- 
niten in Amerika. 

Die Mennoniten haben es weniger geschickt angefangen 
als ihre Schicksalsgenossen, die Puritaner. Diese haben den 
Weg England — Holland — Amerika gewählt, die Menno- 
niten sind aber von Holland nach Preußen, von Preußen 
nach Rußland gezogen, ehe sie auf die gute Idee kamen, 
hierher zu übersiedeln, wo sie seit 50 Jahren und darüber 
in Frieden und Wohlstand leben und ihr Land bebauen. 

In die ,, Ostreserve", jenseits des Redrivers, in die 
wenige Stunden östlich gelegene Bergtaler Gemeinde 
kamen, so erzählte man mir, die ersten Mennoniten um 
die Mitte der siebziger Jahre aus Südrußland, wo man 
sie wegen ihrer Verweigerung des Militärdienstes zu mole- 
stieren anfing. Altona hat 500 Einwohner, in ganz Ma- 
nitoba sind gegenwärtig an die 15000 Mennoniten. 

Der Photograph, er ist mit seiner Familie aus Minne- 
sota hierher übersiedelt, nimmt sich meiner an und mit 
ihm besuche ich den Schmied, den Landagenten, den 
Gemeindeschreiber. Mit ihnen allen sitze ich am Abend 
in den warmen Stuben ihrer hübschen Häuschen bei- 
sammen. Es sind gute und einfache Menschen, und es ist 
Genuß, mit ihnen beisammen zu sein. Der Photograph hat 
einen schönen Kopf. Er sieht wie ein deutscher Lehrer 
aus Schwaben aus, der heimlich Gedichte schreibt und an 
Sonntagen mit Novalis in der Tasche in den Wald zieht. 
Eduard von Gebhardt hätte sich glücklich geschätzt, den 
prachtvollen Wiedertäuferkopf des Landagenten malen 
zu dürfen. Schön wie ihre ruhigen und ernsten Gesichter 
sind ihre Namen, die man auf den Schildern der Ge- 
schäfte Altonas liest: Friesen, Coblentz, Joerger, Toews. 

162 



Ihre Trachten sind die der Tradition und der Sekten, die 
sich innerhalb ihres Bekenntnisses gespalten haben. Da 
sind die Schwarzen, die den Gebrauch weißer Wäsche ver- 
pönen; sie tragen flache schwarze Kappen und Schaft- 
stiefel, in denen die schwarzen Tuchhosen stecken. Eine 
andre Sekte trägt die Hosen über die Stiefel gezogen und 
weiße Wäsche, die aber nicht mit Knöpfen, — Knöpfe- 
tragen ist Luxus und Teufelswerk! — sondern mit Haken 
und Sicherheitsnadeln zugemacht ist, denn: 
,,die mit den Haken und Ösen 
wird Gott der Herr erlösen". 

Mein Freund, der Photograph, fühlt sich nicht wohl 
in Altona und will frühestens in Kalifornien, dem Sonnen- 
land, Obstländer aufnehmen. Das Klima bekömmt ihm 
hier nicht. Aber, ich glaube, es liegt auch ein wenig an 
seinem modischen Kragen und hohen Hut. Einer hat ein- 
mal seinen Schwager rundherum einkassieren geschickt, 
der Schwager hatte ein weißes Hemd an und konnte nur 
von den Weißhemdigen Geld erhalten, von den andern 
aber Knurren und zugeschlagene Türen. Bis dann ein 
Schwarzer kassieren kam. 

Indes, es gibt gemeinsame Angelegenheiten, in denen 
alles, was sich zu Simon Menno bekennt, zusammensteht. 
Geht's einem Bruder oben in der Rosthern-Reserve, Sas- 
katchewan , in den Staaten oder am Schwarzen Meer 
drüben schlecht, dann tun sich die Hände in all den sieben 
Sekten um den Red River auf. Das größte Haus in Altona 
ist das Seminarium, in dem Missionäre und Lehrer aus- 
gebildet werden. Allüberall, wo Mennoniten hausen, gibt's 
solche Seminarien, und die jungen Priester gehen herum 
und predigen, lehren die Lehre vom Tausendjährigen 
Reich, vom auserwählten Volk Gottes, dem neuen Israel, 
das selig werden muß vor all den Andersgläubigen. In 
Oklahoma, Nebraska, Arkansas haben sie rote Indianer 
gelehrt, schwarze Hemden zu tragen. In Indien unter den 
Hindus gibt's Mennoniten. 

Den Leuten in Rheinland dahier liegt nicht so sehr viel 

II* 163 



an der Gewinnung neuer Seelen. Sie machen keine Pro- 
selyten, enthalten sich jeglicher Propaganda, einschließ- 
lich der Propaganda in politischen Dingen — zum größe- 
ren Teil. 

Mein Freund, der Photograph, hat in seinem Laden 
einen Aufruf an die Farmer, für den Liberalen zu stimmen, 
hängen. Er selbst wird nicht wählen, weil sein Glaube 
es ihm nicht erlaubt. Aber lieb wäre es ihm doch, wenn 
es Reziprozität mit den Staaten gäbe, weil dann sein 
Photographenmaterial billiger ins Land hereinkäme! Ähn- 
lich wie ihm, ergeht's in anderer Beziehung denen, die 
aus Gründen der Tradition ihre Kinder nur in die eigenen 
deutschen Schulen, die sie sich auf ihrem Landgebiet ge- 
baut haben, schicken und sie die ,, fremde" Sprache, das 
Englische, nicht erlernen lassen. Die Kinder der Fort- 
schrittlichen, die Englisch gelernt haben, können auf den 
Agrikultur-Schulen der Dominion, in den staatlichen 
Lehrfarmen überall im Lande lernen, wie der Boden er- 
tragsfähiger gemacht werden kann — die Orthodoxen 
verstehen sich auf diese Kunst nicht, sie bauen ihren 
Boden nach der alten Fasson, minieren ihn, statt ihn zu 
bebauen, verbrennen aus Gleichgültigkeit oder Uner- 
fahrenheit ihr Stroh, statt es als Winterstreu für ihr Vieh 
zu verwenden, und lösen auf diese Weise bloß 25 bis 30 
Busheis von ihrem Acre, statt wie in früheren Jahren 40. 
Sie lassen ganze Acres sich mit Unkraut bedecken, sie be- 
bauen kaum die Hälfte ihres Landes. In Montreal hörte 
ich die Mär, die Mennoniten gingen nicht in Gegenden, 
wo es Wald, Bäume zum Roden gibt, sondern nach dem 
Flachland. Sentimental und ahnungslos sagte ich mir — 
die Heimat, die Erinnerung an die Steppen! Bis man mich 
dann in Altona versicherte, daß sie einfach zu faul sind, 
die Bäume von dem Ackerboden wegzuputzen, und lieber 
dorthin gehen, wo das Ackerland fix und fertig, sozusagen 
auf dem Präsentierbrett, vor ihnen liegt. 

Es geht ihnen gut, manche besitzen ganze Quadrat- 
meilen besten Bodens. Zwei Monate im Jahr gibt's zu 

164 



schaffen, der Rest vergeht in Wohlbehagen, denn die 
Erde arbeitet oder ruht derweil. 

Im Winter essen sie gut, die, denen ihr Sektenglaube 
den Alkohol nicht verbietet, trinken noch besser, halten 
sich wa.Tm in ihren Häuschen, machen Besuche beieinander 
und lobpreisen den Herrn. 

In ihren Stuben liegt der ,,Nordvv^esten", das in Winni- 
peg erscheinende deutsche Tagblatt, die „Mennonitische 
Rundschau", und v^enig Bücher. Hier und dort findet sich 
ein Harmonium, dort, v\^o es die Sekte zuläßt, überall aber 
rundherum läßt man's sich gut gehen, lebt in der Familie, 
sitzt beim Ofen und ,,schmokt sein' Peip!" 

Sie sind ohne Ausnahme arm herübergekommen, in 
wenigen Jahren hat das Land sie reich gemacht, obzwar 
sie es ja nicht ausnutzen, wie gesagt. Legenden sind im 
Umlauf von fabelhaften Aufstiegen. Da sind die neun 
Brüder, die vor einem Jahrzehnt herübergekommen sind, 
die neun waren so arm, daß sie alle zusammen nur eine 
Mütze besaßen — wer die vom Kleidernagel zuerst er- 
wischte, konnte am Abend spazieren gehn, die übrigen 
mußten zu Haus bleiben. Jetzt ist der eine der Brüder 
50000 Dollar ,,wert". Vier große rote Getreideelevatoren 
von Ogilvie und der Lake of the Woods-Mühle sind an 
der Bahn aufgepflanzt ; von dort bis zur Bank in der Haupt- 
straße hat der Farmer nur hundert Schritte zu gehn. 

Warum bringen sie denn nicht alle ihre Freunde, Glau- 
bensgenossen, Brüder und Schwestern aus Südrußland 
hier herüber? frage ich und bekomme darauf ein paar 
Anekdoten zu hören, d. h., was ich zu hören bekomme, 
klingt wie Anekdoten, ist aber eine schaurige Enthüllung 
von Dingen, die auf dem Grund unsrer heutigen Zivili- 
sation liegen. 

Der Schmied erzählt mir von den Leuten in Südruß- 
land. Er muß es wissen, er kommt ja selber aus der Menno- 
nitengegend am Schwarzen Meer, wo er vier Jahre lang 
um einen Taglohn von zwanzig Pfennigen gearbeitet hat. 
(Jetzt steht seine große Schmiede, Wagen und Pferd bei 

165 



seinem hübschen Häuschen, hinter dessen sauberen Gar- 
dinen blondköpfige Kinder in den Sonnenschein heraus- 
lachen.) Er weiß etwas vom russischen Bauer und von der 
Sinnesart, die dem guten alten Stamm dort drüben im 
Heiligen Rußland aufgepfropft wurde, zu erzählen. 

Er war Anno 1910 zu Besuch drüben. Warum kommt 
ihr nicht, wir haben's gut, ebenso gut könntet ihr es haben, 
wir bereiten euch den Weg! Aber sie verhungern lieber 
daheim. Sie haben gehört, in Amerika sitze der Herr mit 
dem Knecht an demselben Tisch — was muß das für ein 
Land sein? Ein paar von ihnen haben den Versuch mit 
Kanada gemacht, haben es aber nicht ausgehalten und 
sind zurück. Diese hatten guten Lohn und freundliche 
Ansprache. Niemand stand mit der Peitsche hinter ihnen 
bei der Arbeit. Da wurden sie mißmutig, legten sich 
apathisch schlafen und dachten, es war besser daheim. 
Erst wie jemand auf den guten Gedanken kam, sie mit 
Fußtritten zur Arbeit zurückzuprügeln, da wurden sie 
munter, da fühlten sie sich in ihrem Element! Aber sie 
haben es doch nicht ausgehalten, sondern liefen zurück 
ins Heilige Rußland, in die Sklaverei und zum Hunger- 
tuch. Die Vettern und Basen daheim beschnüffeln den 
Schmied, wie er in seinem guten modischen Rock und 
Hosen daherkommt in die alte Heimat. Aha, sagt einer — 
jetzt verstehe ich es, warum dort drüben so viel gestohlen 
wird, in eurem Amerika. Kein Wunder, wenn ihr so viele 
Taschen in euren Kleidern habt! Zwei hie, zwei innen, 
zwei vorn, zwei hinten — natürlich denken die Leute bei 
solch einem Überfluß an Taschen weiter an nichts als ans 
Stehlen! 

Nie nach Amerika hinüber, sagt eine gute Mutter. 
Das könnte man noch brauchen, den ganzen Tag auf die 
Kinder aufpassen! Weshalb, weshalb den ganzen Tag, 
Matuschka? Nun, Amerika ist doch auf allen Seiten vom 
Meer umgeben — wie leicht fällt da ein Kind beim Spielen 
ins Wasser! Das Heilige Rußland im zwanzigsten Jahr- 
hundert. 

166 



Wie hat sich dieser treueste deutsche Menschenschlag 
in der Freiheit, die ihm dieses Land hier gewährt, ent- 
wickelt? Der Freiheit, jawohl, denn der Staat zwingt sie 
zu nichts, was ihnen gegen das Gewissen läuft. Sie brauchen 
ihre Kinder nicht Englisch lehren zu lassen, sie können 
ihre Religion frei ausüben, ihre Missionäre ausbilden, zum 
Militärdienst zwingt sie keiner. Sie haben in ihrem Ge- 
biet die vollste Freiheit. 

Ich habe mir ein paar Hefte der ,,Mennonitischen 
Rundschau" angeschafft und sie genau von allen Seiten 
betrachtet. Sie ist eine Kreuzung vom ,, Kriegsruf" der 
Heilsarmee und einem primitiven ländlichen Familien- 
blatt mit stark bigottem Einschlag. Sie gilt als das füh- 
rende Blatt der Mennoniten in der ganzen Welt. Das Wert- 
vollste in ihr sind die Briefe, die die Brüder und Schwe- 
stern aus all den Niederlassungen an den Herausgeber 
adressieren, in denen sie von ihrem eigenen Umkreise und 
von Besuchen bei Brüdern und Schwestern im Lande und 
in der alten Heimat berichten. Diese Briefe, interessante 
und sympathisch berührende menschliche Dokumente, 
füllen die Hälfte des Blattes aus. Es ist in ihnen von 
Sonnenschein und Hagelschlag, von Hochzeiten, Taufen 
und Sterbefällen die Rede, von Glück und Unglück der 
Gemeinde und ihrer Kinder, in einem redlichen, herz- 
lichen Bauerndeutsch. Sie schließen mit dem Rat, die 
Brüder und Schwestern mögen diesen und diesen Psalm 
wieder lesen und beherzigen. Und ich weiß, sie tun es 
und lesen die Psalmen ringsum in dem weiten Land, ehe sie 
nach dem Erntewetter hinausschauen aus den Fenstern 
ihrer Häuschen. 

Mit dem guten Recht des Reisenden habe ich manches 
von dem, was ich unter den Menschen Altonas sah, hörte 
und fühlte, für mich behalten. Vielleicht ist es nicht recht 
und ein Widerspruch, wenn ich mich schon jetzt ein wenig 
nach dem Abend zwischen den schönen, an Hessen und 
Thüringen gemahnenden Häuschen und Blumengärtchen 
von Altona zurücksehne. Aber ohne Rückhalt und von Her- 

167 



zen grüße ich nach dem kleinen blauen Holzhaus hinüber, 
in dem Ehrwürden Hansen, der Dichter ,, Wilhelm vom 
Strande", mit seiner guten Frau seinen Lebensabend be- 
schließt. Vor zwei Menschenaltern kam er aus Swine- 
münde herüber und ist ein Pionier der reformierten Deut- 
schen in den Staaten und der Dominion geworden. Seine 
Gemeinde hier in Altona ist fast ganz weggestorben um 
den Greis. Aber es ist darum noch genug Gegenwart um 
ihn — wir gehen vor das Häuschen hinaus, zwischen die 
Blumenrabatten und Obstspaliere und sehen zu, wie der 
jüngste Sohn Ehrwürdens, ein frischer, ganz englisch aus- 
sehender Kanadier, das Vaterhaus mit schöner blauer 
Farbe vom Boden bis zum Giebel neu anstreicht! 



ESTERHAZY IN SASKATCHEWAN 

Der Magvare steht da, die eine Hand hat er in tränen- 
reicher alkoholischer Heiterkeit hinter sein linkes Ohr 
gepreßt, in der Rechten über seinen Kopf erhoben hält 
er den Cocktail in die Höhe und singt dazu: 

,,Ha bemegyek, ha bemegyek 

Esterhazy — Bar-ba, 

Raszolok a, räszolok a 

Cziganyra ! 

Huzd rä czigäny" usw. . . . 
Dabei hat er sein Lebtag keinen Zigeuner gesehen, er 
ist schon in Pennsylvanien als Sohn eines Kohlenberg- 
manns zur Welt gekommen, steht jetzt hier, in der Bar 
des Hotels in Esterhazy, Provinz Saskatchewan, und 
spricht sogar in der absoluten Betrunkenheit das reinste 
Ungarisch, das man sich denken kann. Und im übrigen 
gibt es gar keinen Zigeuner hier und anderswo, weit und 
breit, höchstens ein Grammophon. 

Im Ort hatte^es sich bald herumgesprochen, daß ein 
ungarisch redender Fremdling im Hotel abgestiegen sei. 
Bald flogen die Dollar nur so auf den Schanktisch, und ich 

i68 



lernte die ungarische Gastfreundlichkeit hier herüben unter 
Kopfschmerzen und allen Symptomen einer leichteren 
Fuselvergiftung kennen. 

Der schlaue irländische Giftmischer hinter der Bar kann 
schon ungarisch schimpfen und fluchen und gibt auf den 
Dollar siebzig Cent zu wenig heraus, wenn sich der Ungar 
über die fremdartige Aussprache von,, basszama teremtette" 
schüttelt. Es ist eine feine Atmosphäre von Besoffenheit 
ringsum zu spüren. 

Mr. Greenway in Ottawa und Mr. Walker in Winnipeg 
waren einstimmig in der Versicherung, wie hoch die 
Regierung die Ungarn in der Dominion schätze. Gute, ja 
vorzügliche Farmer, und ,,most law-abiding Citizens" oben- 
drein. Law-abiding, das war überhaupt das zweite Wort, 
das ich in all den Regierungsbureaus zu hören bekam. 
Ich hatte den Fehler begangen, ein bißchen zu viel von 
den Duchoborzen und den Mennoniten und all diesen 
Eigenbrödlern und Sonderbündlern und von der Toleranz 
der Regierung zu reden. So bläute man mir dieses Wort 
law-abiding mit Hammerschlägen ins Gehirn hinein. 
Sind's die Einwanderer nicht von selber — aber sie sind*s, 
es geht ihnen ja gut, — so läßt es sich die Regierung ange- 
legen sein, sie in kurzem dazu zu machen. Und die Ungarn 
sind es schon, sind schon gesetzestreue Bürger, wenn sie 
Kanadas Boden unter ihren Füßen haben. 

In Ottawa hat man mir Wagen und Automobile ver- 
sprochen, die mich auf dem Lande herumkutschieren 
sollten. Herr Walker aber bedauerte unendlich, es war grad 
die hohe Erntezeit und alle seine Regierungsautos sausten 
mit Kommissären in den Erntegebieten herum. Mir war's 
recht, die Staatsautomobile hätten mich ja doch nur auf 
die Renommierfarmen mitgenommen, auf denen der 
Fremde dann die Hände über dem Kopf zusammen- 
schlägt vor Begeisterung. Ich kam nach Esterhazy, um 
irgendeine rechtschaffene Durchschnittsfarm eines unga- 
rischen Weizenbauers anzusehn und dabei zuzuschauen, 
was dieses gute englische Land aus einem ungarischen 

169 



Bauern zu machen imstande ist. Der daheim in der 
Quetschmühle zwischen dem Pfaffen, dem Erbadel, dem 
Juden und den kinematographisch rasch wechselnden und 
sich ablösenden Regierungen seinen blutigen Schw^eiß 
verspritzt. 

In allen Orten Kanadas findet man bedruckte Tafeln 
in den Hotelzimmern: ,, Bitte nicht auf den Boden zu 
spucken!" ,, Bitte die Streichhölzer nicht an den Wänden 
anzustreichen!" ,, Gedenke deines Schöpfers, wenn du 
zu Bette gehst und wenn du aufstehst!" — hier aber, in 
Esterhazy, stand auf der Tafel: 

,, Hasardspiel in den Zimmern streng verboten!" 

Auch war das vornehmste Firmenschild, das ich auf der 
Hauptstraße erblickte, nicht das des „General Store" ge- 
wesen, sondern es hing über dem Laden eines Rechts- 
anwaltes. Die Ungarn sind ein Juristenvolk, und das 
Nationalübel ist das Kartenspiel. Hier war ich wahr- 
haftig in einem bis in die Wolle gefärbten Ungarn. 

Auf ging die Tür der Bar, und zwei Gestalten kamen 
herein. Die eine, ein kleiner bedächtiger, wie ein Städter 
angezogener Mann, war Herr Soundso — der erfolgreichste 
Farmer dieser Gegend, wie man mich mit ehrerbietigem 
Seitenblick versicherte, Besitzer von zwei Quadratmeilen 
besten Landes hier herum, eine Persönlichkeit, die ihr ge- 
wichtiges Wort mitzureden hatte in der ,,township". Der 
Begleiter dieses wichtigen Mannes war ein junger Mensch 
mit Großstadtallüren, von der Gelenkigkeit der Leute, 
denen es dran liegt, rasch etwas zu erreichen, und die es 
auch tun müssen, aus naheliegenden Gründen. ,,Zw^eite 
Klasse der Heilsarmee", sagte ich mir gleich. Und wirk- 
lich — es verging keine halbe Stunde, da hatte er mir schon 
erzählt, erundseine Frau seien mit der Heilsarmee nach Mon- 
treal, weil man, fährt man mit der, mehr für sein Geld hat! 

Sohn eines Budapester Millionärs. Weit in der weiten 
Welt herumgekommen, während daheim der Vater die 
Millionen verspekulierte. Jetzt ist er in politischer Mission 
unter seinen Landsleuten da. Die Konservativen haben 



170 




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Ungarische Farmer in Saskatchezvan 

ihn hergeschickt, damit er den einflußreichen Farmer 
Herrn Soundso, der für den Liberalen ,, arbeitet", herum- 
kriege, oder, wenn das nicht geht, ihm ein bißchen seine 
Effekte verpfusche. Gelingt ihm das, und ist man an 
maßgebender Stelle zufrieden, so wird er sich hier im 
Kreis niederlassen, das dankbare Gewerbe eines Rechts- 
anwaltes ausüben, unter seinen leidenschaftlich prozessie- 
renden und in Grund und Land spekulierenden Lands- 
leuten. Da ist also der dritte spezifisch magyarische Typus, 
der ,,Cortes", Wahlagitator, eine Kreuzung des Juristen 
und Kartenspielers, mitten in der fruchtbaren Prärie an 
der Arbeit. 

Der liberale Farmer nimmt Herrn Bahnarbeiter A. in 
die Ecke, derweil lauert der konservative Exmillionär über 
seinem Cocktail in der anderen Ecke. Herr A. wird mit 
einem Lächeln und Händedruck entlassen, und der Farmer 
wendet sich Herrn Sattlermeister B. zu, der darauf ge- 
wartet hat und dessen Miene ausdrückt, er fühle sich wohl 
geschmeichelt, aber es wird nicht so leicht sein. Der Kon- 
servative schlängelt sich an Herrn A. heran und schielt zur 
Gruppe um Herrn B. hinüber. Das politische Geschäft 
A — B, B — C, C — D geht langsam das ganze Alphabet lang, 
und der irische Spitzbube sieht hinter der Bar dem Cre- 
scendo schmunzelnd und beherrscht zu. 



171 



Der Konservative hat sich mit seiner Frau draußen auf 
der Farm des Liberalen niedergelassen. Morgen abend 
ziehen sie, der Liberale mit etlichen Dollar, der Konser- 
vative mit einem Sack voll Versprechungen, einander gut 
bewachend und belauernd auf die Dörfer in wxitem Um- 
kreis, der Umkreis ist aber dem reziprozitätslüsternen 
Liberalen so gut wie sicher. 

Hier werde ich keine Renommierfarm zu sehen kriegen, 
um so besser. Aber es ist einer, der groß geworden ist 
dahier, dieser pfiffige kleine Ungar mit seinen zwei 
Quadratmeilen. Er ist seine hunderttausend Dollar 
,,wert"; als er hereinkam, hatte er ganze 75 Cent in der 
Tasche. Erreichen seine Söhne das gesetzmäßige Alter, 
so wird er sie jeden 160 Acres aufnehmen lassen, und die 
Familie wird an Reichtum zunehmen. Zudem baut jetzt 
die Canadian Northern eine Linie quer an seinem Gut 
vorbei, er hat also sein Land nur zu halten, es arbeitet 
für sich, in zehn Jahren wird es das Fünffache wert sein, 
wenn sein Besitzer nur warten kann. 

Er wartet auch, das sehe ich. 

Draußen auf dem Feld der väterlichen Farm arbeitet 
der fünfzehnjährige Sohn, während der Vater mit 
dem Gast im Land herumfährt, um die Fahne für Sir 
Laurier zu schwingen. Die Familie (und das Exmillionärs- 
paar) wohnt in der Lehmhütte, die der Farmer, als er 
arm hereinkam, mit eigenen Händen gebaut hat. Er er- 
klärt mir auf meine Frage, daß das Geld, das man in ein 
Wohnhaus stecke, doch keine Zinsen trägt! Draußen 
vor der Hütte faulen ein paar Bindemaschinen, schon alt 
gekauft und seit Jahren außer Gebrauch. Das zahlreiche 
Vieh übernachtet in einem Stall, in den's oben hinein- 
regnet. Die jüngsten Sprößlinge des Zweimeilen-Be- 
sitzers laufen zwischen dem Düngerhaufen und den Ferkeln 
in kleinen dreckigen Hemdchen herum und haben sonst 
nichts an. Zwei Drittel des Landes liegen brach — das 
Land arbeitet ja für sich. 

172 



Hundert Schritt weit vor dem Haus, in einem Birken- 
wäldchen, liegt ein totes Pferd schon den dritten Tag. 
Vorgestern Nacht hat der Co}^ote (Steppenwolf) sich, 
vom Gestank gelockt, an das Aas herangemacht, ihm den 
Bauch aufgebissen und die Leber herausgeholt. Der brave 
Fido hat den Räuber gestellt, man kann da hinten beim 
Roggen noch die Leber sehen, die seinem Maul entfiel 
bei der Flucht. 

Die Familie unternimmt jetzt alltäglich Ausflüge ins 
Wäldchen, um nachzusehn, ob die Maden im Bauch des 
Pferdes zugenommen haben. Ich werde als Weichling 
tüchtig ausgelacht, weil ich an dieser Vergnügung nicht 
teilnehmen will. 

Der einzige Schmuck der Lehmhütte ist ein halbes 
Dutzend Heiligenbilder in nachgemachten Goldrahmen. 
Dieser Anblick bringt mir eine Geschichte in den Sinn, 
die ich in Winnipeg vom Seelsorger der ungarischen Ge- 
meinde gehört habe, und die ich nicht unterschlagen darf, 
denn in ihr steckt etwas von der Zukunft Kanadas, eine 
kleine, faule, widerwärtige Perspektive sozusagen. 

Ich habe mir wahrhaftig nicht die Mühe genommen, all 
die Broschüren durchzulesen, die sich auf den Hader der 
konfessionellen Parteien beziehen und die mir in großer 
Menge unter Kreuzband und in Paketen ins Felsengebirge 
nachgeschickt wurden. Hier steht, was ich mir von der 
Angelegenheit gemerkt habe: Die Ungarn lieben es, ihre 
eigenen Geistlichen aus der alten Heimat herüberzuholen, 
um am Sonntag in ihrer eigenen Sprache von der Kanzel 
herab angeredet zu werden. Die ungarische Geistlich- 
keit zeichnet sich durch liberale Anschauung aus, und 
diese stimmt mit der politischen Richtung der Gemeinde 
überein. Die katholische Geistlichkeit Kanadas, die aus 
Franzosen und Belgiern besteht, war mit diesem Stand 
der Dinge nicht zufrieden. Was geschah? Ein belgischer 
Geistlicher wurde insgeheim nach Ungarn geschickt, um 
die Sprache zu erlernen. Jetzt bearbeitet er von der 
Kanzel herab, in einem schauerlichen belgisch-franzö- 

173 



sischen Ungarisch, seine Schafe für die politischen Zwecke 
seines Bischofs. Wenn der Exmilllonär Rechtsanwalt in 
Esterhazy wird, kann er nichts Klügeres tun, als sich mit 

dem guten Pater P. auf du und du zu stellen. 

Da habe ich nun leider Gottes eine Farm im ertragreich- 
sten Gebiet des Weizenlandes gesehen. Dort, wo die 
Millionen hinziehen sollen, die es nach Brot gelüstet. Ich 
kann nichts dafür, wenn das Idealbild, das mir auf dem 
Ontarlo vor Augen erschien, weiter von der Wirklichkeit 
fortgleitet, wenn Ich nach dem Westen komme. Diese 
Farm bei Esterhazv Ist — vermutlich — keine typische 
Farm des Weizenlandes im Innern Kanadas. Um so 
schlimmer. Herr Bruce Walker hätte mir ein Regierungs- 
automobil mitgeben sollen! 



DIE DUCHOBORZEN UND PETER VERIGIN 

Ich sagte Herrn Walker: ,,Von den Duchoborzen geht 
die Sage um, daß sie sich zuweilen, mitten während 
der Ernte oder auch im Winter, auskleiden, und Männer 
und Weiber ziehen nackt und jammernd durch die Felder, 
Christum zu suchen, der sich irgendwo in der Nähe auf- 
halten soll." 

Mr. Walker: ,,Well, das ist vorgekommen. Aber Ich 
habe sie dann so lange ins Gefängnis und in die Irren- 
häuser gesteckt, bis Ihnen die Lust an ihren Märschen ver- 
gangen Ist." 

, .Verzeihen Sie — aber dazu sind doch diese armen 
Leute nicht aus Rußland herübergekommen! Dort hat 
man sie auch so lange In Gefängnisse und Irrenhäuser 
gesteckt, bis — " 

,,A11 das können wir hier nicht brauchen. Was wir 
hier wollen, sind gute, gehorsame Bürger, „law-abldlng 
Citizens". Übrigens hab Ich den Duchoborzen bei der 
letzten Gelegenheit gesagt. In ihrem eigenen Interesse 
gesagt: wenn's euch nächstens wieder mal nach Christus 

174 



verlangt, schreibt mir eine 'Zeile, ich will ihn euch 
schicken." 

Also sprach Mr. Walker. Man kann nicht anders, als 
ihm recht geben. Ein Nacktmarsch, von zw^eitausend 
Menschen im Winter ausgeführt, ist keine sehr gesunde 
Turnübung. Auch das Vieh in den Ställen fährt nicht gut 
dabei, das nach drei Tage währendem Hunger, weil nie- 
mand nach dem Futter sieht, in den Ställen verreckt 
oder aus den Ställen bricht und dann von den Behörden 
eingefangen werden muß — damit die unglücklichen Be- 
sitzer, wenn sie von ihrer vergeblichen Expedition zurück- 
kehren, es nicht im Schnee mit allen Vieren nach oben 
vorfinden! 

Die Duchoborzen haben ihren letzten Marsch vor fünf 
Jahren vollführt. Fährt man durch ihre sauberen Dörfer 
im Norden von Saskatchewan und sieht ihre breiten Ge- 
sichter hinter den Fenstern ihrer Giebelhäuschen oder 
zwischen den Sonnenblumen in ihren netten Gärtchen 
auftauchen, so glaubt man nicht an gefährliche Fanatiker, 
sondern daß es brave, bescheidene Muschiks sind, die da 
hausen. In Wahrheit sind es die einzigen Menschen, die 
heute in Kanada unter dem wirtschaftlichen Prinzip des 
Kommunismus beisammen leben, in einer Reservation, 
wie alle, die sich der Staatsform nicht bequemen wollen, 
unter deren Schutz die law-abiding Citizens ringsum ihren 
Kohl bauen. 

Ich wohne beim Müller, der ein Schotte und Vor- 
arbeiter in der Mühle ist, wo der Weizen der ,,Doukhobor 
Community" zu Mehl vermahlt und in Säcken bis nach 
Liverpool und Schanghai versendet wird. 

Freund Kon in Winnipeg, der Immigrationsagent der 
Grand Trunk Pacific und väterlicher Freund und Berater 
aller Ankömmlinge slawischer Herkunft, die sich in den 
von der Grand Trunk-Bahn eben erschlossenen Weizen- 
ländern im Norden niederlassen wollen — Freund Kon 
hat mir geraten, nach Verigin zu fahren, ins Reich des 
,,Duchoborzen-Zaren" Peter Verigin, statt nach den 

175 



Duchoborzen-Kolonien Elbow und Buchanan, die maii 
mir in Ottawa genannt hat. 

Freund Kon kennt die Russen hierzulande, wie er sie 
in seiner alten Heimat kennt. Die alte Heimat gedachte 
Freund Kon ein bißchen zu henken wegen irgendwelcher 
politischen Vorurteile. Vor drei Jahren noch hat er, als ein 
Armer, als der er herüberkam, oben in Alberta mit einigen 
seiner Landsleute Bäume im Urwald gerodet, Schwellen 
gelegt, Schienen an die Schwellen geschraubt — heute 
sitzt er zwischen den Oberen der Grand Trunk Pacific 
und hilft die Schicksale des Systems lenken — eine 
kanadische Karriere unter Tausenden, die sich in der neuen 
Heimat in die Höhe entwickeln. 

Ich brachte von ihm einen Brief an seinen alten Kame- 
raden Sam Batschurin mit, und einen zweiten an den 
Sekretär der kommunistischen Gesellschaft. Der Prä- 
sident der Gesellschaft ist ,,Zar" Peter, und der Ort ist 
nach ihm benannt. — 

Den ,, Zaren" möchte ich für mein Leben gern von An- 
gesicht sehen. Leider wird's nicht möglich sein. Er ist 
in Britisch-Kolumbien, wo er Obstland für die Ducho- 
borzen aufgenommen hat, die das harte Winterklima hier 
oben im Norden nicht mehr aushalten. Erst in zwei bis 
drei Tagen wird er zurückerwartet — wenn ich Geduld 
hätte, so lange zu warten? Nein, es geht nicht. Schade! 
sagt der Müller. Ein großer Mann ! Aber ich muß darauf 
verzichten, diesen Kommunisten-Zaren von Angesicht zu 
schauen. Auch seinen Sekretär werde ich nicht sprechen 
können, der ist ihm nach Yorkton entgegengefahren. 

(Yorkton ... wo habe ich diesen Ortsnamen gehört.? 

Der Tonfall, in dem man mir dieses Wort sagt, bringt 
mir die Szene ins Gedächtnis zurück: vor vier Tagen, als 
ich von Brandon, Manitoba, nach Esterhazy fuhr, um 
sechs Uhr früh — sprang da im Zug plötzlich ein Mensch 
auf und fing wie verrückt im Wagen herumzulaufen an : 
Stop! stop! Er wollte ja nach Yorkton, und dies sei der 
verkehrte Zug! 

176 



Er war ein großer stämmiger Mann, halb wie ein Städ- 
ter, halb wie ein Bauer angezogen, in einem billigen 
schwarzen Anzug, Hemd ohne Kragen, die Haare in die 
Stirn gekämmt. Die Tränen standen ihm in den Augen, 
er stotterte heiser, englisch war nicht seine Muttersprache, 
er wollte wahrhaftig aus dem mit voller Kraft fahrenden 
Zug hinausspringen, der Kondukteur und ich, die der 
Tür zunächst saßen, wir hatten beide Mühe, ihn an den 
Armen zurückzuhalten . . . 

Bei der nächsten Station sahen wir dann den breiten 
Rücken des Mannes im Sonnenschein glänzen. Mit seinem 
Regenschirm unterm Arm lief er, in einem vom Anfang 
an systematischen Trab, den Schienenweg entlang nach 
Brandon zurück — die zwölf Meilen nach Brandon zu- 
rück — Staunen und Gelächter aus den Coupefenstern 
hinter ihm her. ) 

Ich habe Sam Batschurin beim Abladen von Holz 
aus einem Waggon angetroffen und habe ihm meinen 
Brief übergeben. Er ist kein Farmer, sondern Kutscher 
in einem livery-stable. Heute nachmittag wird er einen 
Wagen anspannen und dann fahren wir ein bißchen herum 
in die Dörfer. 

Der Müller fragt mich, ob ich Peter Verigin jr., den 
Neffen des großen Peter, in der Mühle besuchen will? 
Das will ich, gewiß. Und dann finde ich den jungen 
Verigin zwischen den Mehlsäcken. Er spricht ganz gut 
englisch, er scheint es gewöhnt zu sein, Fremden über die 
Angelegenheiten der Duchoborzen zu berichten, auf meine 
Fragen kriege ich gut hergerichtete und unverfängliche 
Antworten zu hören, wir reden laut, denn über uns don- 
nert und schüttert das Werk der Mühle. 

Er ist ein junger Mensch mit einem ehrlichen russischen 
Gesicht. Er wird ein bißchen rot, wie er von seiner Re- 
ligion spricht. Ich glaub's ihm gerne. Es ist gewiß hart 
für einen, der seine zehn oder mehr Stunden angestrengt 
arbeitet, Sätze auszusprechen wie diesen: ,, Christus ist 

12 177 



immer leibhaftig zwischen uns!" (Soll das im übertragenen 
Sinne oder im Sinne der Marschierer gemeint sein? Die 
Antwort ist geschickt präpariert.) ,,Ich glaube an den 
Himmel!" (An die Hölle aber glaubt er nicht.) 

Er will es nicht wahr haben, daß sein Onkel der Zar sei. 
Ich beruhige ihn, das sei ja nur so eine Redensart; aber 
er ereifert sich: Alle, alle sind gleich! Er zeigt auf die 
Marken der Säcke : „Doukhobor Community", als ob das 
ein Beweis wäre. Ich habe das Gefühl: Der will oder 
darf nicht reden. Darum halte ich ihn nicht länger von 
seiner Arbeit zurück. 

De Duchoborzen sind vor zwölf Jahren aus Rußland 
herübergekommen, wo sie als gefährliche Narren und 
Anarchisten verfolgt und dezimiert wurden ihr Leben 
lang. Sie sind Vegetarier und töten weder Tiere noch 
Menschen. Sie weigern sich, Waffen in die Hand zu 
nehmen, die den Zweck haben, ihresgleichen damit den 
Garaus zu machen. ,,Dem Cäsar geben, was des Cäsars 
ist," steht nicht in ihrem Katechismus. Die Quäker in 
Pennsylvanien, Massachusetts und England waren es, die 
diesem armen Volk die Mittel verschafften, daß es her- 
überkommen konnte — aus dem Land, wo man es sterben 
und verkommen ließ. Arm, wie Gott sie geschaffen hat, 
sind sie herübergekommen. Immer waren sie fleißig und 
bescheiden gewesen, aber das heilige Rußland hat ihnen 
Hab und Gut konfisziert und entwendet, sie nach Sibi- 
rien und in die Gefängnisse gesteckt, bis sie schwarz ge- 
worden sind. Peter Verigin selbst, der drüben, obzwar 
ein Mann von höherer Kultur und Wissen, ein Bauer und 
Hirt unter seinen Glaubensgenossen war, ist i8 Jahre lang 
aus einer Festung in die andere getrieben worden, hat mit 
Schellen an Händen und Füßen Sibirien durchquert in 
den harten Jahreszeiten .... 

Jetzt zählen sie hier herüben 8000 Seelen. Sie hausen 
in Saskatchewan und am Kootenay in Britisch- Kolumbien. 
Von den 8000 sind 6000 Kommunisten. Sie leben hier um 

"78 



den Ort Verlgin herum In 42 kleinen Dörfern und haben 
ungefähr looooo Acker Landes, die ins Grundbuch in 
Yorkton, wie man mir sagte, auf den Namen des Präsi- 
denten Peter Verigin eingetragen sind. 

Jedes dieser Dörfer wählt drei Männer und drei Frauen, 
diese sehen nach dem Wohl und Wehe der Männer und 
Frauen ihres Dorfes, es geht zu wie im Alten Testament. 
Einmal im Jahr kommen die Zweiundvierzigmalsechs zu 
einer Versammlung zusammen, in der die Angelegen- 
heiten der ,, Community" besprochen werden. Es ist ein 
Warenhaus da, aus dem jeder nach Maßgabe seiner Arbeit 
und seiner Bedürfnisse herausholt, w^as er braucht, und 
eine Kanzlei mit großen Büchern, in denen jedem gut 
und zur Last geschrieben wird, was er schafft und ver- 
braucht. Für die Kinder und die Alten sorgt die ,, Com- 
munity". Dieser edle Zug wird mir von den Kommu- 
nisten nachdrücklichst eingebläut. 

Ein Trommler (so heißen im Volksmunde die Hand- 
lungsreisenden) versichert mich, daß die Duchoborzen 
auf ihrem ihnen von der Regierung reservierten und 
ihrem dazu erworbenen Land heute drei Millionen Dollar 
,,wert" sind. Er irrt sich und sagt: Peter Verigin sei diese 
drei Millionen ,,wert". 

Ich verbessere:] 

,,Sie meinen die Community." 

Der Trommler erwidert: ,,Ich meine Verigin." 

,,Die Community!" 

,, Verigin!" 

Ich: ,,Aber dies alles hier gehört doch der ,, Com- 
munity!" 

Darauf lacht der Trommler: ,,Yep, Siree, also meinet- 
wegen, die Community." — 

Jeder Einwanderer wird, wenn er drei Jahre lang in 
Kanada gewohnt hat, von der Regierung aufgefordert, 
Kanadier zu werden. Kanadier zu werden ist nicht schwer 
und die Prozedur äußerst einfach. In einem Bureau in 
Montreal habe ich gesehen, wie es gemacht wird. Ein 

179 



junger Mann kam herein, trat an einen Schalter heran, 
legte zwei Finger seiner rechten Hand auf eine kleine 
fleckige Bibel, während er in der linken derweil seine 
brennende Zigarette hielt — der Beamte kritzelte etwas 
auf einen Bogen, dann kam der nächste heran. Alles dies 
ging einfach und rasch zu, wie beim Barbier. 

Die Duchoborzen aber weigern sich, die beiden Finger 
aufs Buch zu legen. Das Land, auf dem sie sitzen, fällt 
infolgedessen nach drei Jahren an die Dominion zurück. 
Die Dominion leiht ihnen pro Kopf 15 Acker, die ihnen 
aber auch jeden Augenblick genommen werden können. 

Wie kommt es nun, daß das Land in Yorkton auf Veri- 
gins Namen ins Grundbuch geschrieben steht ? Der Post- 
meister, ein deutscher Mennonit, hat früher im Amt in 
Yorkton gearbeitet und die Eintragung mit eigenen Augen 
gesehen. Wie das kam, weiß er mir nicht zu sagen. 

Was geschieht, wenn ,, Königliche Hoheit", wie der 
Postmeister sagt, einmal die Augen schließt? Dann fällt 
das Land an die Kommunität zurück, sagen die Getreuen. 
Dann gibt's einen Kampf aufs Messer, sagen die Rebellen, 
sagt auch Sam Batschurin. 

Sam ist 25 Jahre alt und hat Weib und Kind und seine 
alte Mutter im Dörfchen Terpenje wohnen. Sam 
gehört nicht mehr der Kommunität an. Er sprüht Blitze, 
wenn er von der Kommunität spricht, die er übrigens 
wie ,,Kominutom" ausspricht. 

,,Foolish people!" Wer? Die ,, Kommunisten". Er 
selbst hat jahrelang für die Kommunität gearbeitet. Hart 
und von früh bis spät. Er für sein Teil hat es satt, sagt er, 
für Peter Verigin zu arbeiten. Es heißt: jedem der Kom- 
munisten werden jährlich für seine geleistete Arbeit 200 
Dollar in den Büchern der Gesellschaft gutgeschrieben. 
Hat er keine Lust mehr, für die Allgemeinheit zu arbeiten, 
so erhält er beim Austritt sein Guthaben auf den Tisch 
gelegt. Sam und seine Familie aber haben, als sie nach 
jahrelanger Arbeit austraten, 15 Dollar erhalten. Sam 

180 



ist jetzt Kutscher in einem Liverystable und Knecht eines 
Kanadiers. Mit ihm ist sein ganzes Dorf aus der ,,Ko- 
minutom" ausgetreten. 

Terpenje ist nicht der einzige Ort, der nicht mehr zur 
Kommunität gehört. Es gibt eine ganze Anzahl von 
Dörfern unter den 42, die Verigin untreu geworden ist 
und einfach nichts herausgezahlt bekam beim Austritt, 
obzwar sich in der Zahl Dörfer befinden, deren Bewohner 
ein Jahrzehnt und darüber für die Kommunität gearbeitet 
haben. Alles, worauf die Leute Anspruch hatten, blieb 
einfach in der Kasse der Kommunität begraben. 

Wir kommen in Terpenje an, und Sam hält vor seinem 
kleinen sauberen Häuschen. Sam benutzt die gute Ge- 
legenheit und stattet seiner Familie eine Visite ab. Seit 
er nicht mehr für Verigin sondern in einem Job arbeitet, 
kommt er nur einmal in der Woche, am Sonntag, dazu, 
seine Familie zu sehn. 

Dies ist ein Häuschen der Armut, aber wie hübsch und 
wohnlich und bunt doch im Vergleich zur Lehmhütte 
des Ungarn in Esterhazy! Sams alte Mutter und seine 
schöne junge Frau kommen uns auf der Schwelle entgegen, 
und es wird mir unter stummen Verbeugungen eine 
Schale Wasser gereicht. 

Sams Frau hat ein sorgenerfülltes Gesicht; sie hält ihr 
zehn Monate altes Kind Polja auf dem Arm; Polja ist 
immer krank und hat ein wachsgelbes Gesichtlein unter 
dem buntesten Wollmützchen, das ich mein Lebtag ge- 
sehen habe! Die Familie fühlt sich längst nicht mehr wohl 
in der Duchoborzengegend und denkt daran, nach Mexiko 
auszuwandern. Bald ist die hübsche Stube voll von Men- 
schen aus Terpenje. Sam macht den Dolmetscher und ich 
probiere, so gut ich kann, die politischen Verhältnisse in 
Mexiko den Leuten darzustellen, um sie von ihrer unglück- 
lichen Idee abzubringen. Sie wollen, was sich bietet, an- 
nehmen, aber das gute Obstland, im Kootenay, wo von 
Verigins Gnaden schon 2000 der Ihren sitzen, lockt sie 
nicht. Sie wollen Homesteaders werden und haben genug 

181 



von Kominutom. Nur die Alten und Ältesten sind dem 
alten Glauben und Verigin wirklich noch ergeben. Die 
Jungen wollen, offen oder versteckt, heraus; ja sogar der 
Neffe Peter, der mir heute in der Mühle von seinem Volk 
erzählt hat, sucht eine homestead! Wenn Onkel Peter 
zurückkehrt, wird er es zu seiner großen Verwunderung 
erfahren. 

Sie hassen die Zurückgebliebenen und hassen den Zaren. 
Sie schicken ihr Korn lieber in eine englische Mühle, sie 
haben es satt, für den Zaren zu arbeiten. Er hat sie kurz 
gehalten zur Zeit, da sie für die Kommunität gearbeitet 
haben, hat es verhindert, daß sie Schulen haben, englisch 
oder auch nur russisch schreiben und lesen lernen; all dies 
mit Christus als Rückendeckung. 

Freilich, er hat sich nicht selber zu ihrem Führer aufge- 
worfen. Der Geist kommt über die Gemeinde und der 
Geist nistet sich in Einem der Gemeinde fest ein. Zuletzt 
war's eine Frau, die an der Spitze der Duchoborzen stand; 
als sie starb, hat sie Verigin als ihren Nachfolger bezeichnet, 
und Peter, der daheim in Rußland wahr und wahrhaftig 
ein Märtyrer gewesen ist, l8 Jahre seines Lebens lang, 
ist jetzt nicht nur der Zar, sondern so etwas wie der 
Christus der Duchoborzen — die ihm blind ergeben fol- 
gen — bis auf die Abtrünnigen, wde gesagt. 

Sams Leute und ich nehmen unter tiefen Salamaleks Ab- 
schied voneinander; ich streichle noch einmal dem armen 
kranken Kinde Polja über die gelben Wängelein; dann 
knallt Sam mit seiner Peitsche und die beiden wilden 
Bronchos sausen im Hui durch die Felder landeinwärts. 

Ich frage Sam nach den Sitten und Gebräuchen, die im 
Familienleben gang und gäbe sind. In sexuellen Dingen 
gibt's keine ,, Kommunität" bei den Duchoborzen, das 
ist eine Verleumdung durch böse Zungen. Freilich der 
Zar soll kein Kostverächter sein, und die Erbitterung 
unter den Leuten geht auch auf diese Ursache zurück, 
das höre ich nicht von Sam allein. Wirklich, die Frauen 
dahier sind außerordentlich hübsch. Die Duchoborzen 

182 



heiraten sehr früh, die meisten mit i6 bis 17 Jahren. Mag 
ein Junge ein Mädchen und dieses ihn, dann kommen an 
einem Sonntagnachmittag die Eltern zusammen, bespre- 
chen die Angelegenheit, und die beiden sind Eheleute vor 
Gott und der Gemeinde. 

Wir kommen in einen kleinen Ort, ich glaube, sein 
Name ist Nadjeshda — in dem die Duchoborzenkirche 
steht. Die Kirche ist ein großer Saal mit einem Holz- 
tisch, auf dem ist ein Glas Wasser und eine Schale Salz. 
Wenn Gottesdienst ist, tritt, je nachdem der Geist über 
ihn oder sie kommt, einer oder eine aus der Gemeinde 
hervor, tritt zum Tisch und predigt den übrigen von Gott 
und Christus. 

Im übrigen muß gesagt sein, daß, genau wie bei den 
Mennoniten drüben, jedes der 42 Dörfchen eine eigene 
Sekte vorstellt, mit eigenen Anschauungen und Gebräu- 
chen. Der Vater des Postmeisters, ein alter Mann, der mit 
ihnen haust, seit sie hier sind, sagt: er habe noch nicht 
herausbekommen, was es mit ihrer Überzeugung eigent- 
lich auf sich habe. In geschäftlichen und weltlichen Din- 
gen sind's die ehrlichsten und vernünftigsten Leute, aber 
in der religiösen Abteilung ihrer Gehirne sieht's trüb und 
wirr aus. Von den achttausend sind bloß fünfunddreißig 
wirklich wahnsinnig. Mit diesen, soweit sie nicht in 
Brandon im Irrenhaus sitzen, sondern frei in den Dör- 
fern hausen, haben die andern ihre liebe Not. Wenn's keine 
besondere Veranlassung gibt, wie's damals im Winter 
eine gab, fängt es regelmäßig im Frühjahr in diesen 
Köpfen zu rumoren an. Da wirft zuweilen auf dem Felde 
mitten während der Arbeit einer sein Gerät hin, reißt 
sich die Kleider vom Leibe und beginnt in Zungen zu 
reden. Die übrigen — wenn sie der Wahnsinn nicht 
schon angesteckt hat — packen dann den Propheten zu- 
sammen und stecken ihn mit dem Kopf ins Heu oder ver- 
bergen ihn irgendwo ganz sicher, sie selber wollen keine 
Kalamität mehr mit den Behörden haben. Wenn's aber 
zu arg wird und der Tobsüchtige nicht mehr zu halten 

183 



ist, dann rufen die Kommunisten selber nach der Polizei. 
Anderthalb Dutzend der Ihren sitzt fest im Irrenhaus in 
Brandon. Andere haben sechs Monate Gefängnis ab- 
gesessen — Rückfällige gar zwei Jahre ... Es sind junge 
unter ihnen und ganz alte. Natürlich fördert die Un- 
wissenheit, in der sie dahinleben, diese Anlage in ihnen. 
Die Unwissenheit war auch schuld daran, daß sie, noch 
vor Jahren, ihre Weiber als Ackergäule vor den Pflug 
spannten und überhaupt die schwersten Arbeiten ver- 
richten ließen (genau so sollen es die Indianer vor der 
Ankunft der Weißen gehalten haben!). Bis dann die 
Regierung sich ins Zeug legte. Jetzt haben sie Maschinen, 
aber doch noch arbeitet die Frau am härtesten im Felde. 
Sam will mich nach dem Dorf fahren, wo das Badehaus 
der Gemeinde ist. Einmal in der Woche reinigen sie sich 
im heißen Wasser, nach dem Gebot ihrer Religion. Die 
Sonne aber geht schon unter, ich verzichte und werde das 
Badehaus der Duchoborzen nicht mehr erblicken. Fahr 
heim, sage ich Sam. Und wir fliegen nach Verigin. 

Der Posthalter hat mich zum Abendessen eingeladen, und 
wie Sam vor dem Store hält, sehe ich drüben, jenseits 
des Bahngleises, ein beleuchtetes und blumengeschmück- 
tes Automobil in das Häuserviereck um das Warenhaus 
der Kommunität einbiegen. 

Von der Station, von allen Seiten her, laufen Leute 
dem Automobil nach. Schon im Lauf nehmen sie die 
Hüte ab — ich errate, quelle chance! Peter Verigin ist 
es, Zar Peter ist angekommen! 

So rasch ich kann, mache ich dort hinüber. Wie ich 
drüben bin, steht eine Menschengruppe auf dem Platz 
zwischen den Häusern, die Männer mit bloßem Kopf, 
alle in einer Haltung, als wären sie in der Kirche dahier. 
Vor ihnen steht ein großgewachsener, stämmiger Mann, 
auch er hat den Hut in der Hand, wie die Menschen, zu 
denen er spricht. Ich sehe seinen breiten Rücken, aber 
ich kann vom Platze, an dem ich stehe, nichts davon 

184 



hören, was er sagt. Ich würde es ja auch nicht verstehen, 
er spricht Russisch. 

Er erzählt den Duchoborzen, was er in Britisch- 
Kolumbien ausgerichtet hat. Er bringt ihnen Grüße 
aus dem Kootenaytal. Hier und da verneigen sie sich, 
sehr tief, voreinander, der Mann vor der Menge, die 
Menge vor dem Mann. Es wird ganz dunkel, der Mond 
kommt irgendwo herauf, ich stehe wie ein Reporter im 
Mondenschein und warte auf die Gelegenheit, mich dem 
Zaren zu nähern. Ich gehe um die Gruppe herum und 
kann jetzt im Schein eines beleuchteten Fensters dem 
Sprechenden ins Gesicht blicken. 

Es ist der Ausreißer aus dem Brandoner Schnellzug. 

Herrgott, sollten alle diese Anklagen, die ich heute 
von fünf, sechs, sieben verschiedenen Seiten gegen diesen 
Menschen habe vorbringen hören, falsches Geschwätz, 
Neid und giftige Nachrede sein? Am Ende und im 
Grunde ist dieser da weiter nichts als ein Fanatiker von 
reinem Wasser, ein naiver Draufgänger und Gesichte- 
seher, Stimmenhörer und in praktischen Dingen ein ver- 
bohrter Bauer? Dieser russische Märtyrer, der um seines 
Glaubens willen barfuß durch Sibirien gehetzt, in der 
Schlüsselburg und Orel und der Paulsfestung gequält 
worden ist und jetzt im Automobil dahergefahren kommt, 
drei Millionen wert ist, vor all den anderen rund um ihn, die 
nichts haben und nichts wissen, weil er es ihnen nicht erlaubt ! 

Nach langen und tiefen Verbeugungen trennt sich der 
Redner von den Duchoborzen. Diese stehen noch eine 
Weile aufgeregt miteinander redend auf dem Hof, der 
jetzt ganz in Nacht gehüllt ist. 

Ein Mann mit einer Laterne kommt an mich heran. 
Es ist der Sekretär, der mit Verigin aus Yorkton eben an- 
gekommen ist. Er hat gehört, ich habe einen Brief an 
ihn, er muß nur erst das Automobil versorgen, dann 
kommt er zu mir ins Bureau. 

Die Duchoborzen stehen da und hören mit ehrerbie- 
tigen Mienen das wüste Geknatter an, mit dem die an- 

185 



gekurbelte Maschine auf ihren Gummirädern rücklings in 
die Scheune hineinfährt. 

Im Bureau bringe ich dann mein Anliegen vor. Ich 
möchte, da ich ja jetzt die Chance habe, Herrn Verigin 
hier anzutreffen, an ihn zwei, drei kurze Fragen stellen 
über die Community, am liebsten heute noch, sollte er 
aber von der Reise zu müde sein, so morgen früh. Um 
neun w^ill ich morgen nach dem Westen w^eiter. 

Der Sekretär ist müde, aber gutwillig. Ich sehe es ihm 
an und kann's ihm nicht verdenken, daß er mich heim 
zum Müller und sich in sein Bett wünscht, von Yorkton 
sind's ja gut acht Stunden Automobilwegs bis Verigin. 

Ich möchte also, wie gesagt, einiges über das wirtschaft- 
liche Prinzip des Kommunismus, unter dem die Ducho- 
borzen hier leben, zu hören bekommen. Der Sekretär läßt 
sich das Wort communism, das ich ja ganz gut und deut- 
lich ausspreche, einigemale vorsagen und zuletzt bittet 
er mich, es ihm auf ein Blatt aufzuschreiben. Ich schreibe 
also mit großen Buchstaben das Wort 

,, communism" 
auf ein Stück Papier. Der Sekretär sieht das Wort an, 
dann mich. Er versteht uns beide nicht, nicht das Wort 
und mich auch nicht. Er weiß, was Community ist, er 
ist ja angestellt bei ihr, aber was communism bedeutet, 
weiß er nicht, hat nie davon gehört. 

Ich ziehe mein Notizbuch hervor und mache mir eine 
Notiz: ,, Sekretär kennt Bedeutung Wortes communism 
nicht." Plötzlich wird der Sekretär munter. Er legt seine 
Hand auf meine Schulter und will jetzt eine Auskunft 
von mir haben. 

Ich soll ihm erklären, warum ich in meinem Notizbuch 
die Blätter nur auf der einen Seite beschreibe? 

Ich erkläre ihm diesen Trick, diese technische Spitz- 
findigkeit. Darauf begibt er sich, gähnend und todmüde, 
mit dem Zettel, auf dem 

,, communism" 
geschrieben steht, hinüber ins Nachbarhaus zu Peter Verigin. 

186 



Nach einer Weile höre ich, daß mir die Audienz für 
morgen früh um acht bewilligt sei, und so bin ich nächsten 
Morgen um acht, meineHandtasche auf dem Boden neben 
mir, wie ein Reporter in der Morgensonne, zur Stelle 
und warte auf Peter Verigin. — Er ist mit dem Automobil 
auf dem Lande herum, und es wird halb und dreiviertel 
neune. Endlich erscheint das Automobil am Horizont. 

Verigin kommt, vom Sekretär geleitet, auf mich zu, 
und ich sehe: er erkennt in mir auf den ersten Blick, mit 
einem kleinen Aufzucken der Augenbrauen, den einen 
von den beiden wieder, die ihn hinter Brandon verhindert 
haben, aus dem Zug zu springen. 

Über sein groß#s, offenes Gesicht geht die Unruhe 
schnell dahin, dann bittet er mich durch den Sekretär, 
der sein Dolmetscher ist, die Fragen zu stellen. — 

, .Halten Sie es für durchführbar, daß heute in einem 
staatlichen Organismus Menschen unter dem wirtschaft- 
lichen Prinzip des Kommunismus beisammenleben?" 

Antwort: ,,Der Kommunismus, unter dem die Ducho- 
borzen beisammenleben, ist kein wirtschaftliches Prinzip. 
Er ist ein religiöses und kein soziales Prinzip. Wir alle 
arbeiten für Gott und nicht für uns selber, darum be- 
währt sich das System." 

,, Befürchten Sie nicht, daß die Regierung eines Tages 
den Stand der Dinge ändern und Ihnen nahelegen wird, 
in den Verband des Landes einzutreten und sich Kanadier 
zu nennen mit all den Verpflichtungen, die das mit sich 
bringt?" 

,,Wir stehen sehr gut mit der Regierung und haben 
eben im Kootenay das größte Zuvorkommen gefunden." 

,, Haben Sie Briefe von Tolstoi, aus denen man seine 
Anschauungen über Ihre Stellung als P'ührer der Ducho- 
borzen erfahren könnte? Sind diese Briefe jemals ver- 
öffentlicht worden?" 

,,Herr Verigin war mit Tolstoi befreundet und besitzt 
Briefe von ihm, die sich auf die Duchoborzen beziehen, 
betrachtet sie aber als Privatbriefe." 



187 



„Wie erklären Sie sich, daß es unter den Duchoborzen 
jetzt so viele gibt, die von der Kommunität, also von 
ihrem alten Glauben, abfallen und es vorziehen, ihre 
Existenz auf eigene Faust aufzubauen?" 

Antwort: ,,Herr Verigin fürchtet, Sie werden Ihren 
Zug versäumen." 

Tiefe Verbeugung. Automobil ab. 

So verlief mein erstes Interview mit einem Mächtigen 
der Erde. 

Ich hatte noch einige Fragen vor, darunter die: ob es 
die Religion denn zulasse, daß Menschen die Erde Gottes 
von anderen Menschen kaufen und an andere Menschen 
verkaufen, wie ein Ding, das ihnen gehört? 

Aber, wie gesagt, das Interview war zu Ende. 

Ich habe auf meinen Zug, der Verspätung hatte, noch 
drei Viertelstunden lang gewartet. Peter Verigin fuhr 
derweil weit, weit draußen in seinem blumengeschmück- 
ten Automobil den Horizont entlang auf sein Gut Otra- 
dnoe zu, acht Meilen weit von der Station, die nach ihm 
Verigin heißt und im nördlichen Saskatchewan gelegen ist. 



STÄDTE UND LEUTE DES WESTENS 

Ich habe zwischen Winnipeg und dem Felsengebirge ein 
Dutzend Städte Kanadas gesehen, ein Dutzend und dar- 
über, von allen Sorten und Preislagen sozusagen, von sol- 
chen, die eben aus dem Ei herausgekrochen waren, bis zu 
denen, die grad in ihre Flegeljahre eingetreten sind, denn 
ältere gibt es nicht dahier. 

Winnipeg selbst war vor 40 Jahren noch Fort Garry, 
wo die Trapper und Felljäger der Hudsons Bay Company 
ihre Biber, Füchse und Bären abluden, wo diese Füchse 
sich Gutenacht sagten — und zählte sonst nicht mit auf 
Gottes weiter Erde. Heute wohnen dort 200000 Men- 
schen. 



Die Entwicklung dieser Stadt geht mit solch rapiden 
Sprüngen vorwärts, daß sich ihrer Bewohner ein gelinder 
Größenwahn bemächtigt hat. Wenn einer sich bis zu der 
Prophezeiung versteigt: in 25 Jahren werde das Parla- 
ment Großbritanniens in Winnipeg seinen Sitz haben, und 
Buckingham Palace werde am Ufer des Red River stehen, 
so darf man mit dem Finger einen Kreis um die Stirn 
machen und weitergehn. Aber was soll man sagen, wenn 
einem mit einem Stück Bleistift und Papier schwarz auf 
weiß erklärt wird, auf welche Weise in zehn Jahren 
Winnipeg Chicago überflügelt und den Welthandel aus 
den Staaten zu sich herübergezogen haben wird? 

Im Westen dahier muß man überhaupt seine Uhr 
reparieren lassen und seine Zeitrechnung anders ein- 
stellen als in der Welt draußen. Eine Rubrik in der Win- 
nipeger Tageszeitung betitelt sich: ,,Looking backward", 
und in dieser Rubrik stehen Ereignisse aus der vorge- 
schichtlichen Zeit 1880 verzeichnet. Wie Montreal sei- 
nem Maisonneuve, hat Winnipeg seinem Eroberer ein 
Denkmal gesetzt. Ja, Besseres getan, diesen Eroberer 
selber in eigener Person als Denkmal verwendet und ver- 
wertet. Er steht gegenüber dem Bahnhof, in einem 
Glashaus, trägt die Inschrift: Lady Dufferin und ist eine 
Lokomotive, die Lokomotive Nr. i der Canadian Pacific 
Bahn, 1877 auf einem Schiff über den Lake Superior her- 
über und auf frischgelegten Schienen hierhergebracht. 
Einwanderer stehen andächtig vor diesem ehrwürdigen 
Instrument und flüstern: ,,34 Jahre alt!" 

Winnipeg hat sich auch schon ein paar Wolkenkratzer 
beigelegt und ist stolz auf sie. Man könnte nicht sagen, 
daß hier schon erheblicher Mangel an Raum herrsche, die 
Prärie dehnt sich um Winnipeg herum, aber der Städte- 
bengel prahlt auf seiner Hauptstraße mit den hohen 
Häusern, die dem Fremden einen Beweis seiner un- 
erhörten Vitalität liefern sollen. Der Fremde denkt an 
ein gefährliches Spielzeug, ein Taschenmesser, das sich 
der unartige Junge für sein erstes Taschengeld angeschafft 



hat, und möchte Winnipeg, wenn's das gäbe, am liebsten 
in ein Freeville für Städte schicken, bis es großjährig wird. 

Jugendlich und jugendprotzig ist hier alles. Menschen, 
Zeitungen und Firmenschilder schwelgen in Superlativen, 
daß einem schwindlig wird. Eine ungesunde Habgier 
schlägt sich, rasch, rasch, ehe die Weizenzüge, aus der 
Prärie kommend, nach dem Osten weiterrollen, hier noch 
den Wanst voll vom Ertrage der Arbeit in den Ländern 
dort im Westen. Die Spekulanten kommen aus aller 
Herren Ländern und spekulieren zusammen mit jenen, die 
sich in den westlichen Weizengebieten Kanadas in den 
letzten Jahren bereichert haben und nun ihr Geld in der 
Stadt in die Höhe schießen lassen. Es gibt eine ortsan- 
sässige Macht von Pionieren, Pionieren von gestern und 
vorgestern, die heute die Plutokratie Winnipegs vor- 
stellen, mit all den Merkmalen dieser Klasse auf dem alten 
Kontinent. 

Wenn ich mich für den Gedanken begeistert habe, daß 
ein Armer aus der alten Heimat hier in kurzer Zeit sein 
gutes Brot finden kann, so darf ich mich auch nicht 
empören über den Anblick einzelner, die in kürzester 
Zeit so viel Butter auf ihr Brot streichen konnten, daß 
es ihnen jetzt fett von den Mundwinkeln hinunterläuft. 

Die österreichisch-ungarische Amts- und Respektperson, 
die mir die Kulturlosigkeit der Winnipeger Gesellschaft 
vorklagt, befindet sich im Unrecht. Ich mache mir nichts 
daraus, daß der Briefträger und Rübenpflanzer von vor- 
gestern heute mit 60 Pferdekräften an den Wolkenkratzern 
Winnipegs vorbeisaust und seine Ehehälfte mit dicken 
Brillanten, die sie nicht gestohlen hat, vor drei Jahren 
noch von den Besuchern ihrer Schankwirtschaft in die 
Weichteile gezwickt worden ist. Die Söhne und Töchter 
dieser Dreiviertelalphabeten und ganzen Patrizier werden 
in zwanzig Jahren aufgeregt durch die Museen Europas 
laufen und die Zivilisation mit Schöpfkellen in sich hin- 
eingießen, und es wird nicht das schlechteste Menschen- 
material sein, bei Gott. Es ist noch ein Unterschied 

190 



zwischen einer Entwicklung vom Boden der Erde aufwärts 
und vom obersten Stock eines Bureauhauses aufwärts. 

Rings um den steinernen Kern Winnipegs ist ein 
kosmopolitischer Gürtel von hölzernen Vororten gelegt. 
In den hölzernen Kirchen dort kann man an Sonntagen 
allen Riten der Welt beiwohnen, in allen Sprachen der 
Welt Predigten hören. Aus den Holzhütten werden an 
manchen Stellen Ziegelhäuser, Backsteinhäuser aus diesen 
und Marmorfassaden. Weit draußen im Felde stehen 
riesige Bauten ganz einsam. Schulen, Seminare, Kranken- 
häuser, die die Peripherie künstlich ausdehnen und hörbar 
zur Stadt reden, also: komm rasch zu mir herausgelaufen! 

Jenseits des Red Rivers aber, der die Stadt im Osten 
in zwei ungleiche Hälften auseinanderschneidet, liegt das 
rein französische Viertel St. Boniface. Ein Bischof hat 
sich dort, mit allem was dazugehört, steinern breit und 
solid eingerichtet, und die katholische Geistlichkeit, der 
französisch-belgische Katholizismus, zehrt schon, wie eine 
fette Zecke dahier, an dem gesunden Fleisch des kana- 
dischen Schäfleins. 

Der Entwicklungsgang einer Stadt im kanadischen 
Westen ist folgender. 
Zuerst kamen, selbstredend, die Schienen durch die 
Prärie daher. An einer Stelle neben den Schienen wird 
eine Holzhütte gebaut und auf diese wird ein Brett ge- 
nagelt, das einen Namen trägt. Einen Namen, der in 
fünf Minuten aus der engeren oder weiteren Länderkunde 
oder Weltgeschichte gefunden wird. Sagen wir: Welling- 
ton oder Karthago. Das nächste Gebäude, das Karthago 
erhält, ist ein rotangestrichener Turm, der Weizenelevator 
von Ogilvie, von der British-American Co. oder irgend 
einer anderen Gesellschaft. Ihm gegenüber wird der 
General Store hingebaiit, der zugleich Postamt, Standes- 
amt, Klub, geistliche und weltliche Behörde und Ver- 
bindungsglied zwischen der Wüste und der Welt vor- 
stellt. Dieses Gebäude ist von vorn gesehn doppelt so 



groß, wie von hinten angeschaut. Seine Fassade steigt als 
eine einstockhohe Bretterwand in die Höhe, wenn man 
aber ums Haus herumgeht, so liegt das Dach flach auf dem 
Erdgeschoß, und die erste Etage ist eine Erfindung des 
unsterblichen Potemkin. Im Generalstore, den ein 
schweißtriefender, arbeitsüberladener Pionier von einem 
armseligen, zumeist schottischen Menschenkind ver- 
waltet, findet der Farmer alles, was er braucht und 
nicht selber produziert. Das nächste Gebäude, das 
Karthago erhält, ist ein Schuppen mit der Aufschrift: 
Mc Cormick oder Massey-Harris Farm-Implements. Das 
sind die beiden großen Erntemaschinenfabriken , die 
erste hat in den Staaten, die letzte in Kanada ihre 
Werke. 

Bringt es Karthago zu einem Hotel, das das nächste Ge- 
bäude in der Reihe ist, so ist Karthago zum Rang einer 
Stadt emporgestiegen. Jetzt bestehen einfach keine 
Schranken mehr, die seine Entwicklung hemmen könnten. 
Gegenüber dem Hotel öffnet ein Friseur seine Bude, die 
zugleich Billardzimmer ist, und nun bilden das Hotel 
und die Friseurhütte Karthagos Hauptstraße. Der Grund- 
stücksmakler erscheint auf der Bildfläche, in seinem Häus- 
chen steht ein Tisch, zwei Stühle, ein Feldbett und eine 
eiserne Kasse. Oho! Karthago zählt bereits mit! Es hat 
jetzt sogar schon sein steinernes Haus — die Bank of 
Canada hat es neben den Friseur hingebaut. Daneben 
erscheint der nächste Pionier, der einen Drug-Store, d. h. 
eine Apotheke, d. h. einen Quacksalberladen mit Schwin- 
delbüchsen und Teufelsdreck eröffnet. Herr Hong-Sing, 
der chinesische Wäscher, wird Nachbar des Grundstück- 
maklers. Vielleicht kommt ein Gemüseladen an, sicher- 
lich aber ein Priester mit bald darauffolgender Kirche 
und Glockengetöse und in absehbarer Frist der Heraus- 
geber, Redakteur und Drucker der ,,Carthago Gazette". 
Jetzt stehen meterhohe und breite Tafeln an der Bahn- 
strecke, ellenlange Ankündigungen in den Blättern der 
Dominion, alle verkünden Ruhm und Ehre Karthagos, 

192 



des Stolzes des Westens und des großartigsten Exempels 
einer Stadtentwicklung im heutigen Kanada. 

Steigt man in Karthago aus, weil man auf einen Wagen 
wartet, der einen landeinwärts führen soll, und geht, um 
sich die Zeit mit einem schottischen Whisky zu ver- 
treiben, in die Bar im Hotel, so findet man, zu welcher 
Tageszeit immer, die gesamte männliche Bevölkerung 
Karthagos an dem Schanktisch versammelt. (Nur der 
Chinese und der General-Store-Mensch fehlen.) Sofort 
wird man von fünf Enthusiasten an den Überzieher- 
knöpfen festgehalten. 

,, Woher des Wegs?'* 

,, Berlin, Germany." 

Hallo — große Zusammenrottung — es ist ein Mann 
aus Berlin dahergekommen, um den Stolz des Westens zu 
besichtigen. Europa hat also von Karthago endlich gnä- 
digst Kenntnis genommen. 

, .Geschäfte, eh? Grundstücke?" 

Nein; man macht die Gebärde des Schreibens. 

Jetzt verklären sich die Züge der Karthagoer. 

Einer tritt vor und spricht: 

,,Vor sechs Jahren war hier noch nichts — " sagt er. 
,, Prärie! Jetzt schauen Sie einmal an, was hier entstanden 
ist." 

Sie stecken dir den Kopf zum Fenster hinaus — du 
siehst gerade fünf Holzbuden und ein Haus von Stein 
und enthältst dich am liebsten einer Erwiderung. 

Die anderen meinen, es hat dir den Atem verschlagen: 
,,You bet your sweet life, in drei Jahren haben wir hier 
ein neues Winnipeg!" 

Dann hat man, zwischen einem ,,high-ball" und einem 
,,clover-leaf" auf die ewige Frage: Krieg Englands mit 
Deutschland oder nicht? zu antworten. Darauf erfolgt 
das übliche: ,,How do you like our Country?" und wenn 
man diese Frage nach bestem Gewissen beantwortet hat, 
hebt ein Bacchanal von Patriotismus an um den erstaunten 
Fremdling. 



193 




So fängt die zoestkanadische Stadt an. 

Zahlen fliegen durch die Luft, Taglöhnerdollar, mit 
denen einer anfing, und Busheltausende, mit denen es 
weitergeht. Zehntausendangebote auf Farm und Vieh. 
Keiner sagt: bin ich nicht ein Teufelskerl? Jeder sagt: 
ist mein Land nicht das erste Land der Welt ? 

Wächst die kleine Stadt weiter — dies geschieht, wenn 
Wasser in der Nähe ist oder eine neue Bahnlinie vorüber- 
gebaut wird, dann fangen auch andere Leute an, von ihr 
mit Liebe und Bewunderung zu sprechen. Ihr Ruf ver- 
breitet sich im Lande. Rasch kommt der Kinematograph, 
ein Konkurrent des Hoteliers, einer des Friseurs, einer der 
Zeitung. Zwei neue Drugstores öffnen ihre Pforten. 
Drei neue Bars tun sich auf. Ein Ringelspiel mit einer 
nur drei Töne spielenden Drehorgel versorgt die Stadt 
mit höheren Genüssen. Und da ist ja auch endlich der 
Juwelierladen, in dem man bemaltes Porzellan, Jagdscheine 
und Heiratslizenzen kriegen kann. Die junge Großstadt 
baut ihren ersten Wolkenkratzer, und zwar ist es der Grund- 
stückmakler, der ihn baut. Derselbe, der mit einem Feldbett 
und einem eisernen Schrank angefangen hat, als hier noch 
nichts zu sehen war als drei Hütten; mitten in der Prärie. 



194 




Junge Stadt in Westkanada 

Einige Städte zwischen Winnipeg und dem Felsen- 
gebirge haben es in den letzten zehn Jahren von kleineren 
verlorenen Ortschaften zum Rang wirklicher Städte ge- 
bracht. So, um nur die zu nennen, die ich sah, Saskatoon, 
Calgary, Medicine Hat, Edmonton. 

Edmonton im Norden an dem breiten Saskatchewan- 
Strom gelegen, durch zwei große Bahnlinien, die Grand- 
Trunk und die C. P. R. an die gerade Linie von Ozean 
zu Ozean angeschlossen, von reichen Kohlengebieten und 
Urwäldern eingefaßt, in einer wundervollen, verheißungs- 
reichen Umgebung — Calgary im Süden, die klimatisch 
gesundeste Stadt des Weizen bauenden und Vieh züch- 
tenden Alberta am Fuß des Felsengebirges: das sind die 
beiden Städte, die wohl nach Winnipeg die größte Ent- 
wicklung aller westlichen Städte vor sich haben und durch 
Statistik der Bautätigkeit und Bevölkerungszunahme auch 
beweisen. 

Indes — traue dich nicht, diese Wahrheiten einem Mann 
aus Saskatoon oder Medicine Hat ins Gesicht zu sagen. 
Er wird dich anrüffeln: ,,Saskatoon's all right!" und wenn 
er sich überhaupt noch die Mühe nimmt, sich mit dir ab- 
zugeben, so darfst du dich auf einen Dithyrambus gefaßt 



13' 



195 




Mcdichw llii, 

machen, der mit zwölffacher Affenliebe das Problem 
Saskatoon entwickelt und in die Höhe treibt. 

Eine Treibhausfrucht, aus der praktischen Ausnützung 
dieses Lokalpatriotismus erw^achsen und durch irrsinniges, 
überhitztes Inserieren und Lärmmachen in den Zeitungen 
zu fabelhaften Proportionen aufgedunsen ist die Grund- 
stück- und Boden-Spekulation in Kanada. Kommt man 
nach dem Westen, so merkt man bald: jeder zw^eite 
Mensch ist ein Grundstücksmakler und Spekulant. 

In Edmonton habe ich zwei richtige Photos neben- 
einander im Schaufenster eines Real-Estate-Agenten ge- 
sehen: Edmonton Anno 1908 und Edmonton Anno 1915. 
Die letztere war die Photographie einer wolkenkratzer- 
gesegneten Stadt der westlichen Staaten, Kansas City 
oder St. Paul. In Calgary fuhr mich ein Grundstück- 
spekulant auf einen Hügel außerhalb der Stadt, zeigte 
mit Feldherrngebärde auf das weite, mit zwei, drei Villen 
schüchtern und schütter bebaute Land, das ihm unter- 
tänig war und in den letzten drei Jahren fünfzehnmal 
mehr wert geworden war als zur Zeit, da er es gekauft 
hatte. 



196 




Calgary 

Spekulanten aus den Staaten, meist deutlich jüdischer 
Herkunft, sausen durch die lehmigen Straßen dieser Stadt 
feist und siegesbewußt in Automobilen wie Kegelbahnen 
so lang. Der Neger, der meine Schuhe wichst, hat ein 
Terrain vor der Stadt. In den Zeitungen stehen An- 
noncen: Mr. Workingmanü Miß TypwTitergirl! ! und in 
den Hotels macht der Gast mit dem Kellner beim Früh- 
stück Grundstücksgeschäfte. 

In gewissen Orten erreicht die Zahl der Real-Estate- 
Agenten eine absurde Höhe. In Vancouver, sagte man 
mir, leben (bei einer Einwohnerzahl von looooo) fünf- 
zehntausend Menschen, Agenten mit Angestellten und 
ihren Familien, vom Real-Estate-Geschäft. Im Vancouver- 
Hotel sehe ich mir das nach Gewerben geordnete Tele- 
phonbuch an und schlage Real-Estate auf. Beim Buch- 
staben C gebe ich das Zählen auf und habe bis dahin 
144 gezählt. 

Jedes fünfte Schaufenster ist mit Kartoffeln, Blumen- 
kohl, Ähren und Obstzweigen geschmückt, und drin kann 
man Farmen kaufen. Aber von zehn Schaufenstern sind 
sieben solche, in denen die blauen mit weißen Linien ge- 
zeichneten Bogen der Häuser- und Stadtgrundstück- 



[97 




Humoristische Postkarten aus dem Westen 

Makler hängen. Die Häuser auf diesen Grundstücken 
werden von Leuten gekauft, die in ihnen sitzen und auf- 
passen werden, wie die Preise ihrer Grundstücke in die 
Höhe schießen. 

Dabei schaut der Europäer zu, daß er so bald wie mög- 
lich aus diesen im Wachstum sich räkelnden Großstädten 
davonkomme. Das Wasser, das einem in die Wanne läuft, 
ist eine gelbe Jauche; Städte wie Winnipeg sind um ge- 
wisse Jahreszeiten Fieberherde und Reinkulturen von 
Typhusbazillen ; in ausgewachsenen Städten ist die Haupt- 
straße gepflastert, in allen andern aber wirbeln die Hufe 
eines Bronchos und die Räder eines Automobils Staub 
und getrockneten Mist bis in den dritten Stock hinauf; 
das einzige gute Hotel ist tagelang, eh' man ankommt, 
überfüllt, und für Wochen hinaus belegt und das nächst- 
beste, in dem man unterkommt, ist von einer Beschaffen- 
heit, daß man sich vor seinem Nachthemd schämt, wenn 
man zu Bette geht. 

Für Straßenbahnen, elektrisches Licht, Marmorbelag 
in Wolkenkratzern, für Fabrikanlagen, Webe, Eisen, 
Zucker, Sägewerke, prunkvolle Regierungspaläste hat der 



198 




Humoristische Postkarten aus.' dem Westen 



Westen Geld übrig, aber das Wort Hygiene ist einst- 
weilen hinter der Potemkinschen Bretterwand liegen 
geblieben. 

Die Väter der Stadt sitzen in den Hotels an den Fen- 
stern im Vestibül und haben ihre Füße vor sich, hoch, 
fast bis in den ersten Stock hinaufgelegt, auf die Brüstung 
der Fenster. Riesige Stiefelsohlen mit Seidensocken dar- 
unter und haarigen Beinen dahinter starren den draußen 
Vorbeiwandelnden an. Schaut man über die Sohlen hin- 
über danach aus, was dort hinten vorgeht, so sieht man 
in der Verkürzung einen selbstzufriedenen, erfolgreichen 
Drei viertel- Alphabeten, wie er mit Genugtuung die Bril- 
lantenringe an seinen breiten Arbeitsfäusten betrachtet. 
Neben ihm steht auf dem Boden der mächtige Spuck- 
napf, Cuspidor geheißen wie ein Held aus der Cid-Le- 
gende. Der Gewaltige kaut, aber was er kaut, ist nicht 
Gummi, wie im Osten, sondern Tabak. Von Zeit zu 
Zeit beißt er aus einer gepreßten Tafel mit Wolfszähnen 
eine Ecke ab, die so lang im Mund herumgewälzt wird, 



199 



bis ein Strahl wie aus einer Kaffeekanne in den spanischen 
Ritter auf dem Fußboden hinunterfährt. 

Wenn du dich neben den Gewaltigen setzest, wirst du 
statt Psychologie Statistik profitieren, eine höchst reale 
Statistik, die in den Taschen des Gew^altigen klimpert. 
Die Symphonie des Westens ist in dieser Tonart kom- 
poniert. 

Schaut man vom Platz der Väter durch die Scheiben 
auf die Straße hinaus, so sieht man zwischen den jungen, 
kräftigen Männern, die dorten gehen, hübsche junge Mäd- 
chen trippeln, einen notwendigen Importartikel, der mit 
Windeseile unter die Haube gewicht wird. Alle Menschen 
haben den sympathischen, selbstbewußten Zug im Ge- 
sicht, der besagt: wir wissen, wir werden gebraucht dahier, 
und wir wissen auch, daß wir die Frühangekommenen 
sind. Wann wird es hier Nachzügler geben? Die Zeit 
ist nicht abzusehen. 

Alle guten Wünsche für die Starken und Willigen, die 
Hintersichwerfer alter Verhältnisse, die Wagemutigen, die 
ihren Brocken Sicherheit gegen die Berge Ungewißheit 
eintauschen möchten — aber wenn ein Rotrock von der 
Canadian Western Mounted Police vorübergeht, da 
weht einem die scharfe, würzige Romantik aus lieben 
Büchern der Kinderjahre um die dankbare und erwach- 
sene Nase. 

Mit dem Militär in Kanada hat's die gleiche Bewandtnis 
wie mit dem Militär in England. Wer einen besseren Job 
findet, hütet sich, Tommys Khaki anzuziehen. Außer, er 
hat sich in die Karnevalstracht der schottischen Hoch- 
länder verliebt. Mit der berittenen Polizei des kanadischen 
Westens hat es aber seine eigenen Wege. 

In Winnipeg lernte ich einen jungen Mann kennen, er 
arbeitet jetzt im staatlichen Einwanderungsamt und hat 
mir die Einrichtungen des Amtes und Asyles im Auftrage 
von Bruce Walker gezeigt. Ehe er dieses interessante und 
ersprießliche Amt bekleidete, war er jahrelang Sergeant 
bei den Berittenen gewesen. 



200 



Im Städtchen Humboldt, 
Nordsaskatchewan, einem 
exponierten Platz, von wo 
es galt, mit vier Untergebe- 
nen in den endlosen Ein- 
öden und Wäldern auf Ver- 
brecher zu jagen und die 
Indianerstämme im Schach 
zu halten. 

Sein Vater bekleidete eine 
höhere Charge im deutschen 
Heer. Er selbst stammt aus 
Berlin und hat in Greifswald 
Medizin studiert. Seiner 
Wissenschaft verdankte er 
diese heikle Aufgabe: ein- 
mal, mitten im Winter, 
drei Reittage weit im 
Norden einen ganzen In- 
dianerstamm, Männlein und 
Weiblein, gegen die Pocken 
zu impfen, es grassierte 
die Krankheit unter den Rothäuten. 

Man sieht, es ist keine Sinekure, die die Mounted Police 
in Kanadas Westen ausübt. Tage und Nächte lang einem 
Pferdedieb aus einer Ranch über Steppe und Wälder 
allein nachjagen müssen. Oder einem bis an die Zähne 
bewaffneten Desperado aufzulauern, der, nachdem er einer 
ganzen Farmetsfamilie den Garaus gemacht hat, die Gegend 
nach Obdach, Nahrung und Whisky durchstreift. 

Alles in allem zählt die Mounted Force nicht mehr als 
650 Mann und ist mit dem Wort Polizei unrichtig gekenn- 
zeichnet. Unter ihren Cowboyhüten tragen die Männer 
der C. W. M. P. ein selbstbewußtes, verwegenes und intel- 
ligentes Gesicht zur Schau. Sie sind gut bezahlt, mit un- 
beschränkter Autorität über ungeheure Gebiete ausge- 
stattet, und ihr Job ist einer, den sie sich ans eigenem x4n- 




Authentischer Cowboy 



201 



trieb gewählt haben, in den meisten Fällen. Sollte ich 
diese Miliz mit einem in Europa mehr bekannten Militär- 
körper vergleichen, so wär's die Fremdenlegion, die ich 
nennen müßte. Nur daß die Leute der Mounted Police 
aus ganz anderen Gesellchaftsschichten herkommen, als 
jene Unglücklichen in Sidi bei Abbes dort unten im tief- 
sten Abgrund der Menschheit. 

Ein Bekannter, der bei einem Crikett-Match der Leute 
in Regina dabei gewesen ist, erkannte in ihren Jacken 
und Mützen all die Farben der feudalen Hochschulen 
Englands, Trinity-College von Cambridge, Balliol und 
Christchurch von Oxford und die Rambiers von Eton 
dazu. In Wahrheit sind es nicht wenige von den ,, jüngeren 
Söhnen" der ältesten Adelsfamilien Englands, die in dieser 
wilden Miliz unter angenommenen Namen ihrer Aben- 
teurerlust und Verzweiflung nachhängen. — 

Ich glaube, ich muß in diesem Kapitel noch Rechen- 
schaft über den gegenwärtigen Stand der Cowboy-Spezies 
ablegen. Es sind mir einige Exemplare dieser romantischen 
Menschenart untergekommen, ich will sie in kurzen 
Worten klassieren und erledigen. Nach meiner Wahrneh- 
mung bildet die gewaltigste Mehrzahl die kommerzielle 
Gattung der Buffalo-Bill- Zirkusreiter. Des w^eiteren gibt's 
den Amateur -Cowboy. Einem dieser Sorte bin ich in 
den Rockies begegnet. Er vermietete Pferde und ritt 
in Fellhosen mit den Gesellschaften der Ausflügler mit. 
Zitierte einer von der Partie Browning oder Ruskin, und 
zwar falsch, so stieg der Gaul des Cowboys hoch, und der 
Cowboy mußte ihm die Sporen geben und den Irrtum 
verbessern. In Morley (bei den Indianern) bin ich einem 
wirklichen Cowboy von einer Ranch begegnet, der über 
die Aussichten der deutschen sozialdemokratischen Partei 
bei den nächsten Wahlen, Spaß beiseite, erschöpfende 
Auskunft zu geben vermochte und mich im übrigen ver- 
sicherte, daß er seine Stimme auf Herrn Arthur Masters, 
den Kandidaten der Sozialdemokraten Calgarys, abgeben 
werde. Einen andern habe ich in Vancouver gesehen, wie 



202 




Cowboys beim Abstempeln 

er in Lederhosen und Sporenstiefeln, im roten Hemd 
und gelben Halstuch, mit einem Lasso widerspenstige 
Besucher in ein Kinematographentheater hineinlotste. 
Dies hört sich wie ein Witz an, bedeutet aber im Grunde, 
daß die Profession im Rückgang ist. In Bow-Island, Süd- 
Alberta, war ich Gast der Familie Mc Gregor, die eine der 
größten Pferde- und Vieh-Ranches der Gegend besitzt. 
Auf dieser selben Ranch habe ich die erstaunliche Ex- 
perimental-Farm gesehen, von der ich in einem vorigen 
Kapitel Bericht gab. Die Rauches, die auf unendlichen 
Strecken nur Weide für Vieh und Pferde abgaben, weichen 
allmählich einem System von ,, gemischten Farmen", zu- 
mal seit die künstliche Bewässerung sich in den Gegenden, 
die ich bereiste, zu bewähren anfängt. Der Cowboy 
sitzt jetzt einen Teil des Jahres auf den Erntemaschinen 
seines Arbeitgebers und wird erst im Spätherbst für einige 
Tage, wenn der „Roundup", das Einfangen und Abstempeln 
des Viehs auf den Gütern, stattfindet, ein strickeschmei- 
ßender Sohn der Wildnis. Er schießt nur mehr in schlech- 
ten Romanen in den Spiegel hinein und die Korke aus 
den Flaschen. Er fährt in Automobilen in die nächste 



203 



Stadt und ist auf linksstehende Zeitungen abonniert. Er 
fühlt sich als Arbeitender und als Knecht des Arbeit- 
gebers. Aus praktischen Gründen trägt er wohl Hosen 
aus Ziegenfell und zwei Revolver im Gürtel, aber der 
Hausmeister-Sprößling in Schöneberg, der sich am Samstag 
für IG Pfennige seinen allwöchentlichen Nick Carter 
kauft, hat romantischere Gelüste — als dieser junge ge- 
bräunte Arbeiter auf den öden Steppen zwischen Clyde 
und Galloway-Herden. 

Es ist nichts mehr los mit der .alten Romantik aus unseren 
lieben Büchern der Kinderjahre. Vielleicht noch oben 
in dem sagenhaften Alaska, unter den Goldgräbern und 
Jägern in den unerforschten Wäldern. Hier unten, in den 
Gegenden der Eisenbahn und der Zeitungen, gibt's keine 
andere Romantik mehr als die des erwachenden Bewußt- 
seins von dem, was nottut — und wenn noch so viele 
Ziegenfellhosen auf gondelähnlichen spanischen Sätteln 
durch die Felder sausen. 



BEGEGNUNGEN MIT INDIANERN 

Berg, Strom, Wald, Fisch und Wild, 
Alles Roter Mann. 

Weißer Mann kommt, mit ihm großer Rauch, 
Roter Mann gibt Weißem Mann Alles. 
Weißer Mann gibt Rotem Mann Hölle. 

(Großes Offenes Herz.) 

Nicht gerade darum, weil die Indianer ein so schwer 
zivilisierbares Naturvolk sind, stellen sie ein solch sym- 
pathisches Wunder im neuen Weltteil vor. Sondern 
darum, w^eil alles rings um dieses stolze, beraubte und miß- 
handelte Volk herum sich der modernen Zivilisation er- 
freut und der Indianer es vorzieht, in seinen Bergen und 
Gebüschen elend zugrunde zu gehen. Darum hat der 
Indianer auf irgendeine Weise sich die Liebe der Men- 
schen erworben, die die Erde lieben, die aber die Zivili- 
sation einigermaßen krank gemacht hat. 

204 




Ein Prärieindianer 



Man darf von den In- 
dianern nicht als von einem 
vertierten und verlorenen 
Volk reden. Man braucht 
sich nur die Kunst und die 
traditionellen Kunstformen 
dieses Volkes anzusehn, um 
denganzenAbstandihrer ur- 
alten, sicherlich schon längst 
vor dem Kommen der Wei- 
ßen dem Verfall geweihten 
Kultur, zu dem, w^as wir so 
benennen, zu ermessen. Man 
braucht nur ein paar gute 
Exemplare der Rasse sich an- 
zuschauen, um eine Vorstel- 
lung davon zu gewinnen, wie 
dieses Naturvolk in der Frei- 
heit beschaffen sein mochte. 

Ein amüsantes Erlebnis ist mir in Niagara Falls, ein 
anderes in Caughnawaga bei Montreal widerfahren; in 
beiden Fällen hat's mit einer Blamage geendet, aber sieht 
man nur genauer hin, so waren gar nicht die, die sich 
blamierten, die Blamierten. 

Bei Niagara Falls, im nordwestlichen Winkel des 
Staates Newyork, sind die Tuskaroras zu Hause, ein total 
verkommener, das heißt gänzHch zivilisierter Indianer- 
stamm von kleinen katholischen Kartoffelbauern. Ich 
blieb in der Niagarastadt vor einem der zahllosen Läden 
stehen, die mit ,,Indianer-Curios" und Postkarten han- 
deln, und sah mir den biligen, für die Sonntagstouristen 
in Fabriken hergestellten Schmarrn an. Dann ging ich 
in den Laden und frug nach dem Preis der Dante-Büste 
aus Gips, die inmitten der Mokassins, bemalten Häute, 
kleinen Holzkanus und gefiederten Kopfbedeckungen im 
Fenster herumstand. So nebenher erkundigte ich mich 
bei dem Ladenbesitzer, was die Büste denn vorstelle? 



205 



(Es war eine Verkleinerung der bekannten Dantebüste 
der Renaissance aus dem Museum zu Neapel.) ,,Das ist 
der große Häuptling Rote Wolke," sagte mir der Herr des 
Ladens . . . 

Und wirklich, wollte man die Blasphemie begehen, die 
Büste, so wie sie ist, zinnoberrot anzustreichen und rechts 
und links von den Schläfen hinunter zum Kinn drei gelbe 
Zickzacklinien drüber zu malen, was für ein feiner In- 
dianerkopf! 

Das andre Mal aber habe ich mich blamiert, Caugh- 
nawaga, am rechten Ufer des St. Lawrence, gegenüber 
von Montreal gelegen, ist eine Reservation von Irokesen- 
Indianern. Die ebenfalls katholisch und zahm gewor- 
denen Bewohner ernähren sich durch Arbeiten an den 
Damm- und Elektrizitätswerken, schlecht und kümmer- 
lich, jedenfalls ebenso elend wie die elendesten der 
Proletarier. Ihre Frauen sitzen bei den Fenstern 
und machen grausliche blaue Tuchtauben, alle dieselbe 
Taube, der, niemand weiß warum, drei rote Tuch- 
kirschen aus dem Schnabel baumeln. Damit es nur 
ganz klar ersichtlich sei, was das Ganze vorstellt, so 
sticken sie den Ausgeburten ihrer katholischen Phan- 
tasie noch das Wort: BIRD auf den Bauch — ich sah 
sofort ein, hier war für mich nichts zu holen. Gelang- 
weilt starrte ich in all die offenen Fenster hinein. Da 
waren Männer und Frauen, die kein Wort Englisch 
oder Französisch verstanden, in einem unbekannten 
Idiom sich miteinander unterhielten, alle hatten unter 
ihren beim Trödler gekauften schmutzigen Lumpen das 
katholische Duckmäusergesicht vom jenseitigen Ufer 
sitzen. 

Endlich — vor einem Häuschen am Rand des Dorfes, 
stockten meine Schritte. Was ich dort vor dem Häuschen 
sah, vor dem Tor, mitten vor dem Eingang, so wie es die 
Tradition wollte, war ein roh bemalter Pflock — eine 
Säule von Holz, nicht mit Tierköpfen bemalt, wer hätte 
das auch von diesen armseligen Caughnawagern erwartet, 

206 



aber immerhin ein geschnitzter, roh bemalter Holzpflock 
— der erste leibhaftige Totempflock, der mir auf meiner 
Reise begegnete! 

Im Häuschen war niemand, es war zugesperrt, aber 
der Pflock hatte mir Mut und Interesse wiedergegeben, 
und ich frug mich im Dorf bis zum Hause des Maire 
durch. 

Um es rasch herauszusagen, der Maire, ein Halb- 
blut-Irokese, wußte nichts von einem Totempflock in 
seinem Dorfe. Ich erklärte ihm, wo die Hütte stehe, 
vor der ick den Pflock gesehen habe. Es war die 
Hütte des Barbiers, und der Totempflock war der 
bemalte Pflock, den die amerikanischen Barbiere vor 
ihren Läden haben; nun, reden wir weiter nicht dar- 
über . . . 

Es wäre ganz überflüssig gewesen, mit dem Maire über 
die romantischen Vorstellungen, die sich ein Europäer 
von der ersten wirklichen Indianerreservation macht, die 
ihm begegnet, zu diskutieren. Der Maire wußte mir über 
die Gebräuche und Sitten der Irokesen dahier weiter 
nichts zu berichten, als daß sie fleißige und tüchtige 
Arbeiter sind, sich schlecht und recht durchs Leben 
schlagen und alle Sonntage brav in die Kirche gehn. Dann 
fing er, natürlich, an, mich über die Möglichkeit eines 
Krieges zwischen Deutschland und England auszufragen. 
Worauf ich dieselbe Antwort gab, die ich in Klubs und 
General-Stores und allen möglichen Lokalen Kanadas ge- 
geben habe. 

Der Maire saß da, in seinem Holzhaus, in seinem Salon, 
der wie eine gute Stube in Berlin-W. eingerichtet war, 
rechts ein Rokokosessel, links ein gotisches Büfett, Ax- 
minsterteppich und Kelim-Portiere, ein Neunzigpfennig- 
gobelin mit einer Watteauszene über der Tür, auf einem 
Vertiko falsches Meißner Porzellan und an der Wand 
ein Öldruck des Königs Eduard. Er saß da, dieser Irokese, 
auf der Höhe der Zivilisation saß er da und hatte Angst 
vor der deutschen Armee . . . 



207 



Erst viele Wochen später, im Innern Kanadas, bin ich 
der ersten wirklichen Rothaut begegnet, auf der 
Station Hobbema zwischen Edmonton und Calgary. Es 
war ein prächtiger alter Kerl vom Stamme der Bobtails, 
wie ein altes rostiges Stück Eisen anzusehen, mit kleinen 
schwarzen Zöpfchen bezottelt, mit Muschelohrringen 
und einem Perlenhalsband geschmückt. Der Zug hielt 
nur eine Minute, aber für diese eine Minute hätte ich 
ihm am liebsten einen Dollar geschenkt, so ein feiner 
alter Kerl war es. 

Ich bin in vielen verschiedenen Reserven gewesen, bei 
den Sarcees in Alberta, bei den Stoneys in dem Felsen- 
gebirge, in der Squamish-Reserve, in Nord-Vancouver, 
die interessanteste aber war die der Sarcees bei Calgary. 

In Ottawa, im Ministerium des Innern, hatte ich einen 
Empfehlungsbrief an die sämtlichen Indianer-Agenten in 
den Reserven Kanadas mitbekommen, aber der Zugang 
zu den Reserven ist auch so, wenn man den Rothäuten 
mit einem ,,Greenback" winkt, die leichteste Sache der 
Welt. Wir fuhren, ein junger Norweger, der mit Gram- 
mophon, Kinematographenkasten, Leinwandzelt und 
Schießgewehr die Gegend heimsuchte, eine Amazone aus 
Calgary und ich, eine ganze Weile, zwischen dem Gebüsch, 
das die Reserve der Sarcees bedeckt, herum, die wunderbar 
klare, frischbeschneite Kette der Rockies vor den Augen, 
ehe wir eine menschliche Niederlassung zu sehen be- 
kamen. Ein paar alte Sarcees fuhren mit Holz auf ihren 
Leiterwagen und mit ihren fetten Squaws auf dem Holz 
in die Stadt. Des Norwegers Begrüßung: ,,Miasin- 
Kisiko?" das heißt ,,How-do-you-do?" konnten sie nur 
mit einem blöden Blick des Kannitverstan erwidern. 
Die Worte gehören der Cree-Sprache an, die Sarcees 
sprechen ihre eigene. 

Wenn die Indianer ausgestorben sein werden, so werden 
ein paar hundert Sprachen — und Gott weiß wie viele wun- 
derschöne Legenden! — mit ihnen aus der Welt sein, denn 
so etwas wie schriftliche Aufzeichnungen haben sie nicht. 

208 




Em richtiger Totempßock 



In Vancouver habe ich 
mir ein amüsantes Büchlein 
angeschafft , ein Wörter- 
buch des Chinook- Jargons, 
der von den Fellhändlern 
bei den Alaska -Indianern 
zusammengestellt worden 
ist. Aber schon tiefer, an 
der Küste des Pacific in 
Vancouver, versteht kein 
Indianer mehr den Jargon 
der nördlichen Brüder; 
meine Versuche, mich durch 
das Wörterbuch mit den 
Squamishs zu verständigen, 
schlugen ganz und gar fehl. 
Die Vielfältigkeit ihrer 
Sprache, durch die Distan- 
zen der Wohnorte und die 
Feindsehgkeit der Stämme hervorgerufen, ist auch der 
Grund, weshalb mir in der Bibel-Gesellschaft, die doch 
das Neue Testament in fast alle Sprachen der Welt über- 
setzt hat, gesagt wurde, es gäbe keine Indianerbibel. 
Erst jetzt, so hörte ich, wird sie von einem Missionar ins 
Chinookische übersetzt. „Amen" und ,,all right" haben 
dieselbe Übersetzung — kloshe kaakwa! 

Wir fahren also durch das Gebüsch in der Reserve 
herum und schauen nach menschlichen Niederlassungen 
aus, in der weiten, von einem Drahtzaun umgebenen Ein- 
öde. Im Süden steigt Rauch zwischen den Büschen auf, 
und da sehen wir auch schon eine Gruppe von Zelten 
stehn. 

Drei, vier Zelte stehen in einer kleinen Rodung da, 
die Bewohner des einen sind gerade dabei, ihr Zelt ab- 
zubrechen und auf einen Karren zu laden. Eins zwei 
drei, ist die Leinwand von den Stäben herabgewickelt, die 
Stäbe aus der Erde gerissen, Bettzeug, Ofen, Kind und 



209 



Kegel auf den Karren geladen. Das Pferd zieht an, und 
eine Stunde später steht das Zelt, die Tepeeh, eine 
Meile weit weg im Feld aufgerichtet. Was am alten 
Wohnplatz zurückblieb, ist ein Haufen von Knochen, 
Unflat, namenlosem Schmutz und Gerüchen. Immer, 
wenn sie einen Ort bis zur Unmöglichkeit verunreinigt 
hat, zieht die Familie mit ihrer Tepeeh davon, und die 
Erinnerung an sie fault in dem Sonnenlicht. 

Rasch kaufen wir, was zu kaufen wert ist, die Indianer 
verkaufen uns ihre Halsketten, Gürtel, gestickten Schuhe 
und Gamaschen warm von ihrem Leib herunter, sie sind 
daran gewöhnt, eigentlich leben sie davon. 

Das ist ein armes und armseliges Volk und zur Arbeit 
zu faul und zu entnervt. Der Staat zahlt ihnen, einmal 
im Jahr, durch die Indianer-Agenten, eine lächerliche 
Summe aus, nicht mehr als vier Dollar für jeden Erwach- 
senen, einen fürs papoose, den Säugling. 

Mit ihren Stickereien, mit allerhand Schaustellungen, 
Tänzen und dergleichen betteln sie sich in den Städten 
und auf dem Lande von den Leuten, die zu ihnen kommen, 
die Groschen zusammen, die sie vor dem absoluten Ver- 
hungern bewahren. (Natürlich gibt's Reserven, in denen 
die Indianer sich selbst erhalten, durch Arbeit auf dem 
Feld, in Werken, wie ich das in Caughnawaga sah, durch 
Abholzen ihrer Reserven, Fischfang und Jagd. Die 
Regierung fördert sie bei dieser Arbeit, wie sie kann, durch 
die Agenturen.) 

An einem Stock in der Tepeeh hängt ein Fetzen rotes 
Fleisch, es ist der aufgerissene Leib eines Feldhamsters, 
eines Golfers; davon leben sie. Eine Blechdose mit 
Brot, Zucker und Tee steht in einer Ecke, ein Kind auf 
dem Boden hat den Kopf ganz in einer verrosteten Kon- 
servenbüchse vergraben. 

Daß man ihnen keinen Schnaps verkauft, ist ihr großer 
Schmerz. In den Bars der westlichen Städte, in deren 
Nähe Indianer ihre Reserven haben, kann man auf Tafeln 
lesen : 



210 




Die Tefeeh und ihre Bewohner 



,, Verboten 
ist es, Getränke zu ver- 
kaufen an: Minderjährige, 
Betrunkene und Indianer." 
Das Gesetz bestraft den 
Weißen, der dem Indianer 
einen Fingerhut voll Al- 
kohol verkauft, mit un- 
gewöhnlich hohen Strafen. 
In der Geschichte Amerikas 
findet man ja den langwie- 
rigen Krieg gegen die Li- 
quor-traders, die professio- 
nellen Händler, die die 
Indianer mit Alkohol ihren 
Räubereien gefügig mach- 
ten. Hie und da verschaffen 
sich die Rothäute natürlich 

doch eine Flasche oder ein paar. Dann heben große 
Orgien an, mit Unzucht, Mord und Totschlag, Brand- 
stiftung und Amoklaufen. Der Indianeragent hat sich 
bei solchen Gelegenheiten seiner Haut zu wehren, sein 
ohnehin nicht sehr beneidenswerter Beruf wird ziemlich 
ungemütlich, wenn Alkohol in der Nähe ist. 

Seit der Kodak erfunden wurde, geht's ihnen ein bißchen 
besser. Sie lassen sich, wie die Mohammedaner, nicht gern 
photographieren. Im Anfang werden sie sich wohl auch 
ein bißchen vor der Höllenmaschine geängstigt haben. 
Aber für wenige Cent verkaufen sie ihre Angst und ihr 
Vorurteil. Jetzt, da wir unseren Apparat auf sie richten, 
rennen sie durch die Heide davon und schreien auf der 
Flucht zurück: 

,,How much?" 

Einer ist da unter den Sarcees, mit dem wir uns ver- 
ständigen können. Es ist ein hübscher Bursche von 15 
Jahren, offenbar Halbblut, Krähenkind mit Namen, 
Bertie Crowchild. Wie er auf Indianisch heißt, vermag 



211 




Squazü und Papoose (zwischen den Stangen) 

er uns nicht zu sagen. Er weiß nur zu berichten, daß er 
seinen Namen ändern wird, wenn er mal heiratet. Dann 
wird er selber einer vom Stamm der Krähen werden, 
Bertie Crow; bis dahin ist er das Kind eines vom Krähen- 
stamm. 

Bertie ist Methodist. In dem blauen Buch, das ich in 
Ottawa mitbekam, steht zu lesen, daß von den 211 In- 
dianern der Sarcee-Reserve noch 133 Heiden sind. Eine 
Stunde weit von Calgary, einer _ der größten Städte 
Kanadas, hausen noch 133 Indianer in den Gebüschen, 
die den alten Glauben an den großen Häuptling und die 
vier Löcher im Himmel bewahrt haben. 

Wie wir da stehen und mit den Leuten unterhandeln, 
kommt eine sonderbare Gruppe durch das Buschwerk 
zu uns herbei. 

Ein alter Mann mit langen weißen Haaren. Er hat auf 
dem Kopf einen alten löchrigen Hut mit einem Kranz 
von rötlichem Feldgras rundherum. An seinen linken 
Arm ist mit einem Streifen Fuchsfell eine große, runde, 
ganz verrostete Eisenplatte befestigt, in der Platte sind 
fünf Buckel und zwei Löcher. Der Alte ist blind, und ein 
kleines Mädchen führt ihn an einem langen Stab, dessen 



212 



Ende es In seinen Händchen hält. Am andern Ende des 
Stabes folgt Ihm der alte Mann durch die Heide. 

Dies ist Natschuka, der Medizinmann. Da kommt er 
durch die Büsche her mit seiner Medizintasche um die 
Schulter, das tausendfach verrunzelte Gesicht mit den 
erloschenen Augen Ist zur Herbstsonne in die Höhe ge- 
kehrt. Er ist der Älteste des Stammes. Als wir ihn fragen, 
Bertle ist Dolmetsch, wie alt? antwortet er mit Schütteln 
der Hände. Wir zählen 66, aber er ist mindestens 90 alt, 
hat wohl mit 66 aufgehört, weiterzuzählen. 

Gegen das Photographiertwerden hat er nichts. Wir 
versprechen ihm Geld, und da steht nun der Älteste 
seines Stammes, der Mann der großen Legende, der Mann, 
der die vier Löcher ins Firmament geschnitten hat kraft 
seiner Zaubergewalt über die Elemente, mit seinem Hut 
auf dem Boden hinter sich, steht er da, neben unserer 
Real-Estate-Amazone und läßt sich für Geld photogra- 
phieren. Aus den Tepeehs blinzeln schmutzige Squaws 
zur Sonne heraus, eine hat ihr Papoose im Arm, das 
Wurm ist mit Tüchern an ein Brett gebunden, es ist ein 
ganz hellhäutiges Wurm. 

Wo ist unser Bertle hin? Er sollte doch mit aufs 
Bild kommen? Wir suchen überall nach dem Krähen- 
kind, ergehen uns in allerlei Vermutungen. Hat 
wer ihn beleidigt? Oder ist es wegen des Geldes? 
Vielleicht hat er seine Bedenken gegen das Photo- 
graphiertwerden ? 

Endlich, wie der Chauffeur schon die Kurbel an- 
dreht, erscheint Krähenkind vor einer Tepeeh. Was 
gab's? 

Das Sprechen, das Zuhören hat ihn angestrengt. Er 
hat sich eine halbe Stunde lang in seiner Tepeeh auf die 
Matratze legen müssen, war sehr krank. Lind wir haben 
doch so leise wie möglich mit Ihm und den anderen ge- 
sprochen. Man kann sich überhaupt schwer einen Begriff 
davon machen, wie fein und höflich und leise diese ,, Wil- 
den" miteinander reden und verkehren! 



213 




Natschuka und die Amazone 

Wie ist diesem müden, erschöpften, in weniger als 
hundert Jahren ruinierten Volk zu helfen? 

Im Blaubuch, das man mir in Ottawa mitgab, steht die 
Gesamtzahl der kanadischen Indianer, einschließlich der 
Eskimos in den nordwestlichen Territorien und dem 
Yukon vom März 1910 mit rund 11 1000 Seelen ver- 
zeichnet. Die Zahl ist im letzten Jahr um rund 500 
Seelen zurückgegangen. (Tuberkulosis ist die Krankheit 
des Indianers.) 

Hie und da wird eine Reserve ,, aufgemacht", d. h. die 
Einwohner haben sie entweder aufgegeben, oder sie sind 
weggezogen oder ausgestorben. Dann kommt, wenn sich 
die Reserve in guten, ertragreichen Gegenden befand, 
das jungfräuliche Land in die Hände des weißen Farmers. 
Es ist ein großes Ereignis im Lande — zur Zeit meiner 
Reise wurde eine solche Reserve in Wisconsin aufgemacht, 
und die Zeitungen brachten spaltenlange Berichte über 
den Beneidenswerten, auf den bei der Verlosung des 
Bodens das saftigste Stück gefallen war. 

Ein ganzes Heer von Staatsbeamten verwaltet auf den 
Hunderten von Reserven und in Ottawa die Angelegen- 
heiten des aussterbenden Volkes. Schulen, Hospitäler, 



214 




Vor dem Automobil: Krähenkind mit einem kleinen Sarcee 

Kirchen für die Indianer beschäftigen ein weiteres Heer 
von Weißen, die Gesamtsumme der Gehälter dieser 
Heere beträgt viele Hunderttausende von Dollar. 

Wie schon berichtet, gibt's in den getreide-, holz- und 
jagdreichen Gegenden Tausende von Indianern, die sich 
selbst erhalten, self-supporters. Diese braucht der Staat 
natürlich nicht zu unterstützen, und dadurch ergibt sich 
die amüsante Tatsache, daß der Staat die Drohnen mit 
seinen Kopfprämxien füttert. 

Ein Herr im Nelson-Klub, Britisch-Kolumbien, ehe- 
maliger Besitzer der altberühmten Cockton-Ranch, die 
looooo Acker groß, am Rande von Alberta und den Süß- 
gras-Bergen Montanas gelegen war (ein ehemaliger Cow- 
boy, jetzt Stütze der Christian Science) hat mir sehr 
merkwürdige Dinge von seinen Erfahrungen mit dem 
wilden Stamm der Bloods erzählt. Dieser Stamm 
lebte an den Grenzen seiner Ranch, als die Missionäre 
grade begonnen hatten mit der Rettung der Un- 
gläubigen. 

Ehe die Weißen kamen, war der Indianer Gentleman. 
Er wär's gewiß heute noch, wären die Weißen nur auch 



215 



Gentlemen gewesen. Die Bloods waren von jeher eine 
der gefürchtetsten, kriegerischsten Rassen, aber solang der 
Weiße sie in Ruhe auf ihre Büffel jagen ließ, taten sie dem 
Weißen nichts. Sie waren verläßlich; in Ehrensachen, 
Geleit- und Geldsachen konnte man sich auf sie verlassen. 
50 Meilen kam einer herangeritten, um ein paar Dollar 
zurückzuzahlen, die ihm geliehen waren. Ihre Gebräuche 
glichen denen der Ritter im Mittelalter, mit Ausnahme 
des Frauenkultes. Kein Indianer hätte sich herabgelassen, 
sein Pferd selber zu zäumen, Kriegsschmuck oder Jagd- 
kleid selber anzulegen, sein Junge, sein Schildknappe war 
dazu da. Wenn der Büffel erlegt war, mußte die Frau 
heran, ihm das Fell abzuziehen, das Fleisch für die 
Nahrung zu bereiten. Der Indianer rührte keinen 
Finger weiter, nachdem der Pfeil seine Schuldigkeit 
getan hatte. 

Erst als die Weißen mit ihrem ,foul play' Jagd auf Leib 
und Seele des Indianers machten, mit Hinterlist, Lügen 
und Schlichen und furchtbarster Grausamkeit nieder- 
metzelten, was ihnen mit der Friedenspfeife und rein- 
lichen Absichten entgegentrat, da wurden die Gentlemen 
im Handumdrehen zu Bestien. Nach ihrer Unterwerfung 
verdarben die Missionäre an ihnen, was noch zu verderben 
war, und heute ist die Rothaut im Verkehr mit dem Wei- 
ßen ein Bettler oder Duckmäuser und gewitzigter Be- 
trüger. 

Das Blaubuch führt als christliche Glaubensbekennt- 
nisse unter den Indianern das anglikanische, presbyteria- 
nische, methodistische, kongregationalistische, baptistische 
und römisch-katholische auf. Außerdem gibt's unter ihnen 
Mennoniten und Mormonen. In Wahrheit sind sie aber 
alle Heiden geblieben. (Von den 1149 Bloods sind 849 
als solche angeführt.) Als der Cockton-Rancher einen 
katholischen Geistlichen in seinem Kreise fragte, wieviel 
Indianer er während der acht Jahre, die er für seinen 
Glauben arbeitete, wirklich zum Christentum bekehrt 
habe — nicht die offizielle Zahl, sondern die wahrhafte, 

216 



innere, die Gewissenszahl — da antwortete der Priester: 
er glaube, einen! Dieser Priester hat in den acht Jahren 
wenigstens das Lügen nicht erlernt! 

Bei den Stoneys im Felsengebirge habe ich dann einen 
Indianeragenten kennen gelernt, ihn und seine Familie 
mir angesehen, diese Menschen, die einen der merk- 
würdigsten Berufe sich erwählt haben in unsrer heutigen 
Zeit. 

Draußen, übers Feld, jagten ein paar Indianerfamilien 
vorbei, Mann, Frau mit Papoose auf dem Rücken und 
ein kleines, siebenjähriges Mädchen, alle auf einem Pferd 
sitzend, durch den Herbstregen aus den Gebüschen gegen 
die Berge zu. Mein Indianer, Moses Wesley, kutschierte 
mich in seiner Rig auf der Reserve herum. Der Häupt- 
ling, mit dem feinen Namen Jonas Two-Youngmen, war 
nicht in seiner Tepeeh, sondern beim Heuen, das war 
schade, denn was übrig blieb, streckte allerhand gestickte 
und geschnitzte Sachen zum Verkauf hin und war in 
anderen Angelegenheiten nicht zu sprechen. Wir fuhren 
also bald ins Haus des Agenten, am Fuß eines Berges 
hin. — 

Die Frau des Agenten hat in den 25 Jahren, die die 
Familie nun unter den Indianern, in allen Teilen der 
Dominion, verlebt hat, eine der schönsten Kollektionen 
von allerhand Perlenarbeiten, Steinäxten, Kriegsschmuck, 
bemaltem Leder und Medizinbüchsen zusammengebracht. 

In ihrem warmen, behaglichen Haus, das voll ist mit 
altem, guten englischen Hausgerät und Silberzeug, wie 
man es in den Büchern der Brontes und Jane Austen 
beschrieben finden kann, wartet sie auf einen Käufer für 
ihr indianisches Museum. Mit den Indianern hat die 
FamiHe während dieser 25 Jahre nicht anders als durch 
die großen Bücher drüben im Bureauhaus verkehrt. 
Daß es Menschen sind, die da draußen um das Haus herum 
wohnen, die die zum Teil wunderherrlichen Kunstwerke 
aus Leder, Stein und Perlen hergestellt haben — das 
kann ich aus den Gesprächen der schottischen Familie 

217 



nicht herausfinden. Am besten gefallen ihnen ein paar 
Stickereien, die die Indianerweiber von schlechten moder- 
nen Chintzes und Kattunbettdecken herunterkopiert 
haben. Die guten traditionellen Zeichnungen der alten 
Kunst zeigen zickzackförmige, mäanderförmige, parallel- 
linierte Muster in den apartesten Farbenzusammenstel- 
lungen: dunkelrot, schwarz und gelb; weiß, lila und 
ultramarin; hellgrau, schwarz, grün und w^eiß. Diese 
neuen Zeichnungen aber, von denen die Schotten dahier 
so entzückt sind, stellen bunte, ordinäre Rosen auf Sten- 
geln, plump und ohne jedes Farbengefühl, sklavisch kopiert 
und schlecht zusammengenäht, dar. Seit 25 Jahren wohnt 
die Familie des Agenten mit den Indianern beisammen 
und versteht doch nicht das Geringste von dem Indianer. 



DAS FELSENGEBIRGE 

Hierzulande ist keiner so wildfremd — auf einmal packt 
ihn einer auf der Straße oder in der Bahn um den 
Hals und fängt mit ihm an, über die gemeinsame An- 
gelegenheit: Kanada, zu reden. Aber in den Rockies 
kennt diese freundliche Zutraulichkeit einfach keine 
Grenzen mehr. Dies Land hat zu seinem schweren 
Reichtum noch den herrlichsten Spielplatz der Welt be- 
kommen, und dem Kanadier, der so schon kaum mehr 
weiß, wo er mit dem Staunen aufhören soll, gehen hier 
die Augen über. Ich weiß nicht, ob der Herr recht hatte, 
der mir in Laggan vor dem Lake Louise um den Hals fiel 
und behauptete, im Himalaja gäbe es nichts Ähnliches, 
das aber weiß ich aus meinen bescheidenen Reiseerfah- 
rungen, in Tirol und der Schweiz habe ich keine Szenerie 
des Alpenlandes gesehn, die ich anführen dürfte, ohne 
den Rockies unrecht zu tun. 

Die Rockies genieren sich ihrer Herkunft nicht; in 
aufrechten, offenen, fächerförmigen Mulden und Berg- 
spalten zeigen sie, wie ihr Stein von Gletschern geknetet 

218 



und durchpflügt worden ist von Urzeiten an. Im Innern 
des Gebirges ist es blau und hellgrün von Gletschern. 
Oft werden sie frech und strecken ihre spitzen Hälse bis 
an die Bahntrasse hinunter wie irgend ein Lind- 
wurm Böcklins. Dunkelgrüne Abgründe, zerreißen das 
helle Eis, zeichnen und malen Verästelungen darauf, von 
der Zartheit eines jungen Tännleins. Zwischen zwei 
Gletschern klettert eine ungeheure steinerne Eidechse 
grau und in der Bewegung erstarrt zum Himmel empor. 
Ein Bergrücken, ein Grat, nackt und schneeweiß wie das 
präparierte Skelett einer vorsintflutlichen Fledermaus, 
liegt steif und unbeweglich, fest ins violette Gestein 
verkrallt und verbissen da im Sommersonnenschein. 

Unten, in der Region des Zwerggehölzes bekommen die 
Berge ein andres Gesicht. Stellenweise erinnern Formen 
an die Dolomiten, stellenweise an die Basteien der Säch- 
sischen Schweiz. Tausend horizontale Farbenstriche über 
eine Bergwand, die sich frisch aufgetan hat, darunter 
liegt Schutt und Geröll in tausend Farben. Ein andrer 
Berg ist in der Mitte auseinandergebrochen und zeigt 
statt der Schichtenformation Rhomben, echte und rechte 
Honigwaben. Seltsame Gestalten von Stein stehen an 
den beiden Seiten des Zuges, wunderliche Männer in 
gelben Havelocks, mit fallenden Schultern, runde farbige 
Steinhüte auf den Köpfen, manche wie Brüder des Balzac 
von Rodin anzusehn, eher aber Schwäger der Frau Hitt, 
Junggesellen, verknöcherte, dem Treiben zusehende Son- 
derlinge. Sie sind aus einer tüchtigen Masse. Rings um 
sie hat das Wasser, in langer Arbeit, all das weiche Zeug 
weggeschwemmt, ganze Berge weggeschwemmt — sie 
aber waren aus härterem Material schon drin im Bauch 
der Berge, jetzt stehen sie in der Sonne da, hart und 
von allen Seiten beleuchtet, all das poröse Zeug um sie 
herum ist weg, vom Wasser weggespült, beim Teufel. — 

Überall feiert die Phantasie, das Schauen seine Feste. 
Zur Seite der Fahrstraße auf dem Berg, im verbrannten 
Wald, scheuen die Rösser unsres Tally-Ho und werfen 

219 



den Schaum aus ihren Mäulern auf uns Passagiere zurück 
— ein riesiger Bär steht am Wege und schlägt mit seiner 
schwarzen Pranke nach dem Wagen — aber es ist nur ein 
verkohlter Baumstrunk mit einem verkohlten Ast über 
den Weg. 

Im Wald schreien die Elche, die Wapitis, man hört 
ganze Skalen von klagenden Tönen, empörte Gesänge der 
Tiere, denen der Berg nicht mehr gehört. Kariboos, lang- 
fellige Widder erscheinen mit mißtrauischen, menschen- 
ähnlichen Gesichtern auf den Lichtungen. Zwischen dem 
Unterholz treibt sich der Grizzly herum und hat nur vor 
einem Tiere Angst, dem Berglöwen, auf den die ,, jüngeren 
Söhne' Englands mit Todesverachtung durch die Berge 
jagen. 

Der König des Felsengebirges, der Buffalo, lebt in um- 
zäunten Parken, ist nur mehr eine Sehenswürdigkeit und 
wird bald ausgestorben sein. Einige aristokratische, untätig 
kauende und wiederkäuende Familien werden vom Staat 
erhalten und dem Fremden gezeigt. Diese Parke heißen 
Reserven, und der Fremde denkt unwillkürlich an die 
Indianer, die auch in umzäunten Reserven, von Gnaden 
des Staates, ihr Leben dahinbringen, mit dem Unterschied, 
daß es den Büffeln besser geht. 

Im Museum in Banff ist eine Photographie des eng- 
lischen Missionärs zu sehen, der in den vierziger Jahren 
des vorigen Jahrhunderts als erster weißer Mann bis hier- 
her ins Herz der Rockies vorgedrungen ist. Jetzt zeichnet 
eine Kette von Sommerorten die Strecke der C. P. R. 
durch das Gebirge nach. Burgähnliche Hotels an Punkten, 
die an den Mendelpaß und an Maloja erinnern, sorgen für 
den Passanten. Um sie herum haben sich kleine Villen ge- 
schart, von einer amüsanten, unvorhergesehenen Bauart, 
halb Schweizer Chalet, halb indisches Bungalow. Aus ge- 
waltigen Stämmen sind sie breit, niedrig und solid zusam- 
mengefügt; eine Veranda läuft um das ganze viereckige 
Blockhaus herum, über die Brüstung der Veranda ist ein 
reichgeschnitzter mexikanischer Ledersattel zum Trocknen 



220 



gelegt. Auf dem Schaukelstuhl liegt das in Indien erjagte 
Tigerfell des Besitzers, vor den Stufen ins Haus das lang- 
haarige Kleid eines einheimischen Kariboos. Wolfshäute, 
mit den Schädeln der Tiere noch im Fell, sind an die Wand 
des Blockhauses genagelt, an einer langen Stange flattert 
die Union Jack. Jetzt kommt uns der Herr des Hauses 
entgegen, ein alter englischer Offizier, der sich hier ein- 
sam niedergesetzt hat und mit seiner Flinte, die das Getier 
Indiens und Afrikas kennt, in den wilden Bergen des Felsen- 
gebirges nach Beute streift. 

Amazonen jagen vorüber, mit offenem flatterndem 
Haar, auf störrischen Pferdchen; es sind die selben jungen 
englischen Pensionatsfräuleins, die im Winter in Lau- 
sanne, Brüssel und Dresden Grieg und Sinding fingern. 
Jetzt tragen sie gelbe Leinwandhemden über ihren kind- 
lichen Brüsten, ein Cowboytaschentuch um den Hals und 
einen Indianergürtel um ihre schmalen Hüften. Im Leder- 
rock sitzen sie auf Männerart zu Pferde, das wilde Pferdchen 
unter ihnen zuckt unter der Haselgerte im Vorüberfliegen. 
Nichts Schöneres kann man sich, mitten während 
der Reise, zum Ausruhen wünschen, als die weite halb- 
dunkle Hotelhalle, an einem Septembermorgen, während 
es draußen stürmt und die Kuppen sich bepudern. 
Durchs Fenster glaubt man ganz deutlich zu sehen, wie 
das Laub der Wälder sich verfärbt und die Wälder bunter 
und reicher werden mit jedem Augenblick. Im Kamin 
lodern harzige Scheite, Zedernholz, die Tierköpfe an den 
Wänden haben gläserne Augen und zwinkern und blinzeln 
phantastisch von der dunklenTäf elung auf denGast herunter. 
Ein eben angekommener Fremdling wünscht die In- 
schrift über dem Kamin zu entziffern, und während er 
ein Streichholz mühselig die Buchstaben entlang führt, 
spricht jemand aus einem Lehnstuhl ihm die Worte vor: 
,,The World is my Country, 
All Mankind are my Friends, 
To do Good is my Religion." 

(Thomas Payne) 

221 



— eine schöne und freundliche Inschrift über einem 
englischen Kamin wahrhaftig! 

Und zutraulich, wie alle Menschen hier im Westen 
werden, auch die aus dem zugeknöpften Osten, sitzt schon 
der Fremde bei dem Fremden und spricht mit ihm von 
dem Lande, von den Menschen, von den Wundern der 
Rockies, aber auch von sich, seinen Angelegenheiten, 
seiner Familie, seiner alten und neuen Heimat. Man 
fühlt sich nicht beengt, nicht unbehaglich, möchte nicht 
aufstehen, ist nicht versucht, nach Europäerart zu sagen : 
bitte, wir kennen uns ja viel zu oberflächlich, mich 
interessieren Ihre Angelegenheiten nicht im mindesten, 
glauben Sie nicht, daß ich nun auch anfangen werde, mein 
Innerstes vor Ihnen Wildfremden auszukramen dahier, 
was ist das für ein indiskreter Kerl, Herrgott, wie sind 
doch diese Leute unkultiviert im Vergleich zu unserem 
gesitteten westeuropäischen Kurpublikum! Der kana- 
dische Mann ist noch jünger als sein Vetter südlich vom 
Strich, er ist noch einen Grad stolzer auf sein Land, 
seine junge Zivilisation, er tut sich etwas zugute auf seine 
Kenntnisse und Schicksale, und wenn er sicher ist, seinen 
kleinen Effekt erzielt zu haben, und davongeht, so sieht 
man ihm mit einem gerührten Lächeln nach und gelobt sich, 
sein Freund zu bleiben, hier und nach der langen Reise. 

Den Paß des ,, bockenden Pferdes" werde ich nicht be- 
schreiben. Wer noch eine Station vorher im Zweifel 
war, daß der Ingenieur der wahre Held und Meister des 
verflossenen Zeitalters gewesen ist, dem vergeht dieser 
Zweifel auf dem Paß des ,, bockenden Pferdes" zwischen 
Laggan und Revelstoke, an der Kanadischen Pacific, im 
Herzen der Rockies, die den Namen: Rückgrat Amerikas 
tragen. 

Hier ist die Landschaft so erschütternd und wild ge- 
worden, daß einem der Atem stockt und die Haare zu 
Berge stehen. Mit vier Lokomotiven keucht die Bahn 
eine schmale Felsenspur entlang, tausend Fuß über dem 

222 



Kolumbiastrom dahin, der sich, weiß vor Gischt, durch 
das zerklüftete Tal dem Pacific entgegen wirbelt; oben, 
über der Trasse, achttausend Fuß hoch über der Bahn, 
hängen von steilen Felsenwänden, die wie Achat schim- 
mern, weißgraue Gletscher über das Gestein herunter, 
wie Trauben von geronnenem Glas. Der Zug schießt 
durch eine Felsenspalte und alles ist verkehrt; ein ver- 
tracktes Wirrsal von Bergen, die sich durcheinander- 
schieben, Strömen, die nach drei Seiten in betäubenden 
Sätzen davonbrausen, Felsenbrücken, die sich quer von 
einem Berg über einen Hügel geworfen haben, tausend 
Hindernisse zwingen die Schienen in die schwierigsten 
Kurven, Steigungen und Senkungen. Die Bahn drückt sich 
durch Tunnels, die im Berginnern Schleifen und Spirale 
nachahmen, über Stahlbrücken, die das Wunder des 
Kontinents geheißen sind, der Reisende im Aussichts- 
wagen taumelt von der rechten Seite auf die linke hin- 
über und zurück, für den Zeitraum einer Stunde weiß 
er wahrhaftig nicht mehr, wo rechts und links, oben und 
unten ist. 

Man muß sagen, dieser Gebirgspaß hat wirklich Glück 
gehabt; er hat seinen pittoresken Namen von einem Er- 
lebnis erhalten, das wohl fürs Pferd aber nicht für seinen 
Reiter ein amüsantes Erlebnis gewesen ist. Der kühne 
Ingenieur, der für seine Bahn das Terrain sondieren kam, 
wurde von seinem Gaul derartig vor den Kopf gestoßen, 
daß die Indianer ihn schon zu begraben anfingen. Er 
wurde wieder wach, und die Bahn fährt jetzt dort durch, 
wo sein Grab hätte sein sollen. Die Indianer, die eine 
so direkte Kraft des bildlichen Ausdrucks haben — 
die meisten Indianernamen von Orten hier herüben er- 
geben, übersetzt, Begriffe von hoher Phantastik — be- 
nannten die Enge nach dem bockenden Pferd, und man 
muß ihnen und dem Pferd für den Namen dankbar sein, 
denn wirklich, die Gegend hier herum und insbesondere 
die ewigen Berge, heißen nicht schön, man könnte das 
nicht sagen. 

223 



Die C. P. R. hat, als sie ihre Bahn durch dieses neu- 
erschlossene Land baute, die Erde hier einfach unter 
ihr Personal verteilt, die größten Funktionäre haben dabei 
natürlich die größten Berge bekommen. Ein Riese dahier 
heißt Mount President, ein etwas kleinerer daneben 
Mount Vice -President. Der gewaltigste dieser Berge, 
die von den Indianern, als es noch keine Eisenbahnen gab, 
als ihre wirklichen Götter verehrt wurden, ist nach dem 
High Commissioner von Kanada (unter der eben abge- 
setzten liberalen Regierung), Lord Strathcona and Mount 
Royal benannt, dem auch unzählige Städte, Parke, Hotels, 
Galoschen und Felsenspalten, Zigaretten und Apfel- 
sorten ihren Namen Strathcona verdanken. Lord Strath- 
cona ist ein Finanzgenie, und der Handel Kanadas hat 
ihm eine Menge zu verdanken. Ehe er zu seiner hohen 
Stellung gelangte und seinen Titel erhielt, war er ein 
gewöhnlicher Bürger mit Namen Mr. Donald Smith. 
Ein Genie war er jedenfalls schon als Bürgerlicher; 
der zehntausend Fuß hohe Berg hieß darum einfach 
Mount Donald. Als aus dem Mr. Smith Lord Strathcona 
wurde, durfte man dem Berg die Schande nicht antun, 
daß er als simpler bürgerlicher Berg im Lande stehe, der 
Berg wurde also in den Adelsstand erhoben und heißt 
jetzt Mount Sir Donald. Hoffentlich werden ihn die 
Konservativen, die jetzt am Ruder sind, nicht demolieren. 

Die Grand Trunk Pacific, die jetzt ihre Strecke nördlich 
an den gelben Felsen vorbei durch das Felsengebirge baut, 
hat auch schon eine Menge Ströme, Wälder und Wiesen nach 
den Ihren benannt, und es ist nicht ausgeschlossen, daß ich, 
wenn mich nach Jahren mal mein Weg nach dem Arktik 
führt, über den ,, Mount Kon" dort hinauffahren werde! 

DER PFEILSEE 

Hinter Kicking Horse beginnt Britisch- Kolumbien, das 
Sagenland. Wenn es heißt, Kanada sei die Zukunft 
der Welt, so darf man sagen, Britisch-Kolumbien sei die 

224 



Zukunft Kanadas. Durch das gletscherbesäte Tal des 
Illecilliwaet neigt sich das Land, vom Rückgrat Amerikas 
nieder zur Küste des Pacific, zu B. C, wie die Kanadier 
das Land in liebevoller Abkürzung nennen. 

Auf einer flüchtigen Reise ist man dankbar für Sym- 
bole, die einem die Quintessenz, Wesen und Rätsel eines 
Landes auf eine Formel gebracht vorführen; im Ernte- 
land Alberta war's die Blumen- und Baumoase auf der 
Mc Gregor-Ranch, hier in B. C, so kommt's mir heute 
vor, ist mir dies Symbol in dem märchenhaften und über 
die Grenzen der Dominion hinaus berühmten Obstgarten 
des Herrn James Johnstone begegnet, im wundervollen 
südlichen Kootenay- Gebiet. 

Dieser Märchengarten liegt an einer steinigten Berg- 
lehne, und man würde, sieht man von der Stadt Nelson 
über den Wasserarm hinüber, kaum glauben, daß dort 
drüben an dem Hange etwas anderes gedeihen könnte, 
als ein paar kümmerliche Föhren zwischen den grauen 
Felsenblöcken. Das hat man noch vor lo Jahren auch wirk- 
lich geglaubt. Bis ein armer Schweizer Farmer, der 
dort auf den Steinen saß und kümmerlich Roggen oder 
Kartoffeln oder was ähnliches pflanzte, in dem Boden 
den besten Boden für Apfelbäume, Birnenbäume, Pfir- 
sich und Pflaumenbäume entdeckte. Dieser erst als Narr 
verschriene, bald zugrunde gegangene und gänzlich ver- 
schollene Schweizer ist der Vater der Obstzucht in B. C. 
geworden, und diese Obstzucht fängt an, den Obstländern 
Ontario, Kalifornien und Florida gefährlich zu werden. 

Mr. Johnstone sitzt auf dem Erbe des Schweizers, und 
an den Korb voll Birnen und Pflaumen, den er mir auf 
die Reise mitgab, wird sich mein Gaumen erinnern, solang 
ich einen Mund im Gesicht habe. Johnstone führte mich 
in seinem Motorboot über den Kootenayarm und wies 
stolz auf die Bank, auf der ich mein Volumen bescheiden 
im Gleichgewicht hielt; auf dieser Bank hatten Gouver- 
neure, Lords, Minister und sogar einer, der inzwischen 
König geworden ist, gesessen. 

15 225 



Ist man erst drüben bei den Steinblöcken angelangt, 
so gehn einem die Augen über. Diese Farm ist zwanzig 
Acker groß, aber es ist praktisch unmöglich, mehr als 
7 davon zu kultivieren. Um die Zeit der Obsternte haben 
zwei Dutzend Menschen vollauf zu tun, dem Segen Ein- 
halt zu gebieten, das heißt, zu verhüten, daß die Bäume 
auseinanderbrechen vor Fruchtbarkeit. Zwei — 
drei Acker bieten einer Familie ihr reichliches Auskom- 
men und sogar einmal alle drei Jahre das Schiffsbillett 
nach Europa und zurück. Äpfel, groß wie meine beiden 
Fäuste aneinander gehalten, belasten einen Baum, dessen 
Jahresertrag 37 Dollar beträgt. Johnstone zeigt auf den 
Berg über seinem Garten hinauf: dort oben liegt eine 
Mulde, ginge ein Weg dort hinauf, der Boden ist derart, 
daß das alte Kanaan beschämt würde durch den Ertrag. 

Ich schaue den Berg hinauf, es ist ein Steinkegel, ich 
sehe Felsen, sonst nichts. Diese Felsen eben, so belehrt 
mich der Züchter, diese Blöcke, zwischen denen wir hier 
unten herumgehen, und die Gesteinsart im ganzen 
Kootenay ist es, die das Wunder dieser Fruchtbarkeit 
bewirkt. Es ist Granit, der hier langsam stirbt, den die 
Luft zermalmt und der mit dem Lehmboden eine che- 
mische Verbindung eingeht, die den großartigsten Dung 
für alles saftige Obst der Welt ergibt. 

Diese Vorstellung von dem sterbenden Berg verfolgt 
mich bis in den Schlaf. Ich habe mich in dem Herum- 
klettern zwischen den Obstbäumen an einem und dem 
andern Felsblock angehalten und habe auf meiner Haut 
vermittels des Tastgefühls die Vorstellung wiedergefun- 
den: der Berg stirbt, und die süßen Früchte gedeihen. — 

Nächsten Morgen fahre ich den Pfeilsee hinauf zu 
meiner Strecke zurück, die mich vom Atlantic hierher 
geführt hat und über die ich jetzt bald den Pacific er- 
reicht haben werde. 

Es geht schon auf Oktober zu, und die himmelhohen 
Berge, zwischen die der See gebettet ist, die Selkirks im 
Osten, die Gold-Range im Westen, werfen sich über den 

226 






i^^^m..y.. 



M* 



f'iW^^y 




James Johnstones Garten 

schmalen See Wolkenballen zu durch den stahlkalten 
Himmel. Da liegt der See, zwischen Urwäldern und 
Felsenwänden, über die Schatten in die Höhe huschen. 
Er sieht aus wie ein verbogener, unregelmäßig gefiederter 
Indianerpfeil, vom Norden her nach dem Herzen des 
Kootenay abgeschossen. Dort, wo der Himmel auf den 
Bergen liegt, ist der Urwald nur mehr ein Wald von grauen 
Lanzen, die ins blaue Gestein gepflanzt sind. Wald- 
brände von Urzeit haben den Riesenstämmen die Rinde 
vom Leibe geschält. Die Ritter sind tot, und die Lanzen 
sind in den Boden gestoßen; wo einst das Heer stand, 
dort zeigen sie nach dem Himmel. Schnee kommt auf sie 
herab, und über ihnen ist die Wolke halb schon Stein 
und halb noch Himmel. 

Hier unten aber, an den Ufern, bei den Felsenwänden 
und zwischen den Bäumen leben und bewegen sich Men- 
schen. Es ist unwahrscheinlich, und das Gefühl sträubt 
sich gegen die Vorstellung, daß hier Menschen leben, 
in dieser Wildnis, an dieser kaum seit Jahrzehnten ent- 



15' 



227 



deckten, seit wenigen Jahren erst befahrenen Wasserader. 
Aber es ist so: in den Wäldern, auf den spärlichen Lich- 
tungen, die sie sich mühselig aus dem Wald gerodet haben, 
und die ein Stückchen Boden bis ans Wasser herunter 
freigelegt haben, leben Menschen. 

Die ,, Rossland" müht sich durch die Wellen vorwärts, 
ich stehe im eiskalten Nordwind auf dem Deck und sehe 
die Ufer rechts und links vor dem Kiel zurückweichen. 
Zuweilen scheint's, als müßte das Schiff stocken mitten 
in seiner Fahrt. Die Ufer rücken eng zusammen wie eine 
Gasse, und Sandbänke, Klippenrücken steigen aus dem 
Wasser empor. Da erscheint das Adlergesicht unseres 
Kapitäns im Steuerhäuschen, und das Schiff gleitet schlau 
und witzig, wie ein Fisch mit Flossenschlägen, durch die 
Enge hindurch. 

Hier und da tönt ein dumpfes Brüllen aus dem Innern 
des Schiffes hervor — dann wird auf einer der Lichtungen 
im Wald vor uns ein Punkt lebendig. Ein Mensch, der 
dorten wohnt, ist benachrichtigt worden, Post oder 
Nahrungsmittel sind an Bord für ihn. — Aus einem Block- 
haus kommt ein struppiger Riese von einem Holzfäller 
heraus, eine Postkarte fliegt über Bord, während wir 
weiterfahren steht der Riese da mit dem Blättchen in 
der Hand, kehrt dann in seine Einöde zurück, die Welt 
im Rücken. Wir aber fahren wieder stundenweit an den 
unbewohnten Ufern des Sees im Urwald entlang. 

Was für eine Sorte von Menschen kann das sein, die sich 
hier niedergelassen hat, zäh mit dem furchtbaren Wald 
um einen Fußbreit Raum zum Leben ringt? Dies ist 
eine andere Sorte dahier, als jene im Weizenland mit der 
Sonne über sich, die den Himmel in ungeheurem Bogen 
schaut vom Aufgang zum Niedergang, das Jahr hindurch. 
Unser Schiff zieht seines gefährlichen Weges dahin, und 
ich denke an die Prärie, an den sterbenden Granitberg, 
an die Ufer des offenen Meeres, an all die Hütten, die 
ich gesehen habe auf meiner Reise — und plötzlich ist 
es mir, als sei dieser See hier der Schattensee, und die 

228 



Ufer und die Menschen garnicht wirklich, nicht von die- 
ser Welt. 

Wir sind an einem Berg vorüber, einem weißen Riesen, 
der Mount Halkyon heißt, und vor uns liegt eine kleine 
Lichtung, die auf einer Tafel den Namen ,,de Mars" führt. 
Die Brücke wird niedergelassen, in raschem Lauf tragen 
fünf japanische Schiffsjungen Kisten, Tonnen und Säcke 
ans Ufer hinunter, legen alles der Reihe nach hin auf 
den nassen Sand, und schon während das Schiff weiter- 
zieht, laufen sie die steiler und steiler werdende Schiffs- 
brücke hinauf, hurtig, wie geschickte Affen in das Schiff 
zurück. Kein Mensch ist auf ,,de Mars" zwischen den 
Zedern und Föhren zu sehen. Die Lebensmittel liegen 
und warten auf dem wasserbespülten Sand. Eine waldige 
Bucht schiebt sich zwischen unser Schiff und die Halte- 
stelle, wir sind an „de Mars" vorüber. 

Spät am Nachmittag halten wir auf eine Rodung, die, 
etliche hundert Meter im Geviert, zwischen den Bäumen 
schroff ans Wasser niederfällt. 

Ein paar menschliche Wesen tummeln sich dort, durch 
mein gutes Glas sehe ich zwei Männer in gelben Hemden 
und gelben Hosen, selber wie entrindete, entlaubte Bäume 
anzusehen, ein Kind, das mit einem Huhn und einer 
Ziege vor der Blockhütte am Waldessaum spielt, und unten 
am See gewahre ich, auf einem Holzstrunk, eine rote Form, 
etwas wie einen großen Stein, über den man eine rote 
Decke geworfen hat — aber es ist ein menschliches Wesen, 
es bewegt sich ja, die Falten der Decke verschieben sich. 
Wie wir näher kommen, sehe ich: es ist ein Weib, sie hat 
einen ihrer roten Röcke über ihren Kopf geschlagen, so sitzt 
sie da und wartet auf das Schiff. 

Wir halten, legen an, fahren weiter. Die Männer, das 
Kind, die Ziege sind ganz an das Wasser herunter ge- 
kommen. Die Männer haben die Fracht und die Post 
in Empfang genommen. Der Dampfer wendet sich äch- 
zend weiter. Das Weib auf dem Baumstumpf hat sich 
nicht gerührt. 



229 



Ganz genau hab ich ihr Auge gesehen. Zwischen den 
Falten ihres Rockes blickte ihr Auge nach dem Schiff aus. 
Sie wollte unsichtbar sein für die Augen, die vom Schiff 
hinunterblickten, aber ihr Auge ging unruhig unsre Augen 
an Bord entlang, aus dem starren roten Gebilde sah ein 
lebendiges Auge uns Menschen an, die kamen und weiter- 
zogen; der Herbstwind, der an unseren Mänteln zauste, 
schien geringere Gewalt über das rote Gebilde unten am 
Ufer zu haben. 

Wie wir schon weit sind, erhebt sie sich, wirft den Rock 
mit einem Ruck von ihrem Kopf herunter und geht den 
Männern und dem Kinde nach, langsam auf das Block- 
haus zu. 

Durch mein Glas sehe ich sie ganz genau. Sie ist eine ält- 
liche Frau, großgewachsen, aber von verquollenen Formen, 
mit leuchtenden roten Haaren über ihrem ungesunden 
bleichen Gesicht. In ihrem Gang, auf ihrem Gesicht liegt 
etwas, daß ich mir sage: ich verstehe dich, ich verstehe 
es, warum du nicht gesehen werden willst in dieser Ein- 
öde, in der du dein Leben beschließt. Ich zeichne mir die 
Kontur dieser Gestalt in mein Notizenbuch ein, und plötz- 
lich fällt mir eine Frau ein, die ich vor Jahren in München 
gesehen habe, eines der sinistren Geschöpfe dieser Zeit — 
ich erinnere mich an die Haltung, an die Kontur, den 
Gang, an die ganze Gestalt, an die Einöde, in der sie 
ihre Tage verlebt, und ich schreibe unter die Zeichnung 
in mein Notizenbuch den Namen: Helene von Dön- 
niges ein. — 

Es wird Nacht, tief innen zwischen den Stämmen sieht 
man das rötliche Licht eines Meilers brennen. Ein kleines 
Kanu, in dem ein kleiner Indianerjunge und ein weißer 
Knabe sitzen, kommt ganz tapfer an unser Schiff heran- 
gepaddelt. Es ist kalt, und auf dem Deck ist niemand 
mehr. Auch ich gehe in meine warme Kabine, mit meinem 
guten Buch, und bereite mich auf die Nachtruhe vor, 
draußen weht es tüchtig durch die Stricke. 

Vorne am Schiffsschnabel hat man jetzt die Laternen 

230 



hinter den riesigen Scheinwerfern angezündet. Sie suchen 
dem Schiffe seinen schwierigen Weg vorwärts, nach 
Norden. Aus meinem Kabinenfenster sehe ich den weißen 
Schein gespenstisch über Felsen, Bäume, Laub dahin- 
huschen, der Schein hebt Schichten von Laub von der 
Masse dahinter ab, trennt eine hellgraue Kulisse von dem 
dunklen Hintergrund, streicht über den nassen Sand und 
das schaukelnde Wasser, huscht durch die neblige Nacht 
und verweilt in ihr. 

Auf einmal dröhnt das Signal des Schiffes. Die Schein- 
werfer huschen mit ihrem Licht nicht weiter, sondern be- 
halten einen Fleck des Ufers in der Ferne im Auge, sie 
werden starr, während das Schiff sich bewegt, dreht, 
vorwärts gleitet. Größer und größer wird der hellgraue 
beleuchtete Fleck, wie unter einem Fernrohr, das man 
mit ruhiger Hand in die richtige Distanz einstellt. — Ich 
sehe: eine kleine Gruppe von Häusern steht dort, nahe 
beim Wasser, sie sehen anders aus, diese Häuser, als die 
Blockhütten in der Wildnis hinter uns. Vier, fünf kleine 
saubere Häuschen stehen in einer Reihe da, hinter der 
hellgrauen Laubkulisse. Jedes steht in einem Gärtchen, 
und in den Fenstern brennen Lichtfunken rötlich im 
Grau. Zwei rötliche Punkte schwingen auch vorne beim 
Wasser. Eine kleine Gruppe von Menschen steht dort, 
einer hat die beiden Laternen in den Händen, mit denen 
er uns das Signal durch die Nacht gegeben hat: Passa- 
giere an Bord nehmen! 

Wir sind ganz nahe, und plötzlich sehe ich am Ufer, auf 
einer Tafel, gerade unter meinem Kajütenfenster den 
Namen der Station: Renata. . . . 

Da erinnere ich mich: Renata, so hieß der Ort, von dem 
mir, vor Wochen, der alte liebe Reverend Hansen in 
Altona, Manitoba, sprach. Eine kleine Kolonie evange- 
lischer Deutschen hat ihn gebeten, ihrer neuen Nieder- 
lassung in Britisch- Kolumbien einen Namen zu geben; 
und er hat sie, nach seinem jung verstorbenen Kinde, 
Renata getauft. 



Diese Häuschen, die so fremd daliegen in der Nacht, 
mitten im Urwald, dies ist der deutsche Ort Renata. 

Schon suchen die Scheinwerfer andre Ufer. Hinter 
uns, in der Finsternis, sind die roten Lichter in den 
Häusern deutlich zu sehen, die beiden kleinen rötlichen 
Laternen schwanken jetzt auf jene schüttere Lichterreihe 
zu. Zwei Menschen gehen draußen an meinem Kajüten- 
fenster vorüber, aber ich kann nicht hören, in welcher 
Sprache sie miteinander reden. — 

Ein paar Wochen später lese ich, in San Franzisko, in 
einer englischen Zeitung Einzelheiten über den Selbst- 
mord Helenens von Dönniges. Es steht kein Datum ge- 
nannt, und ich kann mich nicht genau entsinnen, an 
welchem Tage ich über den Pfeilsee gefahren bin. 



WAHLTAG IN SHEEPCREEK 

An dem verhängnisvollen Tage, an dem es sich ent- 
scheiden soll, ob Kanada für oder gegen die Reziprozi- 
tät mit der Union ist, bin ich oben in den Bergen, in einem 
Goldminenlager an der Grenze von Britisch-Kolumbien 
und den Staaten Washington und Idaho, meilenweit weg 
von der Eisenbahn. 

Daß es so wild und wüst aussehen wird, hier oben in 
Sheepcreek, das hätte ich mir denn doch nicht gedacht. 
In den Zeitungen bin ich wiederholt ganzen Seiten mit 
Ankündigungen der ,,Townsite Sheepcreek" begegnet. 
Wie ich jetzt sehe, ein glatter Betrug. Die Townsite 
Sheepcreek besteht aus einer Bretterbude mitten im Ur- 
wald, ich weiß nicht wie viele tausend Fuß hoch über dem 
Meeresspiegel, aber ich weiß, vier wohldurchrüttelte Auto- 
mobilstunden Weges von der Station fort, die selber schon 
in beträchtlicher Distanz hinter dem Rücken Gottes sich 
befindet. 

Herr Buckley, der Manager der ,,Queen"-Goldmine, 
löst mir das Rätsel der ,, Townsite". Der Eigentümer der 



2^2 



Bretterbude ist der General-merchant des Ortes und 
möchte gern eine Schanklizenz erhalten. Andrerseits 
aber ist ein ähnlicher Schwindel mit Grundstücken in 
Orten, die gar nicht existieren, hierzulande gang und 
gäbe. Als man hier in den Bergen Gold fand, als der erste 
Claim von einem Herrn, der jetzt als reicher Mann in 
Nelson sitzt, in dem harten Boden abgesteckt worden war, 
da kamen sofort die ,,Boom"-Witterer, die hier so etwas 
wie ein Cripple-Creek oder Klondyke in Szene setzen 
wollten, kauften das wertlose Land für einen Topf Bohnen 
zusammen und möchten es jetzt, da sich ihre Spekulation 
als nicht so sehr glänzend erweist, auf diese unsolide Art 
wieder losschlagen. 

Herr Buckley ist ein persönlicher Gegner des Saloon- 
Projekts hier oben in den wilden Bergen, er weiß wohl 
warum. Ehe er auf seinen isolierten und unbehaglichen 
Posten hierher als Aufseher der Goldgräber kam, war er 
unten in Wisconsin Scherif gewesen und kennt das Volk 
der Abenteurer auf Bergpfaden und Landstraßen genau. 
Schnaps hier oben, unter diesem Goldgräbervolk, das fern 
von allen Vergnügungen, von Weibern, von der Eisen- 
bahn, zwischen den Gefahren des Innern der Erde und den 
Aufregungen des Kartenspiels, seine Tage und Nächte zu- 
bringt, Schnaps in Sheepcreek bedeutet Schießerei, Dis- 
ziplinlosigkeit, Ärgernis. Rundherum auf den Bergeskuppen 
in stundenweitem Umkreis sitzen ein paar hundert verdur- 
stete Goldgräber auf derNugget-Mine,derMotherlode, ein 
Saloon hier mitten im Urwald gäbe eine nette Bescherung. 

Aber es läßt sich nicht voraussagen, wer am Ende ge- 
winnen wird. Gehen die leichtgläubigen Toren auf den 
Leim, oder bemächtigen sich die leichtfertigen Speku- 
lanten Sheepcreeks — wer wird denn persönlich her- 
kommen und sich von der Wahrheit der Annonce über- 
zeugen? solche Geschäfte werden blindlings beim Real 
Estate-Mann abgeschlossen! — dann können hier wirklich 
noch ein paar Bretterbuden mehr aufspringen und Alkohol 
und Mord und Totschlag dazu. 

233 



Gegenwärtig hält die Verwaltung ihre Leute streng, 
und wenn der Chauffeur oder ein Holzkutscher von der 
Station eine Flasche Schnaps heraufschmuggeln, so fliegen 
sie kopfüber aus ihrem Job hinaus. Die Verwaltung macht 
sich dadurch bei ihrer Arbeiterschaft nicht sehr beliebt, 
aber die Mine zahlt bessere Dividenden. 

Ich habe die Schaftstiefel, die Bluse und die Overalls 
des Präsidenten angezogen und folge Herrn Buckley 
durch die Gänge der Mine. Der Präsident scheint zum 
Glück ein Herr von angenehmer Körperfülle zu sein, 
sonst müßte ich mir meine eigenen Kleider schmutzig 
machen. Siebenhundertfünfzig Fuß unter dem Gebirgs- 
bach, dessen Namen die Gegend trägt, dröhnt die Erde 
von dem Bohrer, den zwei graue, bleiche Männer, über 
und über naß von umherspritzendem Gestein, bedienen. 

„How dye do?" 

Ein Querschacht wird angebohrt. Ganz deutlich kann 
man, wenn man die Kerze über den Kopf hält, die glit- 
zernde neidgelbe Ader im Gestein laufen sehen. Es ist 
ein ergiebiger Schacht, der da aufgetan worden ist. 

Nicht alle sind es. 

Zuweilen wird ein Steingang drin im Berg abgeklopft, 
und der Berg äfft den Menschen, und wenn der Mensch 
sich im Schweiße seines Angesichts abgemüht hat, da 
merkt er: der Berg hatte ihn zum besten. 

An solch einem tauben, angebohrten Crosscut kommen 
wir vorbei auf unserm Weg durch die Mine. Ein schwarzer 
Sack liegt vor seinem Eingang auf dem Boden. Herr 
Buckley leuchtet mit seiner Kerze hin und spricht: 

,,Hier ist er gestorben." 

Ich weiß von der Geschichte. Gestern früh hab ich sie 
im ,, Daily Star" gelesen. Sie stand in unmittelbarer 
Nachbarschaft der wichtigen Nachricht: der populäre 
deutsche Autor Herr So und So gedenke sich nach dem 
Goldlager bei Sheepcreek zu begeben, um Lokalkolorit 
für westliche Erzählungen zu holen. Der tote Richard 

234 



Heskett und der populäre Herr So und So waren für 
einen Tag im Blättchen Nachbarn geworden, morgen sind 
beide vergessen. 

Da stehe ich mit Buckley vor dem Sack. Ich habe meine 
Mütze vom Kopf genommen, aber es ist mir nicht ge- 
geben, durch ein Zeichen, ein Kreuz über Stirn und Brust, 
die Ehrfurcht vor dem Tode auszudrücken. Da stehe ich 
vor dem Sack, auf dem der Erstickte gelegen hat, und 
denke an meinen Schreibtisch in Berlin. Ich fühle, grau- 
sam wie es nur ein Mensch fühlen kann, was das für ein 
Gewerbe ist, das unsereiner treibt. Blut klebt an meiner 
Neugierde, die mich durch den fremden Erdteil jagt 
und zurück zu meinem Schreibtisch jagen wird. Dasselbe 
Blut, das andere für die harte Not ihres Lebens in Berg- 
werksgängen und auf Bahnschienen ruhmlos verspritzen, 
klebt an meiner Neugierde, auf Schritt und Tritt, wohin 
ich kommen mag. 

Der Kreuzschnitt hat nicht gar weit ins Innere geführt. 
Als die Sprengung vorüber war, und der Rauch, der 
Richard Heskett umgebracht hat, sich verzogen hatte, 
da war der Irrtum klar, der Tod schaute aus dem Loch 
heraus, sonst schaute dort nichts heraus. — 

Eine Stunde lang marschieren wir beide unten in den 
Gängen des Goldes herum, steigen dann zur Sonne hin- 
auf und gehen in die Mühle, wo Mr. Buckley mir die 
schütternden wasserüberströmten Tafeln zeigt, auf denen 
das Steingeröll von den schwereren Goldkörnern gespült 
und das Gold rein gewaschen wird. Im Retortenhaus 
nehmen wir drei schwere silberne Äpfel mit, es sind 
Quecksilber-Äpfel, die in ihrem Innern für achthundert 
Dollar Gold eingeschmolzen tragen. Dann gehen wir ins 
Blockhaus des Managers zurück, in dem ich heute und 
morgen als sein Gast wohnen werde. 

Im Blockhaus ist Besuch. Zwei ernste Leute, wie Hand- 
werker im Sonntagsstaat anzusehen, warten auf den Ma- 
nager. Es sind die beiden Brüder des toten Mannes Heskett. 

235 



Gestern haben sie die Leiche ihres Bruders in der Kreis- 
stadt besucht, heute sind sie hergekommen, um seine Hab- 
seligkeiten an sich zu nehmen. Am Nachmittag wollen 
sie wieder weiter. 

Mr. Buckley zeigt in eine Ecke. Dort liegt der Hand- 
koffer, die Arbeitskleidung und der Bettsack des Toten, 
eine blanke Spitzhacke lehnt daneben an der Wand. 

Der eine Bruder durchsucht mit weinenden Augen den 
Koffer, findet das Arbeitsbuch mit Versicherungsmarken, 
eine kleine rote Kravatte, den Rasierspiegel, die Bibel, 
eine Photographie. Der andere Bruder starrt wie hypno- 
tisiert auf die Goldwage, die unter ihrem Glassturz auf 
dem Zahltisch steht. 

,,Wie ist das geschehen?" 

,,Er ist zu früh ins Loch zurück, um zu sehen, wae das 
Dynamit gearbeitet hat." 

,,Er hat hier in Sheepcreek sein , Chance' gesucht." 

,, Schade, er war ein netter, sauberer Junge, er war 
beliebt bei all den anderen." 

,,Wie hat man ihn gefunden?" 

Herr Buckley taucht den Kamm in die Waschschüssel 
und zieht sich vor dem Spiegel einen Scheitel. ,,Er war 
noch ein bißchen warm, wie man ihn gefunden hat." 

,,Wie heißt der Coroner, der die Untersuchung führen 
wird?" fragt der Bruder, der mit dem Handkoffer fertig 
geworden ist. 

,,Dr. Packer, ein kleiner, dicker Rasierter." 

,,Ich kenn' ihn," sagt der Bruder. 

Dann gehen wir ins Logierhaus zu den Bergleuten hin- 
über essen. 

Bei Tisch ist die Stimmung gedrückt. Ich sitze zwi- 
schen Buckley und den Brüdern und werde für einen 
Freund der trauernden Familie gehalten. Erst wie die 
Brüder mit dem Wagen fort sind, klärt sich der Irrtum 
auf. Die Stimmung wird etwas lebhafter, die Gespräche 
gehen durcheinander. Einer ist da, der lacht und scherzt 

236 



unentwegt und ist guter Dinge. Es ist ein junger Mensch 
mit einem Mädchengesicht, Mädchenbewegungen, der 
Gehilfe des Kochs. Als er hört, ich sei aus Berlin, fängt 
er an, von den Linden und der Friedrichstraße zu schwär- 
men. Er hat sich zweimal rund um den ganzen Erdball 
gearbeitet in seinem jungen Leben. 

„Wo hat's Ihnen am besten gefallen? In der alten 
Heimat?" (Er ist Schotte, aus Glasgow.) 

,,Ach nein, in Frisco!" 

Frisco — ein Seufzen, Ausrufen, zärtliches Hinflüstern 
des magischen Namens geht über alle diese Gesellen hin- 
weg, hier rundherum an dem langen Tisch. Frisco — 
das Paradies der Leute, die ihr sauer Erworbenes rasch 
und fidel von sich schmeißen, in die Gäßchen mit den 
roten Lichtern hinein, auf die Spieltische hinten in den 
Chinesenläden, auf den Tanzboden, wo die Freuden des 
Texas Tommy herumspringen. 

Draußen pfeift's in der Mühle zur Schicht, und ein 
paar von den Männern stehn auf, wischen sich den Mund 
und gehen an die Arbeit. Einer, ein schwarzbärtiger 
Bär, pufft den Kochsjungen beim Hinausgehen in den 
Rücken, der Junge biegt seinen Kopf auf die Schulter 
nieder und blickt den Bären mit seinen hellgrauen, 
lachenden Augen an. 

Oben im Saal des Logierhauses, wo die Betten stehen, 
ist ein Tisch in die Mitte gerückt. Der Vertrauensmann 
aus der Kreisstadt ist angekommen, und die kanadischen 
Staatsangehörigen geben ihre Stimme für den liberalen 
Dr. King ab, der heut abend schon durchgefallen sein wird. 

Ein Mann hebt zwei Schwurfinger in die Höhe. Ein 
Zettel fliegt in eine Blechbüchse. Drin in der Blechbüchse 
rumoren die Geschicke der Nation: Reziprozität oder 
nicht ? 

Nebenan, an dem Tisch beim Fenster, gehen indes 
wichtigere Dinge vor. 

Einer hält die Bank, zwölf stehn im Kreis um den 
Tisch herum, stecken die Hände in die Taschen ihrer 



237 



harten Hosen und holen zerknüllte und schmutzige 
Dollarscheine hervor. 

Twobits ist der niedrigste Einsatz — ein Vierteldollar. 
Die Scheine fliegen auf den Tisch. Was ist's für ein 
Spiel? Black Jack, erwidert man mir. Ich sehe näher hin, 
es ist das bewußte Einundzwanzig. Ein großer dicker 
Schwede setzt nie weniger als zwei Dollar. Seine rote 
haarige Pranke zittert ein wenig, wie er über den Tisch 
nach den Dollarn langt, die er gewonnen hat. Nach 
einer Weile zieht er blank ab, wirft sich auf eines der 
Betten und holt unter den alten Kleidungsstücken ein 
Zeitungspapier hervor; auf dem zusammengefalteten 
Blatt lese ich ,,Skandinavisk . . ." 

Die notgedrungenen Abstinenzler entschädigen sich 
beim Kartenspiel für alle anderen unterdrückten Leiden- 
schaften. Achtstündige Arbeit wird ihnen mit vierthalb 
Dollar bezahlt. Davon wird ihnen einer für Kost und 
Logis abgezogen. Manche bleiben monatelang, andere 
halten es an einem Orte nicht länger als vier oder sechs 
Tage aus. Sie ziehen von Mine zu Mine. Daß ein Gruben- 
arbeiter seinen Beruf wechselt, gehört zu den Seltenheiten. 

,,Once a miner, always a miner!" erklärt mir der junge 
Campbell, der Sohn des Vorarbeiters. Er träumt von 
einer Bergwerkschule in Dortmund, er will an die Berg- 
akademie nach Sachsen. Er steht unten beim Aufzug im 
Schacht, sein Vater verdient fünfzig Dollar die Woche, 
aber der Sohn hat höhere Pläne, Ingenieurstudium, 
Deutschland! 

,,Ich will Sie jetzt mit dem andern Mann bekannt 
machen," sagt er, und wir gehen in eine hintere Stube 
des Logierhauses. 

Ein junger rothaariger Mensch sitzt dort auf einem Bett 
und drei Männer stehen um ihn herum. . Es ist der Ge- 
fährte des toten Heskett, und bei einem Haar läge er 
dort, wo jener liegt. 

,,Dick war vier Tage lang nicht in der Grube gewesen," 
sagt einer, ,,und war nicht an die Luft gewöhnt. Wärst 

238 



du auf Urlaub gewesen vorher, so hätte auch dich der 
Teufel geholt." 

,, Tommy rot," schreit der Rothaarige. ,,Die Luft- 
pumpe taugt nichts, daran wäre ich krepiert!" Er ist 
totenblaß, der arme Kerl, und die Augen stehen ihm wie 
Glaskugeln aus dem Kopf hervor. Eine Kognakflasche 
steht unter seinem Bett — die Verwaltung hat diesmal 
Gnade vor Recht ergehen lasssen. ,,Der Coroner . . ." 
sagt er und ballt drohend die Faust. 

Draußen beruhigt der Manager die Leute, die danach 
fragen. ,,Er hat seinen Job geliebt, das ist der Grund. 
Er hat's nicht erwarten können, zu sehn, wie der Spreng- 
stoff im Crosscut gewirkt hat. Der Gang war noch voll 
von Gasen. Andere legen sich draußen schlafen derweil. 
Er hat seinen Job geliebt, das ist der Grund." 

Armer toter Heskett. Armes totes Rindvieh! Er hat 
es nicht erwarten können, er mußte rasch sehen, ob die 
Aktionäre dieses Jahr eine bessere Dividende erhalten 
werden, als die vorjährige war, Friede mit ihm. 

Nächsten Tag, gegen Abend, fahre ich durch den Ur- 
wald zur Station zurück. Seit vier Tagen hat's ge- 
regnet, und die Straße ist bodenlos. 

Siebzehn Dagos marschieren, ihr klatschnasses Bettzeug 
auf den Rücken geschnallt, bis über die Knöchel in Kot 
watend, mit knietiefen Schritten, fluchend durch den 
Wald zur Station zurück. 

Ein paar Glücklichere, die gestern mit ihnen von der 
Station heraufgekommen waren, sitzen warm in den ver- 
streuten Holzfäller-Blockhäusern am Weg und vertreiben 
sich die Zeit mit Kartenspiel, bis der Regen aufhört. 
Sie lachen die kotigen, fluchenden Dagos aus, die von einer 
Seite des Weges auf die andere nach einer trockneren 
Scholle hüpfen, zwischen den roten Zederstrünken und 
den blauschwarzen vom Dynamit zerrissenen und ver- 
kohlten Stämmen des Waldes. Oben in der Queen, im 
Nugget, war keine Stelle frei. Motherlode ist im Umbau. 

239 



Da ziehen sie durch den Wald zurück den Weg, den sie 
gestern kamen, die siebzehn. 

Zehn Meilen zu Fuß, bergauf bergab, durch boden- 
losen Kot, das schwere mit Wasser vollgesogene Bett- 
zeug auf dem Buckel — und wieder zehn Meilen zurück, 
weil's keine Arbeit gab dort oben — das ist kein Spaß. 
Unser Automobil hüpft halbe Meter hoch durch die 
Pfützen. Es ist bitterkalt. Wir ziehen unsre Köpfe zwi- 
schen die Schultern und ziehen unsere Mützen tief herab 
über die blaugefrorenen Ohren. 



ZAUBER DER STÄDTE BRITISCH-KOLUMBIENS 

Nur wie ein Reisender, der zu seinem Vergnügen 
daherzieht, will ich über die Städte an der Bucht des 
Pacific schreiben, nicht anders. 

Über manches wäre zu berichten. Über das merk- 
würdige System der Single tax, der einfachen Grund- 
rentenbesteuerung, die alle weiteren Steuern aufhebt 
und in sich schließt — dieses Ideal der Bodenreformer 
ist in Britisch-Kolumbien und im benachbarten Oregon 
durch die Tatkraft der für Henry George schwärmen- 
den Stadtväter Wirklichkeit geworden. Über die mär- 
chenhafte Bautätigkeit, die die Stadt Vancouver, in der 
sich das System seit Jahren bewährt, hinauf in die vor- 
derste Front der neuen Städte Kanadas geschoben hat. 
Über die fabelhafte Lage dieses einzigen Hafenplatzes 
müßte ich berichten, der, zwischen den beiden wer- 
denden Hauptfaktoren der Pazifischen Küste, Alaska 
und Panama, den Handel der Küste mit San Fran- 
zisko teilen wird in kurzen Jahren. Vom Reichtum des 
Fabellandes Britisch-Kolumbien wäre zu berichten, von 
diesem Holz, Erz, Wild und Fischland vor allen an- 
deren der Dominion. Von einer interessanten Bekannt- 
schaft in Vancouver, einem preußischen Aristokraten, 
Herrn von Alvensleben, der zur rechten Zeit hierher ge- 

240 



kommen ist und auf ein Stück Papier eine anschaulich 
und verwegen in die Höhe gebogene Kurve zeichnet, 
die die Wertsteigerung aller in Britisch- Kolumbien in- 
vestierten Kapitalien vorstellen soll. Daran knüpfend 
wäre vielleicht ein Wort über die angenehme Wert- 
steigerungskurve zu verlieren, die die Arbeit im gesunden 
Land der Single tax im Junkertum der Welt bewirken 
kann, wenn dieses sich zur rechten Zeit von der Armee, 
den Pferden und ähnlichen Beschäftigungen zu den Län- 
dern des Erdbodens und der vorbeiziehenden Schiffe 
wendet. Und den Beschluß des ,, Zaubers" könnte dann 
ein Satyrspiel machen, in dem die verspäteten Nach- 
zügler aus jenen Gefilden des Junkertums kläglich auf- 
marschierten, die die Legende von dem Glück, das einer 
der Ihren in Britisch-Kolumbien gemacht hat, in hellen 
Scharen an den Stillen Ozean herbeilockt, beständig und 
crescendo . . . 

Aber wie gesagt, nur wie ein Reisender, der seinem Ver- 
gnügen nachjagt, will ich von den Städten an der kana- 
dischen Bucht des Stillen Ozeans berichten, über die 
sozusagen penetrante Atmosphäre, die das Völkergewühl 
hier im äußersten Westen über die phantastischen Städte 
Vancouver, Westminster, Victoria ausbreitet. 

Hier ist auf einmal ein neues Element in das schon im 
Osten erstaunlich wirkende Gemisch gedrungen. Zu den 
Völkern aus allen Teilen Europas und allen Ländern um 
das Mittelmeer herum, die über Kanada verstreut sind, 
schlägt sich in Britisch-Kolumbien die Masse der chine- 
sischen, japanischen und der Hindu-Einwanderung und 
tönt das Bunte noch mit gelben und braunen Nuancen. 

Wie die Südstaaten der Union ihre Negerfrage und die 
Oststaaten ihre Judenfrage haben, so fängt der kanadische 
Westen an, seine Chinesenfrage zu bekommen. (Die 
Union hat bekanntlich die Einwanderung aus Japan 
und China vor einigen Jahren in kategorischer Weise 
geregelt.) 

Die Chinesen sind, wie ich auf Farmen und Fabriken 

i6 241 



im Westen hörte, die anständigsten, solidesten und auch 
gesuchtesten Arbeiter. Die Hindus, die meist in den 
niedrigsten Berufen, in Sägemühlen, beim Bahnbau ver- 
wendet werden, gelten als langsame, apathische und darum 
trotz ihrer Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit wertlose 
Arbeitskraft. Die auch danach entlohnt wird! Die Japs 
sind unbeliebt. Sie verrichten ihre Arbeit tüchtig und 
flink, gelten aber als Spione, und der weiße Farmer und 
Arbeitgeber ist froh, wenn er den Japaner los ist. Die 
Chinesen aber sind die Musterarbeiter. Obzwar sie sich 
mit allen Jobs zufrieden geben, die sich ihnen bieten, 
sind sie in ihren Lohnforderungen gar nicht anspruchslos 
und verderben darum den Arbeitsmarkt durch Unter- 
bietung nicht auf die Weise, wie es im Osten die Italiener, 
Syrer und Slowaken tun. Für ihren guten Durchschnitts- 
lohn leisten sie viel sauberere und reichlichere Arbeit als 
welcher Weiße immer. 

Langsam sickern sie in das Städtebild Britisch-Kolum- 
biens als ein wesentliches Element ein, in manchen pro- 
sperierenden Städten, dem hübschen Victoria zum Bei- 
spiel, haben sie sich sogar schon im besten Geschäfts- 
viertel der Stadt dauernd und extensiv niedergelassen. 

Meine lieben Reise- und Hotelgefährten, ein junges 
kanadisches Ehepaar, das ich von Banff bis Seattle an 
jedem Ort meines Aufenthaltes wieder gesehen und ge- 
nossen habe, zitieren mir in Vancouver Kiplings Vers: 
,,0 East is East and West is West, 
And never the twain shall meet!" 
den Vancouver so gründlich widerlegt durch das Wesens- 
gemenge seiner Bevölkerung. Und wirklich, das Leben 
in einer dieser Städte an der Meerenge von Georgia und 
San Juan de Fuca, an einem Feierabend, wenn die Massen 
ins Freie strömen, bietet ein bewegtes Bild, das man lange 
nicht vergessen kann! 

Aus den Urwäldern im Norden, aus den lebenden Kathe- 
dralen der Douglas-Zedern, der Hemlocks, Föhren und 
Tannen sind große, wilde Menschen hergekommen, wie 

242 



von der Mimikry rissig und zottelbärtig gelbgefärbt, Holz- 
fäller in braunen Hemden und Schaftstiefeln, an die die 
Eisenstacheln geschnallt sind, die ihnen beim Indiehöhe- 
klettern dienen. Feine Lords eilen mit ihren Ladies 
durch die Straßen, vom Hotel in die Theater, wo Lieb- 
linge Londons und Newyorks Stücke vom Strand und vom 
Broadway aufführen. Eine Gruppe von Hindus geht, 
ganz langsam, mit verschleierten Augen und schweigenden, 
langbärtigen Gesichtern durch die hastende Menge. Sie 
sind ganz enropäisch gekleidet, diese Leute, aber unter dem 
rosa oder hellgrünen Seidenturban sitzt der blau ein- 
tätowierte Stern ihrer Kaste zwischen den Augenbrauen. 
Ein tolles Abenteurergemisch von konfiszierten Berliner, 
Wiener, Pariser und Budapester Gestalten schiebt sich 
und gestikuliert an den Straßenecken, vor den Agenturen 
der Bahnen und den kleinen Winkelbureaus, wo die Bör- 
senkurse in den Fenstern hängen, hin und wieder; die 
Pools, die Billardsäle, öffnen sich weit auf die Straße 
und verflüchtigen sich in dunklen Hinterhäusern zu 
gefährlichen Spielzimmern, Wett- und Würfelverließen. 
Die Heilsarmee zieht mit Donner und Gloria, es ist Sams- 
tag, durch die Gassen, ihre Gesänge, Trommeln und 
Verzückung begegnen an der Ecke der großen Handels- 
straße einem Wagenzug der Suffragetten, aus dem Zettel 
in die Menge, auf die Hüte der Leute und die Trommeln 
der Gottesschar fliegen. Alle Rechte der Erde und des 
Jenseits wirbeln an der Ecke vor dem Bahnhof in einem 
betäubenden Höllenspektakel zusammen, die Automobil- 
hupen der rasch dahinfahrenden und rasch reichgewor- 
denen Spekulanten bellen ihr reales Gebell mitten in den 
Trubel hinein. 

Aber hinten, wo das Meer zwischen den kleinen ab- 
schüssigen Gassen in der Tiefe durchschimmert, dort wo 
das nächtliche Feuer der verkohlenden Abfälle von der 
großen Lachsfischerei schwelend zum Himmel aufsteigt, 
dort ist eine viel stillere, leisere Welt, eine lichtscheue, 
sanft auf Filzsocken dahinhuschende, lispelnde, uner- 

.6« 243 



gründlich unheimliche Welt von dünnen, seidenen, übel- 
riechenden Wesen. In gestickten Röcken und mit Zöpfen 
huschen Männer vorüber, ihre geschlitzten Frauenaugen 
funkeln tückisch durch die Finsternis. Aus engen, schmut- 
zigen Treppenhäusern huschen und huschen sie auf die 
Gassen heraus, still und heimlich wie Ratten des Rinn- 
steins, huschen auf ihren Filzpantoffeln in verhängte, 
scharfriechende Spezereiläden, w^o unter reichvergoldeten 
Schnitzereien, die die Wände schmücken, Tonnen mit 
allerhand ekelerregenden Leckerbissen stehen: Hammel- 
eingeweide, Seepferde, Walfischflossen, Quallen, Honig- 
kuchen und andere Unsagbarkeiten. Zwischen den Ton- 
nen sitzen an langen Pfeifen lutschende Kerle um einen 
Tisch herum und spielen ein wildes Glücksspiel, mit 
Triktraksteinen und Würfeln, das berüchtigte Fon Hong, 
auf das eine hohe Strafe in den Gesetzbüchern des Landes 
steht. Aufgequollene Chinesenweiber watscheln in flat- 
ternden Seidenhosen und hellen, reich mit dunklen 
Ornamenten verzierten Seidenblusen herum, entsetzliche, 
eingeölte Pagoden, die Brüste dreimal so breit als die 
Beine lang, hinter sich ziehen sie liebliche und aparte 
Miniaturhöschen und Zöpfchen und Blüschen her, in 
denen kleine gelbe Chinesenkinder stecken. 

Aus einem Haus mit einem großen chinesischen, aus 
elektrischen Lichtern gebildeten Buchstaben tönt ein 
schriller Lärm heraus, synkopierte Töne, Gekreisch und 
Geklopf, Holz- und Menschenlaut und Horngetute. Dies 
ist das chinesische Theater. 

Ein kleines Orchester sitzt hinten auf der Bühne, die 
keine Kulissen hat, sondern ein Podium mit allerhand 
herumstehenden Möbelstücken, kostümierten und nicht- 
kostümierten, schwätzenden, agierenden, rauchenden, 
spuckenden und gestikulierenden Menschen ist. Die 
Musikanten schlagen mit Holzklöppeln auf Holztonnen 
los; ein Schalmeibläser tutet, daß einem die Zähne davon 
wehtun; ein Kerl mit einer Kniegeige zwischen den 
Beinen fiedelt auf einem einzigen Schafsdarm eine Melodie 

244 



daher, die eine fünftausend Jahr alte Tradition hinter sich 
hat. Der Kerl ist schon ganz blödsinnig von seinem eigenen 
Gefiedel, und sein Kopf fliegt, wie vom Veitstanz ge- 
schüttelt, auf seinem dürren Hals herum. 

Der Rhythmus ist ungefähr: tattata-tih-titti-tatta- 
tohtohtohh! Ich werde das, wenn ich in Berlin ankomme, 
einem kompetenten Musiker vorspielen. 

Das Parkett ist voll von schwatzenden, entsetzlich 
stinkenden Kulis. Sie schieben sich Kürbiskerne zwischen 
die schwarzen Zähne, rauchen Knaster und kommen 
und gehen während der Vorstellung. In einer Loge sitzt 
eine Dame, eine Engländerin. Ihren Schleier hat sie 
längst nicht mehr umgebunden, jedermann weiß, wes- 
wegen sie im Theater sitzt. Alle die Abende, die ich im 
Theater bin, sehe ich sie in ihrer Loge sitzen. Sie ist 
wegen des jungen Schauspielers da, der eine der Frauen- 
rollen spielt. Er stelzt mit graziösen Bewegungen, Getue 
und Genicke, mit wundervollem Spreizen und Auf- 
schnellenlassen seiner langen weißen Hände auf der 
Bühne hin und her. Mit hoher Fistelstimme singt oder 
spricht oder gurgelt er eine endlose Melopöe zum Takt 
der Musik. Er ist ganz weiß geschminkt, hat lange weiße 
und hellgelb ornamentierte Seidengewänder und eine 
schwarze Weiberperücke, mit einem Diamanten vorn 
auf der Stirn. Der alte Vater, ein würdiger Mandarin 
in herrlichem Schwarz und Lila-Goldbrokat, erscheint 
mit Gefolge. Er streicht über seinen ellenlangen weißen 
Bart, dessen Enden er als Begrüßung und Zeichen der 
Ehrerbietung mit beiden Händen dem Publikum ent- 
gegenhält. Ein Dialog im selben synkopierten Rhythmus 
folgt, mit fragend kadenzierten Takten, die die Fistel- 
stimmen, ohne Leidenschaften zu verraten, vortragen, 
die Handbewegungen sind edel, und das Ganze ist, um die 
Wände in die Höhe zu klettern. Herrliche und aberherr- 
liche Gewänder erscheinen, mit kadenzierten Fistel- 
stimmen drin. Die Stücke sind der Geschichte entnom- 
men, haben so gut wie gar keine Handlung, dauern sieben 

HS 



Wochen lang, und alles in ihnen geht inwendig, in spitz- 
findigen und langweiligen Dialogen vor, auf die kein 
Mensch unten im Parkett hört. Nur, wenn der Komiker, 
ein zerfetzter Kerl mit einem weißen Strich über die 
Nase, der immer Haue kriegt, erscheint, horchen die 
Kulis eine Weile hin und schwätzen dann weiter, wenn's 
oben wieder ernst und edel geworden ist. 

Draußen vor der Stadt, dort, wo sich der Meeresarm 
um den Stanley-Park herum nach False-Creek zu herum- 
biegt, wartet eine Gruppe von Indianern auf das Schiff, 
das sie hinüber nach ihrer Reservation bringen soll. Män- 
ner, Frauen und Kinder liegen, schlafend oder leise mit- 
einander schwatzend, auf dem nackten Boden, in ihren 
schmutzigen bunten Trödlerkleidern sehen sie von ferne 
aus wie unsere europäischen Zigeuner. Sieht man sich 
aber die Leute aus der Nähe an, so sind es Mongolen. 
Das sind nicht mehr die herrlichen scharfgeschnittenen 
Köpfe und kühnen Augen des Prärieindianers; oliven- 
farbige Backenknochen sitzen in den ockerfarbigen Gesich- 
tern, bestialische Stupfnasen unter triefenden Schweins- 
augen. Japaner und Mandschus scheinen diese Rasse zu- 
sammengemanscht zu haben. 

In einer stillen Nebenstraße der Stadt steht, wie ich 
auf meinen Schleichwegen vorüberkomme, eine dunkle 
Menschenmasse, unbeweglich an eine Mauer gepreßt, 
beisammen. Es ist eine große Familie, ein ganzer In- 
dianer -tribe, der da in der düsteren Dämmerung bei 
der Mauer steht. Auf der anderen Seite der Straße ist 
die Polizeistation, und hinter einem der vergitterten 
Fenster im ersten Stock sitzt, in heller Jacke und mit einer 
Haube auf dem Kopf, eine vom Stamme da drüben. 

Männer, Weiber, Kinder, Greise und Greisinnen flü- 
stern leise und beklommen miteinander bei der Mauer, 
schauen zu dem vergitterten Fenster im ersten Stock 
hinauf und flüstern dann weiter, leise und beklommen. 
Ihre schmutzigen Gesichter, die die Laterne drüben vor der 
Polizeistation bescheint, sind ganz verzerrt von Traurigkeit. 

246 




Der Hafen von Fancouver 

Ein paar rohe Straßenbengel, Weiße, gehen vorüber 
und johlen etwas Unanständiges zum Fenster hinauf. Die 
Gefangene rührt sich nicht. Das Gesicht auf die Hand 
gestützt, sitzt sie da beim Fensterbrett und schaut auf 
den tribe hinunter, zu dem sie nicht hinunter darf, weil 
sie etwas zuviel von dem verbotenen Feuerwasser sich 
unter ihre Stupsnase gegossen hat. 

In dem Hafen aber — o dem Hafen von Vancouver, 
ist Leben zur Tages- wie zur nächtlichen Stunde. 
Ein großes graues Schiff hat schon dreimal gerufen, jetzt 
gleitet es, mit Lichtern in allen Kabinenluken, mit roten 
und grünen Lichtern auf Mast, Back und Kommando- 
brücke, langsam und ernst vom Pier weg und in den Hafen 
hinaus. Es ist der Alaskadampfer, da fährt er davon, hin- 
auf nach den Inseln des Yukon, nach den Hafenplätzen 
Alaskas, nach dem Arktischen Meer. Keiner aus der 
tücherschwenkenden Menge hier unten, wo ich stehe, 
keiner aus der kleinen Menschengruppe dort oben auf 
dem Achter denkt an das Schiff, das da davon fährt, jeder 
hat einen, der davonfährt, einen, der dableibt, im Sinne. 
Nur ich denke an das Schiff. Mit versagendem Atem 



247 



schaue ich dem Dampfer nach, und meine Sehnsucht 
nach den Ländern dort oben zieht noch eine Furche 
ins Wasser hinter dem Dampfer her, der davonfährt. 

Ich taste meinen Paletot ab nach dem Büchlein, das ich 
in einer Tasche mit mir trage, nach meinem Reisebrevier, 
das mich seit Toronto begleitet hat, die gan:^e w^eite 
Strecke her bis nach dem Meer im Westen. Es sind die 
,, Songs of a Sourdough" des kanadischen Dichters Robert 
Service. Ich brauche das Büchlein nicht aufzuschlagen, 
ich könnte die Worte im Dunkeln nicht lesen, ich weiß sie 
ja längst ausw^endig: 

,,There's a land, where the mountains are nameless 

And the rivers all run, God knows where; 

There are lives, that are erring and aimless 

And deaths, that just hang by a hair; 

There are hardships, that nobody reckons; 

There are Valleys, unpeopled and still; 

There's a land — oh it beckons and beckons, 

And I want to go back — and I will." 



248 



STATIONEN ZWISCHEN PAZIFIK 
UND MISSISSIPPI 



DIE STADT DER ERDBEBEN 

Schon auf dem Lloyd-Schiff hab ich dieses Wort ver- 
nommen: ,,a muckraker", einer der Schmutz harkt. Im 
Gespräch mit meinem Amerikaner, dem Sportsman und 
Neu-England-Aristokraten, hatte ich ein paar Namen ge- 
nannt, die ich verehre: Robert Hunter, John Spargo, 
Charles Edward Russell. Mein Amerikaner blies nach 
jedem dieser Namen, wie ein Rauchkringel aus seiner Zi- 
garre, das Wort in die Luft. Ich hatte es nie gehört und 
ließ es mir von ihm auf den Rand der Schiffszeitung auf- 
schreiben. 

Jetzt finde ich es in einigen Einführungsschreiben, die 
mir kanadische Freunde an Leute in den Staaten mit- 
gegeben haben, als ein Epitheton ornans wieder, auf das 
ich eigentlich stolz sein müßte: ,,he is a good muckraker!" 
heißt es in diesen Briefen von mir. 

Ich muß mir für die Leute, denen ich meine Briefe 
überreichen werde, einen Kommentar herrichten. Auf 
dem Weg von Victoria nach San Franzisko hinunter ge- 
lobe ich mir's, niemals Parallelen ziehen zu wollen, 
zwischen dem Kontinent, aus dem ich kam, und dem, 
auf dem ich bin; den eigenen privaten Standard von 
Gut und Böse auf die Einrichtungen dieses großen Landes 
anzuwenden; meinen Eindrücken, wenn's geht, liebevoll 
zu mißtrauen, und das Morgige, Klare und Reine zu 
suchen hinter den Dunstwänden der Alltagsmiasmen, 
vor denen so viele, sich die Nasen zuhaltend, aus den 
Staaten fliehen. 

Das Mistharken kann der fremde, wiß- und wahrheits- 
begierige Zuschauer getrost den Einheimischen, denAmeri- 
canos überlassen, die sich dieser ehren- und dornenvollen 
Aufgabe gewidmet haben. — 

Vier Monate lang hab ich nun Zeitungen und Zeit- 
schriften hier herüben gelesen und bin erstaunt von der 
Summe sozialer Arbeit, die die Schmutzharker leisten. 
Schlag welche Nummer der großen, in Auflagen von 

251 



100 — 5'^oo*^o, von einer Million bis zu 1750000 Exem- 
plaren monatlich oder wöchentlich erscheinenden Zeit- 
schriften auf, von jjEverybodys", „Munsey", „Colliers", 
der ,,Saturday Evening Post", und du gehst sicher, in ihr 
einen Muckraker an der Arbeit zu finden. Du wirst einen 
in den stärksten, mutigsten und dezidiertesten Worten ver- 
faßten Aufsatz lesen können, in dem einem der großen 
sozialen Schäden des modernen Amerikas zu Leibe ge- 
gangen wird. Revolte gepredigt, der Sinn für das Gute, 
für das Ideal Lincolns, das amerikanische Prinzip der Ach- 
tung vor dem Individuum gestärkt und unterstrichen wird. 

Zwei große Augiasställe werden geputzt und geputzt, 
die Trusts und die politische Korruption in Washington 
und in den Staaten. Der Trustmagnat und der Grafter, 
der Bestochene, auf diese zielt die Mistgabel des Muck- 
rakers; und da der letztere die Kreatur des ersteren ist, 
so bekommt er selbstredend zuerst die Zinken in den Leib. 
Aber der Schmutz, den sein zerplatzender Organismus 
umherspritzt, besudelt den immer noch irdischen, aber 
aus haltbarerem Material geschaffenen Götzen dahinten 
dermaßen, daß heute schon jeder von diesen Rockefellers, 
Goulds, Carnegies und Morgans in einem Kleid von Blut 
und Schmutz von oben bis unten angetan vor dem em- 
pörten Rechtsgefühl des Americanos dasteht. 

Jeder von den Millionen, die hier die Zeitschriften 
lesen, weiß heute Bescheid über die großen Raubtrusts, 
die Milch-, Wolle-, Eis-, Stahl-, Öl-, Eisenbahn-, Fleisch- 
trusts. Jeder kennt die Einrichtungen der ,, Lobby", des 
Vorzimmers, in dem der Politiker mit dem Bestecher ver- 
kehrt; auf den Boß, der die städtischen Konzessionen 
gegen tüchtige Trinkgelder an seine Günstlinge verteilt, 
zeigt heute jedes Kind mit dem Finger zwischen dem 
Pazifik und dem Atlantischen Meere. 

Der Reihe nach wird die Schande des Landes, die Kor- 
ruption der großen Städte und ihrer lokalen Machthaber, 
vor den Augen des großen Amerikas durch die Zeitschrif- 
ten, die jeder liest, aufgedeckt. 

252 



Neben der Anklageliteratur der Zeitschriften hat sich 
eine Anklageliteratur in den Romanen, der dramatischen 
Produktion Amerikas entwickelt. Man darf getrost sagen, 
jeder bedeutendere Schriftsteller des heutigen Amerikas ist 
Sozialist. Kämpft, mit der Waffe der Begeisterung oder 
dem Handwerkzeug der Tendenz, für die Befreiung seines 
Landes aus der Sklaverei eines Systems, das mechanisch 
und automatisch- die Masse verelendet und einzelne in 
schwindelnde Höhen des Wohlstands emportreibt. 

Beneidenswerte gibt es unter ihnen, die direkten Ein- 
fluß auf die Reorganisation wertvoller Institutionen aus- 
geübt haben, oder wenigstens eine Reorganisation in die 
Wege geleitet haben. Ihren Namen nennt jeder rechthch 
Gesinnte mit Sympathie, zwischen den beiden Meeren. 
Da ist der jung gestorbene Frank Norris, der diese selbe 
Bahn, auf der ich jetzt von Norden nach Süden fahre, die 
Southern Pacific, in seinem Meisterwerk ,,The Octopus" 
bloßgestellt hat. Da ist der Verfasser des „Jungle", Upton 
Sinclair. Da ist der genialische Jack London, ein als Aben- 
teuersucher verkleideter Prophet und Revolutionsstifter. — 

Ganz deutlich nehme ich den Klimawechsel auf dem 
Weg von Kanada nach dem westlichen Staat der Union 
wahr. Ganz anders reagiert meine empfindliche Epidermis 
auf die überstürzte Daseinsfreudigkeit des jungen Kanada 
und auf das männliche Sichselbstbesinnen der Stadt hier 
unten in Kalifornien. 

Gerade wie ich ankomme, gehen wichtige Dinge im poli- 
tischen Leben des Staates vor. Die Frauen gewinnen das 
Wahlrecht. In Los Angelos bereiten sich die Dinge des 
Mac Namara Dynamit-Prozesses vor — noch wenige Tage 
und die angeklagten Brüder, Sekretäre der Stahl- und 
Brückenarbeiter-Gewerkschaft, werden sich offen zur Pro- 
paganda der direkten Aktion bekannt haben. Einstweilen 
kämpft die Reaktion, mit dem verrotteten alten „Gene- 
ral" Harrison Otis an der Spitze, gegen den jungen auf- 
steigenden Gouverneur Hiram Johnson, von dem die 
W^elt noch hören wird. 



253 



Es ist nicht schwer vorauszusagen, wer gewinnen wird: 
der faule Kapitahst, der gegen den sicher herankommenden 
Mob geifert, oder dieser sympathische IdeaHst, von dem 
das Wort stammt: 

„When you create a class to govern in this country, just 
that instant you violate a fundamental principle, on which 
we founded this government, and you strike a blow to 
liberty itself. It's a survival of the old worship of power. 
The rabble and the mob! We're all the rabble and 
the mob in this Country, and the present design of 
the government of this State is, that you shall all parti- 
cipate in it." 

(Aus einer Rede des Gouverneurs Johnson vor Richtern 
und Anwälten.) 

In Kanada, dem Lande, in dem die Unterschiede noch 
nicht so betont sind, in dem sich die Klassen, die Kasten, 
die Bezeichnungen noch in einem halbflüssigen Zustand 
befinden, durcheinander gehen und ineinander über- 
fließen, klingt ein Satz wie dieser oben unterstrichene 
hochmütig und anmaßend. Hier unten darf er einen schon 
begeistern. Weiter im Osten wird man ihn belächeln und 
sagen: von dem ersten Mann eines westlichen Staates sei 
doch weiter nichts zu erwarten als eine hochtönende 
Phrase. Das Volk des Westens gilt dem im Osten als showy 
people, als lautes, vordringliches, seine Gesinnung in 
greller Weise ausposaunendes Volk. Der Westen revan- 
chiert sich und schimpft die Leute des Ostens Jingos und 
erkaltete Hyperboräer mit zugeknöpften Taschen und 
Herzen. Tatsächlich kommt man auf der Fahrt von 
Westen nach Osten Europa rapid näher. In Chicago friert's 
einen schon beträchtlich, in Newyork vollends ist die 
Atmosphäre schon ganz geladen mit Europa. Mag der 
Westerner noch so grell und laut sein, naiv und gutmütig, 
begeisterungsfähig und gastfreundlich, leichtlebig und 
rasch gerührt ist er. Er baut rasch und sitzt nicht lange 
trauernd auf den Ruinen herum. Er hat länger im Jahr 
und eine heißere Sonne über dem Kopf wie der Bruder am 



Atlantik, und wenn eine Phrase nur genügend lange von 
der Sonne bebrütet wird, so kann aus ihr eine lebendige 
Wahrheit herauskriechen. 

Zu der Stadt am Goldnen Tor, zu der wunderherr- 
lichen Märchenstadt, in der ich aus einem hohen tro- 
pischen Garten zum erstenmal den Stillen Ozean in seiner 
erschütternden Pracht, den Sonnenuntergang im unbe- 
grenzten flutenden Westen gesehen habe, wird mein Ge- 
dächtnis zurückwandern manches Jahr. 

San Franzisko hat sein Schicksal erlebt und überstanden. 
Hier gehe ich durch eine neugeborene Stadt, in der das 
Atmen der tätigen Kraft förmhch wie ein Windstrom 
durch die Gassen, die Hügel hinab und hinauf zu spüren 
ist. San Franzisko hat sich aber zu dem fatalen noch ein 
selbst gewolltes Erdbeben hinzudiktiert, und wie sich das 
Gemeinwesen San Franzisko aus seinem politischen Schutt- 
haufen emporgehoben hat, das ist ebenso wunderbar, wie 
die neue marmorweiße Stadt es ist, inmitten ihrer Trüm- 
merfelder. 

Gegenüber meinen Fenstern stehen einzelne hohe 
weiße Häuser, allein, schmal anzusehen, sicher. Sie sind 
umgeben von Gräben, Ruinen, von Unkraut mannshoch 
überwuchertem Stein, Ziegel und Glasgeländen. Schaut 
man genauer hin, so kann man sehen, wie eine kleine Stein- 
treppe vom Pflaster zu einem Haus hinaufführt, das nicht 
mehr da ist, die Treppe führt zu Grauen und Unglück 
hinauf, nicht zu einem Heim, rechts und links von der 
Treppe aber stehen drei, vier verrostete Lanzen, Überreste 
des Gitters, von der furchtbaren Last des einstürzenden 
Gemäuers nach außen gegen die Straße zu umgebogen . . . 

Viele dieser Trümmerstätten sind jetzt von Zäunen um- 
geben und verdeckt, diese Zäune sind aber von oben bis 
unten mit Wahlaufrufen, Porträten, allerhand Plakaten 
vollgeklebt, deren Wortlaut das Gemeingefühl stimu- 
lieren und den Passanten in eine gehobene Stimmung ver- 
setzen soll. 



255 



Ehrlich gesagt war's mir die ganze Zeit ein bißchen 
schlecht und übel von all den Gesichtern, die mich von 
Zäunen und Laternenpfählen angestarrt haben. 

Der Bürgermeister war schon gewählt. Unter den stock- 
hohen Plakaten: „Wählt X. Y. zum Bürgermeister!" 
klebten ebenso umfangreiche mit der Aufschrift : 

„We did it!" 
— „wir haben's getan!" Jetzt kam der Distrikt Attorney 
und die schier endlose Reihe der Kontrolleure an die 
Reihe. — 

Ihren letzten Bürgermeister, Eugen E. Schmitz und 
den großen Boß, d. h. Bürgermeistermacher, Unternehmer 
und Manager, der hinter ihm stand und in dessen Händen 
das Stadtoberhaupt bloß eine Puppe und Jasager zu 
nennen war, hat San Franzisko auf eine radikale und vor- 
bildliche Weise abgeschüttelt. Dies private Erdbeben 
San Franziskos hat Amerika ebenso aufhorchen machen, 
wie sein offizielles die Welt. San Franziskos letzter Boß, 
ein elsässischer Jude mit Namen Abraham Ruef, ein 
Mann von ungewöhnlichen Fähigkeiten, hat am Goldenen 
Tor zehn Jahre lang eine wahre Schreckensherrschaft ge- 
führt. Wer in der Stadt etwas bauen, unternehmen, wer 
ein anständiges oder ein verruchtes Gewerbe ausüben 
wollte, dessen Weg führte durch Boß Ruefs Tasche. Als 
im April 1906 das Erdbeben und das drei Tage anhaltende 
Feuer die Stadt zerstörten, in vollem Sinne des Wortes 
alles dem Erdboden gleichgemacht und neu aufzubauen 
war, da nahm die Gewalt Ruefs phantastische Propor- 
tionen an. Telephon, Wasserleitung, Straßenbahnen waren 
neu zu errichten und Bestechungsgelder, Millionen fingen 
an, in die Taschen der Beteiligten, die die Arbeiten zu 
vergeben hatten, hineinzulaufen. 

Die staunenswerte Energie, mit der die Leute, die diese 
Stadt regierten, ihren Wiederaufbau in die Wege leiteten, 
lenkte auf einmal das Interesse des ganzen riesigen Welt- 
teils auf Schmitz, Ruef und die um sie hin. AUmähhch 
fing das Mitgefühl für Frisko an, sich in Enthusiasmus für 

256 



Schmitz zu verwandeln, und es gab Stimmen, die Schmitz 
als Kandidaten für die Präsidentschaft der Vereinigten 
Staaten ausriefen! 

Da stand William Randolph Hearst auf, der Befehls- 
haber der kolossalsten Zeitungsmacht des heutigen 
Amerika, Herausgeber des New York American, San 
Francisco Examiner und eines Dutzends anderer, ins- 
gesamt von täglich fünf Millionen Menschen gelesener 
Blätter, und gegenwärtig die enormste und ungezügeltste 
Ambition Amerikas. Mit ihm verbündete sich einer der 
reichsten Männer des Kontinents, Klaus Spreckels, der 
Konkurrent Patrick Calhouns, des Präsidenten der United 
Railways, der für die Straßenbahnkonzession eine Be- 
stechung von 200000 Dollar für Ruef und die anderen 
aufgewandt hatte — Hearst und Spreckels leiteten eine 
Riesenkampagne gegen Ruef und Schmitz ein, die mit der 
Aufdeckung der ganzen Boß- Wirtschaft und dem Sturz 
der Gewaltigen endete. 

Nachdem der öffentliche Ankläger, Heney, einer der 
tüchtigsten Advokaten Amerikas, im Gerichtssaal nieder- 
geschossen worden war, übernahm ein junger Rechts- 
anwalt, Hiram Johnson, die Anklage. Schmitz haben sie 
laufen lassen. Ruef ist zu vierzehnjähriger Zwangsarbeit 
verurteilt worden. Hiram Johnson ist heute Gouverneur 
von Kalifornien, derselbe, der das populäre Wort vom 
Mob geprägt hat und ernsthafter Kandidat für die Prä- 
sidentschaft im Jahre 191 6. Als solcher wird er vielleicht 
noch ein Hühnchen mit dem ewigen Outsider Hearst zu 
pflücken haben. Spreckels aber hat die Trambahnen des 
neuen San Franzisko gebaut. — 

Das Erdbeben muß furchtbar gewesen sein. In Palo 
Alto drüben, in der Stanford Leland- Universität ist 
bloß das innere Gebäude- Viereck, zu Lebzeiten der Stifter 
gebaut, stehen geblieben. Die Gebäude ringsum, Museum, 
Laboratorien, Bibliothek liegen heute noch in Trümmern. 
Als ich mich nach der Ursache dieser zwiespaltigen Wir- 

T7 257 



kung eines und desselben Erdbebens erkundige, erwidert 
man mir : Graft ! Das große amerikanische politische Wort : 
Bestechung, Betrug. Die um das intakte innere Viereck 
in Trümmern herumliegenden Häuser wurden aus dem 
elendsten Material erbaut von Unternehmern, die zu 
ihren Baukonzessionen in der üblichen elenden Weise ge- 
langt waren. 

Ich hatte in meiner europäischen Naivetät vor, mich 
beim Stadtbaumeister Mr. Coffey von San Franzisko 
nach den ästhetischen Prinzipien zu erkundigen, die ihn 
beim Wiederaufbau der Stadt leiten. (Vor dem Erdbeben 
hatte Ruef und Schmitz und den ihren ein groß angelegter 
Verschönerungsplan vorgelegen.) Meine Freunde lachen 
mich aus: ästhetische Prinzipien? Besseres Material! 
Stadtanlage? Reinforced concrete, d. h. Eisenbeton! 

Im Grund ist's ja wirklich einerlei. Ästhetik hin oder 
her! Mögen die Westerners das grelle Volk bleiben, das 
sie sind, wenn sie ihre Prinzipien nur aus härterem Ma- 
terial wiederaufbauen, wenn das erneuerte Amerika die 
Erschütterungen nur ebenso gut aushält wie das von den 
Stiftern erbaute „innere Viereck" des großen Landes! 

Ich bin nach dem Gefängnis St. Quentin in der Sausahto- 
Bucht bei San Franzisko mit der geheimen Hoffnung ge- 
fahren, ich könnte dort Abe Ruef sprechen. Er ist ein 
Mann von ungewöhnlicher Bildung, hat im Gefängnis 
ein Drama verfaßt, das nächstens in ganz Amerika auf- 
geführt wird, und eine Denkschrift über eine Reform des 
Gefängniswesens, die von Staats wegen gedruckt und an 
alle Gefängnisdirektoren Amerikas geschickt worden ist. 
Ich habe Pech. Genau an dem Tage, an dem ich in 
St. Quentin bin, macht Gouverneur Johnson hier seinen 
ersten Besuch. Eine Viertelstunde nach ihm passiere ich 
auf meinem Rundgang die Jute-Spinnerei, in der Ruef, 
gelb und verfallen, im gestreiften SträfUngskleid, den Web- 
stuhl bedient. Den Mann anzureden, der vor einer Viertel- 
stunde seinen siegreichen Vernichter von Angesicht ge- 

258 



schaut hat, habe ich nicht den Mut. Vermutlich dürfte 
ich es auch gar nicht, aus Gründen, die im^ Reglement 
stehen. — 

St. Quentin ist ein Gefängnis, in dem man sich's 
wünschte, eingesperrt zu sein. (Die treugebliebenen 
Freunde der Mac Namaras freuen sich darüber, daß diese 
in St. Quentin eingesperrt sind.) Es liegt in der Bay von 
San Franzisko wie Sorrent in der Bay von Neapel. Es hat 
seine eigene vortreffliche Musikkapelle, seine Baseball- 
und Tennismannschaften, seine Klubs und sozialen Ver- 
eine. Alle aus Sträflingen gebildet. 

Im großen Hof, hinter einem tropischen Blumenbeet, 
ist noch die Bühne zu sehen, auf der vorgestern eine 
Truppe von ausgezeichneten englischen Schauspielern, 
die jetzt drüben in Frisko gastiert, das durchaus nicht 
moralische Einbrecher- und Detektiv-Stück: „Alias Jimmy 
Valentine" aufgeführt hat. Der Direktor von St. Quentin, 
Hoyle, ist ein Mann, in dessen Seele die Unruhe lebt, die 
Unruhe des Wissenden um die Quellen von Recht und 
Unrecht, Gut und Böse. Er versucht seine Pflicht gegen 
die Menschheit zu erfüllen, wo andere es sich leicht ma- 
chen, indem sie ihre Pflicht gegen den Staat erfüllen. 

In einem Saal sehe ich zu, wie ein (eingesperrter) Lehrer 
etwa fünfzig SträfHngen Unterricht in der Natur- 
geschichte erteilt. Mancher erwachsene Mann lernt hier, 
hier, in der Muße, die das Gefängnis bietet, erst schreiben 
und lesen . . . hier erst . . . 

Die Zellen, die Baderäume, die Mittagskost bekomme 
ich zu sehen und zu kosten. Natürlich auch das Bertillon- 
Zimmer. Den stärksten .Eindruck aber erhalte ich vom 
Raum, in dem die Hinrichtungen vollführt werden. 

Kalifornien hat den elektrischen Stuhl nicht eingeführt, 
sondern henkt seine Verurteilten. Drei große Stricke 
baumeln herab in einem turmartigen Gehäuse, zwei von 
ihnen haben eine mit Eisenfarbe angestrichene Holzkugel 
an ihrem Ende, die dritte eine eiserne Kugel. Oben, 
über dem Turm ist ein kleiner, verschlossener Holz- 

17* 259 



verschlag. Ein Tisch befindet sich in ihm und drei Stühle 
hinter dem Tisch. Über den Tisch laufen drei dünne 
Schnüre. An jeden ist unter dem Boden des Verschlages 
einer der drei Stricke befestigt. Drei Wächter sitzen im 
entscheidenden Augenblick mit scharfen Messern oben 
an dem Tisch. Auf ein Zeichen schneidet jeder eine 
Schnur auf dem Tisch entzwei. (Ich sehe die Kerben auf 
der Tischplatte.) Keiner weiß, ob seine Schnur das Eisen- 
gewicht zum Hinunterfallen gebracht hat, oder ob es nur 
das unschuldige Holzgewicht war, das am Ende seiner 
Schnur hing. 

Es ist eine humane Einrichtung, human gegen die 
Wächter, denn auf diese Weise weiß es keiner, ob er oder 
sein Nachbar das Blut jenes Einen dort unten, dem das 
schon egal ist, auf seinem Gewissen hat. 

Mein uniformierter Begleiter sagt: „Ich habe mich 
trotzdem niemals zu diesem Dienst gemeldet. Ich bin 
trotzdem niemals mit den anderen beiden im Turm oben 
gesessen." 

Wie ich wieder ins Freie komme, sag ich mir: endhch 
hab ich das Geheimnis unserer heutigen Gesellschaft mit 
eigenen Augen gesehen. Die Dreie oben belauert, die den 
Einen unten umbringen. Die Dreie, von denen es doch 
keiner gewesen ist. Die Dreie, von denen keinen die 
Schuld noch die Verantwortung trifft. Die Gesamtheit, 
die oben sitzt, und den Einzelnen, der unten daweil 
sicher geht und bar bezahlt. Den Holzverschlag und die 
Kerben auf dem Tisch will ich mir merken! 



DER CANYON, DER GÖTTERGARTEN UND DER 
VITAGRAPH 

Die Naturkräfte, d. h. Ressourcen, und die Natur- 
wunder dieses Landes stehen im Einklang mit seiner 
Ausdehnung und Peripherie. Die Niagarafälle — ein See 
stürzt in den anderen hinunter. In dem Canyon, dem Ab- 



260 



grund, den der Coloradostrom in den Staat'Arizona ge- 
rissen hat, ist aber Raum für noch einen, mit dem Kopf 
nach unten drüber gestülpten Staat des großen Amerika. 

Zwischen der Sierra Nevada Oregons und Kaliforniens 
und dem Felsengebirge, das von oben her aus Kanada 
über Wyoming, Montana und Colorado herunterrollt, 
bis es in Neu-Mexiko sich verliert, liegt die Mojave-Wüste, 
ein ausgetrocknetes Meer, berühmt um die Klarheit seiner 
Atmosphäre willen. Keiner, der Bescheid weiß, versäumt 
es, bei Flagstaff zumindest aus dem Waggonfenster zu 
blicken, nach der Richtung hin, wo Percival Lowell, der 
Erforscher Asiens und des noch älteren Mars, in seinem 
Observatorium sitzt. Von hier kommen die großen Tages- 
neuigkeiten her, die sich draußen in dem Weltall ereignen, 
Nachrichten über Eklipsen, politische Nachrichten vom 
Planetensystem. Ein neugieriger, ungefragter Erdenwurm 
grübelt da im gelben Sand und sucht in seinem erleuchte- 
ten Hirn nach einem Reim auf die größten Dinge zwischen 
Himmel und Erde. 

Nicht weit von Flagstaff, nördhch von der Station 
Williams, am äußersten nördlichen Rand von Arizona, 
liegt der Canyon des Coloradoriver. Man kommt auf der 
Coconino-Ebene an und sieht hinüber nach der Kaibab- 
Ebene. Zwischen diesen beiden auf fast gleichem Niveau 
gelegenen Plateaus starrt ein Abgrund. Manche von den 
Bergen, die tief unten in diesem Abgrund ihre Zinnen 
in die Höhe strecken, sind, wie zuverlässige Geometer 
festgestellt haben, 6000 Fuß hoch, keiner erreicht mit 
seinem Gipfel das Niveau des Plateaus. Als sähe man sich 
die Schweiz bei Maloja in einer Schlangenmenschpose 
umgekehrt durch die Beine hindurch an, so etwa sieht der 
Canyon aus. Ein Brett von Plateau zu Plateau würde fast 
wagerecht daliegen, aber es würde einem ein bißchen 
schwindlig werden vom Anblick der Kuppen, Zacken, 
Zinken, Türme und Kegel im Hinübergehen. Man fühlt 
die Vorstellung in sich aufsteigen: hier hat der Höllen- 
hund mit dreifachem spitzen Hundegebiß ein Stück Erde 

261 



aus dem glatten Erdball herausgebissen. Blutig und zer- 
fleischt starrt das Erdinnere den Zuschauer oben auf dem 
Plateau an, wie eine offene Frucht. 

Den Bergen dort unten hat man Namen gegeben, die 
sich auf ihre Formen beziehen. Es gibt einen Zoroaster- 
tempel, einen Apollotempel mit dorischen Säulen, jede 
fünfmal so hoch wie das Straßburger Münster, eine Burg 
Monsalvatsch, eine Cheopspyramide, einen flachen Hexen- 
tanzplatz auf einem viereckigen Würfel, zu dem man nur 
aus der Luft hinunterkann, sogar ein Kriegsschiff modern- 
ster Konstruktion, und das so heißt. Nur die armen 
Indianer (gewiß hat die Flut Tausende ihrer Wigwams 
fortgerissen und mitgespült) haben keinen einzigen ihrer 
geheimen Namen für diese unterirdischen Gebirge durch- 
setzen können. 

Der Abgrund, den man da vor und unter sich sieht, ist 
stellenweise 8000 Fuß tief; von Coconino bis Kaibab nur 
dreizehn Meilen breit; wenn man aber die Arme seitwärts 
ausstreckt, so weisen die Fingerspitzen auf eine halbmond- 
förmige Längsdistanz von 200 und einigen Meilen. Er 
wäre nicht halb so schaurig, wenn nicht die grellsten 
Farben, rot, hellgrün, gelb und bläulichbraun sich, wie 
mit dem Lineal gezogen, über diese ganze unterirdische 
Schweiz dahinzögen. Ein Kegel hat eine gelbe Kappe, 
einen blauen Rumpf und ein rotes Gesäß. Neben diesem 
Kegel ist Luft, graues Geklüft tief dahinter, mit dem 
unsichtbaren Strom in der Tiefe. Sieben Meilen weg be- 
ginnt ein eckiger Klotz oben gelb, wird in genau gleicher 
Höhe wie der Kegel blau und geht dann ins intensivste Rot 
über, das unten in nebelähnlichem Schmutzgrau versinkt. 
Auf diesem Dreiklang baut sich die ganze Farbenorgie auf. 

Aus den Broschüren, mit denen der Reisende bom- 
bardiert wird, wär's ein Leichtes, gelehrte Dinge und Na- 
men der Formationen herauszuschreiben. Dankbarer ist es, 
sich an den Sonnenuntergang zu erinnern, dessen Schatten 
die Farben verändern, die Konturen verwandeln, Figuren, 
die leben, aus baren Felsenwänden heraustreiben, in glatte 

262 




Der Canyon, abends 

Felsenwände Höhlen, Grotten schlagen, Inschriften auf- 
zeigen, die nur das Gottesauge entziffert und die dem 
Menschen nur sein Nichtswissen in einer einfachen Lösung 
vorzeichnen — über den langsam, langsam sich ver- 
dunkelnden zweihundert Meilen weiten Götterwitz. — 
Notizen: eine Fingalshöhle in den Lüften wird auf 
einmal ein toskanisches Felsennest. Aus einer roten Stadt 
erhebt sich eine schneeweiße Kathedrale. Ein Berg in der 
Nähe trägt die flachdächige Stadt Tunis auf seinem 
Rücken. Sie schmilzt aber zusehends zusammen, zu einer 
zickzackförmigen Terrassenzitadelle, die nicht mehr auf 
dem Berg, sondern in einer ausgekratzten Höhle v^e ein 
Basrelief daliegt. Auf einer polierten Mauer von tausend 
Fuß im Geviert erscheinen, wie die Sonne ein bißchen 
nach links weitergeht, assyrische Menschengestalten, die 
mit fabelhafter Geschvdndigkeit ihre Köpfe vertauschen, 
mit den Knien wackeln wie Komiker, die Zungen her- 
ausstrecken, mit Armen und Rumpf von rechts nach links 



263 



oder von links nach rechts „müUern". Die Zugspitze steht 
plötzHch zwischen zwei Kegeln, die sich verdunkelt 
haben, grell beleuchtet da, den Kopf nach unten. In den 
Zoroastertempel kommt Leben. Dunkle Fühlhörner strek- 
ken sich aus ihm aus nach den Tempeln der anderen Re- 
ligionen. Es dauert nicht lange, und der Apollotempel 
mitsamt dem Monsalvatsch haben sich mit ihm zu einem 
Bund vereint, aus dem eine große gemeinsame Finsternis 
sich über alle Nachbarhöhen erstreckt, sie rasch auf- 
fressend. Die Bogenschützen, die Keilinschriften, die 
Rodinschen Unzuchtspaare, die von Michelangelo ge- 
meißelten Figuren des Weltuntergangs, die sich lüstern 
streckenden und streckenden Steinpanther der Apokalypse 
verschwinden rasch in der von links nach rechts durch den 
Abgrund ziehenden Nacht. Aus ist die Vorstellung im 
Amphitheater des Canyon. Und die Menschlein, die heim ins 
Hotel El Tovar ziehen, finden dort den Eintrittspreis, wie 
sich's gehört, tüchtig in Dollar und Cent umgerechnet. — 

In der Hotelhalle hegt ein Buch, darein die Völker- 
scharen, die hier vorübergezogen sind, ihre Eindrücke, 
Gedanken und Empfindungen geschrieben haben. Auf der 
Höhe meiner Sendung durchstöbere ich dieses Fremden- 
buch nach charakteristischen Äußerungen der amerika- 
nischen Bürgerseele. 

Lobpreisungen der Vorsehung überwiegen. All diese 
Americanos führen ihre Bibel mit sich, das ist gewiß, 
sonst könnten sie Bibelstellen und Psalmen nicht so richtig 
zitieren. Gelehrte Leute aus der Intelligenzstadt Boston 
äußern sich im Sanskrit. Bewohner der Sonderlingsstadt 
Los Angeles lassen sich im Esperanto, mit Zitaten aus 
Omar Khayyam, Whittier, Goethe, Shelley und Mrs. 
Baker Eddy hören. Enthusiastische Leute aus Texas und 
Louisiana ergehen sich in patriotischen Expektorationen, 
viele haben eine Spitze gegen Europa und zischeln: 
Amerikaner, seht Euch doch erst Euer eigenes Land an, 
eh' ihr hinübergeht! 

264 




Einer nur hat einen ver- 
nünftigen Gedanken beim 
Hinunterstarren in den Ab- 
grund gehabt. Er hat den 
lapidaren Ausruf ins Hotel- 
buch eingeschrieben : 
„O Hell, 
where is the Bottom?" 

Bis in den Schlaf hinein 
verfolgt einen das Bibel- 
zitieren. Hinter der dünnen 
Wand diskuriert der Nach- 
bar vor dem Zubettegehen 
mit seiner Ehefrau. Sie 
fragt nach Geologie, und 
der Gatte antwortet in den 
Pausen zwischen dem Gur- 
geln mit Theologie. Dann 
legt er sich mit einem Krach 

zu Bette und lobsinget noch eine Weile dem Herrn. Die Ehe- 
hälfte hat schon, müd von der abenteuerlich scharfen Luft 
und den Erfahrungen eines langen Ehestandes mit einem 
resignierten Schnarchen begonnen. Das kann gut werden! 

Bald fängt auch der salbungsvolle Schafskopf mit Schnar- 
chen an. Während ich den Kopf tief in die Daunen presse, 
denkeich an diebodenloseGrausamkeitderNaturdadraußen. 
An die Tausehdevon unschuldigen Indianern, von Menschen 
und Vieh, die ihr Ende gefunden haben; an die unerbitt- 
liche Gegnerschaft des Fließenden gegen das Feste. Und 
wünsche mir, der Abgrund neben dem Haus möchte doch 
nicht so tot und stumm daliegen, sondern lieber wie ein rie- 
sigerW^asserfall rauschen und tosen, damit ich das Schnarchen 
nebenan nicht eine ganze lange Nacht zu hören brauchte! 



Im Hintergrunde: der Canyon 



In den ,, Garten der Götter" fahre ich von Colorado 
Springs, oben bei Denver, auf Onkel Jimmys Buggy. 
Onkel Jimmy läßt mich nicht in Ruhe. Schon in der 



265 



Stadt muß ich alles mögliche über Pikes Peak hören, der 
in schneeiger Glorie vor uns liegt, allerhand Weisheit, für 
die Touristen zusammengebraut und durch die jahr- 
zehntelange Zungentätigkeit des alten Kutschers abge- 
schliffen und abgewetzt. 

In der Nähe des „Göttergartens" fangen die Vergleiche 
an. „Look: sehen die beiden Felsen dort nicht aus, wie 
zwei Kamele, die sich küssen?" „Allright, Jimmy, laß sie 
sich küssen." „Look: das dort ist der Löwenkopf, das dort 
ist der Bär, jetzt sehen wir die Kathedrale, jetzt den See- 
löwen, den Frosch, jetzt Montezuma ... All dies, Siree, 
ist aus der Zeit dageblieben, wie Pikes Peak noch eine 
Insel im Meer war und „später" hat eine vulkanische Ge- 
schichte die Felsen da in die Landschaft hineingepflanzt." 

„Git ye up, alte Mähre, kitzle sie, Onkel Jimmy, damit 
wir die Karawane dort vorne einholen." Der Alte spuckt 
seinen Tabak durch die Luft: „Giddiap!" und bald dar- 
auf holen wir die Reiter und den Wagen vor uns ein. 

Der Göttergarten ist ein Garten aus kurios geformten 
Felsen, roten, grünen und grauen, die da ohne Grund 
und Ziel mitten auf der Hochebene unter den Rockies 
von Colorado herumliegen. Um im Vergleich zu bleiben: 
der Höllenhund, der zwei Tagereisen weit im Westen 
das Stück aus dem Staat Arizona herausgebissen hat, hat 
einiges davon hier über den Staat Colorado ausgespuckt, 
und da gibt es also ein Naturwunder mehr anzustaunen. 

Die Karawane vor uns hält. Ein jünger geschminkter 
Cowboy und ein junges hübsches geschminktes Mädchen 
lehnen sich vorsichtig an einen Zaun und äugeln mitein- 
ander. Im Hintergrund funkelt Pikes Peak, und die Köpfe 
der beiden, die sich soeben vor dem großen grauen Leier- 
kasten des Vitagraphs augenscheinlich ineinander ver- 
lieben, sind genau auf den Felsenweg eingestellt, die 
klotzigen roten Riesen, die das Tor des Göttergartens vor- 
stellen. 

Der Regisseur, Herr Rollin Sturgeon, der die Men- 
schenseele wie die sichtbare Natur mit Hinblick auf kine- 

266 




Im Garten der Götter 
Vorn der Vitagraph-Cowboy, hinten der Verfasser 

(Aufnahme von Paul Goerke & Son, Manitou, Col.) 



267 



matographische Wirkung studiert und ergründet hat, 
souffliert dem Paar: jetzt lächelt, bitte jetzt zögernd 
eine Hand auszustrecken, bitte jetzt einen Grashalm vom 
Boden zu reißen und ihn langsam durch die Zähne zu 
ziehen. 

Eine Wolke erscheint links unter Pikes Peak, und die 
Szene muß wiederholt werden, damit die Wolke mit auf 
das Bild kommt. 

„Now, business!" 

Der Mann hinter dem Leierkasten dreht die Kurbel, 
langsam schleicht die Wolke vorüber, und die Liebes- 
worte der beiden, die nur berufen sind, die Distanz zwi- 
schen den Gebärden zu bestimmen, ertönen aufs neue. — 
Krach! Etwas ist im Kasten geschehen. Dam' it! die Wolke 
ist pfutsch! alles muß von vorn angefangen werden. Das 
Liebespaar schimpft, der Regisseur ist wütend, nur der 
Leierkastenmann, das Felsentor und die Wolke sehen 
gleichgültig drein. 

Im Hintergrund voltigiert ,, Adlerauge", der Halbblut- 
Apache auf seinem Vollblutpferd herum und macht den 
Mitgliedern der Truppe, die in dieser Szene der Tragödie 
,,Das Herz eines Mannes" noch nichts zu tun haben, 
halsbrecherische Kunststückchen vor. ,, Adlerauge" hat 
zwei richtige Zöpfchen rechts und links von seinem roten 
Gesicht niederhängen. Er verdient als authentischer Kine- 
matographenapache mit Zöpfchen 40 Dollar die Woche. 
Ohne Zöpfchen würde er bloß zehn verdienen. Wie ich 
ihn nach seiner Squaw frage, antwortet er, seine Squaw 
sei eine Fraw und stamme aus Leipzig. Die ganze Gesell- 
schaft, fünfzehn Leute, reist nach dem Canyon, wo an- 
gesichts der Cheopspyramide und des Monsalvatsch eine 
Eifersuchtsszene stattfinden wird, von dort aber nach Los 
Angeles, wo der Stille Ozean den Hintergrund für eine 
gefährliche Eskapade hergeben muß. 

Durch den Garten der Götter reise ich mit diesen un- 
wahrscheinlichen Menschenkindern. Vor dem Riesen- 
pilz liegen sich Tom und Phoebe in den Armen. Dann zieht 

268 



sich Phoebe hinterm Riesenpilz eine andere Bluse an 
und kämmt sich die Haare in die Stirn zum Zeichen, 
daß ein Monat vergangen ist. Szene sieben spielt an der- 
selben Stelle vor dem Riesenpilz, der Dialog aber heißt: 

,,Why, Tom, dont be silly! Marry you, a common 
cowpuncher? Well never, my life!" 

,,So — hast du — mit mir nur gescherzt? O! O!" 

,,Well, Tom, you never had a girl fürt ? O dont be 
foolish, my boy!" 

Hundert Schritte weiter ertönen Worte des Hasses, 
hundertfünfzig Schritte weiter Worte der Hoffnung, 
noch fünfzig Schritte weiter sind es Worte der befriedigten 
Rache, alles sehr gut gesprochene, ausgezeichnet gemimte 
und fürstlich bezahlte Worte — eigentlich habe ich gar 
nicht das Gefühl, als würde diese aparte und einmal und 
auf Nimmerwiedersehn vor meinem Auge auftauchende 
Landschaft durch die now-business!-Romantik profaniert 
dahier. 

Allenthalben ist jetzt ein groß Geschrei zu hören: 
hie Theater, hie Kinematograph. Als ob man dem Kine- 
matographen die gut gemimten Leidenschaften mit der 
echten Landschaft dahinter nicht tausendmal lieber 
glaubte als dem Theater das ungeschickt gewählte, aber 
hörbare Wort vor gemalten Kulissen ! Von einem geliebten 
Menschen gibt mir eine gute Photographie mehr und Nähe- 
res als die Sudelei eines „eigenartigen" Porträtisten. 
Überhaupt weiß ich nicht mehr, wo die Grenzen von 
Natur, Reproduktion und künstlerischem Neuschaffen ge- 
legen sind. Wenn mir Einer oder Eine Dinge im Affekt ins 
Gesicht schreit, die mich angehen, so kann ich mich bei 
dem Gedanken ertappen: der oder jener Schauspieler 
macht das besser! Steh ich zum erstenmal vor einer 
hundertmal auf Photographien bewunderten Landschaft, 
so mag's kommen, daß ich resigniert und naserümpfend 
konstatiere: es war wieder nichts. Meine Romanlektüre da- 
gegen beziehe ich mir am liebsten aus dem Kriminal- 
gericht in Moabit. Im übrigen ist unsre Zeit heute im 

269 



Erfinden vollkommenster Reproduktionstechniken so groß, 
daß man wirklich nicht so ängstlich den Abstand der 
Emotion vom künstlerischen Mittel, das sie hervorruft, 
messen soll — da es sich ja um Dinge handelt, die man 
doch nicht selber erlebt. — 



VISION AN DER SANTA-FE-BAHN 

An diesem heißen Spätherbstnachmittag sitzt unsere 
Pullmanwelt unter dem Verandadach des Aussichts- 
wagens. Wir fahren durch den lebendigen Wüstenstaub 
Neu-Mexikos, der hinter dem Zug, mit der Sonne tief im 
Westen, wie ein goldroter Vorhang in die Höhe steigt. 
Da man sich seit dem Canyon kennt und wahrscheinlich 
bis Chicago beisammenbleiben wird, ist ein flottes und 
allgemeines Gespräch im Gange, das für mich lehrreich 
und amüsant ist zu gleicher Zeit. 

Rücklings nach Osten geschoben, mit dem Gesicht nach 
dem im goldenen Abend versinkenden Westen gewandt, 
das Navajoland zur Rechten und das Apachenland zur 
Linken, spricht alles durcheinander: vom Frauenstimm- 
recht, von der Revolution in China, von der Politik in den 
westlichen Staaten, von den Fortschritten der Kultur öst- 
lich vom Mississippi, vom nächsten Präsidenten. Eben hat 
ein sonderbarer Schwärmer das Wort, der den Gipfel der 
amerikanischen Zivilisation mit einigen perfekt organi- 
sierten jüdischen Wohltätigkeitsanstalten in der Union 
verwechseln möchte — da kommt jemand aus dem Zug 
da vorne zu uns und macht uns aufmerksam: in ein 
paar Minuten kommen wir an dem Indianer-Pueblo 
Laguna vorüber! 

Viele sind in unserem Zuge, die kennen schon die sonder- 
baren Felsenfestungen Neu-Mexikos und Manitous, bei 
den Colorado-Springs. Auch ich habe sie gesehen, und ihr 
Anblick ist wie ein Traumbild in mir wach geblieben 
seither. Aus einer schroff aufsteigenden Felsenwand sind 

270 



große wagerechte Steinschichten herausgebrochen, so daß 
nur der Boden, die Rückwand und das Dach von der 
Natur geschaffen übrig gebheben ist. Zwischen diesen 
Boden und dieses Dach haben nun die Indianer ihre 
Festung hineingebaut. Nur ein paar Fenster und aus- 
ladende Türme mit Zinnen und Schießluken verraten es, 
daß hinter der Felsenwand Menschen wohnen. In Friedens- 
zeiten ragen ein paar Holzbalken aus dem Felsengemäuer 
hervor, an denen klettern die Bewohner der Festung wie 
Affen so behend in die Festung hinauf. Die Festung 
selbst ist ein Gewirr von kleinen Verließen, Wohn- 
räumen, Schleichw^egen, Fallen und Laufgängen. Unter 
dem Beobachtungsturm findet sich ein kreisförmiger Raum 
mit einer bassinartigen Vertiefung, hier wurden sonder- 
bare religiöse Riten ausgeführt. Tief unten im Naturstein 
hat man Grabkammern gefunden; die Toten des Stammes 
lebten dort, von den wunderbaren, schwarz und weiß 
gezeichneten Töpfen der^Navajos umringt, ihr eigenes 
mystisches Leben, nur um einige Zoll tiefer als die leben- 
den Krieger oben in der Festung. 

Durch die flachen Wüsteneien schlichen bei Nacht die 
heimtückischen blutgierigen Zunis, Apachen, Arapahoes 
an die Felsenbewohner, die Cliff-dwellers, heran, alles 
ringsum niedermetzelnd, brandschatzend, bis ihnen die 
Felsenfestungen mit ihrer natürlichen Rückendeckung 
Einhalt geboten haben. Aus Belagerungsnot und Stammes- 
gefühl hat sich bei jenen wilden Troglodyten eine eigene 
Kultur und Kunstfertigkeit entwickelt. 

Viele kleine Dörfer, Pueblos genannt, ahmen in ihrer 
Bauart, seit die Indianer „zivilisiert" sind, diese flachen und 
langgedehnten Felsenhöhlen, aber unterm freien Himmel, 
nach. Wie breite Schachteln aus Lehm liegen diese Häuser, 
Adobes, beieinander und übereinander. Heiratet der Sohn 
des Erdgeschosses, so baut er sich seine Schachtel als ersten 
Stock über das Elternadobe. Bringt's der Stammvater 
parterre zu Urenkeln, so wird das Adobe ein drei Stock 
hohes Schachtelhaus. Die Stockwerke sind unregelmäßig, 

271 



werden je nach Raumbedarf gebaut, alle aber haben einen 
Streifen des Daches als Terrasse um sich. An den Schach- 
teln lehnen Leitern, buntgekleidete Wesen klimmen zu den 
lehmgelben Schachteln empor, an deren Wänden rote 
Tomaten an Schnüren zum Dörren aufgehängt sind. Denkt 
man diese Farbenflecken weg, so ist die Mimicry des 
Adobes an den Wüstensand vollendet, wie die der Festung 
an die sie umgebende Felsenklippe. 

In diesen absonderlichen Pueblos liegen solider ge- 
baute Häuser, aber von derselben Bauart und mit lehm- 
artigem Bewurf, wie die Adobes der Eingeborenen, Es sind 
die Missionen. Der Missionsstil, einer der wenigen origi- 
nellen Baustile Amerikas, hat seinen Ursprung aus spa- 
nischen und mexikanischen Anklängen ebensosehr wie 
aus diesen Felsenfestungen. Aus einem kleinen offenen, 
geschwungenen Aufbau singt die Glocke in das Abend- 
land hinaus ihr Lügen-Lied, das Lied scheint aber schon 
ebensosehr aus der Natur ringsum geboren wie die gelben 
Dörfchen im Wüstensand. 

Ganz langsam fahren wir an dem Pueblo Laguna vor- 
bei, das auf einem breiten flachen Stein daliegt an der 
Nordseite der Bahn. Die Schienen laufen unsicher über 
den fhegenden Sand, in dem die Schwellen keinen Halt 
finden können. Im Weiterfahren rinnen die gelben 
Schachteln ins Abendgelb hinüber, werden von der Sonne 
in den Dunst hineingesogen, werden transparent, un- 
wirklich. 

Nur ein leuchtender, in eigener Farbe lebender Fleck 
bleibt noch eine Weile, wie in der Luft dahinten, gegen den 
Abendhimmel dastehen. Es ist ein alter Navajo, in eine 
zinnoberrote Decke eingewickelt, an der östlichen Spitze 
des Pueblohügels steht er da und bhckt unserem Zug nach. 
Riesig groß, wie eine optische Täuschung, wie ein Ge- 
spenst aus Abendsonne und Wüstenstaub steht der alte 
Indianer dorthinten. Wenn ich heute, nach Monaten, 
die Augen zumache, steht er immer noch, rot vor seinem 
gelben Pueblo, die Sonne des Westens im Rücken, un- 

272 




Eine Pueblo in Nezv-Mexiko 

beweglich da. Bald aber wird unsere Aufmerksamkeit von 
der Gestalt abgelenkt durch das, was in unserer unmittel- 
baren Nähe vorgeht. An der Trasse arbeiten Leute. Aus 
unserem langsam dahinfahrenden Wagen sehen wir diese 
Bahnarbeiter unter uns, rechts und hnks sind sie zur Seite 
gewichen, um den Zug passieren zu lassen. 

Es sind braune kurzbeinige Kerle, Indianer, mit den 
charakteristischen Zügen und Gestalten der Zunis, der 
Apachen, der Arapahoes hier herum. Es sind Nach- 
kommen der kriegerischen Stämme, der CHff-dwellers, 
des großen roten Alten dorthinten auf dem Hügel von 
Laguna. Sie haben schlechte neumodische, beim Kleider- 
juden erstandene Anzüge aus groben dunklen Stoffen an 
und alte zerknüllte Filzhüte auf ihren schwitzenden, 
blauschwarz bezottelten Schädeln sitzen. Wie wir vor- 
über sind, spucken sie sich in die Fäuste und bauen unter 
der Aufsicht des weißen Boß w^eiter an dem Schienenweg 
der Santa-Fe-Eisenbahn. 

Niemand spricht mehr von Politik, von Zivilisation, 
von Wohltätigkeitsorganisationen auf unserer Aussichts- 
terrasse. Zur Seite der Trasse stehen ein paar ausrangierte 



273 



Güterwaggone. Leichter Rauch steigt aus einem in die 
Höhe. Ein altes Indianerweib kocht dort das Abendessen 
für die Bahnarbeiter, denen diese elenden ausrangierten 
Güterwaggone als Wohnort dienen. 



ZWEI FREUNDE DER KINDER IN DENVER 

DER EINE 

Was fang ich mit dir an, Paul ? Ich denke, das Beste 
für dich ist, ich schicke dich nach Golden." 

,,Ich geh nicht nach Golden. Ich will nicht nach Gol- 
den; ich will nach Hause, dort gehör ich hin!" 

„Aber Paul, wenn du zu Hause bist, vergeht keine Wo- 
che und du fängst wieder mit denselben Streichen an. 
Treibst dich tagüber herum, schwänzt die Schule, bleibst 
nachts aus. Du bist kein schlechter Junge, Paul, ich kenne 
dich ja, aber du bist ein schwacher Junge, das Beste für 
dich ist, glaub mir's, du gehst für eine Zeit nach Golden." 

„Schicken Sie mich nicht nach Golden. Ich mag nicht 
nach Golden!" 

,,Paul, wische dir die Augen und gib mir die Hand . . . 
so. Jetzt sage mir: hab ich dich nicht anständig behandelt 
(gave you a fair deal), damals, wie du mit den anderen 
Jungen die Overalls gestohlen hast? Damals versprachst 
du mir, du wolltest ein braver Junge sein fortan, und heut 
bist du wieder hier! Was fang ich bloß mit dir an?" 

,,Give me another chance! Ich mag nicht nach Gol- 
den!" 

Eine kalte, harte Frau sitzt in der ersten Bank und ihre 
grauen Augen sind wie zwei scharfe Messer auf den Jungen 
gerichtet, der ihr Kind ist. Sie nickt spöttisch zu jedem 
Wort, das er spricht. Dem Mann neben mir entgeht das 
nicht. Er streichelt leise die Hand des weinenden Kna- 
ben: „Du bist ein weicher Junge, Paul, du wirst es gut 
haben in Golden!" 

„Ich will nicht. Ich will nach Hause." 

274 



Die Frau auf der Bank lacht spöttisch. Der Mann neben 
mir sagt: „Paul, sieh mich an. Hab ich dir damals nicht 
fair play gegeben? Wie hast du's mir vergolten?" 

,, Probieren Sie's nochmal mir mir. Ich geh nicht nach 
Golden!" 

Der Mann neben mir seufzt, faltet die Hände, sieht die 
höhnisch und schadenfroh lächelnde Frau auf der Bank 
an, denkt nach, sieht von der Frau zum Jungen, sieht auf 
seine gefalteten Hände nieder . . . 

Die Szene ist ein amerikanischer Gerichtshof, der 
Kindergerichtshof zu Denver, Colorado, und der 
Mann neben mir, der Mann, der mich eingeladen hat, 
einer Sitzung seines Gerichtshofs beizuwohnen, ist Richter 
Ben Lindsey, „honest Ben", der Abgott der Kinder 
Amerikas und einer der edelsten und darum populärsten 
Männer des großen Landes. 

Es ist eine öffentliche Sitzung; etwa 60 Menschen sind 
da; auf der Anklagebank sitzen 10 Kinder, alle zwischen 
IG und 14 Jahren. 

Der Probation-officer, ein Funktionär, dessen Beruf es 
ist, die Kinder zu beaufsichtigen, die schon einmal hier 
vor Gericht gestanden haben, aber durch die Milde und 
den gerechten Spruch des Richters mit Ermahnung und 
Handschlag zu ihren Eltern zurückgehen durften — der 
Probation-officer steht auf und ruft einen Namen in den 
Saal. 

Drei kleine Wesen erheben sich zugleich und kommen 
zum Tisch des Richters heran. Es sind zwei kleine Kinder, 
ein Knabe von 14, ein Mädchen von 10 Jahren, zwischen 
ihnen humpelt ein altes, verhärmtes Mütterlein in schwar- 
zer Mantille daher, nicht größer als ihre Kinder. 

Lindsey winkt das Mäderl heran und macht ihr den 
Mund auf. Der Saal lacht. 

„Brav!" sagt Lindsey. „Brav, Filistes! (Felizitas.) Ich 
sehe, du hast die Zahnbürste benutzt, seit dem letzten- 
mal. Aber, Filistes, dein Gesicht ist schmutzig. I am 

18* 275 



sorry, du hast heute morgen dein Gesicht nicht ge- 
waschen. Zeig deine Hände her! O weh!" ,,Judge, 
you bet, ich hab mein Gesicht heute gewaschen; es ist 
nur wieder schmutzig geworden." 

Das Kind ist die Schwester des vierzehnjährigen Jungen, 
der der böse Geist des Knaben Paul ist; der ihn zu aller- 
hand kleinen Diebstählen, nächtlichen Trinkereien, Kine- 
matographenbesuchen und Ärgerem verlockt. Filistes ist 
nur als Dolmetscherin erschienen. Das Mütterlein, eine 
verschrumpelte kleine Wiener Jüdin, hat in den siebzehn 
Jahren, seit die Familie hier herüben ist, die Sprache des 
Landes nicht erlernt, ist zudem stocktaub. Der Junge 
ist der Typus des degenerierten Juden. Eine dicke 
Brillantennadel in seiner Kravatte verkündet seine Welt- 
anschauung. 

Der Richter sagt Filistes, was er von ihrem Bruder 
Gary hält. Filistes schreit der Mutter in die Ohren: „Er 
sagt^ Gary muß gehn nine o'clock ins Bett, und wenn er 
noch amol wird gekätscht playing cards, wird er gehn 
nach Golden für e Jahr!" 

Die Mutter winselt etwas auf deutschjüdisch, Filistes 
übersetzt es in fließendes Enghsch. Im Slang natürlich, 
dem Jargon der Ärmsten, aber Richter Lindsey versteht 
den Jargon, spricht sogar in seinem Richterstuhl selber 
im Gassenbubenjargon mit den Gassenbuben, als ihr 
Freund und Berater, der von ihnen verstanden sein will. 

„He's no bad Kid, she says; she will go round an' look 
for a Job for Gary, so dont you send him to Golden, says 
she." 

Dann übersetzt Filistes wieder: 

„Er sagt, er weiß, wir sein arme Leit und Gary muß 
treien (to try, versuchen) gut zu machen (to make good), 
so er will Gary geben ä Tschänz bis first vom Dezember, 
wenn er sich nix gut aufführt, muß er nach Golden." 

Die Mutter legt für Gary die Hand ins Feuer, Gary 
hat bei der Western Union (Telegraphengesellschaft) als 
Messenger schon zehn Dollar die Woche verdient. 

276 



Lindsey: ,,The trouble is, Filistes, you know Gary, he 
cant stick to a Job (nicht an einer Beschäftigung kleben, 
bei ihr ausharren), when he's got some." 

Fihstes zur Mutter: ,,Er sagt, Gary kenn nicht sticken 
zu ä Dschab, das is die Matter wis ihm!" (Exempel von 
Amerikanerdeutsch.) 

Es sind arme Leute. Der Probation-officer hat im 
Haus kaum eine Brotkruste zu essen gefunden. Der Junge 
muß die FamiHe erhalten, denn die Älteste, die ihr Brot 
auf ihre Weise verdient, hat die Familie im Stiche ge- 
lassen. Was ist zu tun? Der amerikanische Richter neben 
mir, honest Ben, der Freund der Kinder, erlebt mehr 
Katastrophen, als sein zarter Körper und die große Seele, 
die in ihm w^ohnt, aushalten kann. — 

Wenn er sich erhebt, so ist er nicht größer, als ein vier- 
zehnjähriges Kind. Vielleicht verschafft ihm auch 
dieser Umstand solche Gewalt, solche innere Gewalt über 
die Kinder. — Grade, ohne sich zu bücken, kann er ihnen 
in die Augen schauen. Er nimmt ein Kind bei den 
Schultern und seine Arme liegen wagerecht zwischen ihm 
und dem Kind. In seinem feinen Gesicht ist derselbe junge 
Zug, wie in dem William R. Georges, auf den er große Stücke 
hält. Aber die Kinder Colorados nennen ihn nicht daddy, wie 
jene von Freeville ihren Freund, sondern : ,,our little Ben." 

Oft vergessen sie ganz wo sie sind, und ein Geschwätz 
und Gekicher entsteht wie in einer Schule, wenn der 
Lehrer zur Tür hinaus ist. Da schlägt der Richter mit 
der Handfläche auf den Tisch: 

„Hello, Kids!" 

Die Kinder lachen und machen dem Richter Zeichen, 
daß sie schon ruhig sind; die Verhandlung geht weiter. 

Lindsey spricht mit den Kindern wie ein Erwachsener 
zu Erwachsenen. Das ist ein weiterer Grund, weshalb 
die Kinder ihn lieben. Wie lernt man in Amerika, wo 
das Kind schon als Mensch, nicht als Spielzeug und 
nicht als kleines Tier behandelt wird, über all die Fitze- 



277 



butzereien lachen, die in Deutschland Unsitte geworden 
sind. Was bekommt einem Kind und was will es im 
Grunde? Daß man es als ein vernünftiges Wesen aner- 
kenne. Einem, der einem Kinde mit vielen geheimtue- 
rischen Gebärden ein Märchen erzählen oder aufbinden 
will, mißtraut das Kind — fühlt sich beleidigt und wird 
im Verkehr mit ihm zum Lügner werden. Der amerika- 
nische Lehrer, Richter, ist ein Freund und Kamerad des 
Kindes, und oft kommt es vor, daß die Mutter oder der 
Vater des Kindes im Gerichtsaal erregt aufspringt und ruft : 
„Das ist eine Lüge! Jetzt lügt er!" und dabei spricht das Kind, 
verlaß dich drauf, jetzt sicherlich die Wahrheit. Nicht weil 
es in einem Gerichtshof steht und eingeschüchtert ist, 
sondern im Gegenteil: weil es an dem Menschen, dem es 
gegenübersteht, das Menschliche, die schöne Gerechtigkeit, 
das von Gott in die guten Menschen gepflanzte Gebot 
der Gleichheit gefühlt hat in seinem Kinderherzen. 

Wie viele Kinder an Körper und Seele ruiniert worden 
sind dadurch, daß man sie kleiner Verbrechen halber in die 
elenden, überfüllten und unsauberen Kreisgefängnisse mit 
alten und verhärteten Sträflingen zusammengesperrt hat, 
das weiß der Himmel allein. Lindsey hat sich ein unver- 
gängliches Verdienst geschaffen durch die Ausrottung 
dieser Barbarei, und die Staaten haben es nun fast alle 
Colorado nachgemacht. In Golden ist eine Industrie- 
schule, und die Kinder, die (in der Regel für acht bis 
zwölf Monate) hingeschickt werden, haben es dort 
besser als in den üblichen „Reformatories". Ihre Er- 
ziehung beginnt zudem schon auf dem Wege nach Golden. 
Das Kind wird allein, ohne Begleitung, nach Golden ge- 
schickt. Mag es, so kann es unterwegs ausreißen. Von den 
Hunderten Kindern aber, die Lindsey nach Golden 
schickte, sind nur sechs ausgerissen bisher. 

Seit zehn Jahren versieht Benjamin Lindsey sein schwe- 
res Amt, das mit vollem Gewicht auf dem zarten, 
überbürdeten Mann lastet. Er hat es durchgesetzt, daß 

278 



er von seiner Macht den Gebrauch machen konnte, den 
ihm sein Gewissen vorschrieb. Leicht hat man's ihm w^ahr- 
hch nicht gemacht. Ein Mann, der das Verbrechen nicht 
als Verbrechen betrachtet, sondern ihm in seine Ur- 
sprungsquellen nachfolgt, w^ird bald eingesehen haben, 
daß diese sich in den vornehmen Quartieren der Finanz 
und Politik befinden. In seinem Privatbureau zeigt mir 
Lindsey eine Karte der Elendsquartiere von Denver. Wie 
die Tuberkulose ist in diesen übervölkerten Distrikten das 
Laster und das Verbrechen daheim. Die richtigen 
Schlupfwinkel, in denen sich diese verborgen haben, sind 
aber in den Kneipen der im Dienste der Politiker arbei- 
tenden Volks vergift er zu suchen. In den Hinterzimmern 
dieser Kneipen tut Alkohol und Dame Syphilis das Ihre, 
um Kindesseelen und Herzen zu vergiften. Wenn irgend- 
wo, so ist hier im „wilden und wolligen Westen" der 
Saloonbesitzer der einflußreiche Helfershelfer des Poli- 
tikers, des Grafters. Der Fuselduft riecht der amerika- 
nischen Politik übel aus dem Brustton heraus, mit der 
(besonders vor den Wahlen) die Ideale verkündet werden. 
Die Winkelbordelle dort in den Hinterzimmern sind nur 
eine von den kleinen Vergünstigungen, die der einfluß- 
reiche Herr in Washington an seinen getreuen Spießgesellen 
vergibt, für gut geleistete Dienste. Der Bobby, der Poli- 
zist, hält daweil vorne Wacht, damit das Geschäft nicht 
beeinträchtigt werde. — 

Die überfüllten Quartiere des Elends und der kleinen 
und großen Korruption hat nun dieser einzige Mann, 
der interessanter ist als alle Berge und Minen Colorados, 
mit eingelegter Lanze angerannt. Die Feinde, die Mäch- 
tigen des Landes, haben natürlich alles getan, um ihm sein 
Handwerk zu legen, ihn zu beseitigen. Nun aber haben 
die Frauen in Colorado das Wahlrecht. Und zudem sind 
ja die Kinder Amerikas eben — Amerikaner! Von großen 
Kämpfen hörte ich in Denver sprechen. Kämpfen, die 
damals ausgefochten wurden, als keine der Parteien, 
weder die demokratische noch die republikanische, diesen 

279 



unbequemen Mann, der, wenn es heut einen in der Welt 
gibt, ein Sozialist ist, auf ihre Wahlliste setzen wollte. 
Die Frauen und die Kinder hatten aber den Namen 
Lindsey auf ihrer Wahlliste stehen, und so wurde Lindsey 
gewählt und in sein Amt gesetzt, das er im Namen der 
großen Partei der Menschlichkeit getreu verwaltet. Da- 
mals als es Ernst war, zogen die Kinder durch die StralSen 
Denvers, so habe ich es in Denver erzählen hören. Aus 
allen Stadtteilen, den reichen und den armen, den vor- 
nehmen und den übervölkerten, kamen kleine Kinder, 
Knaben und Mädchen, in Scharen auf die Spielplätze 
herausgelaufen und berieten, was zu tun sei. Dann 
formten sie sich zu Zügen, zu einer Armee, und diese 
Armee marschierte durch die Straßen der verblüfften 
und beängstigten Stadt. Die Armee hielt vor den Fen- 
stern der politischen Klubs und schrie sich heiser, um 
denen dort hinter den Scheiben zu zeigen, wie sie ge- 
sinnt sei. Hinter den Scheiben aber war es ganz still ge- 
worden, und keiner von den Männern, die die Geschicke 
des Landes verwalteten, traute sich an die Fenster heran, 
aus Furcht, er könnte das zornige Antlitz seines eigenen 
Kindes dort unten auf der Straße erblicken. Eine Dame, die 
ich im Gerichtssaal kennen lernte, erzählte mir von diesem 
Kreuzzug der Kinder Colorados. Sie hatten eine kleine 
Marschweise, einen kleinen Vers gemacht, den sie mit ihren 
Tausenden von hellen Stimmen sangen. Dieser Vers, kunst- 
voll und echt wie jener, den die Kinder Nürnbergs dich- 
teten, als der Zeppelin an der Tagesordnung war, lautete : 

„Who? Where? When? 

We wish, we were Men! 

So we could vote for our Little Ben!" 
Den Leuten hinter den Fenstern blieb darauf weiter 
nichts übrig als zu kapitulieren. 

Nach Golden geht ein Junge erst, wenn in der Freiheit 
mit ihm gar nichts mehr anzufangen ist. Wenn er 
keine Eltern hat oder solche, die diesen Namen nicht ver- 

280 



dienen. Die große Mehrzahl wird aber auf ,, Probation" 
freigelassen und ihre Aufführung in ihren Heimen von 
eigens beauftragten Männern und Frauen (Officers) 
überwacht. Viele Frauen übernehmen solche Ämter frei- 
wiUig, alleinstehende verwitwete Frauen, die sich auf 
solche Art einen schönen Lebensinhalt schaffen. In 
Newyork hörte ich, daß dort in Verbindung mit dem 
Kindergerichtshof eine Institution besteht, die Insti- 
tution des Big Brother, des ,, großen Bruders". Freiwillig 
melden sich junge Leute, Studenten, Studentinnen, jeder, 
jede beaufsichtigt ein einziges Kind, ist sein Freund, 
sein Berater, wird auf Jahre hinaus sein täglicher Genosse 
und Beschützer. 

Jeden Samstagmorgen ist Report-day. Da kommen die 
Kinder, die auf Probation freigelassen wurden, vor dem 
Richter zusammen und zeigen die Zettel vor, auf denen 
die Lehrerin ihr Betragen während der Woche vermerkt 
hat. Lindsey hält eine Rede. In dieser Rede kommt 
Christus vor und das Übel, dem der Mensch Widerstand 
leisten soll. . . . 

Dann folgt ein kleines weltliches Frag- und Antwort- 
spiel. 

„Ich brauche starke Jungen. Wer ist ein starker Junge ?" 
„Der zehn Stunden Veloziped fahren kann!" 
„Der zwölf Dollar die Woche verdient!" 
,,He who resists — der widersteht!" ,, Richtig! Re- 
sists — what?" 

Aus einer Ecke kommt's : „Stehlen." Aus einer anderen : 
„Rauchen." Einer ruft: „Temptation!" Und der hat's 
erraten. 

Einzeln kommen die Kinder an den Tisch des Richters 
heran. Lindsey kennt jeden, erinnert sich genau an seinen 
vorwöchigen Zettel. Wer diesmal einen besseren hat, 
wird belobt. Er wird mit dem Gesicht nach dem Saal 
herumgedreht, und Lindsey verkündet: ,,Dies hier ist 
Mike oder Jack Soundso, ein Muster und Exempel für 
euch dahinten, hört ihr's?" 



2«I 



Einer hat einen zweifelhaften Bericht mitgebracht. 

,,Was ist das mit uns beiden, Johnny? Willst du mich 
zum Lügner machen? Was denkt deine Lehrerin von 
mir? Daß ich ein Mensch bin, dem man allerhand weis- 
machen kann, sonst säßest du ja längst in Golden." 

Das Kind hat seinen Kopf auf den Tisch gelegt. Nach- 
her sind zwei große nasse Flecken auf einem staatlichen 
Löschpapier. ,,Well, be a Square kid. Cheer up. Dont 
make again a liar of me." Und es ist zehn gegen eins zu 
wetten, der nächste Report wird sich sehen lassen können. 

Und sie defilieren vorbei, die Kleinen, die Kleinsten, 
Diebe, Mörder, gefährliche Einbrecher, jeder wird mit 
gutem Blick belohnt, mit einem ängstlichen und traurigen 
verwirrt und gebessert. Hie und da verschwindet einer 
oder der andere der Jungen im Privatbureau dort hinten 
und dann geht durch die Reihen das Flüstern: Golden! 
Golden! Aber das steht noch gar nicht so fest. Ein Wort, 
ein Blick des Kindes kann diesen Menschenrichter um- 
stimmen, und das ist sicher, der einmal durch's Fegfeuer 
des Privatbureaus ging, kommt als ein Geläuterter hin- 
unter auf den Platz vor dem Gerichtshaus, wo die anderen 
Kinder auf ihn warten, in Gespräche über ihren little Ben 
vertieft. 

DER ANDERE 

Bemerkenswerte Aufregung vor der Redaktion der 
,, Denver Post". Auf der Straße stehen Tausende und 
schauen zu einem Brett im ersten Stock hinauf, wo ein 
Baseballfeld abgebildet ist. Hinter dem Brett tickt in 
der Stube der Telegraph, eine Minute nach dem Wurf 
in Philadelphia erscheint ein GlühHchtzeichen auf dem 
Brett, den Wurf anzeigend. 

Ein Megaphonmann brüllt Worte in die Menge hin- 
unter, jedes Wort wird mit einem Tumult von wütendem 
Geschrei oder gellenden, entzückten Pfiffen begrüßt. 
Heute spielen die „Giants" und die „Athletics" in Phila- 
delphia um die nationale Meisterschaft. 

282 



Auf einmal, während alles atemlos auf das nächste Glüh- 
lichtzeichen wartet, hört die Menge von der 17. Straße 
her ein Geschrei von hellen Kinderstimmen herbei- 
kommen. Ich gehe zur Ecke und sehe einen fetten lachen- 
den Mann inmitten sämtlicher newsies, der Zeitungs- 
jungen der Stadt, die Straße entlang ziehen. Das ist der 
,, König der Zeitungsjungen", Noodles Fagan, der popu- 
lärste Komiker Amerikas, er ist auf seiner Gastreise heute 
durch Denver durchgekommen. 

Am Abend sitze ich und mit mir ganz Denver im Parkett 
des Varietes, in dem Noodles auftritt. Sämtliche Zei- 
tungsjungen Denvers sind seine Gäste, zwei große Tages- 
blätter, die Post und der Daily, haben die Galerieplätze 
aufgekauft, und da sitzen oben die ,, newsies" und rufen nach 
Noodles. 

Noodles kennt die Sippe und das Gewerbe genau. Eh 
er seine jetzige Stelle in der Welt ansehnlich ausfüllte, 
war er einer der Ihren gewesen. Heute hat er viele Preise 
gestiftet, der Kampf um diese Preise ist die Glanznummer 
des Programms. 

Da stehen sie auf der Bühne, die zwanzig Tüchtigsten 
des Standes und korrespondieren durch Zeichen und Pfiffe 
mit den Gefährten auf der Galerie. Noodles hat heute 
früh auf der Straße eine Rede gehalten, die Abendausgaben 
bringen sie unter dem Porträt Noodles, der eine veritable 
Krone von Zeitungspapier auf dem Haupt trägt. 

,,Vor allem", sprach Noodles Fagan, „muß ein Zei- 
tungsjunge sich die Hände waschen. Welcher Gentleman 
mag eine Zeitung aus einer ungewaschenen Pratze ent- 
gegennehmen. Ebenso wichtig ist es, daß die Finger des 
Zeitungsjungen keine Spuren von Tabak aufweisen, denn 
erstens ist's gegen das Gesetz, zweitens verdirbt es die 
Gesundheit, und drittens hat ein ehrlicher Junge sein 
ehrlich erworbenes Geld seiner alten Lady daheim mit- 
zubringen und es nicht in Zigaretten, Candy, Kaugummi 
und ähnlichen Delikatessen anzulegen, die sich heute 
nur noch Pierpont Morgan erlauben darf." 

283 



Noodles ist in ganz Amerika bei den Gassenjungen so 
populär wie der beste Baseballspieler, und das will was 
heißen. 

Auf der Bühne geht der Kampf vor sich. In einer Reihe 
stehen sie da, die Erwählten des Zeitungsjungenstandes. 
Vorne steht Noodles, er hat eben das Thema des Kampfes 
angegeben. 

Es soll also ein Eisenbahnunglück passiert sein, und 
die Zeitungen bringen soeben die erste Nachricht an die 
Öffentlichkeit. Wer diese Nachricht in kürzester und 
prägnantester Form, auf die sensationellste Weise ins 
Parkett hinunterbrüllt, erhält den Preis, einen Dollar. 

Nacheinander brüllen die Jungen. Hinter jedem ein- 
zelnen Gebrüll ertönt das Gesamtgebrüll der Galerie 
und das Unisono des lachenden Parketts. 

,,A11 about the big railway disaster!" 
„All 'bout big 'way 'saster!" 
,,A11 bout this aster!" 

Einer leistet sich die Extra-Sensation und ruft den 
Namen des Eisenbahnpräsidenten aus, der angeblich bei 
diesem Unglück ums Leben gekommen sein soll. Dieser 
wird unter ohrenzerreißendem Gebrüll abgetan. 

Ein zerfetztes Kerlchen steckt den Dollar ein für die 
Lösung: „Rio Grande!" (Das ist die Bahn.) „'xti deads!" 
(kann -zehn und auch -zig heißen). 

Allerhand andere Wettbewerbe folgen. Boxerkämpfe, 
sehr wichtig für den Fall, daß einer unberechtigt einem 
andern, der ältere Rechte hat, seinen Platz an der Ecke 
wegnehmen wollte. Ein sehr amüsantes Wettessen von 
Soda-Cakes, mit der Aufgabe, sofort nach dem Hinunter- 
schlingen des pappigen Zeugs den traditionellen Zeitungs- 
jungenpfiff hören zu lassen. Wobei es denen, die in der 
ersten Reihe des Parketts sitzen, schlimm ergeht. 

Die Zeitungsjungen-Blechkapelle auf der Galerie spielt 
alle patriotischen Märsche, die sie kann. Noodles ver- 
neigt sich strahlend vor dem Publikum, das immer wieder 
nach ihm verlangt. Hinter dem Vorhang gruppieren sich 

284 



die newsies um ihren König zu einer wohlgelungenen 
Apotheose, die begeistert beklatscht wird, als der Vor- 
hang in die Höhe geht. 

Honest Ben, der Richter, undNoodles Fagan, der Lieb- 
ling der Zeitungsjungen, beide sind Freunde der Kinder; 
beide helfen ihnen die Last des Lebens tragen; der eine 
auf seinen gebrechhchen Schultern, der andere auf seinen 
guten, fetten, runden. Beide helfen den Armen ihr Los 
tragen, jeder auf seine Weise. Honest Ben und Noodles 
Fagan, alle beide sind das große Amerika. 



SATYRSPIEL IN KANSAS CITY — UND 
ANDERSWO! 

In der häßhchen dunkelgrauen Stadt am Zusammen- 
fluß des Kansas River und des Missouri baut man an 
einer Ausstellung für Kinderwohlfahrt. 

Convention Hall dröhnt von Hammerschlägen. Es 
wird gebaut, gebosselt, geklebt, genagelt. Eine Hütte 
ist schon fertig, da steht sie unter der Kuppel, ein realisti- 
sches Heim der tiefsten Armut, der realistische Dünger- 
haufen vor der einzigen Tür, die auch das einzige Fenster 
dieser Menschenbehausung ist, scheint auf künstlichem 
Wege seines Duftes beraubt zu sein. Es soll den Be- 
suchern vor die Augen geführt werden, unter welchen Be- 
dingungen die armen Kinder ihr Leben fristen. (Für 
5 Cent führt die Tram den, der willig ist, diese 5 Cent 
zu bezahlen, nach den noch realistischeren Vororten der 
Stadt, zu den Schlachthäusern am Missouri, zu den 
scheußlichen Quartieren am Delta des Blue River, zu 
den verfaulten Holzhäusern, vor deren Türen der schmel- 
zende Schnee monatealten Kehricht enthüllt, der dort 
geduldig überwintern wird.) 

Holzwände werden errichtet, auf denen Photographien 
von fensterlosen Zimmern kleben, in denen sieben bis 
zwölf Menschen übernachten. Beispiele und Gegen- 

285 



beispiele von gesunden und gesundheitszerstörenden Vor- 
ratskammern, wenn man diese so nennen darf, für 
echte und größtenteils gefälschte Lebensmittel. Pathe- 
tische Aufrufe, grell gedruckt: „Es ist ein Verbrechen, 
den Menschen die Luft zu stehlen!" „Kauft gute Milch!" 
,, Verjage die Fliege, sie ist dein Feind!" „Was ist mit 
Marys neuem Kleid los?" — Daneben ein Fetzen von 
,, echtem Schafwollstoff", der zu neun Zehnteln aus 
Baumwolle besteht, von einem armsehgen Kinderkittel- 
chen aus Worsted, durch das man nach einer Woche 
alle fünf Finger durchstecken kann. 

Das Eine nimmt einen Wunder, wie die'^Arbeiter, die 
pfeifend und guter Dinge diese verlogenen Papierwände, 
mit ihren Photos, Plakaten, Aufrufen und Gegenbeispielen 
zusammennageln, nicht mit Fußtritten in all den Kram 
hineinfahren, die einzige Kritik liefern, die solchen Wohl- 
fahrtsunternehmungen zukömmt ? 

Auch über die Vergnügungen der Jugend gibt diese Aus- 
stellung Aufschlüsse. Im Kinematographentheater ist der 
beliebteste Film: 

„Die berühmten Taten der James -Jungen, der 
gefürchtetsten Verbrecher Missouris." 
Mit der Bemerkung unter dem Plakat: 

,, Nachdem dieser Film gezeigt worden war, be- 
gannen die Knaben auf den Spielplätzen mit 
Messern und Revolvern zu erscheinen." 
Man erfährt aus der Inschrift unter der Photographie 
eines Tanzsaales, daß 

,, Zehntausend junge Leute von Kansas City wö- 
chentlich 5500 Dollar für Tanzen ausgeben." 
Darunter das Gegenbeispiel: 

„Abendunterhaltung in den Heimen der Young 
Mens Christian Association." 
Man sieht sich nach irgendwelchen statistischen Tabel- 
len, Photos, Aufrufen und Plakaten um, die über das 
furchtbare amerikanische Problem der Kinderarbeit 

286 



Aufschluß geben könnten. Aber ich glaube, auch in der 
fertigen Ausstellung wird darüber wenig zu erfahren sein. 
Zum Glück gibt es noch Orte, an denen man was über 
dieses nationale Problem, Übel, Unglück erfahren kann, 
Menschen, die ihr Leben daran gesetzt haben, diese schau- 
rige Schwäre an dem Körper des gesunden Amerika zu 
sondieren, auszubrennen, wegzuschneiden. Diese Men- 
schen sind nicht unter den „Wohltätern" zu suchen. Sie 
sitzen nicht in den protzigen Salons der fünften Avenue 
unter den Miüiardärsfrauen, die an den Effekt ihrer 
Hüte denken, während eine Spanne unter ihrem Hut 
das Mundwerk von sozialen und kirchlichen Fragen über- 
läuft, sondern man findet sie in den Kammern der Träumer, 
wohl auch in den Klubs der „Insurgenten", unter den 
Sauerteig- Menschen des Großen Kontinents hier und 
dort verstreut. — 

Die Sozialisten sind die einzigen, die die Einstellung 
derKinderarbeit in den Staaten fordern. Die beiden 
großen politischen Parteien Amerikas spielen bloß mit 
dieser Frageherum. Die Kinder sind ja keine Wähler. 
Andrerseits aber sind die Eltern dieser Kinder, deren 
Erwerb zur Aufrechthaltung des Hausstandes herhalten 
muß, Wähler. Die Partei, die die Eltern der Stütze 
der Kinderarbeit beraubte, verlöre Wähler. Die Kinder 
gehören keiner politischen Partei — Organisation an, 
haben keinen Korruptionsfond, keinen Lobbyisten (d. h. 
beruflichen Bestechungsagenten in der Vorhalle, der Lobby 
in Washington), daher ist ihre Lage nicht beneidenswert. 
In den Anthrazitminen Pensylvaniens arbeiten zwölf- 
tausend Kinder, von 7 bis 14 Jahren, neun Stunden lang, 
mit einer Mittagspause von 20 Minuten als Breakers. 
Ein Breaker sitzt rittlings über einem schrägen Schacht, 
durch den von oben die Kohle hinunterläuft; er muß 
mit seinem Hammer die großen Stücke klein schlagen; 
nach einer Stunde solcher Tätigkeit sind seine Poren, 
nach einem Tag ist seine Lunge voll von Kohlenstaub. 

287 



In den Baumwollspinnereien von Süd-Carolina, den 
Seidenwebereien von Georgia, Louisiana, stehen kleine 
neunjährige Mädchen von 7 Uhr abends bis 7 Uhr früh 
an den Webstühlen. Das elektrische Licht blendet ihre 
Augen. Sie müssen auf die blitzenden Schifflein achtgeben, 
die den Einschlag durch die Fäden führen. Sie dürfen sich 
nicht setzen 12 Stunden lang. Es gibt viele elfjährige 
Kinder in den Städten des Südens, die blind mit kleinen 
Blechtellern durch die Straßen gehn! 

Wovon wäre noch zu berichten ? Von den Bleichereien 
in Nord-Newyork, wo Knaben bis über die Hüften in 
blauen Farbbädern stehn; von den Bürstenfabriken in 
Connecticut, von den Phosphorwerken, in denen der be- 
rüchtigte weiße Zündholzkopf fabriziert wird, von den 
Schuhfabriken, in denen Kinder die Tennisschuhe mit Äther 
schön weiß färben, von wie vielen anderen Stätten noch? 

Die Arbeit der Kinder wird schlecht bezahlt. Sie re- 
präsentiert die niedrigste Stufe der Arbeit, zu der keine 
Vorkenntnisse erforderlich sind. Den erwachsenen Leuten, 
dem Analphabeten, dem der Landessprache unkundigen 
-Einwanderer schnappt das Kind sein Brot vor dem Mund 
weg. Es gibt Fabrikationszweige, in denen der Fabrikant 
ohne die Kinderarbeit nicht mehr auskommen kann. 
Der Fabrikant, der die Kinder heute aus seinem Getriebe 
entläßt und sie durch höher bezahlte Arbeiter ersetzt, 
hält morgen der Konkurrenz nicht mehr stand und ist 
übermorgen ruiniert. Das Verbot der Kinderarbeit würde 
gleichbedeutend sein mit dem Ruin von so und so vielen 
Fabrikanlagen. Spinnereien, Bergwerke und Bläsereien, 
die Kinder arbeiten lassen, gehören Leuten, die ihre Ka- 
pitalien in den Eisenbahnen investiert halten; wer der 
Kinderarbeit zu Leibe geht, sägt an dem Lebensnerv 
Amerikas, der Eisenbahn herum; ein Grund mehr, wes- 
halb der Kampf gegen die Kinderarbeit so unpopulär ist. 

Sechs Staaten haben annehmbare Gesetze, die sich auf 
die Kinderarbeit beziehen (hauptsächHch westhche); kein 
einziger aber schließt sie völHg aus. Natürlich haben jene 

288 









Staaten, deren Industrie hauptsächlich auf der Kinderarbeit 
basiert, die laxesten Maßregeln gegen sie. Zuweilen verbietet 
ein Staat die Kinderarbeit in gewissen Getrieben innerhalb 
seiner Grenzen. Das hat z. B. Tennessee einmal versucht. 
Was geschah? Die Kinder wurden in Waggonladungen 
aus Tennessee nach dem Nachbarstaat Süd-Carolina ver- 
frachtet. Die Fabriken in Tennessee konnten zusperren, 
die Fabriken in Süd-Carolina zahlten fette Dividenden. 
Vor 5 Jahren kam ein Gesetzentwurf vor den Kongreß, 
der bezweckte, mit diesem nationalen Verbrechen end- 
lich aufzuräumen, den Produkten der Kinderarbeit den 
Markt zu versperren — eine Untersuchung wurde ein- 
geleitet, die die weiteren Verhandlungen ad calendas Graecas 
hinausgeschoben hat, und der siegreiche Lobbyist steht wie 
immer zwischen dem Volksgewissen und der Exekutive. 

Kansas City ist die größte Stadt zwischen Chicago, der 
Grenze des Ostens und dem freien, unermeßHchen 
und schütter bevölkerten Westen der Staaten. Sie liegt 
da zwischen der Prärie und der Zivilisation. Alles was 
der einen entfhehen will und der anderen zustrebt, 
kommt hier durch. Wie in ein tiefes Loch fallen die 
Tramps, von beiden Seiten her kommend, in diese Stadt 
hinein — aus der ,, vierten", der Gratisklasse (unter dem 
Waggonboden). Sie ziehen in dieser Stadt ein, angetan 
mit allem, was sie auf dieser Welt ihr eigen nennen — 



19 



einem zerlumpten Gewand und dem guten blanken Sechs- 
läufer in der hinteren Hosentasche. 

^ Im Haus zur „Hilfreichen Hand" predigt ein wohl- 
meinender Herr vor einer schläfrigen und apathischen 
Schar von elenden Vagabunden, die ergeben und gierig 
auf die Suppe wartet. Immerhin muß sie noch, eh' die 
Suppe serviert wird, ein Psalmenquartett hinunter- 
schlingen, das vier überzählige alte Wohlfahrts Jungfern 
der guten Gesellschaft von der Estrade herab über die 
verpestete Atmosphäre ausgießen. Hinweg zum Mississippi ! 



290 



CHICAGO 



CHICAGO: EINE IMPRESSION 

Was Teufel ist mir widerfahren, hab ich was Vergiftetes 
gegessen? Hab ich das fhegende Fieber? Oder ist 
es bloß, weil ich den Mississippi von Westen nach Osten 
durchquert habe? Nichts von alledem. Ich bin einfach 
in Chicago angelangt, der schrecklichsten Stadt des Erd- 
balls. 

Ich will es nicht versuchen, ein Bild dieser Stadt zu 
geben, ebensowenig eine Topographie des Unbehagens, 
das sie auslöst. Nur ein paar Geräusche, Gerüche, Ge- 
sichte, ein bißchen Schweiß und Rauch und Rastlosigkeit 
aus ihrer Atmosphäre soll als tintenfarbiger Niederschlag 
aufs Papier kommen. 

Einstweilen treibt mir diese nach der wilden Zwiebel 
checagua benannte Stadt — sie wuchs in Mengen, wo 
jetzt die weltberühmten Warenhäuser, die weltberühmten 
Schlachtbänke, die weltberühmte Getreidebörse und die 
weltberühmten Bordellstraßen stehn — die Tränen in 
die Augen. Um neun Uhr früh werde ich, wie ich auf die 
Straße trete, in einen Wirbelsturm von Menschen hin- 
eingetrieben, daß mir Hören und Sehen vergeht. Die 
zappelnden Bewegungen, die die Menschen in Kine- 
matographenaufnahmen bekommen, das Dahinfegen der 
Filmautomobile sehe ich hier in Natur übertragen. Mein 
Baedeker ist sieben Jahre alt und für die Katze. Auch ist, 
wie ich sehe, die ganze Stadt umnumeriert. Ich lasse 
mich vorwärts und in die Drehtüre eines Papierladens 
hineinwirbeln, wo ich den Clerk, einen blassen, am frühen 
Morgen schon todmüden jungen Menschen nach einem 
Wegweiser Chicagos, aus dem man die Sehenswürdig- 
keiten der Stadt kennen lernen könnte, frage. - 

,,Hier gibt's keine Sehenswürdigkeiten," sagt der müde 
Clerk, ,,hier gibt's nur business." 

Wirklich, über der Stadt liegt ein dumpfer, sakkadierter 
Lärm, ein unter- oder oberirdisches Rollen, ein Puls- 
schlag, der sich wie ein nie aufhörendes Teppichklopfen 

293 



anhört. Durch das eine Nasenloch kommt Kohlenstaub 
herein, durchs andere der Duft von kochendem Leim. 
Diese Pasta legt sich um die Hirnhaut und siehe, das 
Chicagoer Gewissen ist entstanden. 

Wie die Leute hier ihren Geschäften nachjagen, das 
sieht einem ewigen Reißausnehmen vor sich selber ver- 
zweifelt ähnlich. In Van-Buren-Street laufen zwei Nonnen 
an mir vorbei. Geld sammelnd laufen sie türaus, türein. 
Ihre Gesichter tief in den erdfarbenen Hauben, ihre Ge- 
sichter, auf denen der Friede doch wohnen sollte, sind 
gespannt und verzerrt von der Geldjagd durch die 
Straßen. 

Indes, ich werde mich hüten, in den Fehler zu ver- 
fallen, daß ich den Amerikanismus mit diesem Chicagoer 
Tempo verwechsle, das aus Atemnot und Gewissens- 
krämpfen zusammengebraut zu sein scheint. 

Soviel ich weiß, ist diese Stadt, diese rapide Stadt, ,,the 
windy town", diese windige Stadt viel mehr eine Karikatur 
Amerikas. In ihr, die, kaum siebzig Jahre alt, heute die 
zweitgrößte Stadt des Kontinents ist, leben mehr Deutsche 
als in Hamburg, mehr Schweden als in Stockholm, mehr 
Juden als in Palästina; eben macht sie eine Entwicklung 
durch, die sie zum Schrecken und Staunen der Union 
werden läßt. Ganz Amerika blickt terrorisiert auf diese 
Stadt hin, die laut genug ihre Drohung ins Land hinaus- 
schreit: wartet nur, in ein paar Jahren bin ich die erste 
hier herüben, in ein paar mehr die erste der Welt. Nach 
drei Dimensionen schießt sie sichtbar in die Halme, ihre 
Grenzen habe ich trotz halbe Tage langen Fahrten in 
schnurgeraden Trambahnlinien nicht berührt. Wie die 
neuesten ihrer Wolkenkratzer steigt der Reichtum ihrer 
Einzelnen schwindelig hoch und rasch in die Höhe; wie 
ihre von kahlen, mit Kehricht vollgekarrten Feldern unter- 
brochenen endlosen Vorstädte aus Holz und Kot, ver- 
breitet sich das Elend und die Armut ihrer Vielen er- 
schrecklich weit und breit. Das bedeutet sinnlosen Glanz 
und irrsinniges Machtbewußtsein in Wohn- und Direk- 

294 



tionspalästen und das bedeutet von der Verzweiflung ge- 
schwärzte Seelen in Fabriken und Massenquartieren. Das 
bedeutet ein Auf und Ab, eine Überreizung, ewiges Um- 
und Umnumerieren von Häusern und Menschen, es be- 
deutet einen Rundtanz von Habsucht, Verschwendungs- 
sucht, Selbstberäucherung, Zerknirschung, Verbrechen, 
Mitleid, Betrug, Psalmengesang, Totschlag, Ästheten- 
dünkel und Menschenschande. — Aber auf dem Grabe der 
vier Blutzeugen in Waldheim- Cemetery liegen frische 
Blumen! — 

Hoffentlich geht's hier nicht alleweile zu, wie in diesen 
ersten Novemberwochen 191 1, die ich in Chicago ver- 
bringe. Geht's hier jahraus jahrein im selben Tempo weiter, 
so steh ich nicht an, zu erklären: Chicago ist die Hölle. 

In der besten Gegend der Stadt weckt mich am Mor- 
gen nach meiner Ankunft, es ist noch früh, kaum fünf, 
eine Detonation. Ich springe zum Fenster, schau in den 
Hotelhof hinaus, ob keiner auf das Glasdach hinunter- 
gesprungen ist? Zwei Tage später weckt mich dieselbe 
Detonation; ich bleibe aber im Bette liegen, ich weiß ja, 
es ist kein Selbstmord, keine Wiederholung des glorreichen 
Haymarket- Attentates, sondern es hat da in der Nach- 
barschaft wieder einer seinen Morgengruß, eine kleine 
Bombe, vor dem Tor eines Geschäftskonkurrenten nieder- 
gelegt. 

Am ersten Frosttag zählen die Zeitungen 7 mörderische 
Überfälle, 3 Notzuchtsversuche im Weichbild der Stadt. 
Die Zeitungen sind voll von Giftmorden, unaufgeklärten 
plötzlichen Todesfällen einflußreicher Leute, Schieße- 
reien in den belebtesten Straßen um die Mittagsstunde. 
(Chicago hat den Ruf, daß man in ihr, während in anderen 
Städten Amerikas ein Mörder erst von 200 Dollar auf- 
wärts zu haben ist, einen Mörder schon für 8 Dollar 
haben kann.) 

Im Gerichtshof findet das Geplänkel des Staatsanwalts 
mit den Magnaten des Fleischtrusts statt; sie haben ver- 

295 



sucht, das Sherman-Gesetz zu übertreten, einen kleinen 
Corner in Fleisch herbeizuführen, dem konsumierenden 
Publikum ein wenig die Kehle zuzuschnüren. Der Ge- 
richtshof ist voll von jungen Juristen, von allen Seiten 
sind sie herbeigeströmt, um zu lernen, wie der be- 
rühmte Anwalt der großen Fleischschlächter mit der An- 
klage umspringt. Zwischen zwei Buchstaben des Ge- 
setzes tut sich ein winziges Loch auf, durch das die 
ganze Anklagebank ins Freie schlüpft. Es soll schon 
jetzt alles getan werden, um die Anklage hinfällig zu 
machen. (Kommt die Sache erst nach allen Instanzen 
vor das höchste Schiedsgericht in Washington, so siegen 
ja die Magnaten doch.) 

Um Armour Square herum haben einige Raids auf die 
beteihgten Institute des Bordell-Trusts stattgefunden. 
Ein paar Straßen weiter im Osten hat man versucht, Jim 
O'Learys, des Spielerkönigs, bombenfeste und mit Stahl- 
panzertüren gebaute Spielhölle aufzuheben. Alle drei 
Trusts, der Fleisch-, der Bordell- und der Spielertrust 
haben, scheint es, diesen wohlgemeinten Reformversuchen 
standgehalten. Die Zeitungen nehmen kein Blatt vor den 
Mund, ausführlich berichten sie über die Stadt- und Kon- 
greßpolitiker, die im Dienst des Fleischtrusts, über die 
Polizei, die im Dienst des Bordelltrusts steht, und über 
die Wachtstuben, die ruhig weiter Jims Odds auf ihren 
schwarzen Tafeln stehn haben. (Wird's im Januar zwei 
Tage mit einer Temperatur unter null Grad Fahrenheit 
geben oder nicht? 5 zu i.) Wie in fast allen großen 
Städten rennt soeben ein neuer Bürgermeister mit ein- 
gelegter Lanze gegen die Korruption in allen Gebieten 
des kommunalen Lebens vor. Mir schwirren noch die 
legendären Hinky-Dink, Bathhouse John und ähnliche 
Stadtverordneten- und Polizisten-Spitznamen in den Ohren. 
Zum erstenmal auf meiner ganzen Reise stecke ich all- 
abendlich den Revolver in die hintere Tasche — wie 
leicht könnte man in einer der stockfinsteren, zu Dieb- 
stählen und Totschlag vorbereiteten Gäßchen dieser 

296 



Stadt an einer Ecke um einen Saloon plötzlich einem 
Polizisten oder Stadtverordneten in eigener Person gegen- 
überstehn ? 

Oben auf der Galerie der Getreidebörse im Board of 
Trade-Building sitzt neben mir ein alter Herr mit 
weißem Knebelbart. Er hat seine braune gelbbehaarte 
Hand ausgestreckt und erklärt mir die Sehenswürdig- 
keiten dort unten. Nennt die Namen der heulenden 
Derwische, die um die „Grube" herumstehn, die be- 
rüchtigte Grube, „the pit", in die das goldene Korn der 
Welt hineinstürzt und aus der imaginäre Papierwerte zu- 
rückflattern auf den betrogenen Erdball. 

Es gibt noch drei andere Gruben in diesem Saal, die 
Maisgrube, die Hafergrube und die Speckgrube. Das 
wildeste Geheul und verzweifeltste Gedränge ist aber um 
die Weizengrube. 

Auf einer hohen Kommandobrücke zwischen den Gruben 
der Weizen- und der Maismakler stehen die Inspektoren 
vor langen Papierbogen, Logbüchern der Börse. Zu ihnen 
schießen über dünne Stahldrähte blinkende Metall- 
kapseln herüber von den hundert Telegraphenschaltern 
am Ende des Saales. Ein fortwährendes Knacken tönt 
von den Tafeln, die die Namen der Erntedistrikte Ame- 
rikas aufgeschrieben tragen, ins Stimmengetöse herüber. 
Auf der anderen Seite des Saales rieseln aus Hunderten 
von Papiersäckchen die Weizenproben in die Holzschalen 
nieder. 

Der alte Herr neben mir besitzt viertausend Acker 
Land in Nebraska und ist auf der Durchreise nach dem 
Osten, wo seine Kinder studieren. Er ist mit seinem Jahr 
zufrieden, die Hyänen der ,, Grube" haben weder ihn noch 
seine Kinder zerfleischt. Ein spitzmausähnlicher kleiner 
Jude steht auf der untersten Stufe der Grube und blickt 
blinzelnd in die brüllenden Rachen um ihn hinein. Dies 
ist derselbe Mann, der vor zwei Wochen eine ,, Opera- 
tion" in Weizen versucht hat und elend gescheitert ist. 

297 



Man hat ihn rechtzeitig ,, gestützt", d. h. drei Miüionen 
Busheis Hegen jetzt für seine Rechnung in den Eleva- 
toren von Chicago, Madison und St. Louis, die er klein- 
weise und mit ungeheurem Verlust an die Müller zu ver- 
kaufen versucht. 

Gefilde von Gretna, stille abendliche Spazierwege 
Altonas oben in Manitoba! Die blitzenden Metall- 
kapseln schießen hin und wieder, verknüpfen die Geschicke 
der Menschen, Menschen, die einander nicht kennen, 
fremde Geschicke . . . 

Ein Wutschrei steigt aus dem heulenden Zwinger, aus 
den drei hinunterführenden Stufen des vollgespuckten 
Schwimmbassins empor. Hunderte von Händen recken 
sich wie zum Schwur. Aus allen Ecken des Saales 
laufen Menschen, Arme und Beine wie im Veitstanz 
schlenkernd, an die Grube heran. Von der Kommando- 
brücke beugt der Inspektor ein Ohr hinunter. Dann 
schreibt er eine Ziffer auf den Bogen. Ein Blitz schießt 
von der Kommandobrücke zu den Telegraphenschaltern 
zurück. Hunderttausend Ticker ticken in der ganzen 
Welt eine und dieselbe Zahl, auf hunderttausend Köpfen 
sträuben sich die Haare, in hunderttausend Betten wer- 
den sich heut nacht schlaflose, erschöpfte Menschen wälzen 
bis zum Tagesgrauen. 

Mein Nachbar nimmt lächelnd Abschied. Seine haarige 
Hand geht kaum in meine hinein, wie wir uns mit einem 
guten Händeschütteln voneinander trennen. 

Unten um die Grube dauert das Gebrüll, das Gesti- 
kulieren, der Hexensabbat fort. Aus den Schwurhänden 
sind geballte Fäuste geworden. Jede scheint die nächste 
zu bedrohen. Gute, warme Faust des Ackerbauers, herr- 
liche, breite, ruhige Faust schwielig wie die Rinde der 
Erde! — 

Im Schatten des Korridors, der zur Treppe führt, sitzt 
eine schwarze, hochgewachsene Frau auf einer Bank. 
Unter ihrem breitkrämpigen Hut ist der Schleier vom Ge- 
sicht zurückgeschlagen. Ihr Gesicht ist blaß und hat 

298 



schöne, große und einfache Züge. Sie kann nicht älter 
sein als Fünfunddreißig. Sie sieht vor sich hin, keinen 
der Vorübergehenden an. Sie trägt einen schweren 
schwarzen Pelz. Ihre Hände in schwarzen Handschuhen 
ruhen auf ihrem Schoß. Sie halten einen kleinen Bleistift 
und ein zerknülltes Stück Papier. Wenn das Geheul bis 
an ihre dunkle Ecke aus dem Saal herüberdringt, schreibt 
die Frau mechanisch, ohne niederzublicken, ein Zeichen, 
eine Ziffer, auf das Papier. Was schreibt sie auf? Worauf 
horcht sie? 

Wie mich zwei Wochen später mein Weg um die Mit- 
tagsstunde wieder an der Börse vorüberführt und ich für 
einige Augenblicke auf die Galerie hinauflaufe, sehe ich 
die Frau auf dem gleichen Platz sitzen. Bleich starrt sie 
ins Leere vor sich. Ihre Hände, die leblos scheinen, 
halten den Bleistift, das Stückchen Papier . . . 

Unten aber, vor dem Haus, sieht's aus wie auf dem 
Markusplatz in Venedig. Tausende von weißen Tauben 
flattern um den rauchgeschwärzten Kasten. Die ver- 
streuten Körner aus den Mustersäckchen bleiben nicht 
lang auf dem Pflaster liegen. Mancher heulende Derwisch, 
der seinem Mitmenschen das letzte Weizenkörnchen am 
liebsten vom Munde wegreißen möchte, steckt eine Hand- 
voll in die Tasche, eh' er die „Grube" verläßt. Die weiß- 
beschwingten Kinder der Atmosphäre statten ihm ihren 
Dank dafür auf ihre Weise auf Hut und Paletot ab. 

In dieser flüchtigen Skizze soll ein weniges über den 
heiligen Sonntag gesagt werden, an dem die tollwütige, 
fiebernde Stadt von der Arbeit auszuruhen vorgibt. Von 
einer Sonntagsruhe nach europäischen Begriffen ist hier 
keine Rede, obzwar man weniger Leute auf den Straßen 
sieht als in europäischen Großstädten. Es heißt viel- 
mehr, sich vom Samstag zum Montag hinüber zu schwin- 
gen, ohne das Tempo und Gleichgewicht auf der Kurve 
zu verlieren, sich nicht überrunden zu lassen von denen, 
die ihre Anfangsgeschwindigkeit nicht von neuem sich 

299 



holen müssen, sondern bereits im vollen Tempo ein- 
fahren. 

Ein Tag von 24 Stunden ist, zumal in Amerika, eine 
Menge Zeit. Man wird nicht 70 und darüber, sondern 40 
und darunter, und es sind Kriegsjahre, das weiß Gott. 
Da das Gesetz das Geschäftemachen mit den Menschen 
am Sonntag verbietet, macht der Amerikaner mit seinem 
Gewissen Geschäfte am Sonntag, revidiert seinen Kontrakt 
mit dem lieben Gott, dieser Kontrakt muß mindestens 
sieben Tage lang bindend bleiben für beide Teile. — 

Der liebe Gott hat am Sonntag in Chicago alle fünf 
Schritte weit ein andres Gesicht und einen andern Namen. 
An der eleganten Michigan-Avenue, die, als der ,,Corso" 
Chicagos, als eine Wolkenkratzerreihe das Seeufer ent- 
lang aufgepflanzt steht, kann man an einem Sonntag- 
morgen fünfundsiebzig Weltanschauungen dahinlaufen 
sehn. Jede läuft in ein separates Tor hinein, hinter dem 
ein Saal mit Hunderten von Stühlen steht. Um zehn ist 
jeder dieser Säle zum Platzen voll. In jedem wird ein 
Gottes- oder Gewissens- oder Hirngespinstes-Dienst ab- 
gehalten, der mit Gesang und Bibelzitaten anfängt und mit 
dem Klingelbeutel aufhört. Was dazwischen liegt, ist das 
außerordentlichste Sammelsurium von Schriftauslegungen, 
Darstellungen sozialer, ethischer Nöte, religiöser Wahn- 
ideen, indischer Mystik, mehr oder weniger verhüllter 
Geschäftstricks und Gewissenquacksalbereien, die die Welt 
an einem Sonntagmorgen im November mitgemacht, 
erduldet und angesehen hat. Über die Kirche in Amerika 
schreibe ich später ein Kapitel, hier will ich über die 
letzten Zuckungen einer der stärksten religiösen Be- 
wegungen, die Amerika je erlebt, kurzen Bericht geben. 

Der Prophet Elijah, Elijah der Wiedererbauer des 
Neuen Zions, ist tot. Im Leben führte er den Namen 
John Alexander Dowie und war eins der größten Ge- 
schäftsgenies des neuen Amerikas. Zwei Stunden nörd- 
lich von Chicago liegt Zion City, die Stadt, die berufen 
war, das Neue Zion zu werden. Das Neue Zion mit dem 

300 



heiligen Tabernakel des Glaubens im Mittelpunkt der 
Stadt und einem kolossalen Verwaltungsgebäude dahinter, 
zur Ausbeutung der menschlichen Dummheit errichtet 
und Zentrale der in Dollar umgerechneten Leichtgläubig- 
keit des Menschengeschlechtes. 

Das Tabernakel und das Haus dahinter, keines ist je 
gebaut worden, von Zion City ist nur der Name übrig ge- 
blieben und eine gutgehende Spitzenfabrik, Dowies ein- 
zige erfolgreiche Gründung. 

In Chicago findet in einer gemieteten Kirche ein letzter 
verzweifelter Versuch zur Sammlung des Häufleins der 
Zionsgetreuen statt. Der ,, Aufseher der Christkatholi- 
schen Kirche von Zion über die Welt" hat sich soeben 
nach seiner Rede niedergesetzt, da steht einer von den 
Getreuen auf und verlangt Rechenschaft über das nicht 
gehaltene Versprechen des Propheten, in kurzem im Flei- 
sche aufzuerstehn und unter den Seinen zu wandeln. 
Fünf Jahre sind vergangen und er wandelt immer noch 
nicht. Der Frager hat eine Nacht sitzend auf dem Grabe 
des Propheten zugebracht und sein Ohr auf den Stein 
gelegt. Kein Laut. Nichts. 

Der ,, Aufseher" erhebt sich und verkündet, das Ver- 
sprechen sei so zu verstehen: mit Christus zugleich wollte 
der Prophet in seiner Stadt Zion erscheinen. Seit aber, 
mit der Verweltlichung Zions, Asphalt über die Erde 
Shiloahs gelegt worden ist, ist die letzte Hoffnung ge- 
schwunden. Nie würden sich Christs durchbohrte Füße 
an den Asphalt der neuen Zeit gewöhnen. . . . 

Am nächsten Sonntag, 26. November, liegt das Neue Zion 
bereits im Sterben. Die Witwe des Propheten, Mrs. Jane 
Dowie, eine kleine frisierte, wie eine Haushälterin oder 
Kartenlegerin aussehende Frau, predigt in einem küm- 
merlichen gemieteten Zimmerchen im Loop- Viertel. Vor 
anderthalb Dutzenden reduziert aussehender alter Weiber 
und Männerchen, die fröstelnd und zittrig die Psalmen 
mitsingen, womit die Sache angeht. 

Dann redet die Witwe. Sie hat den Talar ihres Gatten 



301 



an, denselben, in dem der Prophet vor sieben Jahren in 
Madison Square Gardens, Newyork, vor 30000 Menschen 
geredet hat. Ihre Rede ist nicht Ja Ja und Nein Nein, 
sondern ein Geschwätz aus Bibelbrocken, Reminiszenzen 
an ihren Mann, den sie abwechselnd: „der Prophet" 
und ,,my husband" nennt, und einem unverblümten Ge- 
schimpfe auf die erfolgreichere Witwe, deren Bude 
nebenan auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten einen stärkeren 
Zulauf hat. — Diese Witwe ist Mrs. Baker Eddie, die 
Schöpferin des Gesundbeter-Glaubens, der Christian 
Science. 

„Meine Seele ist in Nöten, aber Christus nimmt sie von 
mir. Nicht um die Welt würde ich mit jenen tauschen, 
die aus Lug und Trug geschaffen sind und sich bereichern 
durch Irreführung. Ich weiß, ich darf meinem Gott 
vertrauen, aber dieser Saal kostet zehn Dollar, und wenn 
Sie einen billigeren wissen, so sagen Sie mir die Adresse. 
Wir werden jetzt um Kraft und Stärke beten, dann kommt 
die kleine Kollekte, erinnern Sie sich, daß der Saal zehn 
Dollar kostet, und ich arme schwache Frau kann doch 
wirklich nicht draufzahlen." 

Während des Schlußpsalms schlägt die Witwe des Pro- 
pheten mit der rechten Hand den Takt, derweil zählt die 
Linke das Geld im Körbchen, das der Küster des „Neuen 
Zions" auf den Altartisch neben sie hingestellt hat. — 

In dunklen Scharen, aufgeregt und hysterisch, strömen 
die Americanos aus ihren 75 . Kirchen die Michigan- 
Avenue entlang. In ihre Heime werden sie die Beängsti- 
gungen über die Trostlosigkeit ihres ins Nichts hinein- 
galoppierenden Speed mitnehmen. Mühe verursacht es 
ihnen, nicht über die Arbeitslosen zu stolpern, die alle 
zehn Schritte weit auf dieser elegantesten Avenue der 
Stadt herumlungern und betteln. Elend und hohläugig 
stehen sie da und betteln, in Mengen, denen man nur im 
gesegneten Itahen, dem Land der blaugoldenen Sonne 
und der göttlichen Faulheit, zu begegnen gewohnt ist. 

302 



DIE KATZE IN DER KLAVIERFABRIK 

Der Besuch der Schlachthäuser in Chicago ist einiger- 
maßen in Verruf geraten bei den Schriftstellern, die 
nach Amerika reisen. Der ausgezeichnete Wells lehnte 
es ab, zuzusehen, wie unschuldige Tiere in Scharen zu- 
sammengetrieben und die Wehrlosen dann zum Tode 
befördert werden. Andre Geister geringeren Kalibers 
haben dann Wells Exempel nachgeahmt. Ich vermute, 
Grund dieses Zurückhaltens ist weniger das Mitleid mit 
den Tieren als die außerordentliche und endgültige 
Schilderung, die Upton Sinclair in seinem Meisterroman 
,,The Jungle" von den „Packinghouses" entworfen hat. 
Ich sehe nicht ein, warum man um lo Uhr früh nicht 
zusehen soll, wie die Rinder und Schweine gestochen 
werden, die man in Form von Filets und Karbonadeln 
sich um halb zwei zum Lunch servieren lassen wird. 
Wichtiger als das Schicksal der Tiere, die abgestochen 
werden, scheint mir das Schicksal der Menschen zu sein, 
die sie abstechen. Daraufhin habe ich mir Armours 
Schlachthäuser angesehen. 

Ich traf Sinclair einen Monat später in Newyork und 
sprach mit ihm über sein Buch. ,,The Jungle", ein Werk, 
das man nicht laut genug preisen und über die Flut der 
zeitgenössischen Produktion in die Höhe halten kann, ist 
das Werk eines Sozialisten. Er hat die Mißstände dieses 
die ganze Welt angehenden Getriebes aufgedeckt, sie 
der Welt zu bedenken gegeben. Ihm war's mehr darum 
zu tun, die Welt über die erbarmungswürdigen Zustände 
aufzuklären, in denen die Arbeiter der Schlächtereien 
leben, die wirtschaftlichen Zusammenhänge zu erklären, 
die diese Menschen ruinieren — als von dem Fleisch zu 
reden, das hier unter den unzulänglichsten hygienischen 
Bedingungen für den Konsum verarbeitet wird. Allein, 
wie Sinclair von der Wirkung seines Buches auf das ameri- 
kanische Publikum sagt: ,,I wanted to hit them in the 
heart, I hitted them in the stomach!" Er wollte sie in die 



303 



Herzgrube treffen, aber er hat ihnen auf den Magen ge- 
schlagen. Jetzt thront in dem dunklen, schimmligen, übel- 
riechenden Korridor, wo die armen bleichen Mädchen 
von 7 Uhr früh bis 7 Uhr abends die Fleischscheiben in 
Blechdosen packen, eine Maniküre, weithin sichtbar 
für die Besucher, die an ihr vorübergetrieben werden. Als 
ein Zeichen dafür, daß die Fleischscheiben von täglich ge- 
putzten Fingern in die Büchsen gestopft werden, thront 
sie da im Korridor. Ihre polierten Nägel glänzen im 
Schein der Glühbirnen. Sie sitzt, ein bis in den Tod ge- 
langweiltes Schauobjekt, mitten in dem Gestank da und 
Hest, während die anderen um sie fieberhaft arbeiten, einen 
abgegriffenen Roman. Wahrscheinlich ,,the Jungle". 

Sonst ist aber alles beim alten geblieben. Rings um die 
kolossalen Festungen der Schlachthäuser erstrecken sich 
Quadratmeilen weit die offenen Holzställe, in denen 
Rinder, Schafe und Schweine auf ihre Apotheose warten. 
Zuweilen öffnet sich ein Tor, die Tiere strömen heraus, 
werden durch Schleusen und Verschlage, die sich vor ihnen 
auf tun, durch ein Labyrinth von Pfaden und Winkelstraßen 
zu einem gedeckten Gang getrieben, auf eine Seufzerbrücke 
hinauf, an deren Ende das blökende, quietschende muh- 
muhende Gewimmel gradenwegs in seinen messerscharfen 
Tod hineinfällt. 

Da ist die runde Riesenscheibe aus Holz, auf der sich, 
an den Hinterfüßen aufgehängt, die strampelnden 
Schweine drehen. Vor der Scheibe steht ein kleiner vier- 
schrötiger Kerl mit einer spitzen Stahllanze. Dreht die 
Scheibe einen Schweinebauch in die geeignete Höhe, so 
macht der Kerl in das Schwein den ersten kurzjsn Schnitt, 
von oben nach unten. Das strampelnde Opfer merkt erst 
jetzt, worum es sich eigentlich handelt, stößt ein Angst- 
gequieke aus wie ein gebranntes Kind, spritzt dem Kerl 
einen dünnen, heißen, roten Strahl ins Gesicht, über den 
Leib und die Mörderhände und ist vermittels einer 
Kette schon zum nächsten Schlächter weiterbefördert, 
der einen ebenso kurzen, eleganten und systematischen 



304 



Schnitt an ihm vollführt. Hundert Schritte weiter ist 
das Tier bereits nach allen Regeln der Kunst abgebrüht, 
enthaart, in seine Bestandteile zerlegt, in die Kühl- 
räume gebracht, die Spur seiner Erdentage ist ausgelöscht 
und sein Beruf als Menschennahrung hat feste Form an- 
genommen. 

Die Scheibe dreht sich und der Vierschrötige macht 
seinen ersten Schnitt. Seit dreißig Jahren steht er da 
und macht seinen ersten Schnitt sicher und selbstbewußt, 
wie ein Bankdirektor seine Unterschrift unter ein Schrift- 
stück setzt. Er verdient viel Geld, 60 Cent die Stunde, 
und ist eine repräsentative Figur des heutigen Amerikas, 
so gut wie Dowie, Rockefeller und Roosevelt. Er hat drei- 
ßig Jahre lang das Tempo ausgehalten — 25 Tiere in der 
Minute, das macht 1500 in der Stunde, gleich 15000 für 
den zehnstündigen Arbeitstag. Dreißig Jahre lange ist er 
im Speed Amerikas auf seinem Posten geblieben, Schweine- 
millionen hat sein Lanzenritz dorthin spediert, wo der 
Fleischfreßtrieb der Menschen sie hin haben wollte. Ver- 
achte ich diesen Mann wegen seines Gewerbes, seines 
gleichmütigen, unbewußt rohen Naturells, der inmitten 
von Todeszuckungen, dünnen roten Strahlen und Angst- 
gequietsch seinen und seiner Familie Unterhalt erwirbt? 
Keine Spur ! Ich bewundere ihn um seiner Kraft und seines 
Tempos willen. 

Mag er immerhin ein Unmensch, ein Untier, ein 
Unding, eine Boschsche Höllenausgeburt sein — ein Maß- 
stab und Messer der Menschenkraft, ein Rekordbestimmer 
der Tüchtigkeit, auf die's in seinem Beruf ankommt, ist 
er, ist er! 

Ein Feind, nicht der Schweine, sondern seiner Mit- 
menschen, dazu. Das ist dieser Boschsche Höllen- 
kerl. Seine Tüchtigkeit ist es, die ihn zum Feinde seiner 
Mitmenschen macht, diesen da, der den Speed aushält. 
Es ist ja ein Gesetz von Anfang her, der Tüchtige ist der 
Feind des minder Tüchtigen. Aber in diesem Land, das 

20 305 



aus der Tüchtigkeit eine Religion gemacht hat, eine Re- 
ligion, deren Tempel gleich neben dem der Demokratie 
sich erhebt und — nicht nur in den Geschäftsstunden — 
stärkeren Zulauf hat, im heutigen Amerika hat dies Gesetz 
einen kleinen Zusatz, eine Ergänzung erfahren, und zwar 
diese: Der Tüchtigste ist zugleich auch der 
Feind des Tüchtigsten. — 

Ein Mann namens Frederik Taylor war jahrelang als 
Ingenieur in den Bethlehem-Stahlwerken, die dem Car- 
negie-Trust gehören, tätig. Auf dem Weg von der Gie- 
ßerei ins Bureau und zurück blieb er zuweilen auf dem 
Hof stehen und sah zu, wie die Roheisenklumpen, die sich 
dort im Freien sonnten, von Leuten auf Karren verladen 
wurden. 

Ein kleiner Deutscher, den er in seinem Buch (,, Scien- 
tific Management" by F. Taylor, ich glaube bei Macmillan 
erschienen) schonungsvoll Schmidt nennt, lenkte durch 
sein Gebaren Taylors Aufmerksamkeit auf sich. Dieser 
kleine Deutsche war ein kräftiger Bursche, der es zuwege 
brachte, täglich etwa 12^/, Tonnen „Pig-Iron" auf die 
Karren zu laden. Für einen Taglohn von 1:15 Dollar 
leistete er diese Arbeit. Taylor sah dem Burschen zu und 
erkundigte sich beim Aufseher nach dem Privatleben des 
kleinen Deutschen. Schmidt war Familienvater, hatte 
sich von seinem Lohn ein Stückchen Land vor der Stadt 
erworben, auf dem er täglich eine Stunde, eh' er in die 
Werke kam, eine Stunde, nachdem er abends heimkehrte, 
mit eigenen Händen ein Häuschen baute, für sich und die 
Seinen, um darin zu wohnen. ♦ 

Dieser Schmidt ist ein Dieb! sagte sich Taylor. Die 
zwei Stunden Arbeit, die er an seinem Häuschen tut, be- 
weisen, daß er zwei Stunden Kraft den Bethlehem- 
Stahlwerken entwendet, die ihm diese Kraft doch für 
1:15 Dollar pro Tag abgekauft haben, das ist klar. 

Taylor Heß Schmidt kommen und frug ihn, ob er nicht 
gern 1:85 Dollar verdienen möchte? Schmidt bejahte 
diese sonderbare Frage, konnte sich aber nicht enthalten, 

306 



Taylor nach den Bedingungen zu fragen, die als Gegen- 
leistung von ihm verlangt würden? Taylor rief hierauf 
einen Aufseher und ging mit dem Aufseher und Schmidt 
in den Hof zu den Eisenklumpen hinaus, wo er den beiden 
ein paar Körperbewegungen vorzumachen begann. 

Schmidt ahmte auf Wunsch Taylors diese Körper- 
bewegungen nach, arbeitete im Tempo, das ihm Taylor 
mit: Eine — zweie — dreie bestimmte, setzte sich zur 
Ruhe hin, wenn Taylor ,, Rührt Euch" kommandierte, . . . 
Schmidt fing an i : 8 5 Dollar pro Tag zu verdienen und da- 
für 47^/2 schriftlich : siebenundvierzig und eine halbe Tonne 
pro Tag zu verladen, (gegen 121/2, die er bis zu diesem 
Tag bewältigt hatte), . . . Schmidt verdiente für seine 
vervierfachte Leistung anderthalbmal so viel wie 
früher. Sein Häuschen weiterbauen, das konnte er natür- 
lich nicht mehr, dazu war er am Abend zu müde, am 
Morgen zu schlaftrunken. Das System Taylor aber war 
geboren, das System der „wissenschaftlichen Ausnutzung 
der menschlichen Kraft im Dienste der Fabrikarbeit", 
das System des „Speeding-up", der Aufpulverung, wie ich 
es nennen möchte, das System der Anspannung und des 
Verbrauches der menschlichen Energie bis an die äußerste 
Grenze der natürlichen Bedingungen. — 

Andre haben dieses System auf andre Gewerbe ange- 
wandt, Gilbreth z. B. auf das Maurergewerbe. Der 
amerikanische Maurer hebt den Ziegelstein nicht mehr 
mit beiden Händen, sondern mit der rechten Hand, der- 
weil führt die linke den Spachtel in die Kalklösung. Auf 
diese Weise wird ein Ziegelhaus im Tempo von 350 Ziegeln 
die Stunde erbaut, statt wie bisher im Tempo von 120 
Ziegeln die Stunde. 

Ein neuer Typus des Aufsehers (oder haben die Pha- 
raonen und Caracalla ihn schon vorgeahnt?) ist so in 
das amerikanische Arbeitsfeld eingetreten. Der Auf- 
seher vor der Geburt des Taylor-Systems hatte die Pfhcht, 
nachzusehen, ob die Arbeit richtig und pünktlich ge- 
macht wurde. Der neue aber, der speed-boss, „Hetz- 

20* 307 



Vogt", bestimmt das Tempo, die Stückezahl, die ge- 
liefert werden muß; er ist der Mann, einen Rekord 
von seinen Leuten zu verlangen; wer den Rekord nicht 
einhält, fliegt aus seinem Job und kann zusehn, wie er 
weiterkommt in diesem Leben. — 

Was sind die Folgen dieser Stückarbeit, dieses mörde- 
rischen Tempos, für den Arbeiter und die Industrie ? 

Erst rangiert der Tüchtige den Untüchtigen aus, das 
ist selbstverständlich. Dann aber rangiert der Tüchtigste 
sich selbst, wie gesagt, den Tüchtigsten aus. Denn bei 
dieser Art von Arbeit wird natürlich ein solch ungeheures 
Plus an Waren produziert, daß die Fabriken immer öfter 
und für immer längere Zeit zusperren müssen, weil sie so 
schon nicht mehr wissen, wohin mit ihren aufgehäuften, 
aufgestapelten Lagern. Amerika produziert dreimal so 
viel Waren, als es selber konsumiert, und der Export hält 
mit dieser Überproduktion nicht Schritt. (Schmidt von 
den Bethlehem-Stahlwerken ist die unmittelbare Ursache 
der chinesischen Revolution, sei nebenbei bemerkt. Hätte 
der Stahltrust seine Exportgelüste nach dem Reich der Mitte 
bezähmt, so wäre Herr Sun Jat Sen nicht geradeswegs aus 
der Wall- Street in die Weltgeschichte hineingestiegen!) 

Der Arbeiter also feiert einen Teil des Jahres, zehrt 
seine elenden Ersparnisse, wenn er dergleichen über- 
haupt hat, gänzlich auf und hat sich somit aus seiner 
eigenen Tüchtigkeit einen guten soliden Strick gedreht, 
wie man sieht. 

Das System aber, das hundsföttische Stückarbeit- 
Schindsystem in seiner neuesten Variante blüht, erobert 
sich in dem weiten Amerika einen Fabrikationszweig nach 
dem andern, eine Fabrik nach der andern, streckt schon 
seine Fangarme zu uns herüber, nach dem Creuzot, nach 
Essen, nach dem Vogtland, überallhin. . . . 

Eine weitere Konsequenz dieser Kraftausnutzung bis 
ins Extreme ist die — vorläufig — spezifisch-amerika- 
nische Einrichtung der ,,Age Line", der Altersgrenze. 

308 




.^^^^1«^ 




Arbeitswillig 



Verbraucht 



Es ist in Amerika für einen Arbeiter, der die 40 über- 
schritten hat, sehr schwer, eine Stellung in einem 
Fabriksbetriebe oder einem Geschäftsbetriebe zu finden. 
Es ist aber auch sehr schwer, mit 40 Jahren eine Stelle 
zu behalten. Der speed-boss erstattet dem Chef eine 
kleine Anzeige, der brave, tüchtige Arbeiter erhält am 
Sonnabend in dem Kuvert mit seinem Wochenlohn einen 
Schreibmaschinenwisch und kann damit direkt ins Wasser 
gehn. Das ist das Gescheiteste, das er tun kann. Der Boß 
telephoniert an ein Bureau, Montag morgen um 6 stehen 
fünfhundert junge Männer vor dem Fabriktor, auf dem 
die Tafel hängt: 

,,We dont employ people over 40!" 

und der Boß hat die Wahl unter den Kräftigsten und 
Jüngsten. — 

In Newyork hat man mir einen Arbeiter gezeigt, 
der sich die Haare färbte; daß sich Arbeiter, eh' sie in 
ihren Job gehn, die Schläfen mit Schuhwichse schmieren, 
gehört zu den alltäglichen Beobachtungen; welche legen 
Rot auf; andre geben 10 Dollar im Monat für „drugs" 



309 



aus, das heißt: für Arsenikpräparate, die die Herztätig- 
keit während der Arbeitsstunden künstHch stimuHeren. 

In Chicago las ich in einer Zeitung einen Artikel mit 
der Überschrift: ,,Was kann ein vierzigjähriger Arbeiter, 
der seinen Job verloren hat, beginnen?" Antwort: er kann 
z. B. Portier vor einem Kinematographentheater werden. 

(Wie die organisierten Gewerkschaften, die die besten 
und tüchtigsten Arbeitskräfte um sich versammelt haben, 
dieser Tyrannei begegnen, weiß ich nicht. Ich weiß nur, 
daß die großen Trusts keinen organisierten Arbeiter auf- 
nehmen mögen. Die ,,Unions" aber stehen, zufolge ihrer 
skandalösen Schikanen, die sich zumeist gegen die privaten 
und gewiß unschuldigen Arbeitgeber richten, im ganzen 
Lande in gewiß nicht unberechtigtem Verruf. Hierüber 
später.) 

Heute zerreiße ich den Rest meiner Empfehlungs- 
schreiben, die ich an allerhand große Kaufleute,' Fabri- 
kanten, Millionäre Chicagos mitbekommen habe und in 
meinem Koffer führte die ganze Reise lang. Siebzehnmal 
mindestens habe ich nun denselben Dialog mit Kauf- 
leuten, Fabrikanten, Millionären geführt. Nach fünf 
Minuten fing mein Gegenüber an, auf die „Labour 
Unions" zu schimpfen, nach zehn hielten wir bei den 
Wohltätigkeits-Organisationen, und als mein Gegenüber 
dann aufsprang, zum Fenster lief, mir den Wolkenkratzer 
auf der anderen Seite der Straße zeigte zum Beweis für 
das wunderbare Wachstum des Vaterlandes, da wußte 
ich, die Zeit sei gekommen, meinen Paletot vom Nagel 
zu holen. Denn was nachher kam, waren vier neue Emp- 
fehlungsbriefe an Kaufleute, Fabrikanten, MilHonäre, die 
den frommen Wunsch maskierten : Scher dich zum Teufel, 
Europäer. — 

Was geschieht mit den Alten, Ausrangierten, Abge- 
tanen, denen, die mit 40 noch nicht ihr Schäfchen auf dem 
Trocknen haben, ja es nicht mal zur Würde eines speed- 
boss gebracht haben, mit den Opfern? 

Zum Glück stirbt der amerikanische Arbeiter jung. — 

• 
310 



Zu seinem Glück. — Zum Unglück Amerikas nimmt der 
Prozentsatz der Selbstmorde, der Geisteskrankheiten, der 
Verbrechen aus Not in Schauer erregendem Maße zu. — 
Irren-, Zuchthäuser schießen in die Höhe und können 
ihren Inhalt kaum fassen. — In Industriestädten bin 
ich nach Sonnenuntergang angebettelt worden wie nur 
noch in Rom und Neapel. — Wer von der hoffnungs- 
losesten Erniedrigung der menschlichen Kreatur ein Bild 
gewinnen will, mag in die Volkshotels in Kansas City, 
in South Clark Street in Chicago, ja, in die vielgerühmten 
Mills-Hotels auf der Newyorker Ostseite gehn, mag um 
I Uhr nachts die ,,bread-line", die Brotlinie vor den Toren 
einiger großer Speisehäuser, der Heilsarmee, der Brot- 
und Suppen-Missionen sich formen sehn, Häuservierecke 
lang, zweitausend, dreitausend kräftige Männer, die wort- 
los und geduldig warten, Hungernde, Arbeitslose, Be- 
scheidene, Bettler, in der Nacht. . . . 

Er mag sich auch in den Wohltätigkeitsämtern der gro- 
ßen Städte nach den „Hinterbliebenen" der Vagabunden 
erkundigen, die sich mit ihrem letzten Wochenlohn in der 
Tasche auf Nimmerwiedersehn nach dem lockenden 
wilden Westen aufgemacht haben! 

Ein amerikanisches Problem schwerster Art ist das des 
Landstreichers, des Tramp. Die jüdische Be- 
völkerung, die jüdische Einwanderung stellt einen er- 
schrecklich hohen Prozentsatz zu dieser „Berufsgattung". 
Der arme jüdische Arbeiter, der schon entnervt, geschla- 
gen vor der Schlacht, von den heimatlichen Pogromen 
anämisch geworden, ins Land der Freiheit und der sieg- 
reichen Energie kommt, hält selbstverständlich dem Speed 
nicht lange stand. 

Er hat die Wahl zwischen Selbstmord, Erschöpfungstod, 
Wahnsinn und Verbrechen. Er wählt die Landstreicherei. 
Sans Adieu verläßt er, zumeist in einem Alter von 37 bis 
40 Jahren, Weib und Kinder, wird ein „Bum" und ver- 
schwindet im Westen oder im Süden. 



311 




Tramp unterwegs 

Der Amerikaner ist gutherzig, verhungern läßt er einen 
so leicht nicht. Der Arme tut keinem Armen was zuleide. 
Nur der Reiche tut dem Armen gebrannte Leiden an. 
Selbst der große Philanthrop und Friedensapostel Carnegie 
erweist sich bei näherem Hinschauen als der tückischste, 
erbarmungsloseste Leuteschinder. In den Pittsburger 
Werken gibt's noch eine 24-Stunden-Schicht, die be- 
rüchtigte Schicht des ,, Doppelten Lunch-Korbs". Sämt- 
liche ,,Schmutzaufrührer" des intellektuellen Amerikas 
haben sich an der Mauer um diese Pittsburger Ungeheuer- 
lichkeit Beulen in die Schädel gerannt. Sobald es sich aber 
nicht mehr um Geschäft und Eintausch von Energie und 
Kraft gegen Geld und Nahrung handelt, kehrt Arm und 
Reich sozusagen wieder sein fühlendes Inneres nach außen. 

Was riskiert der arme jüdische oder andersgläubige 
,,Bum" bei der ganzen Geschichte? Schlimmer als in 
seiner Schwitzbude und seinem Massenquartier kann's ihm 
im Freien und bei den Leuten der weiten Einöde auch 
nicht gehn. Hat er sich erst zum Pazifik durchgeschlagen, 
so ist er ein Lazzarone oder doch etwas Ähnliches und fein 
heraus. Und w^enn auch nicht ? Den Tod sieht er immer noch 
als Tröster und milden Herbergsvater in der Ferne winken. 

Mögen sich die Wohltätigkeitsvereine seiner „Hinter- 
bliebenen" annehmen. Was schiert ihn Weib und Kind? 



312 




In ihrer Not und Verwaistheit 
wird ihnen wahrscheinUch sicherer 
durchs Leben geholfen werden, als 
er es zu seinen ,, Lebzeiten" ver- 
mocht hätte. Hat Er sie etw^a auf 
dem Gewissen, sein Weib und seine 
Kinder? 

Ohne einzelne Fabriken, die ich 
gesehen habe, zu denunzieren, 
mufS ich sagen, daß ich auf der- 
maßen unhygienische, mörderische 
und verbrecherisch vernachlässigte 
„Shops"doch nicht vorbereitet war. 

Daß ich selber heiler Haut aus 
diesen Räumen herauskam, in denen 

Treibriemen ohne Schutzgitter herumsausen, siedende 
Wachsmasse frei herumspritzt, Ätherstoffe ohne Maske 
auf Schuhleder gerieben werden, tausend Unzukömm- 
lichkeiten auf Schritt und Tritt auffallen und einem das 
Gefühl revoltieren, dafür sage ich hiermit meinem Schutz- 
engel, der mich auf der ganzen Reise getreulich begleitet 
hat, öffentlich tiefgefühlten Dank. 

Ünfallsversicherungen, Altersversorgung, Invaliditäts- 
pension und ähnliche zivilisierte Dinge kennt das 
demokratische Land des freien Wettbew^erbes nicht. Ne- 
ben den Bettlern mit heiler Haut fallen einem die Ver- 
stümmelten aller Kategorien peinlich auf. Rabelais könnte 
sich keine groteskeren Gesellen wünschen als diese im 
Getriebe des amerikanischen Fabrikwesens zu Schaden 
gekommenen Gestalten, die einem in den Straßen, in den 
Kneipen, an den Drehkurbeln der Lifts begegnen. 

Es muß aber nicht gerade der körperlich Verstümmelte 
sein, dem sich das volle Mitleid des Betrachters zuwendet. 
Ärger ist es, was die heutige Produktionsweise mit der 
Seele des Arbeitenden anfängt. — 

Die Scheibe, die die quietschenden Schweine dem 



313 



kleinen Vierschrötigen zuführt, in den Armour-Werken, 
wird durch das Gebot des speed-boss in Bewegung ge- 
setzt, und wenn sie sich bis heute mit einer SchnelHgkeit 
von 25 Tieren in der Minute gedreht hat, so genügt 
ein Kurbelgriff, um sie sich morgen mit einer Schnellig- 
keit von 30 Tieren in der Minute herumdrehen zu lassen. 

Wenn das armselige Wesen oben im Packsaal täglich 
15000 Blechdosen in Papier einwickelt — ihre Hände 
bewegen sich rasend rasch, so daß man die Finger kaum 
sieht — so genügt ein mißgelaunter Blick der Aufseherin, 
und sie wird morgen, bei Entlassungsstrafe, 16000 und 
17000 Dosen einwickeln usw. 

Unten in der Schlachthalle stehen die Schlächter in 
einer Reihe. Vor ihnen ziehen, mit dem dampfenden Leib, 
der noch blutet oder der schon durch das Laugenbad 
gegangen ist, die Tiere an den Ketten aufgehängt vor- 
über. Jeder von den Schlächtern hat eine einzige Be- 
wegung auszuführen. Einer rasiert mit einem kurzen 
scharfen Messer die obere Partie um den Schwanz herum; 
der nächste in der Reihe rasiert die untere; der nächste 
trennt mit einem Schnitt den Schwanz vom Rückgrat ab; 
der nächste reißt das Eingeweide des Tieres aus dem Bauch 
heraus; der nächste wirft es auf einen Karren, der sich 
mechanisch unter ihm fortbewegt; der nächste trennt 
aus dem Eingeweide im Karren die Leber weg, usw. 

Jeder dieser Menschen hat, von 7 Uhr früh bis 7 Uhr 
abends, denselben kleinen, aber wichtigen Handgriff zu 
vollführen; er muß aufpassen, daß er ihm gehnge, denn 
die Kette kennt keinen Aufenthalt. Sprechen, sich den 
Schweiß von der Stirne wischen, das Blut, das von den 
Kadavern spritzt, wegstreichen, wie könnte er das. Er 
kaut Tabak, das ist seine einzige Erholung, seine Erlösung. 
Was kümmert's ihn, wohin er seinen Tabakssaft spritzt, 
auf welche Weise er seine Nase erleichtert ? 

Vor ihm ziehn die Tiere an der endlosen Kette vor- 
über, hinter ihm ist der Aufseher her. Passiert nur ein 
einziges Tier, ohne daß der Schlächter seine Arbeit an 

314 



ihm verrichtet, so ist der Schlächter erledigt, und zwar 
gründlich. 

Rechne es dir aus, wie oft ein Mensch, eine Kreatur mit 
diesem wundervollen Mechanismus des Herzens, des 
Nerven- und Gangliensystems, mit der staunenswerten 
Muskulatur des Armes, der Gelenke, der Hände und 
Finger in lomal 60 mal 60 Sekunden, die gleiche, immer 
gleiche Bewegung ausführen muß, damit jener Mecha- 
nismus, jenes Mysterium nicht stocke, erlösche, damit es 
notdürftig fort sich friste durch eine dunkle Nacht hin- 
über zu einem trostlosen Morgen. 

Drüben in den schönen, lichten und blanken Hallen der 
berühmten Uhrenfabrik von Elgin sitzen 3700 Menschen, 
von denen jeder eine einzige kleinwinzige Verrichtung 
zu besorgen hat. Täglich w^erden dort 2500 Uhren her- 
gestellt, jede Uhr hat 211 Bestandteile. Welche BHcke 
treffen dich, wenn du neugierig und wißbegierig an den 
Tischen der Arbeiter vorüberschreitest? Haben Dante 
in den Pfühlen der Verdammnis solche Menschenblicke 
getroffen? Und doch sind die, die von ihrer Arbeit auf- 
blicken können, noch die glücklich zu preisenden unter 
den Sklaven dahier. Vor den meisten zischt und wettert 
und schlägt eine Maschine, die sie zu bedienen haben. 
Haarscharfe Nadeln bohren haardünne Löcher in kleine 
Kupferplättchen, ein Augenblick, ein um einen Millimeter 
zu weites Vorwärtsschieben des Fingers, und die Nadel 
fährt ins Fleisch, in den Fingernagel, das Brot verschwindet 
mit dem Bewußtsein, das den Körper mildtätig ein paar 
Augenblicke lang von seinen Schmerzen erlöst. 

In vielen Fabriken, Warenhäusern usw. wurden mir 
kleine Broschüren über die Baseball-, Tennis- und Fuß- 
ball-Mannschaften in die Hand gedrückt, sie handelten 
von den Taten dieser Mannschaften, der Fabriksmann- 
schaften, in den freien Stunden nach getaner Arbeit. 

Aber ich habe auch die ,, Whisky-Zeile" gesehen an der 
Grenze der Schlachthäuser und der Stadt, — wo der 



315 



Arbeiter seinen ,, Augenöffner" am Morgen hinuntergießt, 
ehe er an die Arbeit geht, um seinen Magen zur Auf- 
nahme der Nahrung gefügig zu machen, die ihm bis zur 
Mittagspause hinüberhelfen soll — am Abend aber 
den Befreiungstrunk hinunterspült, womit er den Ekel 
und die Verzweiflung nach dem Tagewerk, nach den 
10 Stunden, die ihm seine Seele vergiftet haben, loswird. 

Mehr als das, was der Arbeiter nach den Arbeitsstunden 
mit seiner Zeit beginnt, interessiert es mich, zu erfahren: 
wie geht es ihm während dieser Stunden seiner Fron ? Und 
die Sorge um das Seelenheil des Arbeiters während dieser 
Stunden ist, scheint's mir, ein weitaus wichtigeres Problem 
als alle Baseballteams. 

Die Spezialisierung der Arbeit, durch die Massen- 
produktion hervorgerufen, bringt den Arbeiter immer 
mehr auf das Niveau des leblosen Maschinenbestandteils, 
des präzis und automatisch funktionierenden Stahlhebels 
oder Rades herab. 

Der monotone Rhythmus ein und derselben Gebärde, 
eines und desselben Geräusches ertötet die Intelhgenz, 
die Instinkte der selbständigen Aktion und die Triebe zur 
Unterscheidung, Wahrnehmung und Synthese; die Funk- 
tionen des Kleingehirns hören auf und das vollendetste 
Geschöpf der Natur sinkt mehr und mehr zum Tier 
hinab. 

In den großartigen Universitätsstiftungen von Carnegie, 
Rockefeller, Morgan sitzen Menschen, die der Maschine 
den letzten Grad der Vervollkommnung zu geben suchen, 
um hierdurch ihre Mitmenschen in den Zustand der tief- 
sten Sklaverei hinunterzustoßen. 

Dieser Tage hat im Klub der Kaufleute Chicagos der 
Dekan der Ingenieurfakultät an der Universität Cin- 
cinnati, Dr. Hermann Schneider, einen Vortrag gehalten. 
Er gab einige Erfahrungen zum besten, die in jüngster 
Zeit um die Erhaltung der kostbarsten Eigenschaft, der 
Quintessenz der Arbeitskraft, die Frische und Lust des 
Aufschwungs, gemacht worden sind. Es handelte sich dabei, 

316 



dies sei gleich gesagt, weniger um die Seelen der Arbeiter 
als um die Seele des Speed sozusagen. 

Über einige Experimente, zum Beispiel das Vorlesen 
populärer Novellen in Zigarrenfabriken oder den un- 
schuldigen Gesang in Blusennäherinnen-Ateliers, haben 
mir seither Freundinnen in Newyork berichtet. Das 
Experiment aber, von dem Dekan Dr. Schneider berich- 
tete, ist so pittoresk, daß ich nach ihm das ganze Kapitel 
dahier betitelt habe. — 

In einer Klavierfabrik in Ohio war's mit den Mädchen, 
die zur Fabrikation eines einzelnen an sich ziemlich be- 
langlosen Bestandteiles verwendet wurden, nicht mehr 
zum Aushalten. Die armen Dinger wurden bleich, müde, 
apathisch und blieben schließlich ganz weg, um nicht 
wahnsinnig zu werden von der Monotonie ihrer Arbeit. 

Der Boß der Abteilung sann hin und her, versuchte dies 
und das, versuchte es mit hübschen Dekorationen im 
Arbeitsraum, bequemen Sesseln, nichts half. Immer 
wieder desertierten die Mädchen dieser Abteilung, der 
Betrieb stockte, beeinträchtigte die anderen Betriebe 
ringsum, die ganze Fabrik. Endlich kam dem Boß die 
erlösende Idee. Er verschaffte sich eine schöne große 
maltesische Katze und brachte sie eines Morgens in den 
Arbeitssaal 'zu den Mädchen mit. Die Katze wurde 
sofort der Liebling und Abgott der Abteilung. Jedes 
Mädchen brachte ihr etwas, die eine irgendeinen Lecker- 
bissen, die andere ein Bändchen, jene ein Glöckchen mit. 

Der Korb der Katze wurde der Mittelpunkt aller 
mütterlichen Instinkte dieser armen Mädchen, die mit 
keiner Puppe spielen, kein Kind wiegen durften, sondern 
deren Los es war, zu arbeiten, zu arbeiten, ohne Unterlaß, 
ohne Hoffnung, endlos . . . 

,,Die geschäftliche Ausnutzung der eingeborenen Sym- 
pathie des Weibes für die Katze hat die Arbeitsleistung 
in dieser Abteilung um etwa zehn Prozent gehoben," 
sagte Dekan Schneider. „Der gute Einfall des Vormannes 
tat auch in anderen Abteilungen seine Schuldigkeit. Man 



hat in diesen ähnliche Stimulantien eingeführt, alle 
haben sich auf's beste bewährt." 

Chicago hat mich krank gemacht. In dieser Stadt habe 
ich die blutige Schande der heutigen Zivilisation von 
Angesicht gesehen, gesehen und erkannt. Soll ich fort? 
Wohin ? Der Hölle entrinnen ? Wo ist sie nicht ? Die 
heutige Welt ist die Hölle. 



DAS WARENHAUS ÜBER DEM BAHNHOF 

Eines darf man nicht vergessen, wenn man die amerika- 
nischen Riesenbetriebe beobachtet. Das Gesunde, 
das in die Zukunft hinüber Weisende und das hinüber ge- 
rettet werden wird aus ihnen in jene Zukunft, in der 
die freie Notwendigkeit den Speedboss abgelöst haben 
wird. In der es keinen Lohn und keine Konkurrenz geben 
wird, nur eine der Natur entsprechende Kooperation 
vernünftiger Wesen, eines einzigen Volkes von Arbeiten- 
den unter dem ungeheuren Dom der menschlichen Gesell- 
schaft. Die Organisation, von der Sklaverei befreit, ist 
dieses Gesunde, das in die Zukunft weist. 

Wenn das Mitleid, die Revolte verstummt, steht man 
voll Ehrfurcht und Staunen vor den gewaltigen Werken, 
die die Gesetze der Natur in ihren Gefügen nachbilden, auf 
das Maß, die Bedürfnisse des Menschen reduzieren, einen 
Mikrokosmos darstellen von höchster Zweckmäßigkeit, wie 
sie dem Gehirn eines Piaton, Fourier, Napoleon nicht 
vollendeter hätten entspringen können. 

Ich fühle mich von solchem Staunen erfüllt, wenn 
ich an das Warenhaus von Sears, Roebuck & Co. in 
Chicago denke, meinen Besuch in diesem kleinen, voll- 
endeten Weltuhrwerk zu schildern anfangen will, das eine 
der mustergültigsten Organisationen des heutigen Amerikas 
in sich schließt. 

In einem nordwestlichen Vorort Chicagos stehen die 

318 



fünf Riesengebäude, eine Stadt für sich, sie ist von hüb- 
schen Gartenanlagen, Springbrunnenbassins, Klubhäu- 
sern, Hotels der Angestellten umgeben und eingerahmt. 

Sears Roebuck arbeiten nur mit den Vereinigten Staaten; 
nicht mit Kanada und nicht mit Südamerika. Sie haben 
nirgends Fihalen, keine Vertreter, keine reisenden Kommis. 
Sie arbeiten nicht mit Kredit, sondern machen Kassen- 
geschäfte. Mit ihren Kunden kommen sie gar nicht in 
Berührung, alles wird brieflich erledigt. 

In der strengen Geschäftsperiode vom September bis 
Mai beschäftigen sie 9000 — 9500 Menschen, in der 
flaueren 7500. Jetzt, Ende November, wird ein Katalog 
vorbereitet, der die nach Weihnachten nachlassende Kauf- 
lust des Publikums aufstacheln soll. Sears Roebuck haben 
soeben, wie die Zeitungen melden, die größte Brief- 
markenbestellung beim Staat gemacht, die eine Privat- 
firma jemals gemacht hat, fünf MilHonen 5-Cent-Marken 
für diesen Katalog, der „flier" genannt ist. Zweimal im 
Jahr, nach Weihnachten und Mitte Juli, werden solche 
,,fliers" versendet, einmal im Jahr der große Katalog, ein 
Kompendium von allem, was man "haben kann, mit 
Ausnahme von lebendem Vieh, frischem Gemüse und 
Obst. (Man kann bei S. R. ein ganzes Einfamilienhaus 
bestellen unter anderem. Man gibt die Maße sn, die 
Zahl der Räume, ein Waggon bringt das ganze Block- 
haus, bis zum letzten Nagel, es braucht bloß an Ort 
und Stelle zusammengesetzt zu werden.) In den großen 
Katalog sind Stoffmuster eingeklebt. Ich werde in den 
Saal geführt, in dem das ganze Jahr durch Maschinen 
Stoffe zu diesem Zweck zerschneiden — diese ,,cut sam- 
ples" kosten Sears Roebuck jährlich 100 000 Dollar. 

Die Verteilung der Bureauräume, der Lagerräume, der 
„shutes", d. h. Gefälle, polierten Rutschbahnen, über die 
die Waren kilometerweit zum Bahnhof im Erdgeschoß 
hinunterschießen, die Gruppierung der Arbeit ist das in 
seiner Zweckmäßigkeit Elementarste, das ich je gesehen 
habe. 



319 



Am Morgen um 9 kommen Im Durchschnitt 35 000 Briefe 
mit Bestellungen an; die meisten enthalten ,, gemischte 
Bestellungen", Bestellungen von 5 — 10 Gegenständen, in 
einem Gesamtwert von durchschnittlich 9 Dollar. (Ein 
Minimum gibt es nicht.) Da jede Ware Ihren Katalog- 
preis hat und Sears Roebuck nicht mit Kredit arbeiten, 
sind den Bestellungen schon die eingezahlten Postanwei- 
sungen beigelegt. (Weniger Expreß-Co.-Anwelsungen, 
weniger Checks auf Banken.) 

Um 4 Uhr nachmittags sind diese Bestellungen bereits 
ausgeführt, und 50 — 6oWaggone schießen aus dem Bahn- 
hof im Erdgeschoß, bis oben angefüllt mit den wohlver- 
packten Kisten und Paketen nach allen Richtungen in 
das Land Amerika hinaus. — 

In den Bureaus klingt es von Metall. In Kupferröhren 
schießen Kapseln mit Briefen, Rechnungen, Frachtzetteln 
über die Köpfe der neuntausend auf Schreib-, Rechen-, 
Buchungsmaschinen klappernden Beamtinnen und Be- 
amten weg. Das System dieser Röhren repräsentiert 
eine Gesamtlänge von 18 engl. Meilen. 

In einem Saal sitzt ein Heer von Mädchen, das nichts 
anderes zu tun hat, als die eingetroffenen Briefe mit farbigen 
Stempeln zu versehen. Jeder Stempel zeigt eine Bahnlinie 
an. Da die Bahnen In den Staaten Privatgesellschaften sind 
und ihre Frachtbestimmungen die äußersten Varianten auf- 
weisen, passiert jede Bestellung die Kontrolle dieses Saales, 
In dem wohl die komplizierteste Arbeit verrichtet wird. 

Draußen aber, welche furchtbare Arbeitsteilung. Mäd- 
chen, die den ganzen Tag Hunderttausende von Brief- 
marken auf hunderttausend Katalogumschläge kleben. 
Die dünnen Bogen fliegen wie Flügel eines Ventilators 
unter ihren Fingern davon. Bei den Druckmaschinen, 
wo die Teile des Katalogs geheftet werden, hat ein 
Mensch mit Sinnen, Nerven und Gehirn sein Leben 
lang darauf zu achten, daß ein gelber Bogen über einen 
blauen komme und nicht unter ihn. Das Gefühl bäumt 
sich, wenn man an Tischen vorübergeht, vor denen 



320 



menschliche Wesen nur darum sitzen, weil noch keine 
Maschine erfunden ist, die ihre Arbeit verrichtet. Da- 
bei sind diese Wesen in ihrer Erniedrigung noch glück- 
licher als sie es in dem Moment sein werden, da diese 
Maschine erfunden sein wird und sie ihr Brot verlieren. 

Wie weit weg ist der Mensch von den wundervollen 
Organisationen des Bienenstaates, des Termitenbaus, des 
Ameisenhügels gelangt ! Vergegenwärtige dir den Abstand 
des primitiven, aber seinem Impulse folgenden Tieres zu 
dem denkenden, aber aus Not fremdem Befehl gehorchen- 
den Menschenwesen. Bedenke, welche Summe von Auf- 
schwung, Pfeilkraft der Seele zur Idee verkümmert, zer- 
rieben wird durch die genialste Organisation, die das 
triumphierende Menschengehirn ausgedacht und in die 
Tat umgesetzt hat. Bedenke, daß diese Hörigmachung 
des Menschengeistes Tag für Tag vorwärtsschreitet, daß 
jeder Kopf, der mit der gottähnlichen Gewalt des Orga- 
nisierens belehnt wurde von der Natur, an der Ent- 
götterung des Menschengeschlechtes arbeitet, eben kraft 
der Gabe, die ihm geworden ist vor Hunderttausenden! 

Was sind die Greuel des Krieges gegen diese,, Segnungen" 
der Friedenszeit, in der sich der Handel ausdehnen darf? 

Lange gehe ich noch in der Stadt, mit dem Metall- 
klang aus den Häusern von Sears Roebuck im Ohr herum. 
Über dem Blutgeruch und Leimdunst, über dem Kohlen- 
staub und dem Michigannebel schwebt dieser Metall- 
klang wie Sphärenharmonie, trostlos und kalt wie diese 
ganze moderne Welt es ist, mit ihrer Zivilisation, grimmig- 
sten Feindin des Menschengeschlechtes! — 



BEMERKUNGEN ÜBER HULL-HOUSE UND DIE 
„SÜDLICHEN PARKS" 

In vorigen Kapiteln habe ich wiederholt, daß ich die 
Bemühungen der meisten Institutionen, die sich die 
Verbesserung der Lage der Armen innerhalb unseres 



321 



heutigen wirtschaftlichen Systems zur Aufgabe gemacht 
haben, für ephemer, um nicht zu sagen schwindelhaft 
und schadenstiftend erachte. Der heutigen Ordnung 
oben ein bißchen die Zweige zu beschneiden und ihnen 
ein bißchen Philanthropie aufpfropfen, das erachte ich 
als ephemer und schwindelhaft. Unten die Wurzeln 
attackieren, das ließe sich eher hören. 

Hier in dieser Stadt, deren unerhörtes Wachstum das Sy- 
stem, unter dem die Produktion und die Entlohnung der 
Arbeit heute vor sich geht, extrem und grotesk scharf be- 
leuchtet, in dieser brennenden, hysterischen Stadt haben 
sich unter den Augen des amerikanischen Gewissens 
einige Institutionen der oben angedeuteten Art entwickelt, 
die mustergültig genannt werden müssen und an denen 
erst recht der Urschaden aller ähnlichen Institutionen 
aufgewiesen werden kann. 

„Hullhouse", das weltbekannte Settlement im Elends- 
viertel Chicagos lebt hauptsächlich durch die überragende 
menschliche Persönlichkeit seiner Begründerin Jane Ad- 
dams. Diese Frau bedeutet mehr für die Idee des Settle- 
ments als die praktischen Resultate, die es durch finan- 
zielle Unterstützung reicher Amerikaner erzielt hat. In 
einem späteren Kapitel will ich einiges über den „Mogwab" 
(ein Indianerwort, ins Europäische übersetzt etwa: gros 
legume, Wichtigtuer, Vonsichbläser), den großen kapita- 
Hstischen Menschheitsfreund bemerken. Hier nur so viel, 
daß durch Miß Addams' PersönHchkeit Hullhouse ebenso 
gerechtfertigt ist, wie weiter im Osten Freeville durch die 
von WilHam R. George. Und die in beide Unterneh- 
mungen hineinströmenden Rockefeller- und McCormick- 
und Armour-Gelder dazu. ^Denkt man sich Miß Addams 
aus Hullhouse und Daddy George aus Freeville fort, so 
bleibt ein Heftpflaster auf einer durch Granaten ge- 
schlagenen, schwärenden Wunde der heutigen Gesellschaft 
übrig. 

Hullhouse verfolgt zwei Ziele: intellektuellen und gut 
gesinnten Menschen, die das Leben der Elenden aus der 

322 



Nähe betrachten wollen, diese MögHchkeit zu verschaffen, 
und: den Elenden selbst die MögHchkeit zu verschaffen, 
in guten, hchten, warmen Räumen für ein paar Stunden 
ihr Elend zu vergessen. 

Ein Flügel in Hullhouse beherbergt diese „Studenten", 
ein anderer beherbergt Turn-, Bade-, Eß-, Musik-, Tanz-, 
Theater- und Gesellschaftssäle zum Gebrauch der Klubs, 
die aus den rund um Hullhouse wohnenden Armen der 
Bevölkerung sich zusammensetzen. 

Im Empfangsraum von Hullhouse hängt eine bunte 
Karte, die die Topographie der Umgebung Haus für 
Haus, nach Nationen koloriert, darstellen will. Diese 
Karte zeigt, daß in einem einzigen Tenement, d . h. 
Mässenquartiershaus, in der Straße nebenan, Griechen, 
Böhmen, Schweden, Litauer, kleinasiatische und russische 
Juden, Magyaren und Italiener beisammenhausen. Die 
Karte wird sehr oft erneuert. Die Tenements sind zwar 
hier in einem Kilometerradius um Hullhouse eben durch 
dieses Zentrum in letzter Zeit gesäubert und gehoben 
worden, aber doch macht sich jede Nationalität, die dem 
großen internationalen Bund der „Miserables" angehört, 
baldmöglichst davon und sucht gesündere Gegenden auf, 
wenn es ihre Mittel erlauben. Die bunte Karte bekommt 
dann wieder eine andre Farbenzusammensetzung. . . . 

Wir waren nachmittags Gäste des Settlements, im 
hübschen Theatersaal. Ein ,,Masque of the Seasons" 
wurde aufgeführt, niedliche Tänze, Deklamation, Gruppen 
und Rundgesänge, von Kindern der Musikschule und aus 
den Klubs des Hauses vorgeführt, bildeten das Programm. 
Griechische, italienische, jüdische und irländische Kinder 
sangen, sprangen und hüpften, es war nett anzusehen. 
Im Auditorium saßen die reichen und wohlwollenden 
Herrschaften, denen Hullhouse seine Mittel verdankt, 
saßen da und klatschten Beifall. Wir nahmen dann in dem 
schönen, künstlerisch eingerichteten Speisesaal an dem 
Abendessen teil, mit den „Studenten", den Intellektuellen, 
den Lehrern und Lehrerinnen der Hullhouse-Schulen — 



323 



Miß Addams war leider in Newyork — und nach dem 
Abendessen geleiteten uns liebenswürdige Damen in die 
Flügel hinüber, in denen die Tanz-, Turn- und Klub- 
säle untergebracht sind. 

Mein Freund und ich, wir sahen uns auf den Treppen, 
im Hof, während unsre liebenswürdigen Führerinnen vor- 
angingen, verständnisinnig an: der Flügel, aus dem wir 
kamen, und der Flügel, in den wir gingen, in dem wir 
wie in einer Raritätensammlung, einem Museum oder 
Kunstkabinett herumgingen — etwas lose hingen diese 
beiden Flügel zusammen. Man mußte zwischen den bei- 
den einen kalten Hof durchqueren, und die Atmosphäre 
war in den beiden Flügeln recht verschieden, grund- 
verschieden . . . Hullhouse stieg vor unseren Augen in 
die Luft empor und zerplatzte wie eine Seifenblase — 

Wenn's damit getan wäre! Mitten unter den Arm- 
seligen (in getrenntem Flügel, komfortabel eingerichtet) 
zu leben; ihre Lebensbedingungen (ein Jahr lang, wenn's 
hoch kommt zwei, drei Jahre lang) zu studieren (und dann 
selbstbewußt als sozialer Arbeiter nach Lake Shore Drive 
oder der Michigan- Avenue zu ziehen); eine Zeit (sagen 
wir 6 — 8 Wochen) sogar in den Tenements mit den 
Elendesten hausen, als ein Arbeiter oder eine Arbeiterin, 
verkleidet, ihr lo stündiges Tagewerk durchzumachen, 
ihre Nahrung nach Maßgabe ihrer Einkünfte am eigenen 
Magen erleben (nach 8 Wochen wird man ja doch wieder 
im „Auditorium" zu Abend essen) — wenn's damit getan 
wäre! 

Immerhin ist Jane Addams eine von den großen Frauen 
Amerikas, eine aus dem Geschlecht der Frances Willard, 
Harriet Beecher-Stowe, Susan B. Anthony, und in ihren 
Schriften kommt unter der ,, Hullhouse- Studenten"- 
Neugierde, unter dem Betätigungs- und Befähigungs- 
nachweis der großgesinnten alleinstehenden Frau, die sich 
eine Familie und einen Wirkungskreis gesucht und ge- 
funden hat, eine innig revoltierte Seele und ein edler 
Mensch in dieser leidenerfüllten Gegenwart zum Vor- 

324 



schein. Zieht man aber auch noch die magnetische Kraft, 
die eine solche Seele auf den Wald- und Wiesen-Wohl- 
täter und Amateurphilanthropen ausübt, ab, so verliert 
dieser Typus vollends den letzten Rest seines spezifischen 
Gewichtes. 

Einen wesentlich stärkeren Eindruck habe ich von den 
„Parks" mitgenommen. Der freundliche Super- 
intendent holt uns eines Abends mit seinem Automobil 
ab und wir machen die Runde durch die Volksgärten und 
Volksklubhäuser im Süden der „windigen Stadt". 

Welche Gerüche, welche Einöden, welche unbeleuch^ 
teten oder halbbeleuchteten Gäßchen, welche verschim- 
melten Holzbudenviertel und Bordellviertel wir durch- 
queren, bis wir zur ersten dieser grünen Oasen gelangen, 
Gott steh mir bei. Auf der Oase aber ist alles vergessen. 

Die ,, südlichen Parks", aus privaten Mitteln, aber 
hauptsächlich aus städtischen Steuern erworben, aus- 
gebaut und erhalten, erstrecken sich von Michigan 
Avenue (Grant Park) bis zum Lake Calumet (17. Park). 
Ihre Zahl ist gegenwärtig 24, sie bedecken ein Gesamt- 
Areal von 2500 Acres. Es gibt unter ihnen große, mit 
Museen, botanischen Gärten, Golfhügeln und Yacht- 
hafen, wichtiger aber sind die kleinen, deren Fläche aus 
übervölkerten Elendsvierteln um die Schlachthäuser, die 
Fabriksvororte, die Negerniederlassungen ausgespart sind. 
Das Areal dieser kleineren Parks variiert zwischen 71/2 
und 23 Acres. 

Der freundhche Superintendent zeigt uns drei von den 
kleinen Parks. Italienische Pergolas sind hübsch vor 
den Klubhäusern aufgebaut. Hinter diesen sind riesige 
Schwimmbassins aus Zement in den Boden eingelassen, 
im Sommer sprudelt dort Michiganwasser. Ringsum in 
den Gartenanlagen finden sich Freiluft-Sanatorien für 
Babys, Sonnenbäder für Frauen, Wiesenstreifen zum 
Herumwälzen, Sandhügel zum Burgenbauen. Helle, 
freundhch bemalte und dekorierte Turn- und Tanzsäle 



325 




Chicago: hier leben Menschen! 

und Volksbibliotheken sind in den Häusern; auf einer 
kleinen Bühne proben eben jüdische Schneidergesellen das 
Drama: ,, Esther, a Purimplay" ; ein litauischer Klub hält 
nebenan ein Tanzkränzchen; in einem Duschensaal kann 
man junge griechische Arbeiter bewundern, die sich nach 
dem Basketballspiel abkühlen und zum Heimweg vor- 
bereiten. 

Besorgt fragen wir unseren Führer: ,, Welche Formali- 
täten hat einer zu beobachten, eh' er hier hereingelassen 
wird? Welche Papiere, Pässe, Legitimationen, Steuer- 
zettel, Taufscheine, Gewerbescheine muß er vorweisen, 
um hier hereingelassen zu werden?" 

,,Why! Nothing at all!" erwidert unser Amerikaner 
erstaunt. 

,,Aber er muß doch sicher etwas bezahlen für die Be- 
nutzung der Bibliothek, der Badewäsche, der Seife, der 
Turngeräte, der Einrichtungen?" 

,, Keinen Cent. All das, was Sie hier sehen, steht dem 
Volk Chicagos frei und unumschränkt zur Verfügung. 

326 




Die Abhilfe (Gymnasium in eiyiem „südlichen Park^^) 

Jeder ist willkommen. Er mag welche Sprache immer 
sprechen. Er mag die elendesten, von Ungeziefer starrenden 
Lumpen auf seinem Körper tragen. Er mag daher- 
kommen, von wannen er will. Er braucht kein Papier 
vorzuweisen, keinen Namen in kein Buch einzuschreiben, 
weder seinen richtigen noch einen falschen. Jeder ist will- 
kommen, wir leben in einem demokratischen Land dahier." 
Dieses Wort; diese Phrase; in Chicago. — Und doch, 
was wir eben gesehen haben, dieser Blick ins Freie, Offene, 
Ferne, fast versöhnt es mit der erschrecklichen Realität 
rings um diese Oase, mit Chicago, der furchtbarsten Stadt 
der heutigen Welt! — 



EIN TAG IN DEN SCHULEN CHICAGOS 

Morgens um 8 holen wir Miß Starr Kellogg, Auf- 
seherin eines städtischen Schuldistriktes, aus dem 
„Hullhouse" ab und vertrauen uns ihrer Führung an auf 



327 



einem Rundgang durch die öffentlichen und privaten 
Volksschulen und durch Gewerbeschulen des westlichen 
Chicagos. 

In der Gesellschaft dieser wundervollen Amerikanerin 
erlebe ich mit meinem Freund einen meiner großen ameri- 
kanischen Tage, einen Tag, dessen Gedächtnis wahrschein- 
lich sehr lange frisch und lebendig in mir sein wird, Rüh- 
rung und Heiterkeit werden es frisch erhalten haben, 
Rührung und Heiterkeit waren die Zeichen dieses Tages, 
den wir in den Schulen Chicagos verbracht haben. 

In der ,,Rowland"-Schule fangen wir mit den Kinder- 
gärten an, in denen die Kleinsten ihre Ringelreihen 
tanzen, mit glückstrahlenden Gesichtlein Sandhäufchen 
aufbauen, in die sie Indianerwigwams, Bäume und Büffel 
zwischen die Bäume pflanzen. Durch Säle geht unser Weg, 
in denen malen Kinder zierliche kleine Abbilder von allerlei 
Gebrauchsgegenständen mit farbiger Kreide auf die Ta- 
feln. In einen Saal kommen wir, da analysieren sechs- bis 
siebenjährige Kleine eine Herbstlandschaft. Nachein- 
ander treten Knäblein, Mägdlein vor die Lehrerin hin 
und nennen zwei Dinge, die ein ,, hübsches Bild des Herb- 
stes" ergeben: eine gelbe Baumkrone und eine weiße 
Wolke dahinter, oder eine Krähe, die auf einem Stoppel- 
acker sitzt, ,,gives a pretty picture of autumn". Im 
nächsten Saal turnen Kinder vor einem offenen Fenster 
mit Rumpfbeugen Atem in sich hinein und aus sich her- 
aus. Ah, wir sehen, aus dem Deutschland Fröbels und 
Pestalozzis kommen wir allmählich in amerikanische Re- 
gionen. In einem Saal, der fünfzig oder sechzig Kinder 
von zehn bis zwölf Jahren beherbergt, stoppt der Unter- 
richt, wie wir eintreten. Auf Miß Kelloggs Geheiß erhebt 
sich die Klasse und trägt unisono die Ballade vom „Brand 
von Chicago" vor. Gesten begleiten die Worte. Die 
Worte fallen, einzeln und sauber artikuHert, wie Kristall- 
kugeln von den reinen Kinderlippen. Dies sind fremde 
Kinder, Kinder russischer Juden, Böhmen, Griechen, Si- 
zilianer. Die Lehrerin hört wie ein guter Dirigent aus dem 

328 



großen Orchester das Kind heraus, das ein Wort falsch 
ausgesprochen, eine Betonung auf der unrichtigen Silbe 
angebracht hat. Hier wird den Kindern all der fernen 
fremden Länder die Sprache des Landes, die mächtige 
englische Sprache, beigebracht. Hier wird das Werkzeug 
gebildet und geschliffen, das einige Säle weiter schon 
scharf und formidabel zu Diensten der erwachsenden 
Kinder steht, die sich bald seiner zu bedienen anfangen 
werden im Kampf ums Brot und die Freiheit. 

Schön und sonor klingen die Verse vom „Brand von 
Chicago". Auf und nieder stürzt der Rhythmus der 
Strophen. Ein Crescendo: 

„Fire — Fire — FIREl" 
und auf den kleinen Gesichtern, die sich in die Höhe ge- 
wandt haben, brennt in kindlicher Erregung der Wider- 
schein der flammenden Stadt! 

Aber das Gedicht ist lang, und wir müssen weiter. Miß 
Kellogg läßt die Kinder niedersitzen, und jetzt müssen 
sie einzeln aufstehen, nach Nationalitäten, dann, um zu 
zeigen, wie viele noch in der alten Heimat, wie viele 
schon herüben geboren sind. Von den fünfzig sind nur 
zehn in Amerika geboren, die anderen kamen vor nicht 
langer; Zeit. Zwei deutsche Kinder sind unter den fünf- 
zig, die anderen sind Böhmen, polnische Juden, Litauer, 
Serben, Griechen, Irländer, Sizilianer. Wie sie alle wieder 
sitzen, tritt Miß Kellogg vor und ruft laut in den Schul- 
saal hinein: 

„Und nun, Kinder, sagt, was sind wir alle?" Die Kinder 
springen auf, als wäre ein elektrischer Schlag in sie ge- 
fahren, die hellen Stimmen jauchzen und schreien und 
jubeln auf: „Americansl" 

Eine Stunde des Unterrichts gehört im Stundenplan 
der Schulen Amerikas den „Civics". Ins Deutsche 
könnte man das mit „Bürgerrechte" übersetzen. Einer 
solchen „Civics"-Stunde haben wir in der „Cooper"- 
Schule beigewohnt. Nicht viele Stunden hat es während 

329 



meines Aufenthaltes in Amerika gegeben, die mir solch 
reiche Belehrung über Amerika gegeben, gleich tiefe, 
dauernde Liebe zu diesem Land, seinem Volke, seinem 
Geiste geschenkt hätten, wie diese. 

Als wir eintraten, stand ein kleiner Böhme von dreizehn 
Jahren da und sprach vom ,,Recall". 

„Recall" bedeutet: ,,Das Recht zum Widerruf solcher 
Richter, die ihr verantwortungsvolles und mit unum- 
schränkter Macht bekleidetes Amt zur Unterstützung kor- 
rupter Korporationen, Eisenbahnen, Trusts, gegen den 
geschädigten und wehrlosen Privatmann mißbrauchen." 
Dies Recht dem Volk zu geben, danach strebt jetzt ein 
großer Teil der fortschrittlichen Politiker Amerikas. 
Andre Rechte, wie das des „Referendum", wörtlich: 
„Gesetzentwürfe sollen dem Volk unterbreitet werden 
zur endgültigen Annahme oder Ablehnung" — und das 
der „Initiative", wörtlich: „dem Volke soll das Recht 
übertragen werden, Vorschläge zu machen, die zum Ge- 
setz erhoben werden sollen" — Rechte, die die ,,direkte 
Gesetzgebung durch das Volk" bezwecken, sind schon 
in vielen Staaten der Union, namentlich in denen westlich 
vom Mississippi, dem Volke gegeben worden. Auch über 
das „Referendum" und die ,, Initiative" hören wir den 
kleinen Böhmen perorieren. Schließlich faßt der Drei- 
käsehoch seine Rede in folgenden Sätzen zusammen: 
„Wir müssen es durchsetzen, daß die Senatoren vom 
Volke gewählt werden! There is nothing, the People 
needs more, than direct legislation!" und setzt sich 
auf seine Bank zurück!! 

Man ist auf den Kopf geschlagen. Sind wir hier im Kon- 
greß in Washington oder in einer Volksschule, was Teufel? 
Man ist versucht, den Kleinen dort beim Ohr zu fassen 
und, während man es gelinde beutelt, zu fragen: „woher 
weißt du denn, was das Volk braucht oder nicht braucht ? 
geh und spiel mit Murmeln, Naseweis!" 

Aber man horcht doch ein bißchen auf, wenn ein kleines 
elfjähriges Mädchen aufsteht und die Staaten herzählt, 

330 



in denen die Frauen das Wahlrecht besitzen. Das Kind 
nennt den Staat Colorado, da fragt die Lehrerin die Klas- 
se: ,,Wie heißt die Hauptstadt von Colorado?" 

,, Denver!" ruft die Klasse. 

,,Wer ist in Denver zu Hause?" fragt die Lehrerin. 

Lmd da höre ich von Kinderstimmen den Namen ge- 
rufen, dessen Nennen mir Rührung in die Augen treiben 
will, honest Bens Namen, den Namen des milden Richters 
der Kinder von Colorado. 

,,Ben Lindsey!" rufen die Kinder. 

Und sie stehen auf, eins nach dem andern, und berich- 
ten von den Taten des ,, Freundes der Kinder". Ein 
kleiner Junge weiß davon zu berichten, daß Lindsey es 
den wahlberechtigten Frauen Colorados verdankt, daß 
er, den die Parteien befehdet haben, auf seinem Posten 
bleiben durfte. (Treibt hier die Lehrerin Suffragetten- 
Propaganda ? Nun, was weiter ? Um so besser, wenn sie's 
tut !) Ein andrer kleiner Knabe berichtet ernst und sach- 
lich, mit ruhiger, ernster Stimme, was der Richter für die 
Kinder Denvers getan hat. Er spricht von der Fürsorge 
für die Waisen, von der Aufsicht, die den kleinen Straßen- 
strolchen zugute kommt, von dem großen Schwimm- 
bassin im Armenviertel, vergißt nicht, zu erwähnen, wie 
breit und wie tief dieses Bassin ist, noch das Material, aus 
dem es gebaut ist: ,,concrete", das heißt Beton. 

Ein Kind steht auf und spricht von den Gesetzen in 
Oregon, in Tennessee, in Wyoming. Ein anderes knüpft 
an diesen Bericht an und spricht von den ,, südlichen 
Parks" von Chicago und ihren Einrichtungen. 

Allmählich leuchtet mir der Zusammenhang zwischen 
Politik und Volksschule ein. Ich lerne verstehen, auf 
welche Art das amerikanische Kind für das öffentliche 
Leben vorbereitet wird, daran es teilnehmen wird, wenn 
es erst erwachsen ist. Ich sehe: dies ist nicht nur eine Fort- 
setzung des Geschichtsunterrichts bis in die Gegenwart, 
sondern dies ist der wahre Geschichtsunterricht. Ich 
sehe, was in Amerika Nationalgefühl heißt und wie dieses 

331 



geweckt wird. Ich sehe, man muß nicht mit und vor den 
Merowingern anfangen, um dem Kind klar zu machen, 
daß es einer großen Nation angehört. (Nicht einmal mit 
den Puritanern!) Ich sehe deutlich die Grenzlinien zwi- 
schen dem Nationalgefühl und dem Gefühl für die 
Menschheit, ich horche durstig hin, darauf, was die 
Kinder sagen, ich lerne manches in dieser Unterrichts- 
stunde, ich fühle viel in ihr. 

Miß Kellogg erzählt uns leise, während der Unterricht 
weitergeht, daß die Kinder dieser Schulklasse aus eigenem 
Antrieb eine Eingabe an die Stadtbehörde zum Schutz 
und zur Rettung von zwei Bäumen auf ihrem Spielplatz 
gerichtet haben, als diese gefällt werden sollten. Daß sie 
Versammlungen abhielten, um gegen die Kandidatur 
eines berüchtigten, verhaßten und verbrecherischen 
Stadtverordneten zu protestieren. Daß sie nach Washmg- 
ton um offizielle Berichte und Broschüren zu schreiben 
pflegen, wenn ein Gesetzentwurf zur Tagesordnung steht, 
für den sie sich interessieren, diese amerikanischen Kin- 
der. . . . 

Die Stunde geht zu Ende, unsre Zeit drängt. Miß 
Kellogg hält eine kleine Ansprache: 

„Kinder! Seht um euch! Wenn euch Dinge auffallen, 
die einer Verbesserung bedürfen, wenn Dinge geschehen, 
die euch unrecht scheinen, sagt es hier! Denkt darüber 
nach, wie ihr sie besser machen würdet, und sagt auch 
dies hier laut. Aber denkt erst nach darüber, warum sie 
falsch und böse sind. Seht euch um, Kinder!" 

„All right. Miß Kellogg, we will!" rufen die Kinder, 

Dann fühlt sich die hebenswürdige Lehrerin der Klasse 
zu einem kleinen Akte der internationalen Höflichkeit 
veranlaßt. 

,, Kinder!" sagt sie, ,,wir haben heute das Vergnügen, 
einen Gast aus Berlin bei uns zu begrüßen. Wir wollen 
uns jetzt alle erheben und die , Wacht am Rhein' singen." 

Und da stehen wir nun. Miß Kellogg, mein Freund 
und ich, die Kinder aber singen die ,, Wacht am Rhein!" 

332 



„Stand fast and true 
And guard the German Rhine!" 
„Dank!" sage ich der Lehrerin, wie wir zur Tür hinaus 
sind, „heißen Dank im Namen Wilhelms IL! Mir, auf- 
richtig gesagt, bitte, legen Sie mir das nicht als Undank- 
barkeit aus, wäre die , Marseillaise' lieber gewesen — nicht 
die national-französische, sondern, Sie wissen, welche ich 



meme 



I" 



,,0h, you are a Socialist! Aren't you?" sagt die 
Lehrerin. 

„Well, not exactly, something in this line!" erwidere 
ich. 

,,All right, now come along. I'll show you something!" 

Wir gehen in das Bibliothekszimmer der Schule. Auf 
einem langen Tisch Hegen Monats-, Wochenschriften, 
Tageszeitungen. Zeitungen aller Parteirichtungen. Ich 
sehe einige Hefte des Bostoner ,,Twentieth Century" und 
des Newyorker „Call". Das ist die führende Monats- 
schrift und die führende Tageszeitung der amerikanischen 
Sozialisten. 

„Wir lesen mit den Kindern viele politische Artikel," 
sagt die Lehrerin. „Finde ich einen politischen Vorgang 
in einem sozialistischen Blatt gerechter und freier be- 
handelt als in einem anderen, so lesen wir, die Kinder und 
ich, den Artikel aus dem soziaHstischen Blatte vor . . ." 

Ich stelle mir das große Deutschland vor, ich stelle mir 
eine BerHner Volksschule vor, in der der Lehrer in der 
Stunde mit den Kindern einen Artikel aus dem „Vor- 
wärts" oder der „Arbeiterzeitung", aus der „Neuen 
Zeit" Hestü 

Ich sehe schon: die amerikanische Schule ist keine An- 
stalt, in der die Kinder mit allerhand Gelehrsamkeit voll- 
gestopft werden, die sie später nicht brauchen können, 
ja verschwitzen müssen, um Menschen zu werden. Sie ist 
ein Werkzeug, mit dessen Hilfe aus den Kindern Ameri- 
kaner, d. h. politische Wesen, d. h. Weltbürger gemacht 
werden. Aller fremden Nationen Kinder kommen in 



333 



diesen „Schmelztiegel" hinein, aus dem das harte Metall 
der Zukunft Amerikas, die die Zukunft der Welt ist, 
hervorsteigen wird. 

Aller unterdrückten Völker Kindern, den russischen 
Juden, Polen, Irländern, Böhmen, Finnen, wird hier bei- 
gebracht, daß sie Menschen mit Rechten sind. In ihrer 
alten Heimat haben sie dies nicht gewußt, ihre Eltern 
haben es in der neuen auch nicht mehr lernen können. 
Diese Wissenschaft ist, glaube ich, mindestens ebenso 
wichtig, wie das Einmaleins und das Alphabet. 

In den Kindern wird das Bewußtsein, die Lehre: Ihr 
seid Menschen und habt Rechte, zugleich mit dem Be- 
wußtsein und der Lehre: Ihr seid Amerikaner! entfacht 
und erhitzt. Und auf einmal heißt es in diesen kleinen 
Gehirnen: Menschenrecht ist -■= Amerika. 

Jetzt verraucht mir allmählich auch mein Vorurteil 
gegen die Erziehung des amerikanischen Kindes durch 
Frauen. Ich habe so viele bewunderungswürdigen Tat- 
sachen im öffentlichen Leben Amerikas entdeckt, die dem 
direkten politischen Einfluß der Frau ihre Existenz ver- 
danken. Es ist nicht denkbar, daß die Fürsorge für arme 
Mütter während der Schwangerschaft, für uneheliche 
Kinder, für Waisen, für Wohlfahrtseinrichtungen, die die 
Pflege der Frau und des Kindes zum Zweck haben, ohne 
einschneidenden Einfluß auf das ganze Gewebe einer 
Gesellschaft bleiben könnte. Indem sich die Frau vorerst 
auf ihre traditionelle Wirkungsdomäne beschränkt, wandelt 
sie doch unmerkHch die Zusammenhänge der heutigen 
Ordnung, so daß die Zukunft weniger trüb, die Gegen- 
wart der Menschen um etliches freier und lichter erscheint 
von Tag zu Tag. 

Die amerikanische Lehrerin, die ihren Beruf nicht als 
simplen Broterwerb auffaßt, sondern aus mütterhchem 
Instinkt und Liebe zu den Kindern ergriffen hat, trägt 
soviel Wärme, Güte und Schönheit in die Schulstube hin- 
ein, daß einen tiefes Mitleid und ohnmächtige Empörung 
erfassen will — denkt man an seine eigenen Kinderjahre, 

334 



die einem von einer Horde von eingebildeten Tyrannen 
und rechthaberischen Narren gestohlen woiden sind. Bei 
uns, wenn man die Kinder des Mittelstandes und ihr 
Leben sich ansieht, löst der Lehrer die Gouvernante ab 
in dem Moment, in dem's gilt, etwas zu lernen. Der 
junge Knabe lernt auf diese Weise wirkhch die Frau, 
etwas früh schon, als unzulängHch und für die ernsten 
Dinge, die sich ihm erschHeßen sollen, unbrauchbar, ver- 
achten. Der amerikanische Knabe lernt bis zu seinem 
14. Jahr, auf derselben Schulbank mit den Mädchen 
sitzend, von einer Lehrerin, was nach der Auffassung des 
,, Board of Education" das amerikanische Kind bis zum 
14. Lebensjahr eben wissen muß. Ein Geist des Respektes 
wird auf solche Weise in ihm genährt gegen das andere 
Geschlecht, etwas, was sich der europäische Knabe auf 
allerhand Umwegen in späteren Jahren erwerben muß. 
Fähigkeiten entwickeln sich in ihm, die im europäischen 
Knaben gefälscht werden, zumeist verkümmern. Auf die 
primitivste Art lernt er den Sinn des Wortes Gleichheit 
verstehen, denn wo sollte die Gleichheit sonst beginnen 
als bei der rechtlichen Gleichstellung der beiden Ge- 
schlechter im Menschengeschlecht? 

Allerhand feine Exerzitien wurden uns an diesem Tag 
vorgeführt. Eh' wir die letztgenannte Schule ver- 
ließen, ließ die Direktorin draußen im Korridor den 
Feueralarm ertönen, durch ein dreimaliges Anschlagen 
der Glocke in bestimmten Intervallen. Vor uns im Korri- 
dor stand ein Pianino. Das erste menschliche Wesen, das 
auf dem Plan erschien, war eine junge Lehrerin, sie setzte 
sich rasch ans Pianino und fing an, einen frischen Marsch 
von J, Ph. Sousa zu spielen. Ins ganze große Haus kam 
Leben. Zwei kleine Knaben, zwei größere Mädchen 
stürmten die Treppen hinunter und stellten sich auf 
der Mitte der letzten Stufen auf. Dies waren die ,School- 
officers', von den Kindern jeder Klasse gewählte Funk- 
tionäre. (Diesen liegt die Sorge und Aufsicht über die 

335 



internen Angelegenheiten der Klasse, aber auch über die 
Räume, die Bibliothek, die Spielplätze ob. Jede Schule 
stellt eine kleine Republik dar, hat ihren Kinderpräsi- 
denten, ihren Gerichtshof, ihre politischen Versamm- 
lungen, in denen Stellung zur PoHtik der Stadt und zu 
Washington genommen wird.) 

Oben auf den Treppen erscheinen die Züge der Klassen, 
von den Lehrerinnen geführt; in Reihen zu Dritt mar- 
schieren sie herbei, im Takt des frischen Sousamarsches; 
wir schauen auf die Uhr, in kaum drei Minuten sind die 
540 Kinder wohlbehalten unten auf dem Hofe ange- 
langt. — 

Tanz und Turnen, Gruppenexerzitien mancher Art 
nehmen einen großen Raum im amerikanischen Unter- 
richt ein. Da die Wehrpflicht nicht besteht, ist dieser 
Unterricht keine Vorschule zur Disziplin, sondern eine 
richtige Art, den Körper geschmeidig zu machen für den 
künftigen Wettbewerb. 

In einer der größten Gewerbeschulen Chicagos sitzen 
wir, nachdem wir durch die verschiedenen „Shops", die 
Werkstätten für Tischlereiarbeiten, Maschinen, Elektrizi- 
tätskonstruktionen hindurchspaziert sind, in einem Lehr- 
saal, in dem 16 — 20 Jahre alte Schüler gerade die einzelnen 
Punkte der amerikanischen Verfassung durchnehmen. Mit 
ihrem Lehrer in einem uns wunderbar anmutenden freien 
und angeregten Gespräch diskutieren. Plötzlich klingelt 
das Telephon (in der Schulstube!), der Schüler, der dem 
Kasten zunächst sitzt, hallot in den Apparat und wir er- 
fahren und mit uns erfährt es die Klasse: den Fremden 
von Distinktion zu Ehren ist eine große Generalversamm- 
lung unten im Festsaal einberufen. 

Vor der Tür treffen wir Miß Kellogg. Der Unterricht 
im ganzen Haus ist unterbrochen worden. Die Lehrer 
sind von ihren Tischen aufgestanden, die Treibriemen 
in den Shops stehen still. Wie wir, von Miß Kellogg 
und dem Direktor der Schule geführt, den Festsaal be- 
treten, ist der Saal, die Galerie schon zum Bersten voll. 



Betäubendes Händeklatschen empfängt uns. Zwischen 
den 1500 Schülern gehen wir zur Bühne des Saales, 
nehmen in den Lehnsesseln auf der Bühne Platz. Der 
Direktor stellt uns den Schülern vor. Erneuerte Applaus- 
salve. Aus Berlin, der Hauptstadt des mächtigen deutschen 
Reiches. Applaus. (Dank, heißen Dank im Namen des 
Oberbürgermeisters!) Dann dürfen w^ir wieder nieder- 
sitzen. Die erwählten Festordner der Schule treten an 
die Rampe der Bühne vor und die Begrüßung nimmt 
ihren Fortgang. Die beiden jungen Leute sind wahre 
Athleten. Sie ziehen ihre Jacken aus, um sich freier be- 
wegen zu können. Breitbeinig stellen sie sich hin und be- 
ginnen mit großen Windmühlenflügelbewegungen Arme 
und Oberkörper zu schwingen. Wie sie im Schwung sind, 
machen sie die Rumpfbeuge und stoßen beide Fäuste hin- 
unter, dem Boden zu. Der College- Yell ertönt, d. h.: 
das Schulgebrüll, das Indianergebrüll der Schüler wird 
im Takt, den die Athleten mit ihren Gebärden angeben, 
ausgestoßen. Fünfzehnhundert junge Kehlen brüllen: 

„Rah! Rah! Rah! — Reh! Reh!" — 

Dann den Namen der Schule. — 

Dann ein Pfiff zum Taubwerden. — 

Hierauf wird der Schulgesang angestimmt, ein Hymnus, 
dessen ausschließlicher Text der Name der Schule ist. 
Da die Schule nach ihrem Stifter benannt ist und der 
Name des Stifters auf deutsch ungefähr Friedrich Wilhelm 
Schulze heißen könnte, so hört sich dieser Hymnus nicht 
gerade erhebend an. 

Nun treten die einzelnen Champions der Baseball- und 
Fußballmannschaften, der Leichtgewichts-, der Bantam- 
gewichts- und Schwergewichtschampion einzeln vor die 
Rampe. Sie berichten der Versammlung von den Hoff- 
nungen der Mannschaften und ihren eigenen Hoffnungen 
für die nächsten Wettkämpfe. Von den Ursachen ihrer 
Siege und von den Übungen, die sie unternommen haben, 
um ihre Niederlagen wettzumachen. Applaussalven be- 
lohnen diese Ausführung. Der Direktor an unserer Seite 

" 337 



sieht uns strahlend vor Vergnügen und Stolz an. Miß 
Kelloggs liebes und gutmütiges Gesicht strahlt vor Ver- 
gnügen und Stolz. 

Händeklatschen geleitet uns durch die Reihen zurück. 
Wir nehmen Abschied von den Studenten, dem Direktor, 
den Professoren, von unserer liebenswürdigen Führerin. 
— Draußen auf der Straße bleiben wir stehen, mein 
Freund und ich und sehen uns an: 

,, Theater!" sagt mein Freund. ,, Haben Sie auf die 
Uhr gesehen? Von drei Uhr bis sieben Minuten vor 
vier hat die Prozedur gedauert ! Dreiundfünfzig Minuten 
eines Schultages sind in Spielereien aufgegangen." 

Und wenn's auch so ist? Ihren Lungen ist das Rah 
Rah Rah wohl ganz gut bekommen. Zwischen Arbeit 
und Arbeit haben sie eine Stunde lang von Sport ge- 
sprochen. Zwei wildfremden Menschen haben sie Freund- 
lichkeit bezeugt auf ihre Art, jawohl. Sie haben nicht 
Theater vor ihnen gespielt, sondern haben sie an ihrem 
eigenen Vergnügen teilhaben lassen. Wo steht's denn ge- 
schrieben, daß der Unterricht wichtiger ist als die Pausen 
zwischen den Stunden? Daß die Tretmühle vor dem 
Baseballfeld rangiert? Daß für junge kräftige Weltbürger 
zwischen i6 und 20 Jahren der Leichtgewichtschampion 
und seine Taten von minderer Wichtigkeit sein müssen 
als alle Punkte der amerikanischen Verfassung und die Ge- 
setze des Weltalls von Galilei bis Ostwald dazu ? 

Gewiß lernt man in Amerika weniger Zeugs in sich 
hinein als in Europa. Aber ganz gewiß! Das Eine weiß ich 
aber auch: von Schülerselbstmorden habe ich all die Zeit 
in Amerika kein Wort gehört. 



338 



WESTLICH VON DER FREIHEITSSTATUE 




ELLIS-EILAND 

Ich muß nun ganz genau den Zeitpunkt nennen, an dem 
diese Betrachtungen hier angestellt worden sind. EUis- 
Eiland ist keine Insel, sondern ein Prinzip, vielleicht das 
höchste, das das demokratische Amerika zu befolgen hat, 
und ein Problem noch dazu, das schwerste, vor das Amerika 
heute gestellt ist. Und in diesem mit Blitzzuggeschwin- 
digkeit lebenden Lande zeigt ein Prinzip, ein Problem am 
Nachmittag ein ganz anderes Gesicht her, als es am Vor- 
mittag hergezeigt hat. Die Notizen zu diesem Kapitel 
habe ich im Januar 191 2 mir aufgeschrieben. Ich bin im 
Januar 191 2 mit einem Paß, vom Kommissioner Williams, 
dem Herrn der Insel, versehen, des öfteren auf Ellis ge- 
wesen, dies sei festgestellt. 

Jetzt hört man viel von Bestrebungen, die darauf hin- 
zielen: den Leuten, die mit wenig Geld und um zu ar- 
beiten, nach den Staaten kommen, soll das Landen nicht 
so leicht mehr gemacht werden, wie es vor Zeiten ge- 
wesen ist. Diese Bestrebungen folgen aus zwei Ursachen: 
physischen und sozusagen moralischen. 

Die Qualität der Zwischendecksmenschen hat sich ver- 
schlechtert. Ja! — höre ich allenthalben seufzen, wären 



34^ 



es die Teutonen, Skandinavier, Anglosachsen, Franzosen, 
die hereinkommen, alles wäre in bester Ordnung. Es sind 
aber die Sizilianer, Armenier, Türken, Syrer, Griechen, 
die russischen Juden, die wir jetzt in erdrückender Mehr- 
zahl herüberkriegen. Unerwünschtes Menschenmaterial 
körperlich und seelisch, sein Hereinströmen fälscht, ent- 
wertet den Typus des Amerikaners, heut schon merkt 
man das; wohin es noch führen wird, ist kaum abzusehen. 

In einer Eingabe, die Anfang 191 2 dem Kongreß der 
„National Economic Society" in Washington, D. C, 
vorlag, hieß es unter anderem : die hauptsächlichen Argu- 
mente für die Einschränkung der Einwanderung sind: 
es kommen mehr Menschen herein, als es gut für Amerika 
ist; die Mehrzahl setzt sich in den ohnehin schon über- 
völkerten Städten fest; an den Landwirtschaftsdistrikten, 
in denen Not an Leuten herrscht, gehen diese Ankömm- 
linge vorbei; sie assimilieren sich schlecht oder gar nicht, 
ziehen es vor, kompakte Kolonien von fremdsprachiger 
Bevölkerung mitten in den englischredenden Städten zu 
bilden; sie verderben den Arbeitsmarkt durch Unter- 
bietung der Löhne; die Zahl der Verbrecher nimmt zu; 
ebenso die Zahl derjenigen, die gegen das Gesetz ver- 
stoßen, indem sie heimlicherweise schon mit einem festen 
Arbeitskontrakt in der Tasche Amerikas Boden betreten; 
die Einwanderung schadet den wirtschaftlichen Verhält- 
nissen Amerikas ebenso sehr, wie die Auswanderung den 
Heimatsländern schadet. 

Dies sind triftige Argumente, das muß man sagen. 
Jedoch, ich hörte in Versammlungen zu, las in Artikeln, 
wie ernste und gutgesinnte Amerikaner sie in den wich- 
tigeren Punkten widerlegten, dasselbe geschah in Ge- 
sprächen, die ich mit wohlorientierten Freunden über 
dies Thema führen durfte. 

Die Rückwanderung ist beträchtlich. Im letzten Jahr- 
zehnt kamen 5^/^ Millionen Menschen nach Amerika, von 
diesen sind aber nur 60 Prozent geblieben. — Die Ein- 
wanderung war in diesem Jahrzehnt eine geringere als 

342 



in früheren. — (Überdies läßt es sich feststellen, daß die 
Gegner der Einwanderung vor genau loo Jahren, bei 
einer jährlichen Einwanderung von 2800 Menschen genau 
dieselben Argumente ins Treffen geführt haben wie die 
Heutigen angesichts einer Einwanderung von durch- 
schnittlich fünfmalhunderttausend pro Jahr!) 

Die Masse der Einwanderer drückt wohl die Löhne. 
Wer aber profitiert davon? Wer ist verantwortlich zu 
machen dafür, daß diese Masse ausgebeutet, daß ihr der 
Lebensunterhalt erschwert wird, daß Hungerlöhne für 
gute und ehrliche Arbeit gezahlt werden? Herren mit 
englisch klingenden Namen : Carnegie, Rockef eller, Hill, usf. 

Übrigens kommen Abertausende jährlich nach Amerika, 
die hier nicht das Land höherer Löhne, sondern höherer 
Menschenrechte suchen; zumal unter den verfemten, 
verschrieenen, angespuckten rumänischen, russischen, sy- 
rischen Juden finden sich diese Tausende. — 

Kein Mensch kann sich seine Eltern, seine Heimat wäh- 
len. Soll ihm, wenn er sie überm Wasser entdeckt, diese 
Heimat seiner Hoffnung versperrt werden aus Brotneid? 
Was wäre dann Amerika, die Mutter und Trösterin der 
Verfolgten, Gekränkten, der Niedergetretenen? 

Der ,, unerwünschte" Einwanderer! Ist denn nicht ge- 
rade Amerika das Land, in dem aus dem Unerwünschten 
ein Willkommener, aus dem Getretenen ein Aufrechter, 
aus dem Halbtier ein ganzer Mensch gemacht werden 
kann? Wo gibt es denn heute noch ein Land, das in 
solchem Tempo Menschen erzöge, wie Amerika es tut? 
Nicht zum Geldkampf, zur Erwerbstüchtigkeit allein, 
vielmehr zu einem Ideal, dem Ideal Lincolns, des Men- 
schenrechtes . 

Ich meine: sind es die heimischen wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse Amerikas, die eine Einschränkung der Einwande- 
rung nahelegen, so, zum Teufel: reformiert doch Eure 
wirtschaftlichen Verhältnisse und laßt nicht die un- 
schuldigen Bessarabier, die von ,,meriki" wie vom Jen- 
seits träumen, sie entgelten! 

343 



Wirklich, wer hier nach einem Aufenthah von 6 Mo- 
naten nichts andres entdeckt hat als ein Land der un- 
begrenzten Erfolgs- und Geldmachens-Möglichkeiten, ge- 
hört als unerwünschter Einwanderer mit nächster Eilpost 
zurückbefördert dorthin, woher er kam. 

Die Weisheit stammt nicht von mir : was nach Ame- 
rika zieht, ist, Ellis Island mit seinen Quarantänebaracken 
und seinen Spezial-Gerichtshöfen in Ehren, gewissermaßen 
die Auslese der Menschheit, Kraft und zentrifugale Men- 
schensehnsucht der alten Nationen drüben. — Wer seine 
alten Verhältnisse im Stiche läßt, um den Kampf mit 
Amerika aufzunehmen, ist ein Amerika aer von Geblüt 
und hat das Sternenbanner in seinen Venen und Arterien 
wehen, Aktivität und Energie sind seine Losungsworte. 

Das bedauernswerte Schicksal, dem die Ureinwohner, die 
Indianer, und auch bis zu einem gewissen Grade die herein- 
gebrachten Neger verfallen sind, darf nicht allein auf 
Rassenhaß zurückgeführt werden, sondern auf die Ver- 
achtung viel eher, die der Tüchtige für den Zurück- 
bleibenden, den ,,slow one", den Faulen und Resignieren- 
den, empfindet. Wenn der Amerikaner es hochmütig ab- 
lehnt, den Indianer oder den Neger als seinesgleichen zu 
achten, kämpft er sozusagen für eines der fundamentalen 
Prinzipe seiner Rasse. In seiner Rasse hat sich die Leb- 
haftigkeit des Italieners, der Scharfsinn des Juden, die 
Gründlichkeit des Deutschen, der Fanatismus des Skan- 
dinaviers zu einer außerordentlichen Mischung ver- 
einigt. Die Tüchtigsten, von treibender Phantasie am 
meisten erfüllten Kinder aller Nationen haben diese 
Mischung gewürzt. 

Verhältnisse der alten Heimat haben das so mit sich ge- 
bracht, daß die Einwanderung der angelsächsischen, skandi- 
navischen, teutonischen Rassen sich vermindert hat. Royce, 
ein Nachkomme der Pilgerväter, beklagt sich in einem 
seiner Bücher bitter über ein Erlebnis, das ihm nach ver- 
hältnismäßig kurzer Abwesenheit von Amerika wider- 
fahren ist : sein erster Gang nach der Rückkehr führte ihn 

344 



durch die I4te Straße Newyorks — kein englisches Wort 
war zu hören, kein amerikanisches Gesicht zu sehen! 
Royce hat recht. Der Typus und Gesamtcharakter des 
Americanos erleidet durch diese Zuwanderung aus den 
Mittelmeergegenden gewiß eine Wandlung. Royce wird 
sich gewöhnen müssen an das veränderte Gesicht der I4ten 
Straße. Die Prinzipien der demokratischen Stifter haben 
sich nicht auf Menschen bestimmter Himmelsstriche be- 
zogen, das Wort unerwünscht stand gewiß nicht in 
ihrem Wörterbuch. Wenn der amerikanische Typus auch 
allmählich aufhört, dem der Pilgerväter zu ähneln, so 
wird er doch für den drüben sitzen gebliebenen Europäer 
der transatlantische Typus bleiben, nun muß eben Ame- 
rika die demokratischen Prinzipien seiner Stifter stärken 
und festigen, daß ihnen die veränderte Einwanderung 
nichts anhaben könne. 

In einer flüchtigen Skizze wie dieser ist es gefährlich, das 
ungeheuer wichtige Problem der ,, zweiten Generation" 
zu erörtern. Auch wage ich es kaum, hier vom charak- 
teristischen Problem des amerikanischen Juden zu sprechen. 
Im eben Eingewanderten verharrt das Clan-Gefühl vor- 
erst eine Weile und wirkt wohl auch noch — verschwächt — 
in seinen Kindern ,"" die er mitbringt, nach. Aus erklär- 
lichen Gründen sucht er sich seinen Wohnort fürs erste 
in der Nähe seiner Landsleute, weil er ja'^die Sprache des 
Landes erst erlernen muß. Der Ire hält zum Iren, der 
Napolitaner verachtet den Sizilianer, dieser den Juden. 
Eine Nation brodelt kürzer mit ihrem spezifischen Ge- 
stank im „Schmelztiegel", die andre länger. 

Aber in zehn Jahren sind diese Reminiszenzen an die 
alte Heimat geschwunden. Sieh dir in den Städten die 
Kinder, die zweite Generation der Eingewanderten, an, 
die Kinder der Rassen, die sich in der alten Heimat am 
liebsten, wie Aquariumstiere, gegenseitig aufgefressen 
hätten, Böhmen und Deutschösterreicher, Polen und 
Russen, Türken und Armenier, sieh, wie sie im fried- 



345 



liehen Wettbewerb nebeneinander wohnen und sich ver- 
tragen, dies ist Amerika! Sieh, sie vereinigen sich zu 
einem gemeinsamen Ansturm, gegen einen gemein- 
samen Feind, den Ausbeuter, das Kapital, sieh, aus den 
nationalen Kampfhähnen sind Soldaten des Weltkampfes 
geworden. Horch hin, wie aus tausend versteckten, ver- 
hunzten Mischsprachen, ohne Literatur, ohne Zukunft, 
die Eine, Englische Weltsprache siegreich hervorsteigt, 
horch, da vollzieht sich das große Werk der Verbrüderung. 

Es ist eine Lüge, daß die Einwanderer sich nicht assi- 
milieren. Sie lernen Englisch. Durch den Trichter der 
Sprache bekommen sie englische Denkweise, und die 
Sinnesart, aus der sie entsprang, in ihre stumpfen Ge- 
hirne hineingeflößt. Die zweite Generation (zumal der 
aus Rußland eingewanderten Juden, wie ich das in Schulen 
und Asylen hörte und durch Anschauung bestätigt fand) 
spricht Englisch, sieht ausgeprägt amerikanisch aus, die 
dritte hat vergessen, wo die Großväter herkamen, Amerika 
ist ja, bis auf jene Unglücklichen in den Reservationen, 
ein Land von Einwanderern. 

In großartiger Weise sorgt die amerikanische Volksschule, 
wie ich im Kapitel „Chicago" angedeutet habe, dafür, 
daß diese Assimilation gründlich vor sich gehe. Auch durch 
die alltägliche „Begeisterungsstunde", in der die Schüler 
den Schwur auf die Flagge ablegen müssen. (Einem solchen 
„Flaggensalut'' wohnte ich in Newyork auf Einladung des 
freundlichen Direktors in der 114. Schule an der Oak- und 
Oliverstreet mitten im kunterbuntesten Tenementviertel 
der Ostseite bei.) 

Amüsant ist es, wie der Einbürgerung sodann künstlich 
nachgeholfen wird. Blumenthal, Lehmann und Zickel ver- 
wandeln sich im Handumdrehen in Bloemingdale, Lyman 
und Seagle. Der legendäre Jankele, der auf sein Firmen- 
schild kurz entschlossen ,,John Kelly" hat malen lassen, 
wußte ebenso gut, daß es klug ist, einen irisch klingenden 
Namen zu haben, wie der Napolitaner Pasquale Salvini, 
der heute Patsy Sullivan heißt, und Orazio Danieli aus 

34^ 



Catania, der unter dem Namen Dan O'Hara Zitronen 
importiert. 

Das Ghetto auf der Ostseite Newyorks, mit seinem 
unerhörten Schmutz, asiatischen Gewimmel und Ge- 
rüchen, ist im großen ganzen der Wohnort der eben erst 
Hereingekommenen, dann der ,, jüdischen Indianer und 
Neger", wie ich jene Elemente nennen möchte, die das 
Tempo nicht einhalten können, die zurückbleiben. Im 
Bronx- Viertel, in Harlem aber sind schon viel nettere, 
reinere und luftreichere Ghettos; in ihnen hausen Juden, 
die Amerika schon näher gekommen sind. Natürlich läßt 
sich das alles nicht so einfach und primitiv durch die 
Topographie dekretieren! Immerhin hat das revolutionäre, 
das heißt das wertvollste Element unter den russischen 
Juden nicht unter dem Lumpenproletariat der ,, Ostseite", 
sondern hier oben in den nördlichen Stadtteilen sein 
Zentrum. 

Unten im Eastend stehen fünf ausgezeichnete Theater 
(von denen ich in anderem Zusammenhange berichten 
werde), in ihnen wird Jiddisch, d. h. im Jargon gespielt. 
Die Kinder der Besucher dieser Theater sind jedoch schon 
in den Englisch spielenden Theatern des Broadway und 
der Uptown zu finden. (Im Parkett und auf der Bühne.) 
Sie sprechen nur mehr mit ihren alten Eltern im Jargon, 
untereinander aber ein reines, akzentfreies Englisch. Ihr 
Judentum verleugnen sie darum keineswegs. Es ist unter 
den jungen, das beste Englisch sprechenden und das 
beste Amerikanisch fühlenden Juden der ,, zweiten Gene- 
ration" sogar eine starke Bewegung im Zuge, die sich 
die Förderung einer neuen hebräischen Literatur zur 
Aufgabe gemacht hat. 

In diesem Zusammenhange kann ich mich nicht ent- 
halten, ein paar Worte über den Antisemitismus in 
Amerika herzuschreiben. Als ich Commissioner Williams 
frug, ob sich die Restriktionsbestrebungen in erster Linie 
nicht gegen die Juden kehrten, die aus Europas Osten 
herüberkommen, hat Commissioner Williams dies ent- 



347 



rüstet verneint. (Wie er auch das Vorhandensein der 
Restriktionsbewegung nicht zugeben wollte.) Allein ich 
kann mir nicht helfen, die gegenwärtige einwanderungs- 
feindliche Tendenz des Amerikaners und der amerika- 
nische Antisemitismus scheinen mir Zwillingsgeschwister 
zu sein. Und sind es auch. Speziell in Newyork habe 
ich diese Wahrnehmung recht lebhaft machen müssen. 

Ein ausgemacht trauriges Faktum ist es ja, daß die New- 
yorker Ostseite einen starken Prozentsatz zum Verbrecher- 
tum und der Prostitution beisteuert. Berühmte ,,gangs" 
von jüdischen hooligans machen die downtown unsicher; 
es gibt dort sogar eine jüdische Camorra, die ,,Schtarkes", 
nach dem leuchtenden Vorbild der ,, Schwarzen Hand" 
organisierte Erpresser und Pf erdevergifter. Der jähe Klima- 
wechsel vom Pogrom zur Freiheit wirkt eben in ver- 
schiedenen Bevölkerungsschichten und Intelligenzniveaus 
verschieden. 

Dann gibt es, nach einer oberflächlichen Schätzung, 
heute in der Stadt Newyork 900000 Juden. Von einem 
Galuth, einem Exil, kann da nicht gut die Rede sein. 
Viel eher von einem neuen Zion! Sie fühlen sich hei- 
misch, was sie in der alten Heimat nie von sich sagen 
konnten, und die Äußerungen dieses Gefühls wollen den 
Leuten, die sich schon durch die Tradition daran ge- 
wöhnt haben, daß der Jude sich ducken muß, wenig 
behagen. 

Dazu kommt, daß sich das öffentliche Leben ihres 
wachsenden Einflusses mühsam erwehrt. In den Univer- 
sitäten sitzen helle jüdische Schwarzköpfe, die die eng- 
lischen Schüler bald überflügelt haben werden. Im Land 
des freien Wettbewerbs läßt sich's voraussagen, daß der 
kleine Eastsider mit dem aristokratischen Mayflowermann 
bald ins Handgemenge geraten wird! 

Diese Bedrängnis nährt das Gewächs des Antisemitis- 
mus, das hier und dort sein Haupt aufzuschlagen beginnt. 
Vorerst wendet sich der vornehme Neuengländer selbst- 
verständlich gegen die Krapüle der Ersten Generation. 

348 



Der Schmutz der Ostseite ist ihm ebenso verhaßt und 
widerlich wie die diamantenbesäte, vorlaute Unkultur des 
Parvenüs aus der fünften Avenue. Dummerweise aber ver- 
wehrt der christliche Parvenü dem jüdischen den Zutritt 
zu seinem Haus, sondert sich die Jugend von der Jugend. 
Vorerst ist dies ganz eklatant in den ,, oberen Schichten" 
wahrzunehmen, allmählich sickert es in die mittleren 
ein. In Villenvorstädten protestieren die christlichen 
Einwohner gegen die Ansiedlung jüdischer. In Klubs, 
in Komitees fliegen schwarze Kugeln in die Büchse, 
soll ein Jude gewählt werden. Anzeichen deuten darauf 
hin, daß der aristokratische Puritaner sich mit dem 
irischen Katholiken zu einem Bund gegen den auf- 
strebenden amerikanischen Juden vereinigt. (Man sollte 
glauben, daß diese Hetze den amerikanischen Juden 
dazu brächte, an den demokratischen Prinzipien des 
Landes irre zu werden, sie als Firlefanz zu verachten, sich 
feindHchen Strömungen anzuschließen, um Revanche 
zu üben für die Verachtung, die er in dem freien Lande 
erdulden muß? Gefehlt! Mit der imperialistischen Pro- 
paganda hat, soweit der Ausländer das überblicken kann, 
der amerikanische Jude weniger zu schaffen als seine 
Feinde im eignen Lande.) 

Der Amerikaner liebt es natürlich nicht, wenn man 
ihm den Antisemitismus, dies europäische Laster, diese 
Krankheit, an der zurückbleibende Volksorganismen zu 
leiden pflegen, vorwirft. Zum Glück hat er ja auch 
keine Aussicht auf allzugefährliches Umsichgreifen. Schon 
darum, weil die Mächtigen des Kapitals unter den Chri- 
sten zu suchen sind. — Eine Klasse, d. h. eine gewisse 
Schichte der Bevölkerung, die sich als ,, Klasse" auf- 
spielen möchte, nicht aber das Volk Amerikas hat mit 
dem amerikanischen Antisemitismus zu tun. Diese Klasse 
ist es, die durch Restriktionsgeschrei das Land verwirren, 
die Blicke des Landes von dem wahren Sitz der Gefahr 
ablenken möchte. Die fünfte Avenue hat eine Reform 
dringender nötig als Ellis Island. — 

349 



Wer die amerikanischen Apostel der konsequenten 
Rassenverbesserung für keine Horde von ausgemachten 
Narren hält, muß den Maßregeln beipflichten, die das 
Hereinkommen von Krüppeln, Idioten, Syphilitikern und 
mit ansteckenden Hautkrankheiten Behafteten verhindern. 
Aber die Fanatiker der ,, Einschränkung" möchten jetzt 
Leuten, die mit weniger als 4 Dollar herüberkamen, den 
Eintritt verweigern, Analphabeten zurückschicken. 

Ist das noch Amerika, das seine Bürger danach einteilt: 
hast du 4 Dollar in der Tasche oder nicht, kannst du das 
ABC oder nicht? 

Der Kerl, der mit 25 Dollar einzieht, die er in einer 
Spelunke der Ostseite in der ersten Nacht verjuxt, um 
darauf in der zweiten als Mitglied der Taschendiebgilde auf 
Raub auszuziehen — der ist also erwünschter, als der 
arme Slowakenjunge, der frisch und willig und mit einem 
Zehncent-Stück in der Tasche Amerikaner werden 
möchte. Der suspekte Kerl, der sogar einen fremden 
Namen einwandfrei unter ein Schriftstück schreiben kann, 
wenn's drauf ankömmt, ist also erwünschter als der Arme, 
der als kleines Kind in den Schwefelbergwerken oder auf 
den Hungeräckern fürs Brot schuften mußte, statt in der 
Schule unter den ABC-Schützen stillsitzen zu können? 

Außer seinen vier Dollar und seinem Alphabet muß 
jeder Zwischendecker, der die sanitäre Kontrolle passiert 
hat, und der nachweisen kann, daß er dem Land nicht zur 
liast fallen wird, ein Zertifikat der Heimatsbehörde über 
gute Führung vorweisen. Diesen Empfang bereitet Amerika 
jetzt seinen Einwanderern, westlich der Freiheitsstatue. 

Es ist wirklich schwer, einige Vorschläge zu unter- 
drücken. So z. B., daß auf den Fragebogen, den jeder 
beim Verlassen des Heimatshafens ausfüllen muß, statt 
der Frage: ob er Polygamist sei, die Frage: ,, Willst du, 
daß deine Kinder Amerikaner werden?" gedruckt werde. 
Statt der Frage: bist du Anarchist? diese: ,,Was ist dir 
lieber, eine staatliche Vertretung kapitalistischer Interessen 
oder gar keine?" 

350 



Gegen eine Kontrolle gewisser mit unerlaubten Mitteln 
arbeitenden Dampfschiffgesellschaften wäre nichts zu 
sagen. Ebensowenig gegen eine scharfe Einschränkung der 
Padrone-Wirtschaft, die den unkundigen Einwanderer 
gleich vom Landungssteg w^egschnappt und für ihre kor- 
rupten politischen Zwecke, Tammany-Hall und ge- 
wissenlose Arbeitsunternehmer kapert und aussaugt. 

Diese beiden Krebsschäden, die kleinen, wie die Pilze 
aufschießenden Mittelmeer-Linien und die Pseudo-Ar- 
beitsvermittler, in Wahrheit Sklavenhändler, fressen als gif- 
tige Feinde an dem modernen Amerika, nicht aber ein Minus 
von einem Dollar und die Unkenntnis des Alphabets. 

(Padrone heißt nicht so viel, daß diese Spezies nur unter 
den Italienern zu finden sei; in jüdischen, griechischen, 
türkischen, ungarischen Wörterbüchern findet sich der 
Titel des Kerls, der in der Nähe der Landungsplätze in 
tausend verschiedensprachigen Logierhäusern lauernd wie 
eine Spinne sitzt und seine Netze über das ganze Land 
gezogen hat. Ein Bekannter erzählte mir, daß ihn eines 
Tages auf dem Schiff ein Zwischendecker gefragt hat: 
,,Wie lange muß man in Amerika leben, um ein 
Irländer zu werden?" Diese Rasse hat nämlich in 
Amerika den höchstentwickelten und erfolgreichsten 
Typus des politischen Padrone, des Boss, Sklavenhalters 
und Stimmenfängers hervorgebracht.) 

Nur ein Wort von der Rückwanderung. In der 
Rückwanderung der Leute, die sich in Amerika zu Ameri- 
kanern entwickelt haben, liegt die größte Chance des 
Fortschritts, die den zurückgebliebenen Staaten und 
unterdrückten Völkern der alten Welt erwachsen kann 
heutigen Tages. 

EUis Island ist ebensosehr ein amerikanisches Problem 
wie ein Problem Europas. — 

Wie ich schon am Anfang dieses Buches erwähnt habe, 
sieht Ellis Island, wenn man in die Bai von Newyork 
hereinfährt, wie eine Kreuzung von Zuchthaus und La- 

351 



zarett aus. Jetzt, da ich die Rundfahrt durch den Konti- 
nent beschlossen habe, und das Eiland, von Manhattan 
herkommend, betrete, befestigt sich dieser Eindruck in 
mir. 

Den Kern des Eilands bildet eine große, mit einer 
Galerie versehene Halle im Mittelpunkt des Zentral- 
gebäudes. Sie ist weiß getüncht; der einzige Farbenfleck 
in ihr ist das Sternenbanner, das von der Galeriebrüstung 
herunterhängt und dem Menschenkinde, das aus den Ärzte- 
hallen heraufkommend die Halle betritt, sogleich ins Auge 
springen soll. 

Reihen von Bänken empfangen den Ankömmling, hohe 
eiserne Gitter umgeben diese Reihen. Kein Entkommen. 
Vor dem Ausgang der Reihen stehen Beamte hinter 
Pulten, jeder aus den Reihen muß sie passieren. Muß 
einem dieser Beamten, die alle Sprachen der Erde spre- 
chen, Rede und Antwort stehen, ihm seine Papiere vor- 
zeigen; dies ist seine erste Behörde. Wer sie glücklich 
passiert hat, marschiert rechts über eine Treppe hinunter, 
zur Fähre, die nach Manhattan fährt — er ist schon so gut 
wie Amerikaner. 

Die aber eine gelbe Karte in die Hand gedrückt er- 
hielten, gelangen links ins Fegefeuer, wenn nicht in die 
Hölle. Sie kommen wieder in Räume mit hohen Gittern 
um sie herum, in Hallen, endlose Gänge, Gitterkorridore, 
die mich augenblicklich an die Schleusen in den Chicagoer 
Schlachthäusern erinnern, durch die die Viehherden zur 
Schlachtbank gejagt werden. Keiner von diesen Kor- 
ridoren führt nach Amerika. Viele führen ins Labyrinth 
des Wahnsinns, der Verzweiflung, des Selbstmords, viele 
an Amerika vorbei, ins alte Land zurück, in die bleierne, 
endgültige Hoffnungslosigkeit. In all diesen Gitter- 
räumen wohnt das Unglück. Dies ist Ellis Island, die 
Insel der Pein, des Gerichtes, der mißbrauchten Geduld, 
des nackten Schicksals, des ungerechten Rächers; kein 
Blake vermöchte den Racheengel zu zeichnen, zu singen, 
der über Ellis in einer Wolke von Angst, Wimmern, Folter 

352 




und Gotteslästerung thront all diese Tage, die wir im 
freien Land verleben. 

Heute ist großer Tag auf Ellis. Zwei Schiffe des 
Norddeutschen Lloyd, der ,, George Washington" und 
die ,, Berlin" haben etwa zweitausend Menschen im 
Zwischendeck mitgebracht; Schiffe der Holland-Amerika-, 
White-Star-, Anchor-Line und italienische weitere 1800. 
All dies Gewimmel ergießt sich über die Bankreihen hinter 
den Gittern und schiebt sich langsam den Pulten der 
Kontrollbeamten entgegen. Wirklich, wenn ich vor dem 
Gitter so für mich entlanggehe und mir die künftigen 
Amerikaner hinter den Stäben ansehe, da will mich fast 
dieselbe Empörung überlaufen, die der gute, altem Puri- 
tanerstamm entsprossene Neuengländer empfinden muß, 
denkt er daran, was alles jetzt sein Kompatriot werden 
und heißen möchte. 

Kann eine Gemeinschaft bestehen zwischen jenem 
alten, edlen und reinen Stamm, der die Ideale dieses Kon- 
tinents hereingebracht, verteidigt und hochgehalten hat 
Hunderte von Jahren lang, und diesen elenden, tierisch 
glotzenden Gesellen dahier, diese rstupiden, ungeschlachten 
Menagerie hinter dem Gitter? Im ersten Augenblick ist 

^3 353 



die Versuchung da, den Restriktionisten recht zu geben, 
die sich gegen solchen Zuwachs auflehnen, diese Menschen- 
qualität als Amerikaner ablehnen, ihre Prinzipien von 
solchem Volk nicht gefährden lassen wollen. 

Aber gleich korrigiere ich meinen Eindruck, indem ich 
mich zwinge, durch die Zerlumptheit des bestialischen 
Volks dahier die Söhne, die zweite Generation, zu erblicken. 
Damit ist auf einmal auch das letzte Bedenken weg. — 

Man hat Leute, denen nichts gefehlt hat, abgewiesen, 
weil sie zu häßlich waren. Das ist pittoresk und mehr oder 
minder entschuldigt. Denn es liegt eine Aufwallung 
hinter dieser offenbaren Ungerechtigkeit und eine Ver- 
heißung werdender Kultur. Aber wenn man von einem 
Plattfüßigen hört, der zurückgeschickt wurde, dann möchte 
man den Herrn beim Pult fragen: vielleicht wird die Zu- 
kunft Amerikas auch durch Fische mit dem Messer Essen 
gefährdet ? Hier sieht man das Kautschuk sich schon etwas 
gar zu unverschämt dehnen und wird verstimmt. 

Die hauptsächliche Sorge der Prüfungskommission aber 
bleibt: wird der Einwanderer für sich selber sorgen kön- 
nen? Werden seine Freunde und Angehörigen für ihn 
sorgen ? Oder wird er der Öffentlichkeit, den Staats- und 
privaten Wohltätigkeitseinrichtungen zur Last fallen? 

Mit seiner gelben Karte wird ,,der Fall" in eins der 
zahllosen Zimmer gebracht, die den Sammelnamen: 
,,Detentions-Quarters", Haft-Viertel, führen. Hier krampft 
sich dein Herz zusammen, Wanderer mit dem Paß, der 
dir dieses Viertel des Menschenjammers erschließt, für 
vier Wochen, durch die Gunst des Herrn der Insel. — 

Hier ist der Raum der Verlassenen, deren Angehörige 
sich nicht gemeldet haben bei ihrer Ankunft in 
Amerika. 

Wie ich an dem Gitter dieser Abteilung vorübergehe, 
stürzen fünf Weiber mit zerrauftem Haar und leergewein- 
ten Augen aufs Gitter zu, rufen mich an, wollen in fünf 
mir unbekannten Sprachen von mir erfahren, ob ich den 

354 



oder jenen kenne, in Scranton, in Brooklyn drüben oder 
gar in dem benachbarten Hoboken? (Diese Ortsnamen 
allein verstehe ich.) Und ich muß mir, während ich kopf- 
schüttelnd weitergehe, denken, daß diese Ärmsten da- 
hier Damaskus, Odessa und Saloniki näher sind als dem 
zehn Minuten fernen Brooklyn und Hoboken ! 

Ist ihre geringe Barschaft auf Kost und Unterkunft in 
Ellis draufgegangen und kam keiner, sich ihrer anzu- 
nehmen, so werden sie, ohne Amerikas Boden berührt 
zu haben, in ihre Heimat zurückbefördert, und niemand 
frage danach, wie diese sie empfangen wird. 

Ein Weinen, Blöken, hier und da ein kurzes schrilles 
Gezeter, das rasch zusammensinkt, tönt aus diesem ver- 
gitterten Quartier heraus. Plötzlich wird's mäuschenstill 
dahinten. Ein Mann in blauer Uniform geht an mir 
vorbei, schließt mit einem Schlüsselbund rasselnd die 
Gittertür des Zwingers auf und tritt unter die mit einem- 
mal wild gewordenen, vor Schmerz und Hoffnung wild- 
gewordenen Tiere dort hinten ein. In seiner Hand hält 
er ein Päcklein Telegramme, Briefe, Postkarten. 

Laut ruft er die Namen der Adressaten in das verzerrte, 
stoßende, herankollernde Gewühl hinein. Ein paar Ge- 
stalten stürzen auf den Bändiger los. Ein paar kurze, wilde 
Glücksschreie ertönen. Dann ist das Päckchen verteilt. 
Das stumpfe Gewinsel, Geblöke, das jammernde Gezeter 
hebt von neuem an, verstärkt — während hier, draußen, 
wo ich stehe, die Glücklichen, in den Armen ihrer freude- 
strahlenden Angehörigen zur Fähre hinunterströmen, 
lachend und selig dem Land der Verheißung entgegen. 

Weiter weg sind die kleinen Zimmer, in denen Men- 
schen nach Kategorien von Fällen gesondert auf- 
gehoben sind. Es sind ausnahmslos kahle, kalte, weiß- 
getünchte Räume ohne jeden Schmuck, mit harten Prit- 
schen, eisernen Bettstellen, Räume, in denen die Hoffnung 
erdrosselt niedersinkt beim ersten Anblick. 

In einem dieser Zimmer kriege ich drei kleine Mäd- 

23* 355 



chen zu sehen, die den dritten Monat hier verleben. 
Ihr jüngstes Schwesterlein ist im November auf dem 
Schiff erkrankt und liegt im Lazarett. Wenn es genesen 
sein w^ird, werden die viere zusammen zu ihrer Familie, 
die das zweimalige Abholen nicht erschwingen kann, 
nach dem Westen befördert werden. Eng sitzen sie bei- 
sammen, die kleinen Mädchen, wie schläfrige frierende 
Vögel. Das Älteste ist zwölf Jahre alt. Stumm blickt es uns 
an, wie wir hereinkommen. Es versteht. Mit großen Augen 
blickt es uns an, ohne zu sprechen, zu fragen. Es hat diese 
Welt der Armut erkannt und durchs^chaut. Es ist geduldig, 
wissend geworden beizeiten. Es weiß: dieses Erdenleben 
wird ja für sie doch nur eine Kette von Gefängnisräumen 
sein. Ruhig sitzt sie da, ihre dünnen Ärmchen um die beiden 
schläfrigen Schwesterchen geschlungen, und schweigt. 

Ein furchtbares Zimmer nebenan beherbergt Prosti- 
tuierte. Es sind, fast ohne Ausnahme, polnische und ru- 
mänische Jüdinnen. In ihren Papieren war etwas nicht in 
Ordnung. Unter einer zurechtgedrechselten Phrase 
zwinkerte der ,, Weiße Sklavenparagraph" verräterisch 
hervor. Mit diesen Elendsten wird kurzer Prozeß gemacht. 
Zudem sind sie fast durchweg krank. Unter den billigen, 
grellen Halsketten tragen sie die Narben ihres Schicksals. 

Hier ist der Raum, in dem die Schwachsinnigen, die 
Krüppel, das Höllenbreughelvolk der Mißgeburten her- 
umsitzt, herumschwadroniert, herumlungert. Hier der 
Raum der Angehörigen jener Unglücklichen, die die 
Ärzte unten bei der Untersuchung zurückgehalten haben. 
Ganze Familien sind hier versammelt, dieser fehlt der 
Ernährer, jener die Mutter. Sie werden mit den Kranken 
zurück müssen in die alte Heimat, ohne vom gelobten Land 
mehr gesehen zu haben als die absonderliche Silhouette 
Manhattans fern im Winternebel. 

In einem Korridor wird mir ein junger Mann vorgestellt, 
ein junger, kräftiger Russe mit einem schönen, franken 
Blick und gutem Händedruck. 



Dies ist Zallel M., der Held von Riga. 

Um ihn geht ein großer Kampf hin und her, zwischen 
ElHs, das ihn als einen, der wegen Mordes in Rußland ge- 
sessen hat, deportieren möchte, und der amerikanischen 
,,Liga zum Schutze politischer Flüchtlinge", die sich 
seines Falles angenommen hat. Es gibt auf der Insel dahier 
eine Anzahl solcher Schutzkomitees, sie nehmen sich ein- 
zelner Fälle an, und der Kampf zwischen der Insel und 
Washington dauert zuweilen länger, als es dem Körper 
und dem Gehirn desjenigen zuträglich ist, der den ,,Fall" 
darstellt. Seit sieben Wochen sitzt Zallel hier. Siegt die 
Insel, so muß Zallel zurück, und sein Schicksal — als ehe- 
maligen Mitgliedes des ,,Bund" und der „lettischen revo- 
lutionären Partei" — ist im Moment, da er vom Schiff auf 
russischen Boden tritt, besiegelt. 

Aber schon nächste Woche erzählt man mir, er sei frei 
und in Manhattan unter dem Jubel seiner Freunde ge- 
landet. Der verdienstvolle und aufopfernde Anwalt jener 
Liga, Simon O. Pollock, verdient jedenfalls den Ehren- 
titel, ein Amerikaner zu sein, obzwar seine Ahnen wahr- 
scheinlich nicht auf der ,,Mayflower" herübergekommen 
sind. 

Gegen welche Macht nun haben diese privaten Komi- 
tees, die mit dem Gelde wohlmeinender Bürger und 
Menschenfreunde arbeiten, anzukämpfen? 

Mein Paß gewährt mir Zutritt zu einigen kleinen Zim- 
mern, in denen die Gerichtshöfe, die ,, Special Courts of 
Inquiry" tagen. Täglich von zehn bis vier defilieren hier 
die gelben Karten vorbei, hier wird Wohl und Wehe der 
Fälle entschieden. Das Amt der Richter dahier ist nicht 
leicht, das steht fest. Ihre Geduld wird auf eine harte 
Probe gestellt. Mancher ,,FaH", zumal wenn er den einer 
allein reisenden Frau vorstellt, kommt in einem schlau 
präparierten Lügennetz und Gewebe heranmarschiert, 
und ein Eklat, ein falscher Schiedsspruch, ein Justiz- 
irrtum, der vor die Öffentlichkeit gelangt, wird von den 

357 



Ellis feindlich gesinnten Blättern weidlich ausgenutzt und 
breitgetreten. Mag es sich dabei um absichtliche Miß- 
gunst oder simple menschliche Unzulänglichkeit der 
Richter handeln. 

Diese Richter sind nun, und das ist das Fatale, will mir's. 
scheinen, keineswegs für ihren schwierigen und verant- 
wortungsvollen Beruf vorgebildete Leute. Es sind tüch- 
tige, intelligente und erprobte Inspektoren, nicht mehr 
und nicht weniger. Sie verfügen schon über eine Dosis Er- 
fahrung, Mutterwitz, Geduld, vielleicht Wohlwollen, aber 
man kann es sich vorstellen, in welchem Tempo all diese 
guten Eigenschaften sich in diesen halbgebildeten und 
fortwährend agacierten Menschen bei dem anstrengenden 
Dienst, der ihnen auferlegt ist, verkehren, wenn nicht 
verflüchtigen. 

Welche Schicksale, welche grotesken Anekdoten, welche 
Kartenhäuser von Menschenzusammenhängen habe ich 
in den Stunden, die ich in ,,Room B" verbrachte, sich 
aufrichten, zusammenstürzen, weggefegt gesehn — stille! 
Wiedersehen zwischen Eltern und Kindern, Brautleuten, 
Freunden und Verwandten, enttäuschte Erkennungs- 
blicke, gebrochene Eheversprechen, brühwarm emp- 
fangene Nachricht über Irrsinn, Untergang, Verschwin- 
den nächster Angehöriger, Todesangst, kalte List und 
Zerknirschung, drohender Mord und zermalmte Hoff- 
nungen passieren die Tische, an denen die gähnenden, 
übermüdeten Dolmetscher, die geduldig oder zerstreut 
hinhorchenden, gelangweilten oder amüsierten, langsam 
Gummi kauenden Inspektoren sitzen. Sie dürfen nicht lange 
fackeln, eins zwei drei müssen sie entscheiden, ob das, was 
man ihnen erzählt, auf Betrug oder Unwissenheit zurück- 
zuführen ist. Kein Aufschub! Denn jede Stunde auf 
Ellis kostet Geld, erst das des ,, Falles", nachher das der 
Union. Die Inspektoren- Richter bekleiden ein schwie- 
rigeres Amt als die Ärzte unten, die mit Universitäts- 
diplomen gewappneten Ärzte in den Quarantänehallen. 
Wünschte man sich, daß auf ihren Plätzen dahier wirkliche, 

358 



durchaus gebildete, befähigte Richter säßen, wie drüben 
in den Gerichtshöfen Manhattans, der ganzen Union? 
Nun, man wünschte es, wäre man nicht im Herzen tief 
von der Wahrheit überzeugt : daß kein Mensch auf Erden 
befähigt noch berufen ist, über das Schicksal seines Mit- 
menschen zu verfügen, Recht oder Unrecht zu sprechen. 

Unten, in den großen Hallen, aus denen der Weg grad- 
aus, frei und ungehindert nach Amerika hinausführt, 
warten die Glücklichen lärmend, essend, singend und 
schwatzend, ihr Geld zählend, alkoholfreie Getränke trin- 
kend, auf die Fähren, die sie nach Manhattan, nach den 
Stationen der Lackawanna, Grand Central, Baltimore 
and Ohio in Brooklyn, New Jersey, Long Island hinüber 
befördern werden. Agenten der Bahngesellschaften trei- 
ben Rudel von gleichfarbig Bezettelten in Korridore 
hinein, die zu den Fähren führen. Evangelische Bibel- und 
Traktätleinhausierer laufen mit ihrer Gottesware herum, 
machen gute Geschäfte, die Evangelien Lukä und Matthaei 
gehen wie warme Semmeln ab. Hier lernen die Kinder der 
Alten Welt zum erstenmal, daß eine Schinkenstulle in 
Amerika soviel kostet wie drüben ein Laib Brot und ein 
ganzes Schw^ein, ein Apfel soviel wie drüben ein Apfel- 
baum, und daß Sodawasser teurer ist als Sliwowitz und 
schlechter schmeckt. 

Vieles andre noch lernen sie hier. Ein kleiner Ruthene 
ist in einen Spucknapf gefallen, und ein Missionar erklärt 
den mit aufgerissenen Mäulern herumstehenden Nationen 
dieses amerikanische Kupfergeschirr, das ihnen abnorm 
und ehrfurchtgebietend wie ein Wolkenkratzer erscheint 
und sie der Zivilisation um ein Stück näher bringen hilft. 

Immer neue Scharen strömen in die Hallen. Wer 
denkt noch an die Käfige oben, an die heulenden, wim- 
mernden, hoffnungslos vor sich brütenden Gefangenen in 
den ,, Detention-Quarters?" An die Schlachtbänke der 
Zentralhalle, an die Inquisitionszimmer, die Folterkam- 
mern der kleinen Kinder, der Prostituierten, der be- 

359 



trogenen Bräute, der kranken Väter, der zerstörten 
Familien, der schwangeren Mütter, denen Amerika sich 
verschließen will? 

Ein Glockensignal reißt alle Tore auf. Draußen stehen 
die Fähren bereit, sie werden uns alle hinüberbringen 
nach dem verheißenen Land, Manhattan, der downtown 
der Wolkenkratzer, westlich von Ellis-Eiland . . . west- 
lich von der wunderbaren Statue der großen Göttin . . . 
sieh, wie sie die Fackel über ihr besterntes Haupt hebt, 
diese Fackel, die den Völkern der Welt leuchten soll, 
wenn Nacht über das Meer hereingebrochen ist. 



DER NEGER 

Mein einziger kurzer Ausflug in die Südstaaten der 
Union führte mich von Washington, District of 
Columbia, zwei Stunden weit nach Mount Vernon in 
Virginien hinüber, zum Landhaus und der Sterbestätte 
George Washingtons, des Befreiers, 

Zwischen Washington und Virginien liegt der Potomac- 
Strom. Als wir über ihn fuhren, kam der Schaffner, ich 
saß bei der Tür, an meinen Platz heran und machte sich 
an der Wand über meinem Kopf etwas zu schaffen. 
Ein kleiner Glaskasten war an dieser Wand befestigt; 
der Schaffner drehte eine Kurbel, da sprang im Kasten 
die Tafel: 

„White" 

hervor. Dann ging der Schaffner ans andere Ende des 
Wagens, zu einem Glaskasten, der dort an der Wand hing, 
drehte eine Kurbel, worauf die Tafel: 

„Colored" 
zum Vorschein kam. 

Hier fuhren wir also einem Südstaat entgegen, in dem 
der Neger nicht gewürdigt ist, mit dem Weißen auf der- 
selben Bank zu sitzen. Hier näherten wir uns dem Be- 



360 



zirke der Colorline, der Scheidelinie zwischen Schwarz 
und Weiß, zwischen dem Menschen und dem Unter- 
menschen, in demselben Lande, in dem so viel Blut ge- 
flossen ist, weil ein Amerikaner diese Unterscheidung 
nicht mehr ertragen konnte in seinem großen Herzen. — 

Man braucht nach keinem Südstaat zu reisen, um diese 
Scheidelinie im öffentlichen Leben und in der Seelen- 
verfassung des Americanos wahrzunehmen. Sie ist überall 
da und springt in die Augen. Im Norden und Süden, 
Osten und Westen, beim niederen Volk und den höheren 
Schichten, bei Konservativen und — jawohl: ich werde 
sogleich erklären, warum, bei den Sozialisten. Man 
braucht sein Ohr auch nicht allzu dicht auf das Herz des 
öffentlichen Lebens von Amerika zu pressen, um zu hören, 
wie es für den Neger schlägt. Die wirkliche Gesinnung 
des großen demokratischen Amerikas gegen sein Stiefkind, 
sein aufgedrängtes Adoptivkind, sein Kuckuckskind, das 
mit anderer Farbe und trägerem Blut in die Familie 
getreten ist, schrillt jedem in die Ohren, der auch nur ober- 
flächlich zu horchen gewohnt ist. 

Im ,,Sunday-Club" in Chicago wohnte ich einem Meeting 
bei; vor einem religiös und tolerant gesinnten Auditorium 
sprachen angesehene weiße und schwarze Männer für 
den ,, farbigen Mitbürger" und gegen die entwürdigende 
Colorline. Etwa dreitausend Menschen saßen im Saal 
und auf den Galerien, eigentlich war der Saal voll. Sah 
man aber genauer hin — da bemerkte man hier und dort 
unbesetzte Stühle, und zwar ausnahmslos solche neben 
Negern. — 

Der Besitzer eines der gröfSten Warenhäuser Chicagos 
ist ein Mann, der Hunderttausende für die Emanzipation 
und die Erziehung der Neger in den Staaten ausgegeben 
hat. Seinen deutschklingenden Namen hört man nennen, 
wenn vom amerikanischen Neger gesprochen wird. Sein 
Sohn zeigt mir die Einrichtungen des großartigen Hauses. 
Ich frage ihn: wieso es denn komme, daß ich unter den 
neuntausend Angestellten keinen Neger sehe (nur unten 

361 



bei den Lifts stehen welche)? Der junge Mann er- 
widert: Neger anzustellen wäre ja so schwierig und un- 
bequem ; kein weißer Angestellter wollte mit einem Neger 
im selben Zimmer arbeiten. — 

Die Single-taxers halten in Chicago ihren Kongreß ab. 
Der Besitzer des größten Hotels verweigert ihnen seinen 
Bankettsaal, weil die weißen Kellner sich weigern, die 
schwarzen Mitglieder des Kongresses zu bedienen usw. 
usw. 

Die Colorline zieht sich wie ein häßlicher Riß, ein 
Sprung, ein abbröckelnder Spalt quer durch die Marmor- 
säule des amerikanischen Ideals. 

Als die Sezessionskriege aus den Sklaven Bürger machten 
und auf einmal der Fremdkörper im Fleisch des 
weißen Amerikas saß, da gab es ernsthafte Männer, die 
ihre Stimmen erhoben und sprachen: ladet die Schwarzen 
auf Schiffe und zurück mit ihnen nach den Inseln, woher 
sie kamen, zurück nach Afrika. 

Zu spät. — Da sie hier sitzen geblieben sind, hätte 
das Land sich selbst so weit erziehen und beherrschen 
müssen, um die Konsequenzen seiner menschenfreund- 
lichen Handlung, die Gesichtspunkte seines größten Bür- 
gers durchzuführen. Dann wären die Neger heut nicht 
das, was sie sind, nämlich nicht ein Fremdkörper allein 
im Fleisch Amerikas, sondern schon mehr ein geladenes 
Pulverfaß mit einer schwälenden Lunte im Keller des 
Stiefelternhauses. 

Wenn man hört, daß zur Zeit der Sklavenwirtschaft 
der Neger in den südlichen Herrenfamilien als Diener, 
Koch, Amme, Vertrauter und Hausgenosse wirkte, so 
kann man an eine Abneigung aus physischen Gründen 
zwischen den Rassen nicht glauben. Eher hat der Haß der 
Weißen, neben dem schon erwähnten Motiv der ange- 
borenen Trägheit des Negers, wirtschaftliche Ursachen. 
Tausende von alten, reichen Familien gelangten an den 
Bettelstab, als aus dem Sklaven ein freier Mensch wurde. 

362 



Nun da sie nicht die Befehle der Weißen ausführen, 
sondern ihrem eigenen Kopf gehorchen, merkt der 
Weiße, daß die Neger Kinder, geschwätzig und inkoherent, 
Organisierens unfähig und ohne Ausdauer sind. 

Die Lehrerinnen in den Schulen erklären einem, daß 
die untüchtigsten, zerstreutesten ihrer Schüler, die härte- 
sten Schädel, in die die Weisheit am schwersten hinein- 
geht, Negerkinder sind und gehören. 

Und wenn man versucht. Positives und Beachtens- 
wertes anzuführen, vorzuweisen, was Negern seinen Ur- 
sprung verdankt, so kriegt man als Antwort die Photo- 
graphie des Negers vor die Nase gehalten, der dies Positive 
und Beachtenswerte geschaffen hat, und siehe da: dieser 
Neger ist kein Schwarzer mehr, sondern ein grauer Misch- 
ling, das heißt Bastard von schwarzer Mutter und weißem 
Vater. 

Zu dem Haß der Weißen gegen den Schwarzen kommt 
also noch die Verachtung des Rassereinen gegen den 
Mulatten, der auf einem Seitenweg der Gesellschaft ge- 
boren ist und nicht auf der breiten Ehrenallee zwischen 
Standesamt und Ehebett. 

Zwölf Millionen Neger gibt's heute alles in allem in den 
Staaten. Diese Zahl nimmt rapide zu. Unterschiede 
zwischen Mulatten, nach dem Grad der Mischung, 
macht man in der Schätzung beziehungsweise Mißachtung 
kaum. Ein Tropfen schwarzen Blutes, so heißt es, genügt, 
um über seinen Besitzer all die Schande und den Fluch 
zu bringen, der das Teil des heutigen amerikanischen Ne- 
gers ist. Heiratet ein Weißer eine Weiße, das heißt ein 
ganz weiß aussehender Mann eine ganz weiß aussehende 
Frau, und ein Fingernagel verrät einen von beiden, so kann 
die Familie zusammenpacken und wandern, sie ist so gut 
wie geächtet. 

Der Neger lebt in den großen Städten, in den kleineren 
sowie auf dem Lande in richtigen Ghettos, unter 
seinesgleichen. Es ist ihm recht schwer gemacht, diesem 

363 



Ghetto zu entschlüpfen, sich in einer ,, weißen" Gegend 
anzusiedeln. Als ich nach Amerika fuhr, wußte ich, daß 
der Neger wegen des unspeakable crime, der Notzucht, 
begangen an weißen Frauen, gelyncht zu werden pflegt. 
In Amerika erst mußte ich es erfahren, daß es in den 
Vereinigten Staaten genügt, daß ein Schwarzer sich in 
einer ,, weißen" Gegend niederlasse, um alle Wildheit und 
Bestialität in dem Weißen zu entflammen. Ein ehrbarer 
und fleißiger Neger baut sich oder kauft ein Haus für sich 
und seine Familie in der Nachbarschaft einer ,, weißen" 
Straße. Man läßt ihn gewähren. Sein Haus ist sauber, 
seine Familie ruhig, sein Gärtlein hübsch und gepflegt. 
Einen Monat, nachdem die Familie eingezogen ist, ruft 
eine höhnische Stimme durchs Telephon den Vater in 
seinem Office an. Sein Haus brennt, sein Gärtlein ist 
vernichtet, sein jüngstes Kind ist von dem Gesindel in 
die Flammen geworfen worden, als es zu fliehen versucht 
hat. — 

Der Führer der jungen Neger, W. Burckhard Du Bois, 
von dem ich noch sprechen werde, zeigte mir Photo- 
graphien einer solchen, von wohlhabenden Negern be- 
wohnten Straße in Kansas City, einer hübschen, sauberen 
Straße von Heimen, die im Zeitraum vom 8. April 1910 
bis zum II. November 191 1 sechsmal von Dynamit- 
explosionen heimgesucht und beschädigt worden ist. Eine 
Gegend, in der sich Neger häuslich niederlassen, ist ent- 
wertet. Die weißen Anwohner fühlen sich deklassiert. 
(So ergeht es ja, wie im vorigen Abschnitt erwähnt wurde, 
zuweilen ,, christlichen" Vierteln, in denen sich die ersten 
jüdischen Anwohner sehen lassen — diese lyncht man 
zwar nicht, aber sie werden wegschikaniert, ihre Post 
verstreut, ihre Milch in der Frühe über die Stufen ge- 
gossen usw.) 

Ich will für einen Augenblick diese Parentheseklammern 
vom letzten Satz herunternehmen und von etwas sprechen, 
das mir junge Neger wiederholt in Unterhaltungen, die ich 
mit ihnen hatte, beteuerten: nämlich von der Sympathie 

364 



der Neger für die Juden. ,,We are in the same boat!" 
sagte mir mein Freund, der junge Neger aus der 53. Straße. 
„Unsere Schicksale haben ja viel ÄhnHchkeit miteinander. 
Und dann kommen wir ja beide aus Afrika, die 
Juden und wir Neger!" 

Nun, natürlich ist dieser Philosemitismus cum grano 
salis zu nehmen. In Newyork hielt man im Dezember 
191 1 in Carnegiehall eine Monsterversammlung zugunsten 
der jüdischen Bürger Amerikas ab, deren Pässe anzuer- 
kennen Rußland sich weigerte. Amerika stand in hellem 
Aufruhr, Die vorzüglichsten Redner des Landes waren 
herbeigeeilt, um in dieser Versammlung gegen das Vor- 
gehen Rußlands zu protestieren (und sich bei den Juden 
einzuschmeicheln). Als ich dann eine Woche später als 
der einzige Weiße in einer Negerkirche einer Anti- 
Lynch-Versammlung beiwohnte, was bekam ich da zu 
hören? — ,, Diese Handvoll Juden, welch ein Geschrei 
macht man um die herum, weil man irgendwo, in 
einem fremden Weltteil, der uns nicht angeht, ihre 
Rechte verletzt — uns dagegen, uns getaufte Christen 
usw. . . ." 

Immer wieder hörte ich es von jungen Negern sagen: 
nennen Sie uns nicht ,,Amerikaner!" Wir sind keine, 
solang uns Amerika behandelt, wie es das jetzt tut. Wir 
wollen nicht ,, Amerikaner" heißen, wir sind Afrikaner. 
Wir gehören einer dunklen Rasse an. Als von einem Krieg 
Amerikas mit Japan die Rede war, vor Jahren, da waren 
die Sympathien der jungen Neger, mehr oder weniger 
verhüllt, auf selten der Japaner — weil die Japaner eben- 
falls einer dunklen Rasse angehören! 

Tatsächlich finden sich unter den Wohltätern und 
Förderern der Neger-Emanzipation auffallend viele Ju- 
, den. Tatsächlich haben Juden und Neger in manchen 
Punkten der Einschätzung gleicherweise zu leiden, im 
öffentlichen Leben, in der Verwaltung, im Heer. (Die 
Neger stärker als die Juden, selbstredend, aber das Prinzip 
bleibt dasselbe.) 

365 



Die hauptsächlichste Institution, die sich die wirtschaft- 
hche und wissenschaftliche Erziehung und Heran- 
bildung der Neger zur Aufgabe gemacht hat, ist das 
Tuskegee-Institut in Alabama, an dessen Spitze der welt- 
bekannte Mischling Booker Washington steht. Dieser 
Mann besitzt außerordentliche organisatorische und 
schriftstellerische Fähigkeiten, im Grande ist er aber ein 
retardierender Faktor in der Entwicklung der Negerfrage 
Amerikas. Tuskegee arbeitet mit dem Gelde Weißer, 
weißer Kapitalisten, die große Interessen und Kapitalien 
in Eisenbahnen und Fabriken, Land und Agrikultur- 
unternehmungen in den Südstaaten investiert haben, 
und die die Neger hauptsächlich aus dem Grunde fördern 
— damit im Süden Ruhe herrsche! Booker Washing- 
ton ist, um es mit einem gelinden Ausdruck zu benennen, 
ein Botschafter der Weißen bei seinem eigenen farbigen 
Volk, eine Art Beschwichtiger, Ausgleicher, Konzessionen- 
macher — die Entwicklung der Dinge wird ihn samt 
seinen zweideutigen Tendenzen fortfegen, daraus macht 
man sich heute in den Staaten kein Hehl mehr. 

Unter Roosevelts Präsidentschaft ging's ja noch. Seit 
Taft am Ruder ist, wurde aber der Neger aus den öffent- 
lichen Ämtern sachte und konsequent wieder hinaus- 
gedrängt; in Washington sitzen noch, auffällig hin- 
gesetzt, ein paar farbige Richter und Distrikt-Attorneys ; 
in den Staaten finden sich, spärlich und verstreut, ein 
paar farbige Funktionäre in öffentlichen Ämtern; im 
ganzen aber kümmert sich Kongreß und Senat wenig um 
die Klagen der Neger und um das Lynchen, das emsig 
und ungestört weiter betrieben wird, und zwar crescendo. 

Amerika darf sich nicht wundern darüber, daß es sich 
an dem Neger einen gefährlichen inneren Feind groß- 
zieht. Daß das Prinzip der Demokratie, hier einmal 
wieder an dem lebenden Exempel verhöhnt, einen grim- 
migen Verachter bekommt in der Gestalt des durch das- 
selbe Prinzip freigewordenen Farbigen. Da die verach- 
teten Neger aus dem freien Wettbewerb ausgeschlossen 

366 




Idyll aus Oklahama 



und nur zu den niedrigsten, schlechtestbezahlten Berufen 
zugelassen sind (vom weißen Arbeitgeber, nicht vom 
schwarzen, versteht sich!), sind sie erbitterte Gegner der 
Einwanderung, weil ja jedes Schiff die „unskilled", das 
heißt die ungelernten Einwanderer, das heißt Konkur- 
renten, mit sich ins Land hereinbringt. 

Zudem sieht der Neger, wie die meist gelesenen Zei- 
tungen, zum Beispiel die Hearst-Presse, seine brennend- 
sten Angelegenheiten einfach ignoriert, weil ein Blatt, 
das sich des Negers annimmt, sicher ist, seine Popularität 
einzubüßen. Der Neger lernt also die öffentliche Meinung 
gründlich verachten. (Es gibt ja Blätter, die für den Neger 
eintreten, zum Beispiel die vornehme Newyorker ,,Even- 
ing Post", der ,, Boston Guardian", ,, Philadelphia Led- 
ger", Pulitzers ,, World", die meisten aber schweigen sich 
über diese doch so wichtige Frage aus oder begnügen sich, 
auf der Jagd nach dem Pittoresken, Lynchgerichte ohne 
jeglichen Kommentar zu beschreiben. . . .) 

367 



Der Neger lernt die weiße Kirche verachten, in der 
von den gleichgeborenen Söhnen Gottes gefaselt v^drd, 
und gibt in seiner eigenen schwarzen Kirche hörbar 
seiner Zustimmung Ausdruck, wenn von der Kanzel 
herab das Wort fällt: Die Hölle, mit der das Gericht 
droht, erlebe der Schwarze ja schon diesseits. 

BeimAntilynch-Meeting, das ich vorhin erwähnte, hörte 
ich von der Kanzel einer solchen schwarzen Kirche herab 
den farbigen Priester rufen: ,,Das Lynchen wird erst ein 
Ende haben, wenn wir Schwarzen für jeden der Unsrigen 
einen Weißen ohne Verhör lynchen!" 

Das muß gesagt sein: der weiße Amerikaner, der vor 
einem Richter erscheint, gilt so lange als unschuldig, bis 
seine Schuld erwiesen ist. Ein Schwarzer aber gilt so 
lang als schuldig, bis sich seine Unschuld sonnenklar heraus- 
gestellt hat. Ohne viel Federlesens wird ein Farbiger 
in den Süd- und Mittelstaaten an den nächsten Ast ge- 
knüpft, niedergeknallt oder verbrannt, auf bloßen Ver- 
dacht hin, oder aber nur, weil das Volk wieder einmal Blut 
sehen oder verbranntes Menschenfleisch riechen möchte. — 
Man sollte es bei Gott mit der Einführung von Stier- 
gefechten versuchen, in Georgia oder Oklahama oder 
Tennessee! 

Leider herrscht zur Zeit kein rechtes Zusammenhalten 
unter den Negern. Ich sage meinem jungen Neger- 
freund: ,, warum schließt ihr euch denn nicht den Sozia- 
listen in den Staaten an; das wären ja noch die einzigen, 
die euch wie Menschen behandelten!" 

Darauf krieg ich diese Antwort: ,,Die Sozialisten wollen 
von uns nichts wissen, und zwar mit Recht. In der 
alten Zeit der Sklaverei stand für jeden Negermissetäter 
in der Plantage ein Negerdenunziant auf, der die Sache 
dem Massah petzte. Von diesem Sklavengeist steckt noch 
vieles dem heutigen Neger im Blute. Für solche Partei- 
genossen bedanken sich die Sozialisten natürlich!" 

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368 



handlungen ihrer 
Rasse. Ihr Familien- 
gefühl ist wohl stark 
entwickelt, aus ähn- 
lichen Gründen wie 
das der Juden. Bitter 

und sehnsüchtig 
schauen sie dabei 
hinüber nach Weiß- 
land. Dorthin aber 
führen bloß krumme 
sexuelle Schleichwege 
und Seitenpfade. 

Je mehr weißes Blut 
in die Mischlinge 
hineingerät (illegi- 
times versteht sich), 
um so stärker wird 
diese Bitterkeit, dieses 
Verlangen hinüber. 

Der Sklaventrieb 
weicht zurück, der 
Herrentrieb erwacht. 
Die Demokratie ver- 
sagt sich beiden. Bei den jungen Negern entwickelt sich 
daher ein starker revolutionärer Trieb mehr und mehr. 
Die Bastarde wollen legitim werden. Die Söhne weißer 
Väter wollen nun weiße Frauen haben. Tuskegee genügt 
ihnen nicht, sie pfeifen sozusagen auf Tuskegee, das das 
Ghetto nur noch sicherer ausbaut, zusammenhält, das 
Ghetto behaglicher zum Bewohnen macht, die materiellen 
Bedingungen der Ghettobewohner befördert, die Tore 
der Ghettos aber fest zusperrt, von innen. 

Diese jungen Neger kleiden, benehmen sich, wohnen viel 
sauberer als z. B. Italiener oder russische Juden desselben 
Gesellschaftsdurchschnitts. Tüchtige und ernste Männer 
finden sich unter den Hellerhäutigen, in all den Berufen, 




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Exemplaren hergestellt und versandt. 



369 



die die Weißen ausüben. Für die zwölf Millionen Farbiger 
sorgen Farbige in allen diesen Berufen. Sie hielten die 
Konkurrenz ganz gut aus mit den Weißen. In weißen 
Getrieben sind ihnen aber, wie erwähnt, die niedersten 
Betätigungen zugewiesen. Was nicht ausschließt, daß 
der Farbige beim Lift es an Intelligenz oft mit dem Weißen 
im Sekretärszimmer aufnehmen könnte. Niedergehalten, 
immer wieder zurückgedrängt, in die ,,Negrobelt", jen- 
seits der Colorline, zermürbt sich, erhitzt sich die In- 
telligenz durch die stetige Reibung; hoffentlich explodiert 
sie bald, und ein reinigendes Gewitter saust herunter auf 
dieses demokratische Amerika. 

Von Tuskegee her wird's nicht kommen, nicht von dem 
tüchtigen und geriebenen Mischling her, der dort sitzt 
und den Seinen Geduld und die Weisheit predigt: Lernt 
eure Gewerbe, damit es euch wohl ergehe auf Erden. 
Sammelt Güter und verzichtet darauf, was der Weiße 
euch nicht freiwillig gibt. 

Der tüchtige und geriebene Mischling, er, den man als 
den repräsentativen Mann seiner aufwärtsstrebenden 
Rasse hinzustellen pflegt, hat letztes Jahr ein unange- 
nehmes Abenteuer gehabt. Er wurde von einem Weißen 
beim Gucken durch ein Schlüsselloch erwischt, und da 
sich hinter jenem Schlüsselloch die Frau des Weißen ent- 
kleidete, gab's Haue, Haue. Der repräsentative Misch- 
ling aber hat sich prügeln lassen, wie ein Sklave. Er hat 
die Prinzipien seiner Erziehungstaktik nicht verleugnet 
in diesem höchst fatalen Abenteuer. 

Ich sage zu meinem Negerfreund aus der 53. Straße: 
,, Glauben Sie nicht, daß dieser Skandal die Sache der 
Neger in den Staaten um etliche Jahrzehnte zurück- 
werfen wird?" 

Mein Freund antwortet: ,,I dont believe in leader- 
ship!" Das heißt: Ich glaube nicht an Führerschaft. 
Nicht an Recht noch Beruf eines Mannes, sich mit einem 
Volke zu identifizieren. — 



370 



Mein Freund ist fünfundzwanzig Jahr alt. Also schon 
als Freier geboren. Seine Mutter war noch Sklavin in 
Louisiana. Den Satz, den er mir sagte und den ich hier 
niederschrieb, werde ich mir aufbewahren wie eine Hoff- 
nungsbotschaft. Wie ein Wort, das in einem den Glauben 
nährt, erhält, stärkt an die Zukunft und die Menschheit. 

Wahrhaftig, wenn Eine Generation genügt hat, um 
aus einem Sklavensohn einen Mann zu machen, der einem 
eine solche Antwort gibt, dann ist Hoffnung bei den 
jungen Negern. 

Und auch bei dem Land, das solche Erziehung (an der 
Tuskegee keinen Anteil hat) bewirkte und durchgeführt 
hat, ist noch Hoffnung. Trotz allen Irrtümern, grau- 
samen Widersprüchen, ja bewußten Lügen. Ob es will 
oder nicht, immer wieder wird die große Republik siegen, 
denn, wie es im Lied heißt: 

,,John Browns Körper liegt verwesend in dem Grab, 

Sein Geist marschiert voran!" 

Wenn der Amerikaner sentimental wird, fängt er an, 
schöne alte Negerlieder zu singen, die Plantagen- 
lieder, ,Jubilee-Songs". Das musikalische Genie des Neger- 
volkes hat viel zu dem spezifischen Rhythmus des mo- 
dernen Amerikas beigetragen. Ein schwerer Schatz von 
Melodien und Rhythmen eigenster Art liegt in diesen alten 
naiven Chorälen und Rundgesängen aufbewahrt. Mit 
ihren rauhen afrikanischen Kehlen haben die ,, darkies" 
wirkliche Tonwerte für die englischen Worte gefunden, 
die ihnen ganz neu waren, und die sie lernen mußten, um 
die Befehle des Aufsehers zu verstehen und ausführen zu 
können. 

In den Nächten saßen sie vor ihren Hütten, im Baum- 
wollfeld; einer begann zu singen, ein andrer folgte mit 
seiner Stimme, so wurden Chöre improvisiert, bis in die 
späte Nacht, ins Frührot hinein. Naive wundersame Rund- 
gesänge, gutmütig und geschwätzig zugleich, wie diese 
gequälten Halbtiere es waren, die aus ihrer Heidenfreiheit 

24* 371 



plötzlich ins Christentum hineingeworfen worden sind. 
In diesen Gesängen drückt sich auf sonderbare Weise 
angeborene Schlaffheit und resignierter Jenseitsglaube in 
einem ungeduldigen, aufgescheuchten, stockend stolpernd 
überstürzten Rhythmus aus. 

,,Ich bin froh, so froh, ich bin froh, so froh, 
„Froh, ich hab den Glauben, o so froh! 
„Froh, ich hab den Glauben, so froh!" 

„Ich bin froh, so froh, ich bin froh, so froh, 
,,über und über froh, so froh! 
„Über und über froh, so froh! 

und so weiter, nächtelang. Oder: 

,. Morgens früh, wenn ich erwach, 

,, Morgens früh, wenn ich erwach, 

,, Morgens früh, wenn ich erwach, 

„Gib mir Jesus!*' 

„Gib mir Jesus, gib mir Jesus, 

,,Ich schenke dir die ganze Welt, gib mir Jesus!" 

„Wenn ich mitternachts erwach, usw., usw." 

Man läuft durch die Straßen der Stadt, plötzlich, was 
hört man da: vier kleine zerlumpte Negerknäblein, 
,,coons", stehen beisammen und singen Quartett mit 
einer Reinheit und Vollendung, derengleichen man sich 
in der Metropolitan Opera für zehn Dollar nicht er- 
kaufen kann. 

Die Beimengung von weißem Blut scheint diesem ur- 
sprünglichen Talent nicht zu bekommen. Der meist- 
genannte Lyriker der Neger, P. Laurence Dunbar, hat Ge- 
dichte geschrieben, die nur dort, wo Bitterkeit und Ver- 
zweiflung wild hervorbrechen, eigene Kraft und eine 
ursprüngliche Bewegtheit aufweisen. 

Der bedeutendste Dichter der schwarzen Rasse ist 
der von mir schon erwähnte W. E. Burckhardt Du Bois, 
Herausgeber der Zeitschrift „The Crisis" in Newyork, 
ein Mann in den dreißiger Jahren; er hat in Frankreich 

372 



und in Berlin (bei Schmoller) Nationalökonomie studiert, 
leitet die revolutionär sich anlassende Bewegung unter 
seinen Stammes- und Schicksalsgenossen, den Jungnegern, 
die mit ihren schwarzen Fingern auf das bedruckte Papier 
der Verfassung pochen und verlangen, daß Ernst damit 
gemacht werde. Neben seinen gerühmten Büchern: „Die 
Seele des Schwarzen Volks" und dem Roman: ,,Der Zug 
nach dem Silbernen VHeß" (der Baumwolle) hat er Oden 
geschrieben, Dichtungen von hohem Schwung, von denen 
ich eine im Auszug, mit der Erlaubnis des Verfassers hier 
übersetze. 

Es ist die: ,, Litanei von Atlanta", 1906 geschrieben, 
gelegentlich eines Aufstandes, bei dem viele Neger ge- 
tötet wurden. 

,,0 schweigender Gott, dessen Ruf ferne in Nebel und 
Unergründlichkeit weilt in diesen schrecklichen Tagen und 
unsre hungrigen Ohren nicht erreichen kann, 
Höre uns, guter Herr! 

Horch zu uns nieder, deinen Kindern: unsre Gesichter 
dunkel vor Zweifel, sind zum Hohn geworden in deinem 
HeiHgtum, Mit emporgereckten Händen stehn wir vor 
deinem Himmel: 

Wir flehn zu dir, hör uns, guter Herr! 

Wir sind nicht besser als unsre Brüder, Herr, wir sind 
nur schwache und menschliche Menschen. Wenn die Teufel 
unter den Unsrigen ihre Teufelein tun, verfluche dann den 
Tuer und seine Tat: verfluche du sie, wie wir sie ver- 
fluchen, tu ihnen an, was und mehr als sie je getan haben 
der Unschuld und der Schwachheit, den Frauen und den 
Heimen! 

Hab Mitleid mit uns elenden Sündern! 

Und doch, wer trägt die Schuld? Wer hat sie erschaffen, 
diese Teufel? Wer zog sie groß im Verbrechen und mästete 
sie mit Unrecht? Wer hat ihre Mütter verführt, entehrt 
und weggeworfen? Wer kaufte und verschacherte ihre Ver- 
brechen und wurde reich und fett vom Erlös ihrer Zwietracht? 
Du weißt es, guter Gott! 

373 



Wozu beten wir? Ist er nicht tot, der Gott der Väter? 
Haben nicht die Seher in Himmelshallen seine leblose Form 
und Leiche steif im rollenden schwarzen Rauch der Sünde 
liegen sehn, zwischen den endlosen Reihen von nickenden 
Gespenstern des bitteren Tods? 
Wach auf, du Schläfer! 

Von Lust des Fleisches und Blutlust 
Befrei uns, großer Gott! 

Von Lust an der Macht und Lust am Golde 
Befrei uns, großer Gott! 

Von vereinter Lüge des Despoten und der Bestie 

Befrei uns, großer Gott! , 

Eine Stadt wand sich in Wehen, Gott unser Herr, und 
aus ihrer Flanke sprang das Zwillingspaar Mord und 
Schwarzer Haß. Rot war's zur Mitternacht. Klang, Krachen 
und Schrei von Tod und Wut erfüllte die Luft und zitterte 
unter den Sternen, zu denen die Türme deiner Kirchen 
stumm hinaufzeigen. Und all dies, um die Gier der Gierigen 
zu stillen, die sich hinter dem Schleier der Rache ver- 
borgen halten. 

Neig dein Ohr zu uns, oh Herr! 

Verstört sind wir und verzerrt von der Leidenschaft, irr 
vom Irrsinn eines gehetzten und verhöhnten und gemordeten 
Volkes; angepreßt an die Armstützen deines Throns heben 
wir unsre gefesselten Hände und klagen dich an, Gott, 
bei den Gebeinen unsrer geraubten Väter, bei den Tränen 
unsrer toten Mütter, beim Blut deines gekreuzigten Christ: 
Was soll dies bedeuten? Verrate uns die Absicht! Gib 
uns das Zeichen! 

Schweig du doch nicht, oh Gott! 

Oh verzeih den Gedanken. Vergib das wilde lästernde 
Wort. Du bist ja immer noch der Gott unsrer schwarzen 
Väter, in deiner Seele Seele sind die weichen Schatten des 
Abends, die samtenen Töne der tiefen Nacht eingeschlossen. 

374 



Wohin? Nord ist Gier und Süd ist Blut. Innen der Feig- 
ling, außen der Lügner. Wohin? In den Tod? 
Amen. Willkommen dunkler Schlaf. 

Wir neigen unsre Köpfe und horchen nieder zum leisen 
Weinen der Frauen und der kleinen Kinder unter uns. 
Wir flehen dich an, hör' uns, guter Gott! 

Unsre Stimmen sinken in Schweigen und in die Nacht. 
Hör' uns, guter Gott! 

In die Nacht, o Gott eines gottlosen Landes. 

Amen! 
In Schweigen, o schweigender Gott. 

Selah!" 



DIE AMERIKANISCHE UNRUHE 

Dem Andenken Alexander Jonas, Redakteurs 
der Newyorker ,, Volkszeitung'', eines edlen und 
aufopfernden Kämpfers für das Recht, geb. 14. März 
1834 in Berlin, gest. 29. Januar 191 2 in Newyork, 
sind diese Zeilen geweiht. 

Im wunderbaren weißen Marmorkapitol zu Washington, 
D. C, sitzt unter der Kuppel des Kongreßsaales ein 
jovialer ältlicher Herr mit gutmütigem Bäuchlein und 
zuversichtigen grauen Augen hinter den gelehrten Brillen- 
gläsern. Es ist Victor Berger, der einzige sozialistische 
Abgeordnete, den die Vereinigten Staaten in ihren 
Kongreß geschickt haben. Er stammt aus Ungarn, ist 
seines Zeichens Lehrer, und Milwaukee, die deutsche 
Sozialistenstadt in Wisconsin, hat ihn dorthin geschickt, 
wo er jetzt sitzt. 

Von Zeit zu Zeit steht der joviale Herr auf von seinem 
Platze und hält eine Rede zum Thema der Tagesordnung. 
Er verkündet, wie sich die Sozialisten Frankreichs oder 
Deutschlands zu dieser oder jener Vorlage stellen würden; 
was Marx, lebte er, oder Kautsky oder Bernstein, Jaures, 

375 



Guesde oder Keir Hardie zu diesem und jenem Gesetz- 
entwurf sagen würden. Die Demokraten und Republi- 
kaner hören den Vortrag aufmerksam an, Victor Berger 
ist ein konzilianter, allgemein beliebter Kollege, sie lernen 
jedesmal was, wenn er aufstellt, die Demokraten und die 
Republikaner, denn Berger ist ein gebildeter Mann, der 
daheim in Wisconsin Ersprießliches geleistet hat. Setzt 
er sich wieder auf seinen Stuhl zurück, so geht alles ruhig 
weiter, als habe eine Grille gezirpt in einer VoHere. 

Übrigens ist es doch so gut wie egal, ob ein Sozialist im 
Parlament sitzt oder zwölf Dutzend. Die Paktiermaschine 
und Kompromißmühle, die das Parlament vorstellt, die 
Parteien, die scheinbar durch Reibung gegeneinander 
arbeiten, in Wahrheit aber das Korn des Parlaments 
mahlen, die absurde Vertretung der Interessen Aller durch 
Einzelne, wurde von denen, die das Korn der Zukunft 
mahlen, längst durchschaut und abgetan. Die Große 
Menschliche Dummheit läßt sich das Possenspiel gefallen, 
jeden Herbst bis zu jedem Sommer, macht sich aus ihren 
Dienern ihre Befehlshaber und Gesetzediktierer und ver- 
gißt die Komödie, durch die sie nasführt worden ist, 
immer wieder, wenn sie durch große Tiraden und Mauer- 
anschläge aufgerufen wird, für Die, die sie so und] so 
viele Jahre lang angeführt haben, neue zu wählen, die sie 
so und so viele Jahre lang weiter anführen werden. Manch 
einer hat aus seinem Lexikon das Wort Evolution heraus- 
gerissen und sich dafür zum Wort Fortschritt ein Blatt 
mit eigenen Paragraphen und Gesetzen, die für ihn allein 
gelten, vollgeschrieben hineingeklebt. 

Hier in Amerika liegt der Unterschied zwischen Evo- 
lution und Revolution, das fühlt man deuthcher, als wo 
anders immer, im Tempo des Lebens. Das hat der 
offizielle SoziaHst unter der Kongreßkuppel vergessen. 
Das wollen die vielen ehrenwerten Männer nicht einsehen, 
die aus der Neuen Welt voll Bewunderung nach dem 
Frankreich Jaures' und Millerands und dem Deutschland, 
das auf dem Wege von seinem Bebel zu einem Millerand 

376 



ist, hinüberlugen. Das sieht der sehr genau, der ein Auge 
auf die Schnelligkeit hat, mit der sich das kapitalistische 
System der heutigen Weltordnung in Amerika ent- 
wickelt, sich zu seinen letzten Konsequenzen, zu Trusts 
ballt, zu zehn, su sechs, zu drei Namen konzentriert, bis 
in absehbarer Zeit der große Gott Mammon mit Einem 
irländisch oder schottisch klingenden Namen belegt, in 
unumschränkter Majestät allein von Wall Street aus die 
Welt beherrschen wird. 

Gelegentlich dürfte es den akademischen Sozialisten, 
den Berger, Hillquit, Gompers angst und bange werden, 
wenn sie die Resultate betrachten, die in letzter Zeit die 
I.W.W., d.h. die ,,Industrial Workers of the World'* er- 
zielt haben und erzielen. An der Spitze dieser Bewegung 
steht die machtvolle und bittere Persönlichkeit William 
Haywoods, eines gewesenen Minenarbeiters, dessen Ge- 
schichte in der Chronik der Lohnkämpfe Amerikas Epoche 
macht. Die Bewegung der I. W. W. hat in ihren Grund- 
prinzipien sowie taktischen Methoden sehr viel Ähnlich- 
keit mit denen der radikalen Syndikalisten des heutigen 
Frankreichs. Sie hat bei den großen Streiken der letzten 
Jahre der Arbeiterschaft positivere Dienste geleistet, als 
die opportunistisch zwischejj den Arbeitgebern und 
Arbeitnehmern hin und her paktierenden Leiter der 
amerikanischen Arbeiterföderation. 

Expropriierung der Trusts durch den Staat, Schaffung 
einer industrialen Demokratie, das sind fromme Wünsche, 
die die Geldkönige des Landes ohne Aufregung milde 
belächeln. Etwas ernster schauen sie schon drein, wenn 
sich aus den harmlosen Reihen der Gewerkschaften plötzlich 
Männer der direkten Aktion herauslösen, wie die Brüder 
Mac Namara, deren Verteidigung und Rechtfertigung 
Haywood in einer historischen Rede in der Cooper-Union, 
Newyork, vor dem aufhorchenden Amerika unternommen 
hat. 

Das wunderbare demokratische Grundbewußtsein Ame- 
rikas ist dafür verantwortlich zu machen, daß in den Ver- 



377 



einigten Staaten der Sozialist und der Anarchist sich nicht 
als derart grimmige Feinde gegenüberstehn, wie in Europa, 
sondern daß die Grenzen stellenweise ganz verwischt sind, 
auf alle Fälle die Revolte wichtiger erscheint als der Weg, 
den sie den Empörten vorwärtstreibt. Wenn der amerika- 
nische Sozialist als ein Utopist beginnt, wie übrigens jeder, 
dem die Idee keine Ambitions-, sondern Gewissenssache 
ist, so hat er in seinem Lande weniger Anlaß, sich zu einem 
politischen Opportunisten zurückzuentwickeln, als in 
Ländern mit traditionellen Widerständen. Die Politik und 
die Politiker sind in Amerika vollständig in Verruf ge- 
raten; der altpuritanische Gelehrte und der Gentleman- 
farmer aus Virginien sieht die Anarchistin Emma Gold- 
mann lieber bei sich, bringt ihrer Persönlichkeit ein laute- 
reres Interesse entgegen als den interessierten und an- 
rüchigen Lobbyläufern zwischen Kongreß und Senat im 
Washingtoner Kapitol. 

(Eine verblüffende Antwort habe ich mir in der lieb- 
lichen Stadt Chicago notiert. Sie wurde einem Richter 
von einem angeklagten Bordellwirt gegeben, den seine 
Beschützer, trotzdem er ihnen jahrelangen Tribut be- 
zahlt hatte, schnöde im Stich ließen. Der Richter frug 
den Mann, nachdem dieser seine Geschäftsprinzipien un- 
verblümt dargestellt hatte, von ungefähr: ,, Glauben Sie, 
daß es auf der ganzen Erde noch verworfenere Geschöpfe 
gibt,^ als Sie eines sind?" 

Anwort: „Jawohl. Polizisten und Politiker." Dieser 
Ausspruch eines Wissenden wurde in sämtlichen Zeitungen 
Amerikas, ohne Kommentar, abgedruckt.) 

In diesem Lande der freien wirtschaftlichen Konkurrenz 
unterscheidet man lebhafter als drüben in Europa zwischen 
Gewerbe und Gesinnung. Das große Prinzip der Demo- 
kratie ist ja auch nur als eine Vorstufe gedacht, der Weg 
bis zur freien Gesellschaft der Zukunft stellt sich im 
amerikanischen Tempo kürzer dar, als im Trott Europas, 
das im Abschütteln, Aufladen und Wiederabschütteln so 
saumselig sich ansieht, von Amerika aus gesehn. Der 

378 




Mensch, dessen Ziel 
im Übermorgen ist, 
erduldet hier nicht 
den Hohn, der ihm 
dort zuteil wird, von 
Leuten, denen ihre 
Nasenspitze schon 
zu weit von ihren 
Augäpfeln liegt. Ich 
bin sicher, daß dem 
Kongreßmann der 
Typus Haywood 
größeren Respekt 
einflößt, als der im 
Rahmen der be- 
stehenden Parla- 
mentsmaschine mit- 
arbeitende Typus 
Berger. Der relativ 
sympathischste Ty- 
pus des Washing- 
tonmannes ist der 

Insurgent, der Bastler an dieser Maschine, der noch 
an sie glaubt, aber mit den Resultaten ihrer Rotation 
äußerst unzufrieden ist und sie reformieren möchte. 
Die Heimat des Insurgenten sind die Mittelstaaten, 
zumal die stark von deutschen Elementen durch- 
setzten Wisconsin, Dakota, Minnesota und Iowa, in denen 
ja auch Berger und der populäre Senator Robert La 
FoUette zu Hause sind. Hier sind Ansätze zu merken zu 
einer Reform des demokratischen Prinzips auf wirtschaft- 
licher Basis. Hier hängt als Haussegen über dem Bette 
des fortschrittlichen Deutsch-Amerikaners das prophe- 
tische Wort Bismarcks an Karl Schurz: die Probe auf die 
demokratischen Prinzipien Amerikas wxrde kommen, 
wenn — was unausbleiblich ist — in Amerika der große 
Kampf zwischen Arm und Reich angehen wird. Ich 



Typus des „Insurgenten^^ 
Bildnisse von dreizehn fortschrittlichen 
Senatoren übereinander ■photogra-phiert. 



379 



glaube gern, was mir Berger sagte: die deutschen Sozia- 
listen des amerikanischen mittleren Westens haben aus 
der progressiven Gesinnung der noch Unentschlossenen 
den Insurgentismus hervorgebracht. Nur muß ich immer 
wieder sagen, daß in einem toll rapiden Lande wie Amerika 
mit allen diesen im Grunde konservativen Übergangstypen 
weniger als nichts erreicht wird. Daß sie als Ballast am 
Fortschritt hängen, nicht als Hindernisse auf dem Weg 
der kapitalistischen Entwicklung liegen. Daß einem 
Extrem ein andres Extrem gegenüberstehen muß: der 
unaufhaltsamen Zuspitzung eines Systems der bis aufs 
äußerste zugespitzte Entschluß zum Umsturz. 

Werte Freunde in Newyork, wie der verdienstvolle 
Moses Oppenheimer, erklärten mir, vor zehn Jahren 
habe noch in Amerika der Sozialismus als ein ausländisches, 
von Fremden, Deutschen und Juden importiertes Er- 
zeugnis bei den Einheimischen in Verruf und Mißachtung 
gestanden. Seine großen praktischen Fortschritte aber, in 
der Organisation zum Lohnwiderstand, dies große ameri- 
kanische Wort: ,,to make good", vorwärts kommen, habe 
in den zehn Jahren die Stellung des Amerikaners zum 
Sozialismus ganz und gar verändert. — Ist das eine so 
große Belobung, die man einer revolutionären Bewegung 
spenden darf? Es ist offenkundig, was der Amerikaner: 
Erfolg nennt. Und man kann es sich ganz leicht vor- 
stellen, daß er nur der Sache Erfolg bereiten wird unter 
den heutigen Umständen, von der er direkt oder indirekt 
selber Profit ziehen, die es ihm selbst ermöglichen wird 
„to make good", seinem Ziele näherzukommen. In diesem 
Sinne hat die Bewegung der I.W.W, keinen Erfolg in 
Amerika. Ihre schroffe Ablehnung jeglichen Feilschens 
stellt sie abseits von allen MögHchkeiten, mit ins Getriebe 
gezogen zu werden, die dem „making good" zustrebt. Die 
Tendenz der erfolgreichen Arbeiterföderation heißt: für 
gute Arbeit einen guten Lohn. Das könnte ebenso gut 
der Wahlspruch eines xbeliebigen bürgerlichen Diene r- 
schaftsvermittlungsbureaus sein. Die I. W. W.-Leute 

380 



aber haben ihren Standpunkt so formuHert: Weg mit dem 
Lohn! Her mit den Produktionsmitteln und mir den 
Ertrag meiner Arbeit! 

Die Zeit des gütHchen und friedhchen Übereinkom- 
mens, das die Gewerkschaften, über die diese Zeit schon 
hinübergesprungen ist, im Grunde bewerkstelHgen, liegt 
weit hinter uns. Diese elende alte Hose verträgt keine 
Flicken mehr, auf den Mist mit ihr. Wenn die Methoden 
der I. W. W. erst ,, Erfolg" bei Amerika gefunden haben 
werden, dann wird eben Amerika dort angelangt sein, 
wo die I. W. W. es hin haben wollen. Aber dann wird das 
Wort „Erfolg", das ,,making good", auch ein neues Ge- 
sicht bekommen haben. 

Im Amerikaner, dem die Subordination, der Mihtaris- 
mus nicht vom Mutterleib an eingebläut, eingedrillt 
wird, findet der Individualismus starken Boden vor, ob- 
zwar der Amerikaner, durch die Not des Wettbewerbs zu 
einem ewigen Sich-Anpassen, Nachahmen angehalten, 
noch nicht die Reife zu diesem Zustand erlangt hat. 
Allein, wer auch nur kurze Zeit hier herüben sich auf- 
gehalten hat, muß staunend und ergriffen die maßlose, 
schon über alle Schranken schlagende Erbitterung be- 
merkt haben, die sich des denkenden, im atemlosen Lauf 
innehaltenden, sich besinnenden Amerikaners bemächtigen 
kann. Gegen dies mörderische Tempo, gegen diese Hetz- 
jagd, die nur am Grabe innehält, gegen die ganze wider- 
sinnige Tollheit des Systems, denn es ist ein Irrtum zu 
glauben, daß man in Amerika jemals aufhören könnte zu 
arbeiten — sich mit seinem Erworbenen abseits zur 
Ruhe setzen könnte! Diese Eigenschaft ist dem europäi- 
schen, aber nicht dem amerikanischen Kapital zu eigen. 
Das Tempo fördert nur solange man es mitmacht, im 
Augenblick, da man sich von ihm befreien will, zehrt es, 
vernichtet.^ Der Milliardär bleibt ein Sklave seines Ge- 
schäftes wie sein letzter Angestellter. Nur daß sein Zweck 
gegen die Allgemeinheit sich kehrt, indem er der All- 

381 



gemeinheit die Lebensbedingungen entzieht, bis zur Un- 
erträglichkeit erschwert. 

Der Amerikaner, der rascher die Spanne vom Streben 
zum Ziel durchläuft, bleibt auch in den Resultaten seines 
Denkens nicht bei der zunächst erreichbaren Etappe 
stehen. Und wirklich, es ist erstaunlich, wie viele Sozia- 
listen, bewußte oder unbewußte, einem unter den Bürgern 
begegnen, wie viele Anarchisten unter denen, die sich 
noch für sozialistische Demokraten halten. 

Die Herrschenden, d. h. die, die großen Interessen in 
ihren Händen halten, und ihre Söldner, die Exekutiven, 
liebäugeln, um dieser wachsenden Unruhe zu begegnen, 
mit imperialistischen Tendenzen, Methoden der alten 
Welt, Herrenkult zu praktischen Zwecken. Möchten 
gern ein stehendes Heer besitzen (nicht um ihre Grenzen 
zu beschützen, natürlich, sondern um in die Streikenden 
hineinfeuern zu können!), schielen nach dem Katholizis- 
mus hinüber (dessen Jenseits sie gut brauchen können, 
um die Gegenwart erst tüchtig zu massakrieren!) und 
stoßen hypokritisch denselben Schrei wie die Revolutio- 
näre unten aus: Fort mit dieser Staatsform! Nur daß sie 
es anders meinen, natürlich. 

Nicht umsonst habe ich das Wort Unruhe vor dieses 
Kapitel gesetzt. Die treibende Unruhe ist es, aus der 
man sich hier herüben so vieles erklären muß. 

Die Hast Amerikas ist keine simple Hetzjagd nach dem 
Dollar, das ist eine Verleumdung, begangen an dem 
in angestrengtester Weise arbeitenden Volk der 
Welt! Sondern der Dollar ist nun mal eben die gegen- 
wärtige Münzeinheit, durch die die ungeheure Arbeit, 
die Amerika in seiner Hast fördert, bezahlt wird. Eines 
der größten Schimpfworte hier herüben ist, ich glaube dies 
schon einmal niedergeschrieben zu haben, das Wort: 
„slow''. Langsam! Der Indianer, der Nege% sind ,,slow 
people", darum stürmt die Nation in ihrem mörderischen 
Tempo über sie weg, darum bleiben sie beide zerschunden 

382 



auf dem Wege hinter dem Amerikaner liegen. Aktivität 
ist das Wort, das dieses Land, das Rätsel dieses befremd- 
lichen Landes erklärt, nicht Dollar. Die Pioniere sind 
es, die die Mythologie des Amerikaners bevölkern, nicht 
die MilHardäre. Die Wagemutigen und nicht die von 
diesem Wagemut profitieren. Kein Amerikaner, sofern 
er nicht als kompletter Idiot unter den Zeitgenossen 
figuriert, sieht in den großen Mäzenen und Mogwabs, 
dem Kunstsammler Morgan, dem Friedensapostel Car- 
negie, dem Sonntagsschulenvater und -Prediger Rocke- 
feiler usw., was andres als: ängstliche, schuldbewußte 
Herren, die sich mit paar Millionen ein wenig Recht- 
fertigung und Sympathie erkaufen wollen. Die die zu 
große, das Geschäft beeinträchtigende Akkumulation des 
Geldes dadurch zurückdämmen, daß sie verhältnismäßig 
bescheidene Summen fernab von ihrem Geschäft in Zir- 
kulation zu bringen suchen. Für Spielereien! Es läge 
nahe, den großen Mäzenen, Aposteln, Mogwabs das 
elende Los der „unskilled" d. h. der ungelernten Arbeiter 
vor die Augen zu halten, die sie in ihren Betrieben be- 
schäftigen, die Not der Heime, die die unnatürlich empor- 
geschraubten, von den Trusts emporgeschraubten Lebens- 
mittel und Gebrauchsmittel nimmer erschwingen kön- 
nen. Es läge nahe, den großen Königen des modernen 
Amerikas zu empfehlen, die Ventile für ihre Menschen- 
beglückung hier anzubringen — aber sie werden sich 
hüten. Lieber eine Million für eine dumme chinesische 
Vase hinauswerfen, für Friedenspalast-Stuckaturen oder 
Sonntagsschulenunfug, als dem elenden slowakischen Ar- 
beiter einen Cent mehr pro Tag zuzuschanzen, sein 
öl, Tabak, Fleisch, Eis um den Bruchteil eines Cents 
zu verbilligen. Sieh dir das Postament an, auf dem diese 
Kulturförderer ihre Unsterblichkeit errichtet haben: 
Menschengebein. — 

Es gibt eine Erklärung für die Unruhe in den intellek- 
tuellen Kreisen Amerikas, der gebildeten Mittelklasse, 
die sich in ihrem Wohlstande vielleicht williger einlullen 

383 



ließen, als es die ausschließlicli sozial interessierten Kreise 
vermöchten. Diese Erklärung kann man in die Worte 
fassen: man beginnt einzusehen, daß man mit all den 
riesigen Mitteln, die Amerika aufbringt und anwendet, 
Kunst nur kauft, aber selbst keine produziert. Darin 
steckt schon was Wahres. Und das amerikanische Tempo, 
dieses von der Tüchtigkeit und dem Machtbewußtsein be- 
stimmte Tempo des modernen Amerikas, das den Euro- 
päer mit solchem Staunen und solcher Ehrfurcht erfüllt, 
hat darum seine grimmigsten Hasser und Feinde unter 
den Intellektuellen des großen Landes. 

Die verwischten Grenzlinien! Von diesen muß ich 
noch kapitellang sprechen. Vom Staunen, das einen 
befällt, nimmt man erst wahr, wie sich die Grenzlinien 
zwischen häuslichem und öffentlichem Leben, Arbeit 
und Geselligkeit, Kirche und Literatur, Politik und 
Gottesdienst verwischt oder verschoben haben! 

Ein liebloser und eingebildeter, oberflächlicher oder 
spottlustiger Europäer kann sich an den Rand seines 
eigenen Kontinents hinstellen und: „Snobs, Barbaren, 
Kinder, die ihr seid!" hinüberbrüllen nach dem Neuen. 
Solche wertlose Schafsköpfe kommen mit Überlegenheit 
geladen nach Europa zurück, auf dessen Kultur sie stolz 
sind, dessen irrsinnige politischen Abstufungen und sehr 
genauen Grenzbezeichnungen sie ebenfalls als Kultur- 
beweise anschauen, und verhöhnen das halbwilde Volk 
jenseits des atlantischen Ozeans. 

Sieht man genauer hin, dorthin, wo jene Grenzlinien ge- 
zogen sein sollten, so merkt man bald, daß sterile und ver- 
kümmerte Glieder des großen Körpers gerade durch die 
ungehemmte Infusion aus jenen benachbarten lebenstrot- 
zenden aufleben, mittun. Daß ein und dasselbe Blut, 
im ungehemmten Tempo und Pulsschlag frei durch den 
ganzen gewaltigen untrennbaren Körper strömt. Daß 
das Gewissen sich nicht in ein privates und ein Geschäfts- 
gewissen trennen muß, wie auf dem alten Kontinent. 

384 



Denn die Kultur des alten Kontinents verdankt ihre 
Existenz nur der verknöcherten Gewohnheit seiner Träger, 
den offensichtlichen Widersinn der staatlichen Einrich- 
tungen und Formen zu ignorieren, zu tolerieren, oder ihn, 
wie einen widerlichen Bestandteil der Atmosphäre, die 
man seit dem Beginn seiner Tage bis zu ihrem Ende ein- 
atmet, einfach gar nicht mehr wahrzunehmen! 

In einem vornehmen Klub, bei einem Bankett, kon- 
statiert der letzte Redner, daß alle, die heute gesprochen 
haben, und es waren Männer und Frauen aus den obersten 
Gesellschaftsschichten unter ihnen, von der Revolution 
gesprochen haben. — 

Eine werte Freundin beherbergt in ihrem reichen New- 
yorker Heim ein junges Kind von den streikenden We- 
bern in Lawrence, Mass. Ich sage ihr: dies arme Kind 
hat jetzt gesehen und eine Woche lang genossen, was 
Reichtum ist und bietet, es ist für sein ganzes Leben ver- 
dorben, unzufrieden geworden! Meine Freundin sagt: 
ich habe in der Seele dieses Kindes die Revolte auf- 
gepflanzt. — 

In einer Gesellschaft von ,,cranks", d. h. von ästhetisch 
Theoretisierenden, Lebensfragen graziös Zerfasernden 
und Erledigenden, steht ein tapferes junges Mädchen auf 
und macht in fünf Minuten aus den cranks tätige und posi- 
tive Mitarbeiter an einer praktischen Reform, die an 
diesem Abend in Gang gebracht wird. — 

Die Umwandlung beginnt zu Hause. — Was ist ein 
Dienstbote.? Ich weiß es nicht hier herüben in Amerika. 
(War allerdings weder bei Morgans noch bei Vanderbilts 
zu Gast.) Ich habe nur gesehen, daß viele junge intellek- 
tuelle Menschen, die sich sehr wohl drei Dienstboten 
halten könnten und auch mit ihnen gut auskämen, es 
vorziehen, ihre eigenen Dienstboten zu sein — aus Scham 
über eine Gesellschaftsordnung, die die Trennung Herr 
und Diener sanktioniert. Ich habe die Wohnräume der 
amerikanischen Dienstboten gesehen, in denen sich Bade- 
zimmer, Empfangszimmer befinden, und habe von den 

25 385 



Hunderten von neuzeitlichen Einrichtungen gehört, die 
mechanisch dem Dienstboten die Arbeit erleichtern und 
ihn unmerklich der Existenzsphäre seiner Arbeitgeber 
näherrücken. Diese Einrichtungen sind, zumal in neueren 
Häusern, schon dermaßen vollendet, daß die, auch an- 
spruchsvollere, Hausfrau sich ganz gut ohne Dienstboten 
behelfen kann — wenn sie gesonnen ist, ihrer Wirtschaft 
soviel Zeit am Tage zu widmen, wie die europäische Frau 
an die Pflege ihrer Fingernägel täglich wendet. — In 
Amerika hat die „Dienstbotennot" einen anderen Namen 
und verdient ihn, dazu müssen ein paar erläuternde Worte 
über die amerikanische Frau gesagt werden. 

In Europa liebt man es, die amerikanische Frau nach 
den outriert aufgedonnerten, laut und prätentiös sich 
gebärdenden Exemplaren zu beurteilen, die dort auf 
der Straße, in Salons, bei Hof herumlaufen. 

Ich bin nicht gewillt, es so ohne weiteres meinem guten 
Stern allein zuzuschreiben, daß die amerikanischen Frauen, 
denen ich begegnet bin, und die ich näher kennen lernen 
durfte, zum überwiegenden Teil tüchtige, d. h. für ein 
großes Ziel tätig wirkende Frauen gewesen sind. Ich 
meine damit nicht Aufbauschung von schlummernden 
Vierteltalentchen fürs Kunstgewerbe, Klaviergeklimper, 
Novellenschreiberei, bei der höchstens für die Eitelkeit 
etwas herausschaut, sonst für nichts. Sondern ich meine 
ernste soziale Arbeit. 

Ich will gerne zugeben, daß ich in Amerika jene Kreise 
gemieden habe — wie ich es in Europa tue — in denen die 
oberflächHche, putzsüchtige, das sauer erworbene Geld 
ihres Mannes zum Fenster hinausstreuende und im Grunde 
infernalisch sich langweilende Gans zu Haus ist. Diese 
Spezies ist in der ganzen Welt zu finden, und mit keiner 
Versicherung macht man die Chicagoer Gans glücklicher 
als mit der, daß sie grad so schick angekleidet sei, sich grad 
so zu benehmen wisse und grad so zierliche Knöchel habe 
wie die Londoner oder Pariser Gans. 

Im Berufsleben, im Geschäftsbetriebe, hat sich die 

386 



amerikanische Frau weitaus sicherer eingebürgert, hat 
sich die amerikanische Frau bei weitem besser bezahlte 
Stellungen errungen als die Frau Europas. Ihr Geschlecht 
dient dem Arbeitgeber, zumal in den Intelligenz er- 
fordernden Berufen, keineswegs als Vorwand, ihre Lohn- 
ansprüche zu drücken. Sie tritt in den gleichen Wettbe- 
werb mit ihren Mannkollegen. 

Als Hüterin des Hortes der Kindererziehung in den 
Volksschulen, dieses allerwichtigsten Faktors im Leben 
des heutigen Amerikas, dieses felsenfesten Wegweisers 
nach den bunten Gefilden des Amerikas von Morgen, ist 
zudem die Frau die verehrte Trägerin der Zukunft des 
ganzen Landes. Wie Eltern geringer Herkunft ihren 
Kindern erhöhte Lebenschancen zu schaffen trachten, 
so trachtet das in harter Pionierarbeit herangewachsene 
Amerika seiner jungen Generation hochgesinnte und edle 
Frauen zu Erziehern beizugesellen. Das Amerika von 
heute, seufzend unter dem tödlichen Widersinn seiner 
finanziellen und politischen Zusammenhänge, weiß recht 
gut, warum es die so wichtige Mission, seine Kinder heran- 
zubilden, den Frauen übertragen hat. 

Nach dem Typus der amerikanischen Lehrerin ist die 
amerikanische Frau zu beurteilen und nicht nach den 
gierigen Weibchen, die auf dem europäischen Kontinent 
verluderten Herzögen nachjagen. 



VON KIRCHEN UND KULT 

Nimmt man eines der großen amerikanischen Tage- 
blätter zur Hand, so sieht man bald, es ist eine 
Biblia pauperum. Zwei Drittel des Blattes werden 
von Photoklischees eingenommen. In den Rest teilen sich 
gröbster Klatsch, Tagessensationen, Sportberichte. Er- 
örterung wichtiger Fragen, die in der Luft liegen und 
den Gesprächsstoff wohlgesinnter Männer in den Klubs 
und den Heimen bilden, findet man in diesen Blättern gar 



2q' 



387 



nicht oder in kaum nennenswerter Weise vor (ich habe 
nur die Blätter der Masse im Auge!), hier und da lassen 
sich Geistliche auf der letzten Seite in sermonartigen Ar- 
tikelchen hören — dafür aber stehen solche wichtigen 
Lebensfragen zu Dutzenden in der Liste der Vorträge ver- 
zeichnet, die täglich in unabsehbaren Mengen allüberall 
in Kirchen, Versammlungen, Klubs usw. gehalten werden. 

Wenn es eine amerikanische Nationalkrankheit gibt, so 
ist es die: Vorträge halten und Vorträge anhören. Dieses 
Krankheitsbild verliert aber in dem Augenblick sein 
pathologisches Aussehen, in dem man gewahr wird, daß 
in all den Versammlungen usw., verhältnismäßig wenig 
geschwatzt wird, sondern daß es die wirklichen, eigenen 
Angelegenheiten seiner Kultur sind, die sich der Ameri- 
kaner lieber von ernsten und tüchtigen Menschen, ver- 
mittels der werbenden Kraft des lebendigen Wortes, vor- 
führen läßt als durch die diskreditierte Presse mit ihrem 
anonymen Stab. Dies habe ich schon in Chautauqua 
gemerkt. Der wertvollste Teil der schreibenden Körper- 
schaft Amerikas, darunter die „muckrakers" der großen 
Zeitschriften, reibt sich in einem fortwährenden Herum- 
reisen, einer alljährlichen Vortragstournee von 365 Aben- 
den, vor der Zeit auf. Er hat die Mängel der Presse 
mit seiner physischen Kraft zu bezahlen. Der große Kon- 
tinent nährt sich vom Geist und Blut dieser Bevorzugten, 
Verdammten, über deren Anstrengung man weniger er- 
fährt als über das laute Wesen des für seine eigenen Zwecke 
herumreisenden und radotierenden Politikers, obzwar sie 
es sind, die den Weg der amerikanischen Zukunft bereiten. 

Der Amerikaner will vom Pult, von der Kanzel her- 
unter, hinter dem erhobenen Toastglase her am liebsten 
praktische Vorschläge hören, die in seinen mit Arbeit an- 
gefüllten Tag passen. Und wenn's auch weiter nichts ist, 
als wie er seinen Magen kurieren kann. Alles soll sich 
am besten auf Dinge beziehen, die er gleich nach seiner 
Heimkehr in die Tat umsetzen kann; mit Jenseits und 
vagem Gefasel muß man ihn verschonen. Die kurioseste 

388 



Einrichtung in Amerika ist darum die Kirche. Was 
ich in Kirchen habe zusammenpredigen hören, spottet 
jeder Beschreibung. 

Vom Bösen Feind, der in den kathoHschen sein Un- 
wesen treibt und dessen Baalspriester die irischen Ge- 
schäftemacher und Trustpfeiler sind, sprach ich flüchtig 
schon früher. Er weiß recht gut, zu welchem Zwecke 
das Eiapopeia und das nötige Brimborium rundherum 
taugt, und kennt das Volk, dem er es vormacht, so gut 
wie seine Absichten. Seine Macht ist nicht zu brechen, 
wo das Unrecht zum Himmel schreit, seine Priester pre- 
digen Unduldsamkeit nach der falschen Richtung hin, 
damit von da her, wo sie ihren Sold beziehen, die Schafe 
sich um so geduldiger scheren lassen. 

Die Kirchen der Episkopalen, die ein Rendezvousort 
der Reichen sind, und deren Besuch die Zugehörigkeit 
zuvornehmen Gesellschaftskreisen bestätigt, arbeiten natür- 
Hch mit dem Geld und für die Interessen der Reichen, 
die unter sich bleiben und nichts Unangenehmes hören 
wollen. Aber schon die in der nächsten Schichte nach 
unten rangierenden Kirchen haben zum Teil mit schwie- 
rigen Existenzbedingungen, nicht selten mit brennender 
Not zu kämpfen und benutzen daher allerlei mehr oder 
minder überraschendeTaktiken, um ihre Tore offen halten 
zu können. Dem populären Bedürfnis nach Belehrung, 
Erörterung praktischer Dinge und sogar Volksbelustigungen 
aller Art entgegenzukommen, diktiert ihnen ein recht 
welthcher Selbsterhaltungstrieb, man kann also auch hier 
von Korruption sprechen. 

Die Verwischung der Grenzen, die schon früher er- 
wähnt wurde, zeigt sich hierbei in ihrer groteskesten Form. 
In Pionierszeiten war wohl der Priester der einzige Ge- 
bildete unter den hart Ringenden, es wird sich also wohl 
in diesen die Vorstellung festgesetzt haben, daß, wer 
ihnen Dinge, die ihr wahres Leben betrifft, sagen will, es 
mit priesterlicher Gebärde tun muß. In Zeitungs- 
artikeln kann man diese Gebärde wahrnehmen. Dafür 

389 



kann man auf Kanzeln geistlichen Herren begegnen, die 
mit aufgekrämpten Ärmeln demagogisch fuchteln. Eine 
sozialistische Versammlung wird mit dem Absingen eines 
Psalms begonnen, in der Kirche nebenan redet ein be- 
kannter Kanzelredner vom Anti-Trustgesetz und Bernard 
Shaw. In einer Versammlung, in der über geschäftliche 
Beziehungen Kanadas zu den Staaten nach der Ablehnung 
der Reziprozität gesprochen wird, verliest ein Bank- 
direktor einen Abschnitt aus dem Evangelium Matthäi. 
Der Herr, der den Vortrag hält, ist ein Journalist aus 
Toronto. Wie er mit seinem Vortrag zu Ende ist, schließt 
er die Augen, faltet die Hände und spricht ein Gebet um 
Einigkeit aller Völker unter dem Zepter Christi — die 
ganze Versammlung hat die Hände gefaltet, die Augen 
zugemacht und sagt halblaut: 

„Amen!" 

(Rockefellers Groß-Almosenier ist ein ehemaliger Geist- 
Hcher, dessen Aufgabe es ist, die schmutzigsten Räube- 
reien seines Herrn durchzuführen, wie das bei dem großen 
Mesaba-Minenschwindel der Fall war, bei dem der Familie 
Merritt ihr letzter Groschen abgezapft wurde.) 

Der Sprung von der Kanzel zur Politik ist in Amerika 
nicht schwer, aber das typische Amerikanische ist dabei, 
daß der sozial fortschrittlich gesinnte Geistliche, der zur 
radikalen Betätigung seiner Absichten übergeht, seinen 
Glauben behalten, betonen und unterstreichen darf, und 
daß ihm dies sogar nützt, gewiß nicht als Hypokrisie aus- 
gelegt wird. 

Es muß in Priestern, denen es Ernst ist um ihren Glauben 
und ihren Beruf, schon der Ekel gewaltig aufsteigen, 
wenn sie die Praktiken mit ansehen, zu denen die Kirche 
gezwungen ist, um den Klingelbeutel zu füllen. Kirchen 
der fünften Avenue oder der Uptown vermögen das viel- 
leicht durch die Ankündigung von Predigten über das 
Shermangesetz und Bernard Shaw, aber, du lieber Gott, 
auf was für Behelfe verfallen die Kirchen mit intellektuell 
unkultivierter Umwohnerschaft! Ich habe in Chicago 



390 



und in Newyork Kirchen besucht, in denen am Sonntag 
bei der Tür ein Tisch mit Gratissandwichs stand; Kirchen 
gibt's, in denen Kinematographen- Vorstellungen ab- 
gehalten werden; in denen Kinder die Psalmen pfeifen 
dürfen; in denen der looste Besucher eine Prämie er- 
hält; in denen Taschenspieler auftreten; an die Tanzsäle 
sich angliedern, wo die Pfarrkinder sich nach der Sonn- 
tagsvesper vergnügen können. 

Bei alledem braucht man die Unglücksraben noch nicht 
ernst zu nehmen, die von einem Bankrott des Protestan- 
tismus in Amerika krächzen. 

Daß aber die protestantische Kirche ihren naiven, un- 
kultivierten Besuchern nichts vorzusetzen hat, was dem 
Pomp, der Augenweide und dem Nasenkitzel der katho- 
lischen an die Seite gestellt werden könnte, ist klar! Diese 
Behelfe sind eine wichtige Waffe in der Hand des katho- 
lischen Klerus, der sein Zerstörungswerk in der Kirche 
wirkungsvoll begonnen hat und bereits in den Schulen 
mit Hochdruck fortsetzt. 

Die protestantische Kirche weiß genau, welches Schick- 
sal ihr bevorsteht, wenn auch die letzten- Verzweiflungs- 
praktiken nicht mehr verfangen werden. Je tiefer sie sich 
in ihren äußeren Methoden encanailliert, um so definitiver 
verliert sie ihre Macht über die Gemüter, die sie als 
Zufluchtsstätte benötigen. Es wird aber auch nicht im 
geringsten schade sein, wenn ihre gotischen Pfeiler um 
die Kanzeln herum zu Boden niederschmelzen und die 
ehrlich gebliebenen Gotteskämpfer diese Kanzeln auf 
den Buckel laden und dorthin hinübermarschieren, wo 
sie hingehören, ins Lager der Männer, die das Künftige be- 
reiten. Dort stehen ja heute schon die Besten der ameri- 
kanischen Geistlichkeit. 

Ich weiß nicht, in welches Lager die Bekenner der 
Christian Science sich flüchten werden, wenn diese 
abgewirtschaftet haben wird. 

Denn es hat den Anschein, als sollte die Christian 



Science bald abgewirtschaftet haben. Im Grabgewölbe 
ihrer Gründerin, der Grande Hysterique Mrs. Baker 
Eddie, soll sich, so geht die Sage, ja ein Telephon be- 
finden, für den Fall, daß die Missis im Fleische auferstehn 
sollte, und sich mit der Geschäftszentrale der ,, Mutter- 
kirche" in Verbindung zu setzen wünschte. 

Die Zentrale hat aber dieses metaphysische ,, Hailoh!" 
bisher noch nicht vernommen, und die Scharen, die in 
die imposanten Kathedralen des Heilerglaubens strömen, 
schmelzen allmählich zusammen, da die suggestive Kraft 
der Gründerin sich absentiert hat. Indes hat die schlaue 
Dame hier klug vorgebaut. Diese Menschenkennerin hat 
den Gottesdienst in ihren Kirchen für alle Zeiten auf ein 
simples Vorlesen von Parallelstellen aus der Bibel und 
aus ihren eigenen Werken beschränkt — sie wußte ja gut, 
mit welcher unbesieglichen Trivialität, mit welchem 
trägen Nichts-Neues-Hören-Wollen sie bei ihrem Pu- 
blikum rechnen durfte. Daß die Substanz, aus der wir 
geschaffen sind, Geist und nicht Körper ist, daß die 
Krankheit daher ein Irrtum und Erhebung der Seele die 
beste Arznei ist, das ist ihr Dogma, in dem der Hang 
zum Mystischen im halbgebildeten Menschen sich mit 
seinem unerschütterlichen Glauben an den Kurpfuscher 
berührt. Mrs. Baker hat, sozusagen, die übersinnliche 
Welt mit einem Fünfkreuzerstrickchen an die wahrnehm- 
bare gebunden. Um den Unsinn ihrer Nachfolger mit- 
zumachen, die jetzt Unterschriften sammeln für eine 
Petition: ,,den Medizinischen Fakultäten Amerikas soll 
die Ausbildung von Ärzten untersagt werden, die Aus- 
bildung von Ärzten verbreitet den Irrtum, daß es Krank- 
heiten gibt" — diesen Bluff mitzumachen, wäre sie viel 
zu vorsichtig gewesen. 

Da in den Gesundbeter-Kirchen die Heilwirkung der 
Gebete auf Magen und benachbarte Gebiete schwächer 
zu werden beginnt, tun sich rings neue Kirchlein auf, aus 
richtiger Erkenntnis, praktischer Erfahrung, Quacksalberei, 
systematischer Beduselung Stein um Stein aufgerichtet. 

392 




In Salons und Sälen 
der reichen Viertel 
vereinigen sich die 
Snobs, Fads und 
Cranks, um allen 
möglichen Adepten 
orientalischer Reli- 
gionen zuzuhören, 
gesund aussehenden, 
olivenbraunen und 
kuhäugigen Jüng- 
lingen mit fünfzehn- 
silbigen Namen, die 
den Herren und 
Damen allerhand 
Atemübungen und 
spirituelle Taschen- 
spielerkunststück- 
chen . vormachen, 
(Mazdaznan und 
ähnlichen Schnick- 
schnack) ; all diese 

Stückchen haben eine erhöhte Leistungsfähigkeit in aus- 
gesprochenen oder nur angedeuteten Beziehungen zum 
Zw^eck. 

Durch die Nachbarschaft solcher unernsten, aber ernst- 
genommenen Modebekenntnisse werden neue Gemeinschaf- 
ten diskreditiert, leiden Abbruch an ihren bestgemeinten 
Bestrebungen. Nach einem Aufenthalt von weiteren drei 
Monaten revidiere ich meinen ungünstigen Eindruck von 
der Michigan-Avenue in Chicago und gestehe, daß in 
manchen dieser neuen Kirchen Großes, Ernstes und Halt- 
bares sich zwischen Menschen aufbaut, wenn sie auch 
bombastische Namen auf ihren Fassaden tragen: die 
Kirchen des ,, Neuen Glaubens", des „Höheren Lebens", 
die „Kirche der Menschheit", der Universalisten, der 
Spiritualisten, der Christadelphiker und wie diese Kirchen 



Physischer Typus des heutigen Amerikaners 

Champ Clark, Speaker im Kongreß 

XU Washington 



393 



des mehr oder minder freidenkenden Amerikas alle heißen 
mögen. — 

Bei all diesen Tendenzen läuft die Grenze zwischen 
Sinn und Irrsinn Gefahr, ebenfalls verwischt zu werden. 
Der Wallstreet-Krösus mag ruhig, eh er in sein Bureau 
geht, in der Früh zum Hellseher laufen, um die Kurse 
zu erfahren, die die Mittagsbörse zeitigen wird. Auch 
um die Leute, die zwischen Glauben und Aberglauben in 
seelischen Dingen nicht zu unterscheiden wissen, ist nicht 
schade. Wo aber sind die Grenzen zwischen Seelennot 
und der Not des äußeren Lebens in diesen ringenden, 
hastenden, irrenden und doch im Grunde naiv gütigen 
und reinlichen Menschen gezogen ? Die Unruhe, die all 
diese kuriosen und befremdlichen Verästelungen treibt, 
wächst auf dem Boden des großen, fundamentalen Wider- 
sinns, in dem diese Gesellschaft ihre Wurzeln verankert 
hat. Das rasche Tempo, in dem sich die Verhältnisse in 
Amerika entwickeln, hat unter anderem der Welt auch 
deutlich gezeigt, daß die Institution der Kirche sich 
überlebt hat. Mag Amerika rasch, und um um so 
gründlicher mit dem ganzen mittelalterlichen Plunder 
fertig zu werden, auch noch das gefährliche Experiment 
mit der katholischen Kirche machen. Es wird in Amerika 
ohne Zweifel bald erledigt und abgetan sein. Für die 
Kirche von Morgen, deren Seelsorger heute die Um- 
stürzler sind, bedeutet es wohl keine ernste Gefahr. 



AMERICANOS UNTEREINANDER 

Immer erneutes Vergnügen bereitet einem die natür- 
liche und direkte Art und Weise, auf welche sich der Ver- 
kehr der Menschen hier herüben abspielt. Ohne Pathos, 
aus primitivem und natürlichem Instinkt heraus, der den 
Europäer zuweilen wohl grotesk anmuten kann. Den 
Europäer, der sich im ganzen doch noch lieber von einem 
Höherstehenden auf die Schulter klopfen als von einem 



394 



Tieferstehenden beim Paletotknopf fassen läßt. Für 
Faxen und Förmlichkeiten, die im Grund doch nichts 
andres bezwecken, als den Dünkel des Einen vom Dünkel 
des Andern sauber abzugrenzen, hat der Amerikaner nicht 
viel übrig, weder Lust noch Zeit, über Formen liebt er 
es, sich draufgängerisch hinwegzusetzen; es tut dem Euro- 
päer gut, zuzusehen, wie er es macht. 

Schon hat der europäische Kaufmann vom amerika- 
nischen gelernt, sich direkt und unverblümt an den Käufer 
zu wenden; wir, die das nichts angeht, dürfen doch unsre 
Freude und Amüsement daran haben. 

Die Armee der Vereinigten Staaten verteilt Zettel auf 
den Straßen. Auf diesen Zetteln sind die Löhne ange- 
priesen, die Chancen, fremde Länder zu sehn, Pension, 
Kost und Kleidung detailliert. Zum Schluß heißt es: 

„Fragen Sie Ihren Arbeitgeber, ob er mit uns konkur- 
rieren kann in diesen Lebensfragen!" 

Dieses Zettelchen, das der Europäer schmunzelnd als 
„echt amerikanisch" in die Tasche steckt, ist ein sym- 
pathisches Dokument für die gesunde und ehrliche, der 
Flunkerei abholde Art des Verkehrs zwischen Menschen 
und Menschen. Natürlich, die Institutionen ähnlicher Art 
drüben in Europa, die mit dem ,, Arbeitgeber hinsichtlich 
all der Lebensfragen des Soldaten nicht konkurrieren könn- 
ten", maskieren diese Konkurrenzunfähigkeit mit einem in 
dynastischen Farben angestrichenen Wall von Schlagworten 
und Lügen. Aber auch wenn man nicht gerade gebraucht 
wird, erfährt man Entgegenkommen und amüsiert sich auf 
Schritt und Tritt über kleine nette Witzchen. Kommt man 
ins Theater, und es ist kein Platz mehr zu haben, so wird 
einem der Abend nicht durch eine lakonische Tafel: ,, Aus- 
verkauft" verdorben, sondern es heißt sanft und milde: 

,,Very sorry. All places sold for this night. Come 
again to-morrow!" 

Warum ist der wortkarge Amerikaner da plötzlich so 
weitschweifig? Vielleicht, weil, der daherkam, hier 
Vergnügen suchte? 

395 



In Frisco ruft mein Hotelnachbar, wie der Präsident 
Taft in unser Hotel einzieht, fröhlich: 

„Hello, Billy!" 
versichert mich aber im selben Atem, daß er bei der näch- 
sten Wahl seine Stimme doch auf Woodrow Wilson ab- 
geben wird. 

Im Kongreß darf's einen nicht chokieren, wenn die 
würdigen Herren unter der Kuppel Zigarren rauchen 
und quer an der Nase des Redners vorbei den Cuspidor 
vollspucken. Man darf sich nicht im geringsten verletzt 
fühlen, wenn der junge Millionär, Besitzer der welt- 
berühmten Schuhfabrik, in Hemdärmeln neben einem 
daherläuft, und darf ihm sogar in seinen Rock helfen, 
wenn er einen über den Fabrikhof aus dem Männer- 
stiefelflügel in den Damenschuhflügel hinüberbegleitet — 
weil draußen 32 Grad Kälte sind. 

In den Staatsbureaus geht man durch offeneTüren direkt 
zu den Gewaltigen hinein, die einem, wenn sie auch 
noch so abgehetzt und mit Arbeit überbürdet sind, auf 
die liebenswürdigste Art jede gewünschte Auskunft er- 
teilen (ohne daß man's nötig hätte, nach seinem Ein- 
führungsschreiben in allen Taschen zu kramen), einem 
die minutiöseste Auskunft über ihr Ressort geben, ohne 
bonzenhafte Anmaßung, ohne Herablassung, gleich freund- 
lich zum Fremden wie zum Kollegen wie zum Publikum. 

Der amerikanische Beamte wird von den Leuten, die 
viel mit ihm zu tun haben, gern ein „knownothing", Igno- 
rant, geschimpft. Über (aus Europa importierten) Beamten- 
zopf und Instanzenweg und andrerseits Schlendrian hörte 
ich klagen, und auch über die (mehr amerikanische) 
Einrichtung des „red tape", der Schikane. Der Fremde, 
den kein Geschäft, sondern Wißbegierde durch die Bureaus 
führt, kann all diese Mängel natürlich schwer kontrol- 
lieren; das Knownothingtum wird wohl in der furcht- 
baren Spezialisierung der Arbeit seine Ursache haben, 
wie die red tape in der ewigen Beängstigung infolge des 
alle 4 Jahre drohenden Regimewechsels. Hier wie anders- 

39<^ 



wo ist der Beamte, der Subalterne, ein richtiger Prole- 
tarier und Opfer der unnatürlich sich vonvärtsbewegenden 

Entwicklung. 

Ich sah an einem Februartage an der Südspitze von 
Manhattan zu, wie ein junger A\-iatiker auf einem selbst- 
konstruierten Schhttenaeroplan vom schollenbesäten Hud- 
son aufstieg, eine Schleife um die Freiheitsstatue machte 
und darauf zum selben Fleck, von dem er abgefahren 
war, zurückkam, auf eine wackelnde Scholle, es war 
kalt und starker Nordwind. Der Kontinent hatte sein 
Interesse auf dieses Experiment gesammelt, und nebst 
dem tausendstimmigen Hooraygebrüll der Menschen- 
menge und dem Getute sämtUcher Hudsondampfer 
waren auf den Sieger hundert Photographenkasten und 
Kinematographendrehorgeln gerichtet, als er sich auf 
seiner Scholle niederHeß. Was tat der Gefeierte? Er 
sprang vom Bock, schneuzte sich in die Finger und zeigte 
den Objektiven seine sehr subjektive Kehrseite, in hocken- 
der Haltung, weil ihn etwas an seinem Motor mehr 
interessierte als die ümw^elt. Ich erwähne diese komische 
Geschichte, um den erfreuHchen Mangel an Heroen- 
pose und die erfrischende Gleichgültigkeit zu illustrieren, 
mit der der Amerikaner sich gegen die öffenthchkeit 
verhält. Es wird wenig Scheinheihgkeit, bengalisches 
Feuer und Ziererei konsumiert, und mancher gordische 
Knoten, der nur von aufs äußerste kultivierten Finger- 
spitzen aufgelöst werden könnte, wird khpp und klar im 
Verkehr mit dem Hinweis auf die nächsthegende Räson 
der „unsophistischen" Vernunft entzweigehauen. 

Die Prüderie, die sich an vielen Punkten des öffentlichen 
Lebens breit bemerkbar macht, ist nicht tragischer 
zu nehmen, als sie in dem kuriosen Hin und Her zwischen 
altpuritanischen Anschauungsformen und dem von der 
Reklame und dem Geschäftstreiben überreizten Nerven- 
gegaukel des Alltags sich darstellt. 

Gern führt man als Beweis für die amerikanische Prü- 



397 



derie den Fall Gorki und den Fall Rejane an. Gorkis 
Aufenthalt in Amerika wurde durch die Falschmeldung 
seiner Begleiterin, die er für seine Gattin ausgab, ver- 
eitelt. Die Tournee der Rejane aber durch das Gerücht, 
sie hätte bei einem Champagnergelage auf einem Tisch 
Cancan getanzt. Beide Fälle hatten einfach Konkurrenz-^ 
manöver von eifersüchtigen Zeitungen und Theater- 
managern zur Ursache. Sie sind charakteristischer für die 
Geschäftsmethoden einzelner Unternehmer, als für die 
Gesinnung des Amerikaners. Bedenklicher ist es, wenn 
große Tagesblätter, die ernst genommen werden wollen, 
die Sensationslust des Publikums stacheln und unsauber 
füttern, indem sie sich monatelang Artikel über Toiletten- 
geheimnisse von Millionärshuren schreiben lassen und auf 
ihren Titelseiten Seitensprüngen aus der fünften Avenue 
mit allen Bettlakendetails breiten Raum gewähren. 

Allerorten versteckt sich hinter derlei Widersprüchen 
ein abgefeimter Geschäftstrick, wenn man nur näher hin- 
schaut. Persönlicher Erfolg entschuldigt hier mehr als 
in Ländern mit gefestigtem gesellschafthchen Kodex. — 

Gesittete Bürgersleute, in deren Verein man von den 
Beziehungen der Geschlechter nicht einmal andeutungs- 
weise sprechen dürfte, erregen auf dem Ozeandampfer, 
der ein jungvermähltes Paar davonführen soll, Gelächter 
dadurch, daß sie gedruckte Zettel verteilen, auf denen 
die Kabinennummer der Brautleute den Passagieren mit- 
geteilt wird! Und dadurch, daß sie diese Brautleute, als 
sie ahnungslos die Schiffsbrücke betreten, mit einem 
Schauer von Reis, Symbol der Fruchtbarkeit, und alten 
Schuhen, die ihre Zeit gedient haben und fortgeworfen 
werden können, empfangen! 

Dabei ist der Verkehr der Geschlechter in Amerika, 
wie man weiß, ungezwungener als wo anders immer. Da 
Mann und Frau im Brotkampf bald in den Wettbewerb 
miteinander treten werden, geht die Erziehung von 
Anfang an auf freiestes Messen der Kräfte los. Der 
kameradschafthche Ton zwischen Knaben und Mädchen, 

398 



Jünglingen und Fräulein, der ungezwungene Ton in 
Gesellschaft, beim Sport, der Verkehr auf den Uni- 
versitäten fällt einem wohltuend auf. ,, Flirt" und „Ga- 
lanterie" sind zwei Formen, die wahrscheinlich beide 
bis zur selben Grenze vorwärtspoussiert werden; die weit- 
aus weniger verlogene ist auf alle Fälle die des ,, Flirts". 
Stirnrunzelnde Auguren versicherten mich, daß in 
Universitätsstädten die Koedukation, das Beisammen- 
studieren und -Hausen von Studenten und Studentinnen 
gewisse ärztliche Berufe, so z. B. das Gegenteil von Ge- 
burtshilfe, in Flor gebracht haben. Worauf ich es mir 
mit dies^en Stirnrunziern auf ewig verdorben habe durch 
die Erklärung: daß es das gute Recht erwachsener Men- 
schen ist, zu bestimmen, ob sie Vater und Mutter werden 
wollen oder nicht. Der abgründige Respekt, den der Staat 
dem ungeborenen Embryo im Mutterleibe erweist, will 
doch mit anderen Worten nur besagen: daß er es nicht er- 
warten kann, mit dem fertigen Individuum Schindluder zu 
treiben. Sei's, indem er es als Steuerzahler oder als 
Kanonenfutter mit Beschlag belegt. — 

Ich kann es mir gut denken, daß einem Durchschnitts- 
europäer bei längerem Aufenthalt in Amerika die unleug- 
bare Trivialität im Verkehr mit dem Durchschnittsamerika- 
ner arg auf die Nerven fallen muß. Für das Knownothing- 
tum, dem man im geselligen Verkehr begegnet, gibt's im 
großen ganzen weniger triftige Entschuldigungen anzu- 
führen als für jenes der Beamten. In gebildeten Kreisen 
überrascht einen zuweilen eine abgrundtiefe Ignoranz in- 
bezug auf Dinge, die 5 Schritt weit vom täglichen Leben 
oder von amerikanischen Angelegenheiten gelegen sind. 
Oft habe ich verstimmt die Unmöglichkeit eingesehen, 
mit einem Amerikaner oder einer Amerikanerin in eine 
fruchtbringende Diskussion eines Themas, zumal eines 
nicht spezifisch amerikanischen, zu gelangen. Hinter dem 
höflichen Gesicht des Gegenübers war allzu deutlich die 
absolute Unbeteiligtheit zu sehen, und so war's das Beste, 

399 



rasch abzubrechen. Phantastische Ansichten über Dinge 
der Kunstgeschichte, der Literatur, der Sitten fremder 
Völker kann der Americano zuweilen äußern! 

Das, wovor sie sich am gewaltigsten fürchten, sind die 
halben Töne des Verkehrs, die Waffen der Ironie, die sie 
noch nicht recht zu handhaben verstehn. Wenn man sie 
vor den Kopf stößt, wehren sie sich schon nach Kräften. 
Aber wer stichelt, kann schlimme Erfahrungen machen 
mit ihnen. Wie Kinder sind sie rasch beleidigt und lassen 
Bosheit fühlen. — 

Viele schuldbewußt oder unklar nach dem Bereich des 
Wichtigeren neben dem Alltag Hintappende schaffen 
sich irgend eine kleine Liebhaberei, ein niedliches Stecken- 
pferdchen an, auf dem sie dann gerührt und selbstbewußt 
einhertraben. Aus sozialen oder religiösen Spielereien 
dieser Art wird aber nicht selten wirkliche, ernste Arbeit. 
Das Tempo der Betätigung hier herüben reißt eben alles 
nicht genügend Haltfeste, Wurzelsichere mit sich, oder 
schwemmt es einfach ins Absurde davon, und der Amateur 
muß, um seine Liebhaberei zu bewahren, ein Arbeiter 
in seinem Gärtchen werden. 

Die Unsicherheit der kulturellen Grundlage, aus der 
der Amateur hervorkommt, spiegelt sich zuweilen amüsant 
in den sichtbaren Resultaten, zuweilen aber auch ab- 
stoßend wieder. Gar bald kommt der Beschauer dahinter, 
ob er es mit sympathischer Naivität, mit zynischen Ge- 
schäftstricks oder mit Heuchelei zu tun hat. 

Ich sprach schon vom Mogwab, dem großen Wohl- 
täter, Wissenschaftsprotektor und Sammler, dem man 
nur zu oft auf seine Schhche hinter den KuHssen kommt. 
Der große Stifter und Drähtezieher von Universitäten, 
Protektor der Kirche und Sonntagsschulen, ist einer der 
gefährhchsten Raubritter, die die Geschichte je gesehen 
hat. Der weltberühmte Friedensapostel hat seine Millionen 
aus dem blutigen Schweiß armer ungarischer, polnischer 
und deutscher Sklaven herausgepreßt, die er in seinen 
Stahlwerken um einen Hungerlohn in i8- und 24 stündiger 

400 



Schicht arbeiten ließ. Der edle Wohltäter der jüdischen 
Witwen und Waisen hat es zugegeben, daß der zwanzig- 
jährige Kammerdiener seines Sohnes für 30 Jahre ein- 
gesperrt werde, um seine Schwiegertochter von einem 
Verdacht zu säubern. Der große Kunstsammler, der sein 
Vaterland mit aus allen Privatsammlungen und Kirchen 
der Alten Welt entführten oder gestohlenen Kunstwerken 
beschenkt, hat seine Karriere damit begonnen, daß er 
diesem seinem Vaterlande unbrauchbare Gewehre ver- 
kauft hat. Seiten heßen sich vollfüllen mit derartigem 
Material. 

Der Amerikaner, der einen durch solche Sammlungen 
geleitet, ist stolz auf sie, weniger auf ihre Stifter. Wenn 
er aber durch die Säle mit dir geht, in denen pietätvoll 
die frühesten Sammlungen aufbewahrt sind, die den Grund- 
kern der heutigen großen amerikanischen Museen bilden, 
dann kannst du sehen, wie der Amerikaner neben dir zu- 
weilen errötet und dich gern von einem oder dem andern 
Schaukasten weglenken möchte. Die frühesten Sammler 
haben der Nation alles vermacht, was sie gesammelt haben, 
in den Ländern Asiens und Europas gesammelt haben. 
Altes und Neues durcheinander. Im Kasten, an dem du 
vorbeigehen sollst, ohne einen Blick hineinzuwerfen, 
kannst du neben einer Gemme von unschätzbarem Wert 
eine kleine Fünfzig-Pfennig-Holzschnitzerei, den eidgenös- 
sischen Löwen von Luzern darstellend, liegen sehen. Unter 
einem Delacroix oder Teniers an der Wand in einer Vitrine 
primitive kleine Mosaikbroschen aus Venedig oder einen 
Sokrateskopf aus Vesuvlava. Der kultivierte Americano 
an deiner Seite errötet oder lächelt verlegen, während du 
in den Kasten hineinsiehst. Dir aber gibt dieser kleine 
Schmarren dahier ein freundHcheres Empfinden für seinen 
Stifter ein, als der anspruchsvolle Marmorblock von 
Rodin, den ein andrer vorgestern aus Europa mit 
großem Zeitungsgetöse auf seiner Privatyacht herüber- 
gebracht hat. 



26 



401 



NOTIZEN ÜBER DIE LITERATUR, DIE ZEITUNG, 
DAS THEATER 

Der Literatur und dem Theater bin ich in Amerika 
auf Pfaden des öffenthchen Lebens nachgegangen. 
Da habe ich gesehen, daß in diesem intensiv und bewußt 
lebenden Lande eine ungleich stärkere Wechselwirkung 
zwischen den Problemen der Umwelt und dem Schaffen 
und Trachten des Schriftstellers existiert als w^o anders 
immer in kultivierten Ländern. 

Der amerikanische Romantiker, der dem Alltag ent- 
fliehen möchte, zieht sich lieber in die unerforschten Ge- 
biete seines ungeheuren Kontinents zurück als in die un- 
erforschten Gebiete seiner Seele. Bei den harten Knaben 
in Alaska, in den Wäldern um die nördlichen kanadischen 
Seen, bei den Indianern auf den Prärien, bei den zügel- 
losen Gebirgsbewohnern in den südlichen Zentral- 
staaten findet er ursprüngliche Instinkte, unbiegsame 
Naturen, bei denen er sich wohler fühlt als bei den vom 
Erwerbskampf und Zukunftsdrang verbogenen Städtern. 

Der Zusammenhang mit jenen Primitiven erklärt ihm 
sein Verhältnis zur Weltseele deutlicher, als es das Los des 
europäischen Schmerzensmannes ist, den ein gleicher 
Hang durch alle Epochen der Weltgeschichte, Kulturen 
und Stile jagt. 

Daß dieser Zug, diese leicht zu befriedigende Sehn- 
sucht nach Romantik ihre Gefahren birgt, ist evident, 
und man kann dies in jedem Eisenbahnwaggon bestätigt 
finden, wenn der Zeitungsjunge mit seinem Armvoll 
best-s ellers, d. h. gangbaren Büchern daherkommt. Da 
tummeln sich edle cowgirls, papieren redende Goldgräber, 
Indianerhäuptlinge aus Karton auf Kitschprärien, zumeist 
von Frauen zusammengeschustert — wie es ja drüben 
auch die Frauen oder weibischen Autoren sind, die die 
mehr europäischen Ansprüchen genügenden Hofkreise und 
Adelsmilieus verarbeiten. Die Lebensdauer dieser best 
Seilers ist eine Station, ihr Grab das offene Coupefenster. 

402 



Der Leser darf nicht erstaunt sein, wenn ich in diesem 
Aufsatz nur sehr wenige Namen nenne, außer den schon 
früher betonten Frank Morris, Jack London und Upton 
Sinclair. Ich habe mich in Amerika meist mit Zeitung- 
lesen begnügt und habe aus dem großen offenen Buch 
des Volkes in freier Luft mehr über den Geist der Neuen 
Welt erfahren als aus den kleinen gedruckten Büchern hinter 
Ziegelmauern. 

Als ein außerordentlicher Sittenschilderer ist mir 
Robert Herrick aufgefallen, allerdings fehlt ihm das 
typisch Amerikanische. Ein kultivierter Brite könnte die 
Charaktere des Americanos betrachten, wie er es tut, 
und zwar kritisch; doch stellt ihn ein starkes Können 
gewiß in die Reihe der Meister des heutigen Romans 
aller Länder. Man hat mir Edith Wharton und David 
Graham Phillips als die besten Vertreter der jungen ameri- 
kanischen Belletristik neben Herrick genannt, zu meiner 
Schande muß ich gestehen, ich habe nichts von ihnen 
gelesen. Starken Eindruck machten mir einige Bücher 
von Hutchins Hapgood, die auf der Grenzscheide von 
Erlebnis und Fiktion stehen und in ihrer brüsken Stel- 
lungnahme zu radikalen Problemen diese Legierung von 
Tendenz und Kunstwerk zeigen, wie sie am vollendetsten 
in Sinclairs „The Jungle" zum Ausdruck gekommen ist. 

Neben dem Pragmatiker James hat Henry Bergson 
gegenwärtig wohl den stärksten Einfluß auf die Geistes- 
strömungen des modernen Amerikas. Es scheint, als 
dienten Bergsons Evolutionsphilosophie, seine Anatomie 
des Lebenstriebes und die Jamesschen Experimente zur 
Erforschung der Instinkte auf physiologischer Grund- 
lage dem modernen Amerikaner irgendwie zur Bestäti- 
gung seiner Mission im Vorwärtsbringen der Absichten 
der heutigen Menschheit. Es ist mir ein Buch unter- 
gekommen, eine Essaysammlung des scharfsichtigen jungen 
schwedisch-amerikanischen Kritikers Björckmann, in der 
aus jenen Elementen so etwas wie ein neues amerikani- 
sches Glaubensbekenntnis destilliert wurde. In zahl- 

26* 403 



reichen wertvollen Aufsätzen, die ich in fortschrittlichen 
Zeitschriften las, ließen sich die Einflüsse Bergsons 
verfolgen, deckte sich der Verfasser mit Bergsons Au- 
torität. Eugeniker, Utopisten, Reformatoren der Nah- 
rungsweise, Back-to-nature-Schwärmer, Zivilisationszer- 
störer, Atmungsfanatiker tummeln sich auf dem weiten 
Feld der zeitgenössischen Literatur Amerikas — und dann 
die Legion, die unübersehbare Zahl der Nachfolger 
und Verpopularisierer von Emerson und Thoreau, um 
nur die in Europa bekannten zu nennen: Trine, O. S. 
Marden, Prentice Mulford. Immerhin muß ich be- 
merken, daß diese letzteren, wie mir's schien, in Europa 
viel mehr als Repräsentanten des Amerikanismus ange- 
sehen und überschätzt sind wie hier herüben. 

Daß dem abseitigen, keinem Volke angehörenden, 
sublimen Phänomen Edgar Allan Poe kein Nachfolger, 
in Amerika so wenig wie anderswo, herangewachsen ist, 
erklärt sich von selber. (Wenn ich auch gestehe, daß mir 
dabei der außerordenthche Schilderer von Kriegs- 
szenen Ambrose Bierce einfällt; sein Buch: „In the 
midst of life" ist in der Tauchnitz-Collection zu haben.) 
Die Spekulanten, die seine esoterische Kunst aus Ma- 
thematik und Seelenkunde brutalisiert haben, Conan 
Doyle an ihrer Spitze, sind in Europa zu Hause, das legt 
ja ein gutes Zeugnis für das amerikanische Schrifttum ab. 

Wie steht es aber um die Nachfolge Walt Whit- 
mans? 

Walt, das chaotische Sinnbild seines ungeheuren, un- 
erforschten Kontinents, die Feuersäule am Eingang eines 
rätselhaften neuen Zeitalters des Menschengeschlechts, 
der wilde Seher und besessene Johannes, diese aus der 
Natur über alle Zivilisation hinweg schlagende Flut, 
dieser wahrhaftige Tornado von einem Menschen, um 
sich blickendes Auge weit und sicher wie das Auge des 
Leuchtturms, offene Hand, in deren Höhlung die Ele- 
mente sich begatten, aufwärtshörendes Ohr, schlagendes 

404 




Walt Whitman 



Herz, darin das 

Weltgeschehn 
pulst, warme Ries- 
enstirne milde nie- 
dergeneigt zur 
letzten Kreatur, 
Walt, der nie 
Geborene, der Un- 
vergängliche, An- 
fang und Ausgang, 

erschütternder 
Ausblick in Zei- 
ten, die kommen 
werden,hinaus und 
hinauf! 

Einen wahrhaf- 
ten und echten 
Sohn hat er, der 
sein Erbe nicht nur 
getreulich verwal- 
tet, sondern in dem der Geist des Ahnen das Leben 
unsres heutigen Tages treibt, die Sprache des Sehers 
auf der Prärie zur Sprache des Streiters an der Straßen- 
kreuzung sich gewandelt hat. Walts Gott gHch dem Großen 
Häuptling und seine Geburtsinsel nannte er mit dem In- 
dianernamenPaumanok. Horace Träubel aber bekennt sich 
zum Christus des Zöllners, der Hure, zum Gott der Ver- 
geltung, der den niedergeschmetterten Proletarier auf- 
richtet, und er scheut sich nicht, ihn in der downtown, 
inmitten des Zügegerassels über der Hölle Allenstreets, 
inmitten der Kehrichthaufen aus verfaultem Zeitungs- 
papier, Bananenschalen und Abfällen alles Elends anzu- 
rufen. 

Träubel hat nicht die übermenschliche Phantasie 
Whitmans geerbt, der aus seinen Trieben Götter geformt 
hat, wie die Indianer. Hätte er sie, er wäre Der, auf den 
der Finger Whitmans zeigte, wie auf Grünewalds Isen- 



405 



heimer Altarbild der Finger des Täufers auf den Ge- 
kreuzigten zeigt. So klammert er sich mit aller Glut eines 
Menschengewissens an das Heutige, an den großen Vor- 
gang, dem wir gequälte Glückliche zuschauen dürfen. 

Whitman, der die Kriege um 1860 durchgemacht hat, 
stand in Ehrfurcht und Schauern vor dem Wunder des 
sich einenden Staatenverbandes, dieser Junge aber sieht 
die ganze Menschheit in einer ähnlichen Zersplitterung, 
der ein ähnliches Zusammenschmelzen folgen wird. Sein 
Camerado heißt Genosse, und im Sezessionskrieg seiner 
eigenen Zeit sieht er sich, als Heerrufer bei einer größe- 
ren Armee stehen als der legendäre Krankenpfleger von 
Gettysburgh. 

Ihm bleibt der Vorwurf nicht erspart, daß sein innerer 
Rhythmus vom Metronom Walts bestimmt worden ist, 
daß etwas Sonntagspredigerhaftes hervorschlägt, zumal 
in den Prosaschriften, den Collects, sobald die Begeiste- 
rung nachgelassen hat in seinem Blut. Dies ist in Amerika 
kein Vorwurf ; ich habe es ja früher betont, daß der Mann, 
der hier zu den Seelen sprechen will, den Mann von der 
Kanzel nachzuahmen liebt, um dem naiven Zuhörer 
begreiflich zu machen, daß er an sein Inneres rühren 
will. Wollte sich Träubel bloß an den Gebildeten 
wenden, hätte er's leichter, oder er müßte verstum- 
men, da das anspruchsvolle Ohr die ewige Bergpredigt- 
weise nicht allzu lange verträgt. Aber seine Strophen 
aus „Optimos" (bei B. W. Huebsch in Newyork er- 
schienen) haben sich in Volksversammlungen gut be- 
währt, seine „Chants communal" (die O. E. Lessing 
übersetzt und der Verlag R. Piper & Co. in München 
unter dem Titel: „Weckrufe" verlegt hat) sprechen ihre 
Sprache zu jedem von uns, jedem Menschenkind aus 
dem großen, herrlichen Mob, von dem Gouverneur 
Johnson spricht. 

Viele Bedenken ästhetischer Art verblassen vor dem 
Wichtigen, das in Traubeis Kunst getan erscheint. Es ist 
immer mißlich, der Nachkomme und nicht der Christus 

406 



eines Johannes zu sein. Daß der Ruf nicht verhalle, bis 
der Erwartete, der große Dichter der großen Neuen Welt 
erscheint, das wirkt Träubel und die um ihn pietätvoll 
und voll Aufopferung in der Zeitschrift „The Conser- 
vator", die die Whitman-Tradition hochhält und immer- 
hin eine kleine lebende Opferflamme vorstellt in dem 
einzigen heiligen Hain, der heute in Amerikas Literatur 
zu finden ist. 

s gibt sauberere, vornehmere, besser informierte 
und von gewissenhafteren Schriftstellern geschrie- 
bene Tagesblätter in Amerika — aber es gibt keines, das 
es an Verbreitung, an origineller, charakteristisch ame- 
rikanischer Bewegtheit und BewegHchkeit mit den 
Blättern von WilHam Randolph Hearst aufnehmen 
könnte. Sie erscheinen in Newyork, Chicago, Boston, 
San Franzisko, Los Angeles und Atlanta in einer Ge- 
samtauflage von etwa sechsthalb Millionen Exemplaren, 
und man kann getrost annehmen, daß sie von einer grö- 
ßeren Zahl Americanos gelesen werden, als welches an- 
dere Blatt immer. 

Ihr direkter politischer Einfluß ist (wie der der meisten 
großen populären Tagesblätter Amerikas) gering, wenn 
nicht gleich Null. In einem Leitartikel des Chefredakteurs 
des „Newyork American", Arthur Brisbane, las ich den be- 
merkenswerten Stoßseufzer: „Wir, die wir in diesem 
Lande nicht einmal die Wahl eines städtischen Hunde- 
fängers durchsetzen können — " und wirklich, man er- 
zählte mir, daß zuweilen staatliche oder städtische Funk- 
tionäre trotz der vereinten Opposition der Tagesblätter 
einstimmig gewählt worden sind. 

Wenn ihr direkter Einfluß solcher Art paralysiert ist, so 
können sie doch durch Unterschlagung bedeutsamer 
Nachrichten, Totschweigen von ihnen unliebsamen Per- 
sönlichkeiten um so mehr Unheil anrichten. Oft habe 
ich, wenn ich in einem großen Newyorker Tagesblatt, dem 
„Newyork Herald", der ,,Evening Post", der ,, World" 

407 



oder „Times" eine verhängnisvolle, gar nicht zu über- 
sehende politische Aktion verzeichnet fand, andere Blätter 
durchgesehen und keine Zeile in ihnen gefunden, die 
über dieses Ereignis berichtet hätte. 

(Die deutschen Blätter, die ,,Newyorker Staatszeitung" 
an der Spitze, bilden dabei eine rühmliche Ausnahme.) 

Eine andere bewährte Methode, Ereignisse zu fälschen, 
ist: das Schv^ergewicht wird auf Nebensächliches gelegt 
und die Hauptsache, die zu berichten dem Blatt un- 
angenehm ist, auf irgend eine Art in den Text unauffällig 
hineingeschmuggelt. 

In einem sehr gelesenen Blatt Newyorks fand ich den 
Sieg der deutschen Sozialisten bei den jüngsten Reichs- 
tagswahlen unter der Überschrift: 

,, Chauffeur des deutschen Reichskanzlers wegen Schnell- 

fahrens verhaftet" 
in fünf Worten ganz beiläufig erwähnt. Das Haupt- 
interesse des Lesers sollte auf das Faktum konzentriert 
werden, daß der erwähnte Funktionär verhaftet wurde, 
als er seinen Herrn nach dem Schloß führte, wo der Kaiser 
auf Rapport über den Ausfall der Wahlen wartete! 

Am selben Tag, an dem spaltenlange Berichte über das 
Auftreten eines Synagogensängers sich in den Hearst- 
Blättern breit machen, verschweigen diese selben Blätter 
die Mordtaten der ,,Schtarkes", der jüdischen Camorra, 
die die Ostseite im Atem halten. In derselben Nummer, 
in der Hearst den triumphalen Einzug des irländischen 
Kardinals Farley in Newyork schildern läßt, sucht man 
vergeblich nach einer kleinen Bemerkung über die Ge- 
fahr des hereindringenden Katholizismus für die demo- 
kratischen Grundprinzipien Amerikas, mit deren Ver- 
herrlichung die Hearstblätter den Mund sonst gewaltig 
voll zu nehmen pflegen. 

Wenn man diesem oder jenem großen Tagesblatt 
Amerikas den Vorwurf machen kann, daß es im Dienste 
der großen investierten Interessen, der Trusts, Eisen- 
bahnen, arbeitet, so kann man den Hearst-Blättern nach- 

408 



sagen, daß sie von dem maßlosen Ehrgeiz ihres Besitzers 
bestochen sind. Ihre Taktik ist es, dem Itahener, Iren, 
Juden als wichtigen Faktoren der amerikanischen Poli- 
tik zu schmeicheln, um ihrem Besitzer zu der sehnlich 
erhofften Standeserhöhung innerhalb der gegebenen 
Stufenleiter der Republik zu verhelfen. Dieser breit- 
schulterige Amerikaner, mit dem außerordentlichen, von 
fanatischem Ehrgeiz versteinerten Imperatorenkopf hat 
es jedenfalls erreicht, einer der meistgenannten. Windest 
gehaßten Männer Amerikas zu sein. Es ist einerlei, ob 
seine ephemeren Ambitionen nach dem Weißen Haus 
je in Erfüllung gehen werden oder nicht, für den Europäer 
ist dieser amerikanische Zeitungsimperator jedenfalls eine 
der interessantesten Erscheinungen von geradezu mo- 
numentaler Unerquicklichkeit. Die Trusts haben an ihm 
keinen Freund, aber der H e a r s t - Trust führt hier an 
einem typischen Beispiel die ganze moderne Zivilisation, 
die es erlaubt, daß der Ehrgeiz eines einzelnen Mannes 
in einem demokratischen Staatenverband täglich sechst- 
halb Millionen Menschen in die Ohren geblasen werde, 
wieder einmal glänzend ad absurdum! — 

Im Dienste Hearsts steht der genialste Journalist, den 
das heutige Amerika besitzt, Arthur Brisbane. Er macht 
aus seiner Not seine hervorragendste Tugend, indem er 
stolz auf seinen Titel, ein gelber Journalist zu sein, 
pocht. Dieser Titel ist alles, nur kein Geusenruf. 

„Gelb" nennt man in Amerika die Sensationspresse, die 
Sensation um der Sensation willen macht und ausposaunt 
und sie nicht als Werkzeug zur Unterstreichung einer 
Gesinnung benutzt. Empört eine riesige, offenkundige 
Ungerechtigkeit das Volksgewissen, so sondiert der Gelbe 
erst vorsichtig das Feld nach beiden Seiten, und bauscht, 
wenn er erst herausgebracht hat, auf welcher er mit bes- 
serem Profit stehen kann, die entgegengesetzte gehörig 
auf. (Ein keineswegs typisch amerikanischer Vorgang, 
allein die europäischen Gelben sind in dieser Kunst 
Waisenknaben gegen die Amerikaner zu nennen.) 

409 



Sympathisch berührt einen beim Zusehen, daß man 
bald merkt, im großen ganzen ist in Amerika immer 
noch die Freiheit populärer als das Niedertrampeln des 
Nächsten. In der amerikanischen Biblia Pauperum sehe 
ich sodann doch noch lieber mir das Bild des Astorschen 
Sommerbungalows und Roosevelts aufgesperrten Riesen- 
rachen an als die ewigen, unerträglichen Uniformen- 
bilder von Potentaten in den europäischen Blättern. 

Wenn Amerika sentimental nach gekrönten Häuptern 
Europas hinüberschielt, erhält es seinen rügenden Klaps 
am wirkungsvollsten von Brisbane appliziert, worauf sich 
der verdrehte Hals mit hörbarem Knarren wieder in 
seine normale republikanische Lage zurückdreht. Un- 
vergeßlich wird mir ein prachtvoller Zornschrei Brisbanes 
sein, gelegentlich des Empfangs ausgestoßen, den New- 
yorker Finanz- und politische Größen dem Herzog von 
Connaught, Onkel des englischen Königs und Statthalters 
von Kanada, bereitet haben. 

Brisbanes Leitartikel sind Meisterwerke gemeinver- 
ständlicher Zwiesprache eines äußerst kultivierten und 
wohlmeinenden Kopfes mit sechsthalb Millionen Volks 
über seine vitalsten Interessen, mit einem kleinen, für den 
Kenner und Gourmand deutlich wahrnehmbaren Bei- 
geschmack von augurenhafter Ironie gewürzt. Brisbane 
ist der Sohn eines hochbegabten sozialistischen Kämpfers 
und war wie sein Vater in seiner Jugend ein begeisterter 
Anhänger Fouriers. Hier einige Themen seiner Leit- 
artikel : 

Anweisungen an arme Massenquartiersbewohner, wie sie 
die Milch in ihren Behausungen aufbewahren sollen. — 
Was können wir anno 191 2 mit dem Schalttag anfangen. 

— Das Perlenhalsband der Milliardärin, totes, aus der 
Zirkulation gezogenes Kapital. — Kinder sollen nicht 
geängstigt werden. — Über die Existenz Gottes; Parabel 
von den Winden Kätzchen. — Rat an den itaHenischen 
Schuhflicker, die Flicken künftig inwendig anzubringen. 

— Rat an Junggesellen, zwei übriggebliebene magere 

410 



Findelkinder zu adoptieren, die im Findelhause keinen 
Liebhaber gefunden haben; Goethe wie Voltaire seien 
auch mehr tot als lebendig zur Welt gekommen. — 

Die gelbe Presse wird von jedermann gelesen in Amerika ; 
Männer wie Brisbane wirken immerhin als Antidote gegen 
das Gift, den langsam wirkenden, demoralisierenden Ein- 
fluß, der in die Seele des Amerikaners aus solchem Tropfen- 
glas träufelt. Die Methoden der amerikanischen Gelben 
aber werden von der Presse der ganzen Welt nachgeahmt 
werden. Zuerst wird man und man ahmt schon den Unfug 
der sensationellen Überschriften nach; da der Leser kaum 
Zeit mehr hat, die Artikel zu lesen, wird die Zeitung dick- 
leibig, um mehr Überschriften produzieren zu können. 
Das Überhandnehmen der KHschees beweist, daß auch 
diese Überschriften kaum mehr gelesen werden. Das 
systematische Zusammenscharren von allem Skandal, 
allen Unglücksfällen der ganzen Welt zeigt den verzwei- 
felten Todeskampf der Presse in ihrer heutigen Form an. 
Die amerikanische hat, wie erwähnt, ihren politischen 
Einfluß längst schon an die Periodicals, die Zeitschriften, 
abgegeben. Das Inserat bleibt der Sieger. Wenn die 
Klischees und die Überschriften nicht mehr genügende 
Lockspeise für das lesende Publikum bilden werden, um 
es zu den Inseraten herbeizulocken, dann kommt die 
Krise, dann muß ein Genie eine neue Form für die Zei- 
tung erfinden. 

Die gelbe Presse ist gar keine vereinzelte Erscheinung 
im Chorus der amerikanischen Dinge, sondern eines von 
den hier herüben so deutlich wahrnehmbaren Entwick- 
lungsprodukten. Sie zeugt ebenfalls vom Tempo Ame- 
rikas, dem Europa, mit einigen großen Tagesblättern 
in Paris, London und Berlin, bereits nachhumpelt. 

Einstweilen kann man sich in Europa kaum eine Vor- 
stellung davon machen, auf was für einem Tiefstand das 
Gewerbe des amerikanischen Nachrichtenbeschaffers an- 
gelangt ist. Auf der letzten Seite der Hearst-Blätter 
predigt Brisbane, mit ihm zwei andere ,,Reverends", 

411 



ein männlicher und ein weiblicher. Zwischen dem 
Annoncenteil und dieser letzten Seite aber findet eine 
Katzbalgerei von Photographen, Gesellschaftschnüfflern, 
Karikaturisten und gelegentlichen Mitarbeitern, wie da 
sind: Kokotten, Tanzlehrer, Fußballgrößen und Hotel- 
köche, statt. — 

Das amerikanische Theater, daß Gott erbarm! 
Sie haben das Schlagwort vom „tired businessman", 
vom erschöpften Jobber, gefunden. Das Theater Amerikas 
soll also auf die geistige Spannkraft und Aufnahmefähig- 
keit des Kaufmanns zugestutzt werden^ der nach 8 — lo 
stündiger angestrengter Arbeit das Schlafengehen gnädigst 
um einige Stunden hinausschiebt und auf solche Weise 
Mäzen und Protektor der dramatischen Kunst wird. 

Das amerikanische Drama von heute hat wahrscheinlich 
die Devise mitbekommen: nur keine Aufregung, nur nichts, 
was die Ruhe stört ; business und Politik am Tage, Politik 
und business am Abend, hinter der fehlenden vierten 
Wand. Tatsächlich habe ich in all diesen Monaten, in 
sechs, sieben Varianten immer und ewig das gleiche Stück 
auf dem Theater gesehen. 

Die kreuzbrave und ehrbare business-woman, einmal 
als Warenhausverkäuferin, einmal als Hoteltelephonistin, 
als Bahnhofskassiererin verkleidet, die einer Gesellschaft 
von korrupten Spekulanten oder Politikern die Stirne 
bietet und dafür von dem einzigen Idealisten der Rotte 
ehrbar geehelicht wird. — 

Wie wenig es das Publikum Amerikas (vielleicht nur 
in dieser Saison 1911/12?) zu lieben scheint, durch 
komplizierte Charakterführung beunruhigt zu werden, 
das sah ich ganz deutlich aus der Bearbeitung von Her- 
mann Bahrs geistreichem Lustspiel: „Das Konzert", das 
ja dem Europäer keine gewaltigen Rätsel aufgibt, für 
Amerika aber eine noch immer zu harte Nuß zu sein 
scheint. Im „Konzert" ergibt sich, wie erinnerlich, der 
amüsante Konflikt daraus, daß der Künstler des Stückes 



412 



in seinen ärgsten Eskapaden noch Bourgeois bleibt, der 
Bourgeois des Stückes aber mit einer ganz unbürgerlich 
originellen Weltanschauung herumläuft; was der erstere 
scheinen muß, ist der andere wirklich, und die gütige 
und kluge Frau, die sich Torheit und Weisheit zu nutze 
macht, führt alles zum besten Ende. In der amerikani- 
schen Bearbeitung ist der Konflikt umgedreht. Der 
Künstler ist so, wie sich der Amerikaner den Künstler 
eben vorstellt, ein kapriziöses Kind, und der andere, der 
bürgerliche Sonderling, ein pathetischer Mann des com- 
mon sense. Das Aufeinanderklappen dieser beiden, zwi- 
schen denen die ein wenig larmoyant gewordene Frau 
steht, hat dem Publikum Amerikas doch noch Reiz ge- 
nug geboten, so daß zwei — drei Truppen mit dem 
erfolgreichen Stück seit Jahren durch den ganzen Kon- 
tinent reisen. 

Rührselige Provinzsentimentalitäten, frugale Farm- und 
Wildwestmelodramen, in denen die primitive Seele, wie 
sich's gebührt, über den smarten Städter triumphiert — 
und daneben die Stücke David Belascos, des Dichter- 
Direktors, der auf alle Fälle der gerissenste Theatralikus 
des heutigen Tages ist und als solcher es sich wohl er- 
lauben darf, sein Publikum mit ausgefallenen Problemen 
vor den Kopf zu stoßen. Er hat, als Schüler und Bewun- 
derer Reinhardts, dessen Methoden, geschickt vergröbert 
oder gesteigert, dem Bedürfnis des amerikanischen 
Theaterpublikums, das er durchschaut und lenkt, treff- 
lich angepaßt. 

Vor der Einführung der französischen Zote steht, als 
Großsiegelbewahrer der nationalen Heuchelei, der „ameri- 
kanische Senator Berenger", Mr. Anthony Comstock; 
seinem wachsamen Auge entgeht auch in der heirnischen 
Produktion nichts, was auch nur im entferntesten als 
ein Versuch zur Darstellung des Kampfes der Geschlechter 
aufgefaßt werden könnte. 

. Durch die großen Theatertrusts, wie die der Froh- 
mans, Klaw, Shuberts — die letzteren haben allein 



413 



i6o Theater in den Staaten gepachtet, in denen ihre 
Wandertruppen gastieren — ist eine Kontrolle des 
Geschmackes des ganzen Theaterpublikums von Ame- 
rika ausgeübt. Dieser systematischen Seelenverhunzung 
probieren kleine, dem ,,CEuvre" und der „freien 
Bühne" nachgebildete dramatische Gesellschaften zu 
steuern, so z. B. die Chicagoer dramatische Vereinigung, 
mit geringem Erfolg selbstverständlich. Es gibt aber, 
durch diese Vereinigungen ermutigt, junge Dramatiker, 
die sich an Experimente wagen, so z. B. der auch in 
Deutschland bekannte Ch. R. Kennedy, und unter 
anderen Upton Sinclair in seinen „Plays of Protest", 
Tendenzstücken sozialistischer Gesinnung. — Man ver- 
suchte und unternimmt immer w^ieder aufs neue Ver- 
suche, Werke von fremdländischen, d. h. nicht-englischen 
Dichtern, so von Ibsen, Maeterlinck, Wedekind und 
Strindberg den Americanos vorzuführen; alle diese Ver- 
suche scheitern indes an dem total degradierten Getrieb, 
das, ärger wie anderswo noch, wie ein Pegel deutlich zeigt 
— auf welcher Stufe des Verfalls die heutige Gesellschaft 
angelangt ist. 

In den Theatern Belascos begegnet man noch gut und 
reif ausgeglichenen Schauspielerensembles, an deren Vor- 
führungen man seine Freude haben kann. Hat man aber 
keine Lust, sich eine unter dem Mittelmaß stehende 
Truppe, die sich um einen erschöpften und abgehetzten 
Star gruppiert, drei Stunden lang gefallen zu lassen, so 
muß man schon nach der Ostseite, zu den jüdischen, d. h. 
im Jiddischen Jargon spielenden Theatern hinüber- 
wandern. Hier findet man eine erstaunliche Aufhäufung 
von Komödiantentalent, Rohmaterial, das ebensowenig 
von dem am Broadway üblichen fünfhundertmaligen 
Herunterspielen desselben Schmarrens verdorben, wie aller- 
dings von der kundigen Hand des Regisseurs zur letzten 
Reife gebildet ist. In den Theatern des Jakob Adler, des 
„jüdischen Irving", und der „jüdischen Düse", Mme. 

414 



Lipzin, spielt man auch (neben Melodramenschund arger 
Sorte) Werke europäischer Autoren, vor dem dankbarsten 
Theaterpublikum, das es auf der ganzen Welt geben mag 
heutigentags. Am Broadway, in den englischen Theatern, 
sind ja die Schauspieler auch zu sieben Achteln deutsche 
und russische Juden, aber das angeborene Komödianten- 
talent dieses begabten Volks sprüht im Schmelztiegel des 
Ghettos doch noch hellere Funken, — 

In Adlers „Thaliatheater" im Ghetto sieht man im 
Vestibül die Porträtköpfe von Zola, Tolstoj, Richard 
Wagner, Alexander Herzen und des russischen Revo- 
lutionärs Gerschuny, aber welcher Galerie von Theater- 
autoren begegnet man in dem altehrwürdigen deutschen 
Theater am Irving-Place zwischen Broadway und dem 
Ghetto ? 

Vor Jahren, so hörte ich, hat Dr. Baumfeld den letzten 
lobenswerten Versuch gemacht, den Newyorker Deutschen 
die Klassiker und ein gutes modernes Repertoire von 
guten Schauspielern in guter Ausstattung vorspielen zu 
lassen. Heute aber, Winter 191 1/2 sind es die ödesten, 
verwerflichsten französischen Zoten, die dem wiehern- 
den Beifall des Deutschamerikaners in seinem Theater 
preisgegeben werden. Schlägt man die Hände über 
dem Kopf zusammen, weil man sich vergeblich fragt, 
wo das Schamgefühl der Deutschen hin ist, die sol- 
ches dulden und fördern (die Amerikaner mit ihrem 
Comstock sind noch besser dran), so hört man: die Ver- 
einsmeierei mit dem bekannten Niveau ihrer Liebhaber- 
bühnen habe das deutsche Theater ruiniert; oder: die 
jüdischen Theater haben dem deutschen den Garaus ge- 
macht (!!), oder: die zweite Generation der deutschen 
Einwanderung geht ausschließhch in englische Theater, 
und der neu hereingekommene Deutsche steht auf solch 
tiefer Stufe des Geschmackes und der Kultur, daß ihm 
das Schlechteste gerade noch gut genug ist. 

Die deutschen Bierbrauer sind die Mäzene des deut- 



415 



sehen Theaters in Amerika, das ist die richtige Antwort 
und Erklärung. Neben den großen deutschen Theatern 
in Newyork, Milwaukee, St. Louis findet sich immer auch 
ein großes deutsches Gasthaus, das dem geistigen Erzieher 
des Deutschamerikaners gehört. 

Und doch hätte, wenn irgend ein fremdsprachiges, so 
das deutsche Theater in Amerika seine Existenzberechti- 
gung. Es ist um kein importiertes Nationalgefühl, das 
hier herüben ins Amerikanische umgewandelt wird, 
schade; um das deutsche ebensowenig wie um das fran- 
zösische, russische, italienische. Aber um das Deutsch, das 
die Deutschen mit herüberbringen, ist es schade, und hier 
beginnt der Ärger über das deutsche Theater in Amerika. 

Es liegt gar keine Notwendigkeit vor, das anmutige 
Russisch-Jüdisch-Deutsch der Ostseite durch die Schau- 
spielkunst zu erhalten. Aber dem schauerlichen Penn- 
sylvania-Dütsch, dem Amerikanerdeutsch, das man hört 
und in den deutschen Zeitungen (besonders denen des 
Westens) liest, müßte das deutsche Theater entgegen- 
arbeiten. Der Deutschamerikaner weiß es und kann es vom 
Englischamerikaner bestätigt hören, daß die Staaten den 
großen Deutschamerikanern der 48 er Jahre, den Schurz, 
Beck, Willard, mindestens so viel verdanken wie den Puri- 
tanern, die hier das Reich Gottes aufgepflanzt haben — 
wenn der Deutschamerikaner sein Deutschtum aus Pietät 
seinen Kindern weitergeben will, dann soll er sich an das 
Deutsch erinnern, das diesen Begründern des heutigen 
Amerikas den Weg hierher herüber gewiesen hat; Schillers, 
Herweghs, Prutz' und Kinkels Deutsch. Durch das 
lebende Wort, von begabten Schauspielern auf ordent- 
lichen Bühnen gesprochen, könnte das Amerikanerdeutsch 
noch gesäubert und zu wirklichem Deutsch zurück- 
gewandelt werden. Was ist das für eine Sprache, die die 
amerikanischen deutschen Blätter ihren Lesern vor- 
setzen? In einem Chicagoer las ich auf der ersten Seite 
diese, der gelben Presse nachgemachte Überschrift: 

„Knallte Nebenbuhler nieder. Hatte Dreck am Stecken." 

416 



Und auf der Annoncenseite zum Schluß: 

„Hochgradige Damenmäntel, speziell gepreist so und 

so viele Dollar." 

Man kann sich denken, wie der Text zwischen dieser ersten 
Seite und der letzten aussieht, welches Deutsch Schreiber 
und Leser solcher Blätter sprechen. (In den „Breitmann- 
Ballads" von Ch. G. Leland hat dies Amerikanischdeutsch 
sein schauerlichschönes Meisterwerk gefunden.) 

Einige Zeitungen, wie die sozialistische deutsche Tages- 
presse und auch die ,, Staatszeitung'" in Newyork, haben 
ihrem Publikum den Gefallen noch nicht erwiesen, ihr 
Deutsch zu verhunzen, um es ihrem Publikum mund- 
gerechter zu machen. Aber die Kämpfe, die die deutsche 
Presse gegen den Ansturm der englischen zu bestehen 
hat, sehen sich verzweifelt genug an. Es fragt sich sehr, 
welche Taktik besseren Erfolg verheißt: dem rapid sin- 
kenden Geschmack des Publikums nachsteigen oder einen 
Standard fest und hoch halten — durch Reinheit der 
Sprache (wie der Gesinnung), an der die Besten in der 
Neuen Welt und der alten Heimat mitarbeiten sollten. — 

Eine amerikanische Musik gibt es nicht. Die alten 
Weisen stammen, soweit es keine englischen Psalmen 
sind, aus Afrika, sind Eigentum der Neger (so wie die 
,, ungarische Musik" Eigentum der ebenfalls aus Afrika 
stammenden Zigeuner ist), und was gegenwärtig das 
Ohr des Americanos entzückt, das „zerfetzte Tempo", 
rag-time, eine Nachahmung der Negertanzrhythmen, ist 
von findigen russischen Juden fabriziert, allerdings mit- 
unter mit fabelhafter Geschicklichkeit und musikalischem 
Können. 

Die Popularität solch eines rag-time-Gassenhauers 
spottet nach europäischem Maßstabe jeder Beschreibung. 
Einen Monat lang wird er zwischen Atlantik und Pazifik 
einfach von jedem Menschen gepfiffen, gesungen, auf der 
Straße, in den Kasernen, in den Klubs nach dem Essen, 
jedes Grammophon spielt ihn, man wacht und schläft 

27 417 



in seinem apart synkopierten Rhythmus, sein Komponist 
kann sich eine Privatyacht kaufen und einen eigenen 
Hafen anlegen dazu. 

Ragtime ist der Rhythmus des angestrengten Mannes, 
dem sieben Dinge, die er zugleich erledigen muß, gleich- 
zeitig durch den Kopf gehen. Der clogdance, Stampf- 
tanz, hat diesen Rhythmus akzentuiert, es ist der Rhyth- 
mus des ungeduldigen, unregelmäßigen, irritierten ameri- 
kanischen Lebenspulses. 

Ich habe mich, als ich dieses nationale Geräusch hier 
herüben eine Zeitlang mitangehört hatte, lebhaft an die 
Zigeunermusik erinnert gefühlt; als einmal ein Orchester 
in San Franzisko die II. Rhapsodie von Liszt (in einem 
outrierten Tempo) in der Hotelhalle spielte, da wußte 
ich: Liszt ist der Klassiker des Ragtime! — 

Das einzige Musikgenie Amerikas ist John Philip 
Sousa, der Komponist und Kapellmeister. Das ist ein 
nationales Genie, wenn es heut eins in der Welt gibt 
und dazu eins, das mehr kann als bloß Kontrapunkt 
setzen. 

An Kraft des Volksausdrucks nimmt er es mit welchem 
Neapolitaner von der Tavola Rotonda der Piedigrotta- 
Feste auf, dieser Teufelskerl. In seinem Militärmarsch: 
,,The Stars and Stripes for ever" hört man die Rotations- 
pressen von Hearst sausen, die Pfeifen der Pittsburger 
Stahlwerke, das Gejohl der Streikenden davor und die Ka- 
nonen von Fort Wayne, den Donner der Niagarafälle und 
den Bohrer unter den Woolworth-Caissons, das Getümmel 
des sonntägigen Coney-Island und das Gebrüll der See- 
löwen auf dem Felsen der San-Franzisko-Bay an dem 
anderen Ende! Sousa hat eine symphonische Dichtung 
geschrieben: ,,Der Rote Mann", die ein Meisterwerk 
sozusagen der Rassenpsychologie genannt werden darf. 
Er gehört ganz und gar dem heutigen Amerika an. Nur 
die Gelegenheit hat ihm gefehlt, sonst wäre er heute ein 
Rouget de Lisle und nicht ein herumziehender Kapell- 
meister. Seine Roughrider-Märsche, ,, Stars and Stripes", 

418 



„King Cotton" und ,,E1 Capitan" sind, bis nichts Stärkeres 
nachkommt, der vollendetste musikahsche Ausdruck des 
jungen draufgängerischen Amerikas. 



KOLONIALSTIL UND EDISON 

Der kluge und geistreiche Robert Herrick behauptet in 
einem seiner Bücher, die Künste rangieren im Bewußt- 
sein des heutigen Durchschnittsamerikaners irgendwo zwi- 
schen Putzmacherei und Theologie. Amerika hat noch 
weniger als Europa den Platz für den Künstler gefunden, 
den Platz, der ihm gebührt, und, ginge nicht alles um 
Geld, ihm auch angewiesen sein müßte. So ist der Künst- 
ler des modernen Amerikas, vor allem der bildende, der 
Maler, der Bildhauer, in noch erhöhtem Maße als drüben 
in Europa ein richtiger Schmarotzer und Herumlungerer 
an den Tafeln und vor den Türen der Reichen, bis er 
selber ein Reicher geworden ist, nur lungert dann eben 
die Kunst auf der Straße. 

Der amerikanische Kunstmogwab läßt sich und seine 
Familie lieber in Europa malen als in Amerika, und man 
muß es sagen, daß Frangois Flameng, de la Gandara, 
Kaulbach und leider auch Sargent es in der Konterfeiung 
von Satin, rasierten Kinnen, Diamanten und ähnlichen 
Utensilien zu bemerkenswerter Vollendung gebracht 
haben. 

Da Amerika es bei seinem Raubbau an Energien noch 
zu keinem ergiebigen Nährboden für eigene Kunst gebracht 
hat, so trifft man in den großen europäischen Kunstzentren 
überall junge erbitterte Amerikaner, die blaß vor Wut 
werden, wenn man das Wort Amerika vor ihnen aus- 
spricht. In den Ausstellungen moderner amerikanischer 
Bilder hängen darum Alibis an den Wänden und keine 
Kunstwerke. Der hat bei Julian in Paris gelernt, der ist 
bei den Dachauern in die Schule gegangen. Zur Mehr- 
zahl der heute gemalten Bilder lassen sich im Katalog 

27* 419 



in Klammern die Namen Turner, Raffaelli, Israels und 
Fantin Latour setzen, so wie man zu den Gestrigen, den 
Dannat und John W. Alexander getrost Whistler, zu 
Mary Cassatt Manet schreiben kann. Sogar die alten Mei- 
ster der amerikanischen Galerien, der Maler George und 
Martha Washingtons, Gilbert Stuart, ist ganz in Romney- 
schen Tönen befangen, John Singleton Copley offen- 
kundig ein Zeitgenosse und Nachahmer Reynolds. 

Etwas urwüchsig Farbiges, grell und breit Hinge- 
strichenes könnte man als amerikanische Note in der 
Malerei ansprechen und dann wäre Winslow Homer der 
Maler Amerikas. Seine Bilder, die einem schier unaus- 
löschlich im Gedächtnis haften, wie der Neger auf dem 
Wrack und der Pilot vor der Schiffsglocke, erweisen sich 
wohl bei näherem Zusehen als bunte Illustrationen. 
Der größte lebende Illustrator (nicht nur Amerikas !), der 
außerordentliche Maxfield Parrish, setzt diese Tradition 
im Buch und in der Zeitschrift fort, findet aber in großen 
Fresken, wie der andre große Illustrator Edwin Abbey, 
wieder den Weg ins Bildhaftdekorative glücklich zurück. 
Unter den Jungen sind mir Robert Henri, ein impressio- 
nistischer Menschenschilderer, und zwei starke und 
virtuose Koloristen, Frieseke und W. Cameron, auf- 
gefallen. — 

Über den großen öffentlichen und privaten Kunstsamm- 
lungen Amerikas aber schwebt der Geist Wilhelm Bodes 
und Wilhelm Valentiners. Die Kunsthalle in Chicago 
zeigt wohl noch in ihrer wilden Unausgeglichenheit 
etwas von der urwüchsigen Ratlosigkeit des amerika- 
nischen Geschmacks, der heute für Villegas schwärmt 
und sich morgen den schiefsten Greco, den es gibt, 
aufschwatzen läßt. Im Metropolitan-Museum in New- 
york aber waltet schon europäische Übersicht und 
erzieherische Organisationskunst, der weder die edel- 
steinfrohe Sammelwut von Morgan mehr viel anhaben 
kann, noch die schon früher erwähnte sympathische 
sentimentale Naivität des in Europa herumreisenden 

420 




Haus im Kolonialstil 

Americanos, der dem ersten Kunstinstitut seines Vater- 
landes Luzerner Löwen und bemalte thüringische Pfei- 
fenköpfe hinterläßt. 

Jetzt hab ich mich auch an das Stadtbild schon einiger- 
maßen gewöhnt. Madison Square ist, mit dem gelben 
Schneehimmel hinter den schneeweißen Bäumen vor den 
elfenbeinfarbigen Riesenhäusern, fast schön zu nennen, 
und die downtown tut meinen Augen auch nicht mehr so 
weh wie vor fünf Monaten, als ich mit dem „Kaiser 
Wilhelm der Große" direkt aus Europa auf sie losfuhr. 
Aber das Schönste, was ich in Amerika von Architektur 
sah, habe ich in der Chestnut-Street des alten Städtchens 
Salem, Massachusetts, gefunden. Hier sind einige trau- 
liche Häuschen im Kolonialstil erhalten. Dieser Stil 
stellt eine anmutige Mischung von Queen Ann und Grie- 
chenland vor. Breite dunkelrote Menschenheime aus 
angestrichenen Ziegeln, mit weiten Fenstern und flachen 
Dächern, vor der Schwelle ein kleiner halbkreisförmiger 
Portikus aus weiß angestrichenen schlanken korinthischen 
Holzsäulen — das Ganze zeigt die richtige puritanische 
Ehrfurcht vor dem FamiUenleben auf, die seine Erbauer 

421 




beseelt hat. Nirgends kommt 
einem der Geist der Pilger- 
väter, der Mayfloweridea- 
li«ten so voll zum Be- 
wußtsein wie hier, vor 
diesen streng, religiös, warm 
und sicher hingebauten 
Häusern mit ihrem wunder- 
schönen Doppelklang Dun- 
kelrot und Weiß: Herd- 
feuer und Priestergewand. 
Gastfreundlich tut sich die 
Pforte auf, und eine weite 
Diele empfängt den Be- 
sucher. Im tiefen Kamin 
liegen schwere Scheite, 
hochlehnige, dünnbeinige 
Stühle stehen vereinzelt 
auf dem spiegelnden Fuß- 
boden, in dem Reflexe 
von Kupfer und Messing- 
gerät schimmern. Dieser Stil ist, seit die reichen Snobs 
des Landes in Europa herumlaufen, so gut wie verschwun- 
den aus dem Stadtbild. So wie sie wahllos alles zusammen- 
kaufen, was ihnen grad angepriesen wird, so bauen sie 
sich auch ihre steinernen Wohnkasten zu einem Sammel- 
surium von romanischer, gotischer Stilart, Früh- und 
noch lieber Spätrenaissance, Barock, Art nouveau und 
Neumünchnerisch aus. Auf den „looo Inseln" im St.- 
Lawrence-Strom kann man Chateaux aus derTouraine, zehn- 
mal kleiner natürlich, als diese Stilart es verträgt, Tiroler 
Schlösser, unter die doch Felsenkegel gehörten, und allerhand 
imitiertes Versailles sehen. In der fünften Avenue von New- 
york und den großen Protzenstraßen von Chicago, San Fran- 
zisko, Seattle haben sich alle Überladenheiten zusammen- 
gefunden, nur das alte Boston und die relative nue Stadt 
Denver zeigen Stil und Geschmack in ihren guten Vierteln. 



Chestnut- Street No. 23, Salem 
Massachusets 



422 




Das Kapital, Washington D. C. 

In Boston und verstreut an manchen Orten, Albany 
z. B., sieht man Anklänge an den Kolonialstil, und dann 
hat man das in Amerika so seltene und kostbare Gefühl, 
Tradition begegnet zu sein. Die griechischen Elemente 
aber haben sich in die offiziellen Bauten verzogen. Nach 
Washington und in die Regierungsstädte der Staaten, wo 
sie sich in der Form ungeheurer, schwerer Parthenons, Pan- 
theons und Poseidonstempeln über den Gummi kauenden 
und spuckenden Funktionären erheben. 

Allerorten ist in diesen Gebäuden eine unerhörte Ver- 
schwendung von kostbarem Material zu sehen: Biblio- 
theken, Regierungspaläste und Bankgebäude strotzen von 
Marmor und Bronze. Baudenkmäler aber von wirklicher 
Vollendung sind außer in Washington spärlich anzutreffen. 
Eines ist die große öffentliche Bibliothek in Newyork, 
ein andres die wunderschöne Bostoner Bibliothek, von 
der Hand Puvis de Chavannes, Sargents und Edwin 
Abbeys mit Meisterfresken ausgemalt, ein drittes das 
wirklich einzig in der Welt dastehende Stationsgebäude 
der Pennsylvaniabahn in Newyork, ein Wunderwerk an 
Zweckmäßigkeit und das repräsentative Baudenkmal des 
zwanzigsten Jahrhunderts. — 



423 



Wie aber ist es mit den Heimstätten der großen Menge, 
des „Überflusses", bestellt? Da sind die zehn- und 
mehrstöckigen Appartementhäuser, abscheuliche Siebe mit 
engem winkeligen, luftlosen und niedrigen Zimmer- 
gewimmel innen und — besonders in den ärmeren Vierteln 
— dem grauenhaften Zickzack der eisernen Feuer- 
leitern von Stockwerk zu Stockwerk hinab an der Außen- 
front. Da sind die endlosen Straßen mit ihren Holz- 
buden — „framehouses", aus billigem Material hergestellt, 
deren Anstrich aber ein Heidengeld verschlingt, gut heiz- 
bare Häuser, die aber in 5 Minuten bis auf den Keller 
niedergebrannt sind, wenn ein Funken aus dem Ofen auf 
den Teppich hinüberspringt. Brennt erst eines von 
diesen Häusern, so ist bei wehendem Wind bald die ganze 
Straße weg. In kleinen Städten mit mangelhafter Feuer- 
wehreinrichtung begegnet man oft und oft solchen ver- 
kohlten Straßen, Zeichen schaurigster Verwüstung. 

Doch passen diese leichten, luftigen Wohnhäuser eben- 
so zum Charakter des Amerikaners, wie die grauenhaften, 
von den knapp an den Fenstern des ersten Stockes vorbei- 
laufenden Hochbahnen entstellten Geschäftsstraßen, in 
denen er acht bis zehn Stunden des Tages angestrengt 
arbeitet. Im englischen Toronto drüben bin ich mir des 
Kontrastes, wie erinnerlich, am sichersten bewußt ge- 
worden. Niemand denkt daran, die Chance dem fried- 
hchen Behagen zu opfern. Niemand denkt daran, sich im 
Heute allzu sicher einzurichten. Das Haus ist nichts 
weiter als ein leichtes Gepäckstück im Wandertornister des 
Amerikaners von heute, der auf keine einzige Möghch- 
keit verzichten will, die ihm sein großer Kontinent in 
Fülle bietet. Der Umwandlung der ökonomischen Formen 
der heutigen Weltordnung wird Seßhaftigkeit und Treue 
zum Heim kein Hindernis in den Weg stellen. — 



I 



mmerhin möchte man auch im luftigsten Provisorium 

nicht gern verbrennen. 

Drüben in East-Orange, New Jersey, zeigt mxir der alte 

424 




Newyorker Station der Pennsylvaniabahn 



425 



Hexenmeister, der phänomenalste Mensch der heutigen 
Welt, Thomas Aiwa Edison, das zierliche Modell eines 
Einfamilienhauses, aus Edison-Beton gegossen; es steht 
da auf einem Postament in seiner schönen weiten Biblio- 
thekshalle. A4it den hellen, w^underbar lachenden Augen 
des Genies erklärt mir der große Alte die Vorzüge der 
Bauweise, die aber vielleicht auch die schwersten Nach- 
teile für den Bewohner vorstellen. Klipp klapp ist so ein 
Haus gegossen. In zw^ei Tagen kann es fix und fertig 
dastehen, und kosten tut es einen Pappenstiel. Mit 
dem Sand, den man aus dem Keller auf dem zukünftigen 
Standort des Hauses herausscharrt, vermengt man an Ort 
und Stelle eine geringe Quantität von Zement aus den 
Edison-New-Village-Gruben, gießt die Masse über den 
Eisenrost, und mit Dynamit wird fortan nichts mehr 
wegzusprengen sein aus den so gegossenen Platten , die 
jetzt nur noch aufgerichtet und zusammengesetzt werden 
müssen. 

Edison zeigt mir auch das erste aus Zement gegossene 
Möbelstück, das aus seinem Gehirn in die Fabrik da hinter 
der Bibliothek gegangen ist und nun als Llrahne sämt- 
licher Zementmöbel der Zukunft auf dem Teppich vor 
uns steht. Es ist ein Phonographen-Schränkchen mit 
dünnen Wänden, Leisten, Schubfächern, alles aus Zement. 
Es ist grau mit gegossenen goldbemalten Rokokoorna- 
menten — heiliger van de Velde! — Die Transportprobe 
hat es nicht gut bestanden. Man hat es in einer Kiste 
nach Chicago und zurück befördert und die obere Zement- 
leiste über dem Schubfach hängt schlapp und in winzige 
Stückchen zersprungen über dem Drahtrost in seinem 
Inneren. 

Hinten in der Fabrik zeigt mir der Assistent ein ge- 
gossenes Rokokofauteuil aus Beton, hellblau mit goldenen 
Ornamenten angestrichen. Die Gußform eines Boule- 
Möbels. Zeichnungen zu einem Tisch, einem Bettgestell. 
Drüben in den geheimen Laboratorien experimentieren 
die Chemiker der Edison-Werke an der neuen Lack- 

426 




Edisons Modell 



streckt ein Mitreisender 



tünche, an neuen Mo- 
dellen. . . . Ein Fauteuil 
wird, wenn erst die Massen- 
herstellung begonnen haben 
wird, ganze drei Mark 
kosten, eine komplette Zim- 
mereinrichtung wird man 
schon für vierzig Mark er- 
stehen können. . . . 

Bei der Rückfahrt nach 
der Wolkenkratzermetropole 
die Hand zum Fenster des Zuges hinaus; dort wächst 
ein kleiner Ort grau aus dem grauen Schneeboden der 
Ebene hervor. Es ist eine Ansiedlung von Arbeitern 
aus der nächsten Stadt. Die Häuser sind gegossen, 
Edison-Beton, grau, grau. Es wird dunkel; in der 
Ferne schießt ein glitzernder Zug über eine Brücke 
aus Beton dahin. Ich sehe es noch, das helle Genieauge 
des Alten, des Turmhohen über dem Gewimmel unserer 
übervölkerten Zeit. Er hat mir ein Heftchen mitgegeben, 
in dem Zahlen stehen, Zahlen, Berichte und Versprechen. 
Und am Schluß der Satz: die Zeit sei nicht mehr fern, 
in der auch der Ärmste unter uns sein eigenes Haus 
besitzen wird, ein Haus, das die Jahrhunderte überdauern 
und dabei ein ebenso sicheres Tauschobjekt bleiben wird, 
wie es heute eine Schuldverschreibung der Vereinigten 
Staaten von Nord-Amerika ist. . . . 



I.MÄRZ 1912, AUF DEM„GEORGEWASHINGTON" 

Mit sechsundneunzig Meilen Stärke zieht ein Orkan, 
von Amerika kommend, über unser Schiff hinweg. 
Tobend schlägt er gegen die Schlote, die Masten biegen 
sich, die Wände ächzen, oben singen Taue und Takelage 
wie Harfen. Er kommt von den unermeßlichen Ebenen 
des neuen Weltteils her. Das Meer vermag seiner Eile 



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Von Arthur Holitscher ist im gleichen Verlag erschienen: 

WEISSE LIEBE. Roman. 

AN DIE SCHÖNHEIT. Trauerspiel. 

VON DER WOLLUST UND DEM TODE. 

DER VERGIFTETE BRUNNEN. Roman. 

DAS SENTIMENTALE ABENTEUER. Novelle. 

DER GOLEM. Ghettolegende. 

WORAUF WARTEST DU? Roman. 



Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig 



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AUG 2 7 1938 








AUG 18 1943 




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